filmEin
Unterschichtsbildungsroman
Den
Dardenne-Brüdern fiel beim Drehen ihres letzten Filmes
eine den ganzen Tag lang mit dem Kinderwagen umherstreifende junge
Mutter auf.
In “Das Kind” malten sie sich dann ihr Leben und das des
abwesenden Vaters aus.
Auf einer wahren Begebenheit beruht das Werk der Dardennes also nicht,
und ob
ihr Personal repräsentativ ist, hat sie ebenfalls nicht geschert -
dokumentaristische Milieustudien gehen anders. An das Soziale als ein
bestimmtes gesellschaftliches Verhältnis scheinen die belgischen
Brüder gar
nicht mehr zu glauben. Das “Oben” hat sich dem Blickfeld
entzogen, und das
“Unten” stellt nur noch einen Schauplatz für
Überlebenskämpfe dar.
Diese finden
vorzugsweise am Rand der Städte statt, in einem
Niemandsland zwischen Natur und Zivilisation. Bruno hat sich in der
Nähe eines
Flusses einen Verschlag eingerichtet, wo er sein Diebesgut deponiert
und
übernachtet, wenn er es mal nicht in die Notunterkunft schafft.
Der 20-Jährige
ist gerade Vater geworden, Vatergefühle hat er jedoch keine. Einer
plötzlichen
Eingebung folgend, entschließt er sich eines Tages kurzerhand,
das Baby einfach
zu verkaufen. “Wir machen noch eines”, beruhigt er
anschließend die völlig
konsternierte Mutter.
Solche
menschlichen Abgründe tun sich in fast allen Filmen
der Dardennes auf. Ihre Protagonisten finden sich in
Lebensumständen wieder, in
denen ihnen alles Menschliche fremd zu werden droht. Dieses Mal raffen
sich die
beiden Regisseure nach der humanitären Katastrophe zu einem
behutsamen und
viele Umwege einschlagenden Rettungsversuch auf. Ihr
Unterschichtsbildungsroman
kann dabei von der Stelle kommen, weil in dem ganzen Elend immer wieder
“Lücken, die der Teufel lässt” auftauchen. Es
gibt kurze Momente des
Innehaltens, der spielerischen Ungezwungenheit und des Nachdenkens, an
denen
sich der Film entlanghangelt. Parallel dazu lässt auch die
Handkamera eine
Lücke zwischen sich und den Figuren. Sie wirft sich nicht mehr
besinnungslos in
den Abwärtsstrudel wie noch in “Rosetta”, sondern
wahrt eine Distanz, die
Möglichkeitsräume eröffnet.
Die Dardennes
nähern sich den Mühseligen und Beladenen also
mit einem ungewöhnlichen Instrumentarium und entlocken der
gemeinhin als ausvermessen geltenden sozialen Welt neue,
freilich sehr unerfreuliche Aspekte. Im Vergleich zu ihnen geht es bei
Ken
Loach und seinen Kollegen vom Fach noch recht zivil zu.
Jan
Start:
17 November
www.terz.org - 24.10.2005