by
HONKER
MADE MY DAY
„Ende
der Sommerzeit“ steht auf dem Kalender, da lässt man
gerne mal was sacken, was vorher nur so latent präsent war. Z.b.
die
Wuppertaler Arno-Breker-Skulptur der griechischen Göttin Athene,
die, 1954 am
städtischen Dörpfeld-Gymnasium aufgestellt, bis heute die
einzige
Breker-Skulptur ist, die nach dem Krieg im öffentlichen Raum
aufgestellt wurde.
Massgeblich mitinitiiert vom damaligen Baudezernent Hetzelt, der in der
NS-Zeit
ja nur mal eben mit dem Bau von Görings Landsitz Carinhall
beauftragt worden
war. So ist sie, die deutsche Nachkriegsgeschichte, es gibt immer noch
allerhand Aufräumarbeit. Mit der hatten missmutige
Bilderstürmer 2003 schon mal
angefangen und das Ding nächtens vom Sockel gerissen, bis im
Sommer 2005 der
städtische Kulturausschuss einem Beschluss der
Schulkonferenz zustimmte,
die Statue wieder zu restaurieren und aufzustellen, mit einer Tafel,
die
Distanzierung zu Breker als Nazikünstler zeigt und Athene als
“Göttin der
Wissenschaft, Weisheit und Künste” ausweist. Leute: wie
bitte was? Wie können
wir uns diese Tafel vorstellen? “Das ist ne Skulptur von Arno
Breker, der war
eigentlich’n gewissenloser Arsch und die Skulptur ist im Grunde
auch Scheisse
und historischer Sperrmüll, aber man kann sie sich ja auch anders
vorstellen.”
Was geht? Genug. Etwas Musik aus dem Hier und Jetzt. Summer’s
almost gone.
TILMAN EHRHORN:
HEADING FOR THE OPEN SPACES (Resopal) Drei
Platten mit Waldcover, die perfekt zur Jahreszeit der neblig-nassen
Waldspaziergänge
passen. Der Berliner lässt seine Jazz-Impulse schlafen und
gönnt diesen
herrlich wachträumerischen Deep-Elektronik-Schlafwandlungen
Auslauf in unserem
Unterbewusstsein, bleibt aber stets klar und kristallin.
JAN JELINEK:
KOSMISCHER PITCH (~scape) Jelinek hingegen
erstellt (live mit Pekler und Leichtmann) mit Unschärferelation
und
Transgression bewegte Schichtungen als hörbare Metapher für
soziale
Entgrenzung. Fantastische deepe Transformation von Kraut-Impulsen ins
Heute.
EZEKIEL HONIG
& MORGAN PACKARD: EARLY MORNING MIGRATION
(Microcosm) Morgans konzeptuell-klassischer Zugang und Honigs
intuitiverer
digitaler Klangschichtungsstil erzeugt unterschiedliche Stimmungen,
aber einen
ähnlich kohäsiv-kompakten Aufbruch, der auch in den beiden
Alben zuvor zu
finden ist. Die drei stimmigsten Herbstplatten des Jahres.
READYMADE FC:
BABILONIA (Peacefrog) Wie sagenhaft dieses
Projekt Jean-Philippe Verdins ist, ist nur anreissbar:
minimal-barocker
FolkJazz, elektrolytische Song-Romantizismen, die Transparenz,
Mysterium und
Selbst verständlich machen, stimmige Implantationen von Feist,
Yael Naim oder
David Sylvian - ganz grosses Spiel!
VANISHING BREED:
BETWEEN ARRIVAL AND DEPARTURE (Pingipung)
Die eindeutigen Mid-80er-Vibes diversen englischen Songwritings
lässt der
Wahl-Berliner-Brite, dessen wunderschöne glasklar-romantischen
Stücke
geradewegs und willkommen den Weg ins Gemüt finden, bald wieder in
den
Schubladen verschwinden, so eigenwillig, humorvoll und verträumt
ist er.
BOOKS ON TAPE:
DINOSAUR DINOSAUR (Alien8) ‚Noise is
political’, behauptet Todd Drootin gleich zu Beginn seines
sympathischen
Projektes, aber keine Sorge, die Augen bekommen hier vom ständigen
Zwinkern
bald Krämpfe. Sein Synthetik-Punk-Hop ist eine zeitgemässe
Minstrel-Show, der
manchmal jedoch einige Vocals gut täten. Ansonsten:
Überraschungen, Alltag,
Psychosen.
SOVACUSA:
CENTREPOINT (Expanding) Die Köpfe der Projekte
von Maps + Diagrams und Broca sind seit 20 Jahren Freunde, haben mit
Cactus
Island ein Label zusammen und nun ein Projekt: Impressionistische,
stimmungsvolle Sounds werden mit klar strukturierten Beats
verbunden und konterkariert. So
entsteht eine oft atemberaubende Soundrhythmik, deren
Intensität bewegend ist.
VESSEL: RESIST
(Expanding) Ähnlich die Musik von Gavin
Toomey, der sein Leben vor Bildschirmen lebt, ein begehrter
VisualFX-Spezialist
ist und seine Stimmungen mittels dieser unglaublich guten Tracks voller
Tiefe
und Weite auffängt. Diese Gefühle sind sehr durchdacht und
ausgereift, es
braucht keine experimentellen Mätzchen mehr. Expanding bleibt
eines der besten
britischen Elektronik-Labels und hat schon längst die
Warp-Nachfolge
angetreten.
SFT: LANA LARA
LATA (Mute) Simon Fisher Turner, einer der
interessantesten Audiokünstler dieser Tage, arbeitet eher
bescheiden und
undercover, z.b. für Derek Jarman. Hier veröffentlicht er
hier ein Audio,
dessen tonaler Impressionismus extrem angeordnet und strukturiert ist,
eine DVD
mit Fotos und Filmen von Sebastian Sharples, und eine
Musiksoftware, die
Klänge in einem rotierendem Farbring anordnen lässt. So
entsteht ein
Vexierspiel, in dessen Linien des Klangdesigns sich die Person SFT
findet, aber
nicht muss.
V.A.: A WINTER
OF CONTENT (Metalheadz) Eine alte
Drum&Bass-Regel lautet, dass die Tracks härter und dunkler
werden, je näher
der Winter rückt. Die schon zweite MH-Compi dieses Jahr
drückt auch ziemlich
aufs Gemüt, aber wie gewohnt mit Power und Klasse. Neue
Moleküle braucht das
Ohr: Equinox, Heist, OB1 & Kontrol u.a. beweisen, dass D&B nach
wie vor
ein hochenergetisches und innovatives Spiel ist, in dem sich viel
rührt.
SHY FX &
T-POWER: DIARY OF A DIGITAL SOUNDBOY (Soundboy)
Veterans Day im Radio: was diese legendäre
D&B-Partnership hier aus den
Hüten zaubert, dürfte beide – und uns inkl. – gut
über den Winter bringen:
Hits, Misses und Schweissschüttler galore. Crossoverpotenzial
bis zur Omi
garantiert.
SLUM VILLAGE:
SLUM VILLAGE (Barak) Flüssige Reime und dieser
ungehörige Soul zeichnen nach wie vor das Detroit Duo aus, das
mittlerweile im
Mittelpunkt seiner lyrischen Skills angekommen ist: “Call
Me”, “Multiply”,
“Hell Naw!”, unverschämt sexy und direkt
präsentieren sie Duo-Power pur
zwischen Soul und Booty-Duty.
SADAT X:
EXPERIENCE & EDUCATION (Female Fun) Ein
beeindruckendes Album von einem Veteranen: reifer, weiser, rougher
– Sadat,
lebenslang in Harlem und der Bronx zuhause, ist nicht nur Ex-Brand
Nubian,
Profi-MC, sondern auch Basketball Coach, Grundschullehrer und Student.
Er hat
mit allen Grössen das Mikro geteilt und vollzieht hier einen
Groove-Traum
voller Würde.
PUBLIC ENEMY:
NEW WHIRL ODOR (Slam Jamz/Nocturne) Lang
angesagt, endlich da: 13 neue Tracks bester social conscious Rap, man
wundert
sich, wie fett und fraglos das geworden ist. Die XtraDVD hat Videos,
Bilder,
Geschichte und Bio bis zum Abwinken, sehr gut ist das alles geworden.
Und der
Sound? Verdammt auf dem Punkt. Runter vom Denkmal, rein in die
Realität!
NMS: IMPERIAL
LETTERS OF PROTECTION (Big Dada) Und hier
die Erben: Bigg Juss und Orko Elohiem überzeugen in 13 Tracks mit
intelligenten
Analysen und heftigem politischem Konfrontationskurs,
speziell gegen die
USA-Politik. Ihre Soundcollagen sind vielschichtig und futuristisch,
die Raps
tight und scharf, meine Fresse, das solltet ihr hören.
SOFA SURFERS:
SOFA SURFERS (Klein) Die Wiener Band
überzeugte stets durch klare Produktion, statement durch
understatement und
Bekenntnis zur Intimität ohne Peinlichkeit. Hier brach man mit
allen Downbeat-
und Dub-Traditionen und bewegte sich sehr Richtung Rockbandkonzept, in
etwa
Fugazi ohne Brachial-Gitarre - überraschender, aber
nachvollziehbarer und
cooler Zug.
MARTELL:
PRÉSENTE SON... (Caramelle) Der Ex-M.Walking on
the Water und jetzt Swinger Club-Drummer mit einem
aussergewöhnlich
überzeugendem LoungeAlbum voller guten Ideen und Stimmungen. 20
Gäste füllen
die Lücken der Skizzen einer zweijähriger Arbeit: sehr
schönes
Cine-Sound-Panorama.
MAURACHER:
KISSING MY GRANDMA (Klein) Gut, dass Mauracher
sich einst vom Tiroler Bergbauernhof seiner Eltern nach Groovanien
aufgemacht
hat. Die dort gefundenen Spices und Gems sind hier versammelt und mit
Gästen zu
organisch-dynamischen, mitunter rocklastigen Spezialhumorgerichten
verrührt.
KRAAK&SMAAK:
BOOGIE ANGST (Jalapeno) Ob Funk-triefende
Floorhühnchen oder slowsoulige Kopfnickerchen: eine
erstaunliche Palette hat
das holländische Trio mittlerweile drauf. Aufgeweckte moderne
RareGrooves.
NILS PETTER
MOLVAER: ER (Emarcy) Ziemlich phänomenal, wie
sich NMP hier entwickelt hat: mithilfe diverser Programmierer schafft
der
Trompeter bezwingende Szenarien, die durch sphärische als auch
groovige
Elemente charakterisiert sind. Und ungewöhnliche Vocalstücke
wie “Water”
begeistern.
V.A.: JAZZ TOYS
(Perfect Toy) Das Münchener Label nach
diversen guten Rare Groove-Compis hier mit seiner Definition von
exotisch-abseitig-angeschrägtem Jazz: European Soul, Easy, Bossa,
Fusion oder
Heavy Funk, so die Parameter von Selector Marcus Hacker. Welliwell done.
V.A.: MUSIC FOR
MODERN LIVING (Audiopharm) Something for
everyone, verspricht der Untertitel, und das ist wohl wahr: im 10. Jahr
widmet
sich die 9te Ausgabe der von Mellow und Rivera stets topausgesuchten
Nuggets
auf 2 Silberlingen allein: King Soul! Welch ein Fest: alte Crusher
und neue
notorische Motoriker reichen sich die Nadel durch das Öhr. Oder so
ähnlich.
Geil.
V.A.: VERSATILE
HOT SHOTS (Versatile) Die Guten Digger von
Versatile schliesslich schiessen auch das eine oder andere
Vögelchen ab: ob
Clara Hills wunderschönes “silent distance” im I:Cube
RMX, der schon die ganze
Scheibe lohnt, Joakims Ian Curtis-Geisterbeschwörung,
Minimalsweater von I:Cube
oder AtmoRythmer von Chateau Flight:
trippige Elektronik mit House und Seele.
MNOZIL BRASS:
SEVEN (Vegiton/Südpol/Rough Trade) Mnozil geht
ungefähr so: sieben Blasinstrumentalisten treffen sich beim
Studium in Wien
und abends in einer Kneipe namens Mnozil, wo sie manchmal bis zum
Morgen und
dem Ende aller Flüssigkeiten spielen. Über die Jahre werden
sie Cracks und
Komponisten, aber die Combo wird zu ihrem ganz persönlichem
Fixpunkt. Seit 10
Jahren begeistern sie in über 1000 Konzerten mit ihrer
ungewöhnlichen,
bodenständigen wie spassigen Brass-Show, die sich äusserst
seriös gibt, unterm Deckel
jedoch elefantendicke Ohren hat. Nachzuerleben auf dieser DVD, die
jedem, der
die anarchische Ader des Brass schätzt, sehr gefallen dürfte.
EINSTÜRZENDE
NEUBAUTEN: LIEBESLIEDER (!K7) Für die anderen
vielleicht diese DVD: die 1993 erstmals veröffentlichte Doku von
Klaus Maeck
und Johanna Schenkel zeichnet nicht nur die Anfänge der Band bis
zu diesem
Zeitpunkt anhand von Gesprächen, Konzertfilmen und
ungekürzten Videos nach, sie
beweist auch 2005, wie hochenergetisch, kreativ, treffsicher und
hochbewusst
sie bei allen klaren Unsicherheiten war. Und wie funky sie sein konnte.
Heute,
wo sich die Neubauten etwas ins Internet zurückgezogen haben und
gerade von der
Zeit zehren, die dieser Film abbildet, umso wichtiger.
IRENE SCHWEIZER:
LIVE AT TAKTLOS (Intakt) Schweizer wurde ja
bereits letzten Monat mit einer sehr guten Compilation gewürdigt.
Hier geht’s
noch tiefer zu den Wurzeln: diese legendären Konzertaufnahmen aus
der Roten
Fabrik Zürich 1984 markieren sowohl den Beginn des enorm wichtigen
Taktlos-Festivals
wie auch des Intakt-Labels, das sich zunächst um die Dokumentation
von
Schweizers Musik kümmerte und mittlerweile zum wichtigsten
Schweizer Label für
improvisierte Musik geworden ist. Das längst vergriffene Vinyl nun
auf CD und
in aller Anarchie, Spontanität und Impulsivität
nachhörbar.
OBJETS
TROUVÉS: FRAGILE (Intakt) Neue Impulse vermittelt
Intakt mit der akustischen Abbildung dieses grossartigen
Quartetts: die vier
Kompositionen von Pianistin Gabriela Friedli stehen unter einer seltsam
gelösten Spannung, die nur wirklich erfahrene SpielerInnen
hinbekommen. Co
Streiff spitz-weiches Sax, die fordernde, aber gelassene Rythmik Dieter
Ulrichs
und der sanft-drückende Bass Jan Schlegels verschaffen den
Stücken eine
sagenhafte Präsenz.
ROBERT WYATT:
THEATRE ROYAL DRURY LANE (Hannibal) Wow hoch
drei - werden wir nicht verwöhnt? Nochmal Geschichte: Bei diesem
sagenhaften
Konzert, das Wyatt 1974, ein Jahr nach seinem Unfall, gab, spielt er
das
gesamte Rock-Bottom-Album, alte Stücke von Soft Machine und
Matching Mole, mit
ner Menge richtig guter Freunde: Dave Stewart, Fred Frith, Ivor Cutler,
Nick
Mason, Mike Oldfield, und John Peel spricht ein launiges Intro.
PHIL MANZANERA:
50 MINUTES LATER (Hannibal) Neben seinen
Ex-Roxy Music-Kumpels Thompson und Mackay spielen hier noch Eno und,
klar, Robert Wyatt mit. Hier werden unspektakuläre,
altmodische aber nicht minder wahre Geschichten erzählt, die
mitunter ganz
schön düster und psychedelisch werden können. Wahre
Sicht und Worte eines
altgewordenen Rockers. Denkt daran, wenn die Tage kürzer werden:
“We all get
older and refuse to go quietly”.
www.terz.org - 24.10.2005