Neues
aus der Konzernstadt Düsseldorf
Die Landeshauptstadt Düsseldorf
stellt sich in ihren
Selbstdarstellungen gerne als attraktiven Standort für Konzerne
dar. Nicht ohne
Grund, denn dafür wird auch wirklich etwas getan. Zu welchem
Nutzen eine solche
kapitalkonforme Standortpolitik ist, steht auf einem anderen Blatt.
Anhand
zweier der Konzerne mit Sitz in Düsseldorf, die
weltweit einen besonderen Einfluss haben – der EON AG und der
Metro-Gruppe –
wird im folgenden das Zusammenspiel von kapitalistischer Konzernpolitik
und
Staatspolitik etwas genauer betrachtet.
Zwei
Berichte von german-foreign-policy.com
Weltweit in Führung
Mit der
Übernahme des fünftgrößten niederländischen
Energieversorgers NRE Energie setzt die deutsche Eon AG ihre Expansion
fort.
Die Akquisition, deren Vollzug vor wenigen Tagen gemeldet wurde,
erfolgt im
Vorfeld eines Angriffs auf den britischen Markt und lässt das
Düsseldorfer
Unternehmen in neue Dimensionen wachsen: Eon will zum weltweit
führenden Strom-
und Gasunternehmen aufsteigen. Dem deutschen Konzern ist es gelungen,
strategische Positionen auf dem Energiemarkt Osteuropas einzunehmen. So
dominiert Eon in wichtigen Transitländern der Energielieferungen
aus dem Kaspischen
Becken. Auch bei der Abschöpfung der russischen Ressourcen ist das
deutsche
Unternehmen in einer führenden Position. Im Westen will Eon die
Firma Scottish
Power übernehmen und hält dafür rund 20 Milliarden Euro
bereit. Der Vorstoß
nach Großbritannien ist nicht nur von wirtschaftlicher Bedeutung;
mit dem
Energiegeschäft verbindet Berlin politische Interessen und bringt
London in
Abhängigkeiten.
Eon entstand im
Juni 2000 aus der Fusion von VEBA und VIAG,
beides Unternehmen, die in den 1920er Jahren als Holdings für
staatliche
Industriebeteiligungen gegründet wurden. Bis heute ist der Konzern
ein
zentrales Instrument, um strategischen Einfluss auf die
europäische
Energieversorgung zu erlangen. So ermöglichte die Bundesregierung
im Jahre 2002
mit einer politischen Sondergenehmigung die Übernahme des
Großunternehmens
Ruhrgas und machte die Eon AG zum weltweit größten privaten
Energiedienstleister. Zur Begründung der
außergewöhnlichen Staatseingriffe hieß
es in Berlin, Deutschland wolle auf dem internationalen Energiemarkt
künftig
über einen „National Champion“ verfügen.
Vision
Inzwischen
kontrollieren deutsche Konzerne große Teile der
europäischen Energieversorgung. Insbesondere bei den immer
wichtiger werdenden
Erdgaslieferungen sind etliche Nationalstaaten bereits weitgehend in
deutsche
Abhängigkeit geraten. In diesem Segment streben Eon und der zweite
große
deutsche Energiekonzern RWE eine dominante Stellung an. Der
Energieriese Eon
verkündet noch weiter gehende Ziele und will „das weltweit
führende Strom- und
Gasunternehmen“ werden. Die als „Vision“ propagierte
Zielplanung verfolgt der
Konzern mit einer Reihe von Akquisitionen und setzt derzeit mit rund
70.000
Mitarbeitern gut 49 Milliarden Euro um. Weitere Übernahmen sind
bereits
avisiert: Bei Gewinneinträgen von 7,3 Milliarden Euro sowie
liquiden Mitteln in
Höhe von zwölf Milliarden Euro strotze Eon nur so vor
Finanzkraft und könne
sich jedes Unternehmen leisten, das derzeit auf dem Markt angeboten
wird, heißt
es in deutschen Finanzkreisen.
Abhängigkeiten
In
Großbritannien setzt Eon zu einem neuen Expansionssprung
an und bereitet die Übernahme des Energiekonzerns Scottish Power
vor - mit
einem Kaufpreis von bis zu 20 Milliarden Euro die wahrscheinlich
größte
Akquisition in der Geschichte des Konzerns. Eon kontrolliert bereits 11
Prozent
der britischen Stromerzeugung und 18 Prozent des Strom- und Gashandels.
Auf der
strategischen Agenda des deutschen Konzerns steht jetzt der Ausbau der
Infrastruktur für die Gasversorgung Großbritanniens. Der
Importbedarf des
Landes nimmt zu, da die Gasförderung in den
Off-shore-Beständen stark
zurückgeht. An den erforderlichen Kontinentalzuführungen, die
den
bevorstehenden Mangel ausgleichen, ist Eon Ruhrgas durch den Bau einer
neuen
Pipeline zwischen dem niederländischen Balgzand und dem britischen
Bacton
beteiligt - die britische Gasversorgung führt demnächst durch
einen deutschen
Engpass.
Eon
UK
Auch auf dem
Gebiet der nicht-fossilen Energieträger rückt
Eon in Großbritannien vor. Infolge von EU-Initiativen, die
Berliner
Industrieinteressen entgegenkommen, sind sämtliche
Stromanbieter auf der Insel
verpflichtet, einen steigenden Anteil ihres Absatzes aus erneuerbaren
Energien
zu decken. Entsprechende Techniken hält Eon vor und
läßt seine britische
Filiale verstärkt in Windparks vor der Küste investieren.
Perspektiven
Ein weiterer der
von Eon ins Visier genommenen
Zukunftsmärkte ist Italien, dessen Bedeutung als Transitland
für
nordafrikanische Energieressourcen zunehmen wird - dies belegen
Strategiepapiere der EU. Der deutsche Konzern ist zwar an mehreren
norditalienischen Gasversorgern beteiligt, kommt aber nur auf einen
Marktanteil
von 5 Prozent. Diese Marge soll bald verdoppelt werden, und auch in
Stromerzeugung und -vertrieb sieht Eon gute
Wachstumsperspektiven, da Italien
stark von entsprechenden Importen abhängig ist. Als Zulieferungen
aus der
Schweiz im vergangenen Jahr unterbrochen wurden, brach das gesamte
italienische
Stromnetz für mehrere Stunden zusammen. Berichtet wird bereits
über eine
mögliche Übernahme der zweitgrößten italienischen
Stromgesellschaft Edison
(Umsatz: 5,6 Milliarden Euro, Anteil am italienischen Strommarkt: 17
Prozent).
Mit dem Zukauf könnte Eon gegen den italienische Marktführer
antreten, den
früheren Staatskonzerne ENEL, um den sich bestimmende Kräfte
der römischen und
mailändischen Wirtschaftseliten gruppieren. Die Abwehr dieser
Eroberung ist
überparteilicher Konsens der italienischen Politik.
Modell
Besonders
umfangreiche Unternehmenszukäufe hat Eon in den
letzten Jahren in den Ländern Ost- und Südosteuropas
getätigt. Ihnen messen die
strategischen Energieplanungen der EU eine wichtige
Brückenfunktion in Richtung
Kaukasus bzw. Zentralasien zu. Durch gezielte Akquisitionen hat der
deutsche
Konzern seinen Marktanteil auf rund 30 Prozent steigern können.
Schritt für
Schritt wurden früher erworbene Minderheitsbeteiligungen in
Tschechien, der
Slowakei und Ungarn zu Mehrheiten ausgebaut. Eine Wiederholung wird in
den
EU-Beitrittsländern Rumänien und Bulgarien erwartet, wo Eon
bereits über Beteiligungen
an regionalen Strom- und Gasversorgern verfügt. Noch bestehende
Konkurrenzvorteile anderer Anbieter will der deutsche Energiekonzern
demnächst
schließen, so im Bereich Strom. In dieser Sparte ist Eon bisher
nur im
regionalen Vertrieb vertreten, aber prüft derzeit, auch in die
Erzeugung
einzusteigen. Vor dem Hintergrund des deutsch-russischen
Energieverbundes
verfügt Eon über einen uneinholbaren Konkurrenzvorteil, der
die Märkte
Osteuropas gegen westliche Interessenten fast hermetisch
abschließt und
Besorgnisse vor einem deutschen Durchleitungsmonopol nährt.
Widersprüche
Besonders
konfliktträchtig ist das Bestreben von Eon, als
erster deutscher Energieversorger in das Gasgeschäft mit Iran
einzusteigen.
Entsprechende Verhandlungen mit Teheran haben bereits stattgefunden und
zielen
auf die zweitgrößten Reserven der Welt. Über den Import
iranischer Ressourcen
auf dem Landweg verhandelt Eon mit dem österreichischen Öl-
und Gaskonzern OMV,
der eine Pipeline von der iranischen Grenze durch die Türkei nach
Westeuropa
bauen will. Die Iran-Aktivitäten kollidieren mit der Absicht von
Eon,
langfristig auch in den USA zu expandieren. Dort ist der deutsche
Konzern
bisher nur im Mittleren Westen präsent, vor allem im Staat
Kentucky, der als
Ausgangsbasis für die weitere Expansion in den USA, dem weltweit
größten Strom-
und Gasmarkt, dienen soll. In den USA tätigen Unternehmen drohen
empfindliche
Strafen, wenn sie in Iran aktiv werden.
26.09.2005
Gewinner
Deutsche
Handelskonzerne beginnen mit einer zweiten Phase
ihrer Expansion in Ost- und Südosteuropa und zielen auf die
Eroberung des
russischen Marktes. Wie es bei Deutschlands größtem
Handelskonzern Metro heißt,
der bis Ende des Jahres mit 22 „Cash and
Carry“-Märkten und zwei „Real
SB“-Warenhäusern in Russland vertreten sein will, gilt das
Land „als eines der
Länder in Osteuropa mit dem größten
Wachstumspotenzial“. Die zweite Phase der
deutschen Einzelhandels-Expansion betrifft neben Russland auch die
EU-Beitrittskandidaten Rumänien und Bulgarien sowie Moldawien und
die Ukraine.
Während deutsche Unternehmen den Auslandsanteil an ihren
Gesamtumsätzen mit
hohen Raten steigern und dadurch Schwächen des Inlandsmarktes zu
überwinden
vermögen, leiten Konzerne aus konkurrierenden EU-Staaten wie etwa
Frankreich
ihren Rückzug ein.
Abgang
Der
französische Handelsriese Carrefour, nach Wal-Mart
weltweit die Nummer zwei der Branche, kann mit den deutschen
Handelskonzernen
bereits nicht mehr mithalten. Er zieht sich aus der Tschechischen
Republik und
der Slowakei zurück und gibt elf tschechische und vier slowakische
SB-Warenhäuser an die britische Einzelhandelsgruppe Tesco ab. Auch
die
österreichische Julius-Meinl-Gruppe gab auf und
veräußerte ihre neun
Supermärkte in Südpolen ebenfalls an die britische
Tesco-Gruppe; die 67 Supermärkte
in Tschechien gingen an den niederländischen Ahold-Konzern. Dem
Rückzug von
Carrefour und Meinl dürften schon bald weitere folgen: Die
Marktforschungsfirma
Incoma Research, eine Prager Tochter der deutschen „Gesellschaft
für
Konsumforschung“, die bereits den Abgang von Carrefour
vorausgesagt hatte, geht
für die nahe Zukunft von weiteren Übernahmen aus.
Aufschwung
Die
führende Rolle bei der Verteilung der Handelsmärkte in
den großen östlichen EU-Ländern nehmen weiterhin
deutsche Einzelhandelskonzerne
ein, die angesichts der anhaltenden Konsumflaute auf dem Heimatmarkt
immer stärker
ins Ausland drängen und sich gegen ihre Konkurrenten aus
Großbritannien und
Frankreich zu Marktführern aufgeschwungen haben. Die deutschen
Einzelhändler
wie Metro, Rewe, Tengelmann oder Lidl erzielen in Ländern wie
Polen, Ungarn
oder Slowenien inzwischen wesentlich höhere Renditen als in
Deutschland. Die
gesamte deutsche Ernährungsindustrie hat erheblich von der
EU-Osterweiterung
profitiert: Die Exporte von Fleisch- und Wurstwaren, Milchprodukten,
aber auch
von Brot und Backwaren sowie von Süßwaren in die
Beitrittsländer, die bereits
von 1997 bis 2003 um 31 Prozent gestiegen waren, wurden im
Erweiterungsjahr
2004 nochmals um überdurchschnittliche 10,8 Prozent ausgebaut. Die
Lebensmittelproduzenten und -händler der neuen EU-Staaten hingegen
sind zu
Zulieferern der deutschen Konzerne abgesunken: Sie liefern häufig
nur noch
Produkte zur Weiterverarbeitung wie etwa Milchpulver. Wichtigstes
osteuropäisches Lieferland ist dabei Polen.
Zweite
Phase
Inzwischen haben
die deutschen Handelskonzerne mit der
zweiten Phase ihrer Ost-Expansion begonnen. Jetzt geht es um die Kunden
in
ärmeren Ländern wie Bulgarien, Rumänien oder Moldawien
und um die riesigen
Märkte Russland und Ukraine. Auch dort streben die deutschen
Unternehmen die
domierende Position an und sind guter Hoffnung: „Die deutschen
Lebensmittelhändler sind dabei - und haben aufgrund ihrer
Erfahrungen beste
Chancen, auch hier zu den Gewinnern zu gehören“, heißt
es. Der Rewe-Konzern
(mit den „Penny“-Märkten und der österreichischen
Tochter „Billa“) expandiert
verstärkt in Ost- und Südosteuropa (derzeit insbesondere in
Rumänien und
Bulgarien) und will damit den Auslandsanteil an seinem Umsatz von 32
Prozent
auf mittelfristig auf 50 bis 60 Prozent steigern. Auch Deutschlands
größtes
Handelshaus „Metro“, das seinen Auslandsanteil am Umsatz
seit 1998 von fünf
Prozent auf heute 52 Prozent steigerte, forciert die Ostexpansion.
Gas
geben
Hart
umkämpft ist derzeit der russische Markt, schon seit
geraumer Zeit ein bevorzugter Expansionsschwerpunkt der deutschen
Unternehmen,
die dort gegen starke Wettbewerber wie die französische
Auchan-Gruppe und die
russische Alfa-Gruppe antreten. Der Metro-Konzern, der dort bisher
über seine
Selbstabholer-Großmärkte ausschließlich an gewerbliche
Kunden verkaufte, nimmt
mit der Eröffnung eines ersten Warenhauses in Moskau nun auch die
144 Millionen
russischen Endverbraucher ins Visier. Künftig sollen für
beide Vertriebslinien
acht bis zehn neue Standorte pro Jahr hinzukommen. Rewe ist
kürzlich mit
zunächst 18 „Billa“-Märkten in Russland gestartet
und plant, sich mit seinem
Joint-Venture-Partner Marta in den nächsten Jahren
flächendeckend auszuweiten.
Für die Region Moskau kündigte der Konzern noch für
dieses Jahr die Übernahme
einer Supermarkt-Kette an. „In Russland“, erklärte
Rewe-Chef Egner, „geben wir
jetzt richtig Gas“.
09.10.2005
Die Texte sind -
zusätzlich mit zahlreichen Anmerkungen
versehen - im Internet zu finden unter:
EON AG: www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/56034
Metro Gruppe:
www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/56074
Copyright ©
2005 Informationen zur Deutschen Außenpolitik.
Die „Informationen zur Deutschen Außenpolitik“
(german-foreign-policy.com)
werden von einer Gruppe unabhängiger Publizisten und
Wissenschaftler
zusammengestellt, die das Wiedererstarken deutscher
Großmachtbestrebungen auf
wirtschaftlichem, politischem und militärischem Gebiet
kontinuierlich
beobachten.
Die TERZ
bedankt sich
für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck.
www.terz.org - 24.10.2005