bookDer
Elendsweg der Düsseldorfer Juden
Es gibt jede Menge
Bücher, die über die Zeit des
Nationalsozialismus in Düsseldorf informieren. Allerdings fehlte
bisher der
Versuch eines Gesamt-überblickes über die
Vertreibung der Juden aus der
Gesellschaft und ihre Deportation. Dieses Buch versucht eine
Gesamtdarstellung
des Grauens.
Obwohl durch die
Nazis massenweise Dokumente vernichtet
wurden und viele weitere durch Bombardierungen zerstört wurden,
existieren
unzählige Dokumente aus dieser Zeit. Insbeson-dere der
Sachbestand im
Stadtarchiv Düsseldorf, die Aktenbestände im
Hauptstaatsarchiv und die fast
70.000 Gestapoakten und Prozessunterlagen in der Außenstelle
Kalkum
dokumen-tieren die Zeit. Der Autor Herbert Schmidt benutzte diese
vielfach
wenig beachteten Bestände und legt ein eindringliches Werk vor.
Um sich in den vielen
Einzelfällen in der Darstellung nicht
zu verlieren, beginnt das Buch mit einer akribischen chronologischen
Auflistung
aller Verordnungen, Erlasse und Gesetze, die sich insbesondere (aber
nicht nur)
auf Juden und Jüdinnen beziehen. Schmidt ergänzt diese durch
Beispiele aus
Düsseldorfer Akten, die zeigen was die Erlasse etc. für den
Einzelnen für
Auswirkungen hatten und wie sie das Leben für die Betroffenen
veränderten. Für
jeden sichtbar wurden die Juden aus der Gesellschaft gedrängt. Die
Maßnahmen
geschahen in aller Offen-heit. Man denke nur an die Übernach-tung
der Juden im
Düsseldorfer Schlachthof und dem darauffolgenden Marsch durch die
Derendorfer
Straßen zu den Deportationszügen. Alles war rechtlich
abgedeckt, was sich die
Täter in der Nachkriegszeit in ihrer Verteidi-gung zu Nutze
machten. Besonders
konzentriert sich Schmidt auf die beiden Beamten des so genannten
„Judenreferates“, Georg Pütz und Hermann Waldbillig.
Vor allem Pütz machte
regelrecht Jagd auf alles Jüdische. Dabei ging er oftmals weit
über das
Erlaubte hinaus, nahm Personen fest und ließ sie deportieren, die
noch
rechtlich geschützt waren. Er und sein Handlanger Waldbillig waren
wegen ihrer
Brutalität und ihres Fanatismus gefürchtet. Hilfreich auf der
Suche nach
untergetauchten oder christlich getauften Juden (über die oftmals
Unterlagen
fehlten) waren wie überall in Nazideutschland die Bürger.
Auch die
Gestapostelle Düsseldorf wurde von Denunziationen der
Ein-wohnerInnen
überhäuft.
In seiner
Beschreibung bleibt Schmidt glücklicherweise aber
nicht 1945 stehen. Fast komplett druckt er die Einlassungen von
Pütz aus seinem
Prozess ab, sowie das komplette Urteil. So kann man nachlesen mit welch
seltsamer Logik da Recht ge-sprochen wurde. Es ist sehr
aufschluss-reich. Er
wird 1949 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt und im Juni 1952 auf
Bewährung
entlassen. Das neue Deutschland wollte einen Schlußstrich ziehen
und fasste
ehemalige Täter mit Samthandschuhen an, während
über-lebende Opfer um ihre
Ansprüche kämpfen mussten. Desweiteren schil-dert Schmidt
Einzelschicksale und
macht so das Abstrakte sehr konkret. Abschließend führt er
die Deporta-tionen
aus Düsseldorf an und Kurzbio-graphien der damit befassten
Gestapo-angehörigen.
Es ist ein Buch,
das einerseits die ganze Tragik anhand von
Düsseldorf aufzeigt, andererseits unendlich wütend macht. Dem
konnte sich auch
Herbert Schmidt häufig nicht entziehen, indem er drastische
Kommentare zu dem
Ge-schehen abgibt. Aber das ist sehr verständlich, denn bei diesem
Buch kann
man nicht ruhig bleiben.
Der
Elendsweg der Düsseldorfer Juden
Herbert
Schmidt
Droste
Verlag
336
Seiten für 24.95 Euro
bookEin
Funken Hoffnung
Wenn heutzutage
ein Buch von einem Linken in einem linken
Verlag zum Themenfeld Antisemitismus und Nahost erscheint, fällt
bei vielen
Leder/inne/n zumeist die Klappe. Hierzu wurde in letzter Zeit zuviel
ideologisierter Unsinn veröffentlicht, als dass noch
vorurteilsfrei ein Buch
mit einem solchen Titel in die Hand genommen werden kann. Mittlerweile
hat dies
bei vielen politisch interessierten Leser/innen dazu geführt,
solche Bücher
erst einmal wieder beiseite zu legen, um sich nicht das soundsovielte
verstrahlte Pamphlet antun zu müssen. Die Aufsatzsammlung von
Mario Kessler,
Mitarbeiter am Potsdamer Zentrum für Zeitgeschichtliche Forschung,
zeigen, dass
ein solches Vorurteil nicht immer zutrifft. Kessler zeigt, dass es
kritische
Auseinandersetzung mit Zionismus und Antisemitismus, mit Stalinismus
und mit
dem Nahostkonflikt geben kann, die sich jenseits ideologisierter
Gut-Böse-Grabenkämpfe linker Zirkel und Sekten bewegen.
Analysieren statt zu
polemisieren, verstehen anstatt zu verurteilen, sich kritisch der
linken
Geschichte zu nähern – das ist hier die Devise. Die
Aufsatzsammlung hat vier
Themenkomplexe: Den Antisemitismus, die (linke) Nahostpolitik, den
Stalinismus,
die DDR und Biographien linker Querdenker. Mit viel Sachkenntnis wie
auch
Feingefühl nähert sichder Autor, der selbst in
trotzkistischen Zirkeln
politisch sozialisiert wurde, seinen Themen. Besonders seine
Schilderungen der
Lebenswege linker Aussenseiter und Feingeister wie auch mit den
DDR-Historikern
zeigen neue Sichtweisen auf und regen zur Weiterbeschäftigung an
wie auch “zu
einem Funken Hoffnung auch in Zeiten, in denen die gerade aktuellen
Sieger ihre
Weltsicht als das jeweilige Ende der Geschichte ausrufen.”
Al
C.
Mario
Keßler: Ein Funken Hoffnung. Verwicklungen:
Antisemitismus, Nahost, Stalinismus
VSA-Verlag
2004, 206 S., 16,50 Euro
www.terz.org - 24.10.2005