Die NPD hat
eine so genannte Schulhof-CD bundesweit verteilt
und die Arbeitsstelle Neonazismus der FH Düsseldorf hat hierzu
eine
Materialmappe zur „Argumentationshilfe“ erstellt
(www.arbeitsstelle-neonazismus.de).
Brauchbar oder
nicht? Staatstragend oder aufklärend? Wie
argumentieren Linke gegen Rechts?
Argumente
gegen Rechts – Replik auf die Kritik kritischer
Kritiker
Die Arbeitsstelle Neonazismus hat sich mit ihrer
„Argumentationshilfe gegen die >Schulhof-CD< der NPD“
einem wichtigen
Thema gewidmet: den auf Jugendliche zielenden (sub)kulturellen
Agitationsmethoden der extremen Rechten. Die oben aufgeführte
Kritik geht an
diesem Gegenstand vorbei. Kritik am staatlichen Antifaschismus ist eine
Sache.
Eine andere ist der Inhalt der antifaschistischen
Informationsbroschüre gegen
die Schulhof-CD, wozu der Kritiker inhaltlich konkret so gut wie gar
nichts
bietet außer einigen Fehlinformationen. Hierzu daher
zunächst einige notwendige
Korrekturen:
1.
Sicherlich
gab es verquere öffentliche Reaktionen auf das Vorhaben der NPD.
Die
Comic-Broschüre des Verfassungsschutzes NRW jedoch war schon ein
Jahr vor dem
Vorhaben der NPD in Planung und hat daher nichts mit der
NPD-Schulhof-CD zu
tun. Hierzu wäre eine gesonderte inhaltliche Auseinandersetzung
sinnig.
2.
Die
Kritik am staatstragenden Antifaschismus hat inhaltlich so gut wie gar
nichts
mit der Materialmappe der Arbeitsstelle Neonazismus zu tun, deren
Tätigkeiten
sich nach Sichtung ihrer inhaltlichen Angebote schwerlich mit dem
„Aufstand der
Anständigen“ in Einklang bringen lassen.
3.
Die
Behauptung im obigen Text, die Materialmappe wäre lediglich aus
„ dem
misslichen Umstand, dass die Staatsanwaltschaft keine Möglichkeit
sieht, die CD
zu verbieten“, entstanden, entbehrt jeglichen Belegs. Sie ist
schlicht falsch.
4.
Ebenso
falsch ist die Behauptung, die „Argumentationshilfe“ sei
lediglich für die
„staatlich beauftragten Erzieher“ und nicht für die
Schüler/innen verfasst
worden.
Ein inhaltlicher
Blick in die „Argumentationshilfe“ der
Arbeitsstelle Neonazismus zeigt, dass sich hier sehr sachkenntlich mit
dem
Gegenstand auseinander gesetzt wird. Die (sub)kulturellen
Agitationsmethoden
der NPD werden dechiffriert und mittels Bereitstellung von
Quellenmaterial und
Hintergrundinformationen wird für Schüler/innen wie für
Lehrer/innen und
Erzieher/innen ein Angebot zur eigenen inhaltlichen Auseinandersetzung
mit dem
Gegenstand bereitgestellt. Dies ist in mehrfacher Hinsicht sowohl
für die
Heranwachsenden wie für die „staatlich angestellten
Erzieher“ dringend
notwendig. Denn im Alltagsbereich hat es die extreme Rechte in einigen
Bereichen geschafft, an jugendkulturelle Entwicklungen anzudocken und
diese
auch inhaltlich zu beeinflussen. So ist z.B. die NPD-Schulhof-CD im
Duktus der
„Rebellion“, des „Aufbegehrens“ und des
„Protestes“ unter subkulturellen
Codierungen erstellt worden – eine Form der Agitation, die bei
einem nicht
unerheblichen Teil unbedarfter Jugendlicher Anklang findet und die von
Lehrer/inne/n und Erzieher/inne/n zumeist gar nicht verstanden wird.
Oder
welcher Lehrer kann beispielsweise erklären, warum Neonazis heute
gegen die
„imperialistische Globalisierung“ protestieren? Warum sie
mit Che
Guevara-Konterfei agitieren? Oder mit Palästinenser-Tüchern
rumlaufen? Oder
spartenübergreifend in den unterschiedlichsten Musikszenen
vertreten sind? Oder
mit Stilmitteln agitieren, die manchen Sozialkundelehrer noch an seine
eigene
rebellische Jugendzeit erinnern?
Wie sollen sich
sowohl Schüler/innen wie auch Lehrer/innen
und Erzieher/innen selbstbestimmt und eigeninitiativ gegen
neonazistische
Agitationsversuche zur Wehr setzen, wenn sie den Gegenstand ihrer
Kritik nicht
zu dechiffrieren in der Lage sind? Wenn sie die faschistischen
Musikszenen und
ihrer Protagonisten, die subkulturell chiffrierten Codes und Symbole,
die
jugendspezifisch ausgerichteten Agitationsmethoden der Neonazis
schlicht noch
nicht kennen?
Es ist ein
Unterschied, ob Neonazis mit der
HJ-Lagerfeuerromantik oder mit postmodern und subkulturell codierten
Stilmitteln auf Agitationstour gehen. Antiamerikanismus,
Kulturalisierungen des
Politischen, Aversionen gegen eine „imperialistische one
world“ sind z. B.
Parolen der Neonazis, die auf den ersten Blick von vielen Menschen
politisch
nicht eingeordnet werden können. Für Jugendliche und für
Leute, die sich in den
politischen Debatten nicht auskennen, ist es oft unmöglich,
bestimmte Parolen
zuzuordnen. Zu einer wirkungsvollen antifaschistischen Arbeit
gehört deshalb
die Sachkenntnis über die Strategie und das Auftreten der
Faschisten. Erst wenn
man weiß, wie die faschistische Agitation funktioniert, auf
welchen Ebenen und
durch welche Codes sie vermittelt und als „attraktiv“ zu
verkaufen versucht
wird, kann man wirkungsvoll dagegen steuern.
Dieser Aufgabe
haben sich die Verfasser/innen der
„Argumentationshilfe gegen die Schulhof-CD der NPD“ mit
besonderer Fachkenntnis
über die extreme Rechte wie deren Agitationsmethoden im sub- und
jugendkulturellen Bereich gewidmet.
Kritik
der immer gleichen Kritik
Ein immer wieder
kehrender Mechanismus in linken Debatten
ist der Zank um den eigentlich wahren Bezug zum vordergründigen
Gegenstand, zum
systemischen Ursprung der jeweiligen Erscheinungsformen, zur
eigentlichen
ökonomischen Basis diverser Überbauphänomene, zum
„Hauptwiderspruch“: Ob es als
Diskussionsthemen nun die Neonazis oder Hartz IV, die Subkultur oder
die
Fußballweltmeisterschaft, Auschwitz oder die Geschlechterfrage
sind – der
Ursprung allen Übels, so weiß dann immer der Kritischste
aller Kritiker, liegt
im Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, am Kapitalismus als
Solchem. Das
kann je nach Ebene der Diskussion sowohl wahr als auch unpassend sein.
Es ist
an sich als Aussage zunächst banal: Es gibt materielle
(Produktions-)Verhältnisse, die spezielle gesellschaftliche
Verkehrsformen
grundsätzlich determinieren. Ja und? Klar, Voraussetzung für
eine linke
Position ist der Blick über den Tellerrand systemischer
Zwänge, die
Orientierung auf Verhältnisse jenseits von Staat, Kapital und
Lohnarbeit – so
weit, so gut. Zugleich jedoch reproduzieren sich systemische
Zwänge und
Machtverhältnisse immer wieder neu auf verschiedenen konkreten
Ebenen.
Ausbeutungsverhältnisse und Verblendungszusammenhänge stellen
sich konkret
unterschiedlich dar und bedürfen daher einer spezifischen
Auseinandersetzung,
um verstanden und verändert werden zu können. Obwohl wir
heute beispielsweise
immer noch unter kapitalistischen Verhältnissen leben, leben wir
nicht genauso
wie unter den Nazis. Kapitalismus ist eben nicht bloß immer nur
ein immer
gleiches sozioökonomisches Verhältnis, sondern hat historisch
durchaus
spezifische und höchst unterschiedliche Ausprägungen. Dies
wahrzunehmen ist
nicht zuletzt auch eine Voraussetzung zur Veränderung der
kritisierten
Verhältnisse. So ist es nicht zuletzt auch mit dem leidigen Thema
Neonazismus.
Was hilft es Schüler/innen und Lehrer/innen, wenn ihnen von
Kritikern die
schlichte Weisheit verkündet wird: „Der Antifaschist will
einfach nicht
wahrhaben, dass Demokratie und Faschismus nur zwei Spielarten
bürgerlicher
Herrschaft sind.“ Wissen die dadurch nun besser, wie sie mit der
NPD-Agitation
an Schulen umgehen sollen? Das Banale an solch kritischen
Kritikpamphleten ist
deren Selbstgenügsamkeit. Statt sich inhaltlich der Mühe
konkreter inhaltlicher
Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Kritik zu stellen, verharrt
der
Kritiker auf der Verkündung der wahren Lehre vom eigentlichen
„Hauptwiderspruch“. Konkrete Erscheinungsformen
neofaschistischer
Einflussnahmen auf Jugendliche – eigentlich doch Thema seiner
Kritik – scheinen
ihn nicht zu interessieren: „Zusammenfassung: Nazis sind
schlichte Gemüter“ –
so sein Fazit. Da, wo der Kritiker überhaupt konkreten Bezug auf
den Gegenstand
nimmt, wird er ideologisch: Die Globalisierungskritik der Nazis
ähnele der von
dem globalisierungskritischen Netzwerk ATTAC, so der Kritiker. Was
heißt das
für Schüler/innen und Lehrer/innen? Vorsicht vor NPD und
ATTAC? Auf derselben
Argumentationsebene behaupten die staatskonformen
Extremismustheoretiker und
der Verfassungsschutz die Deckungsgleichheit von NPD und marxistischen,
linksradikalen Gruppen, weil ja angeblich beide gegen Imperialismus und
Globalisierung seien. Solche Analogien werden zwar vielleicht das neue
CDU-geführte Schulministerium in NRW erfreuen, zur inhaltlichen
Klärung des
Umgangs mit der Schulhof-CD der NPD tragen sie jedoch nichts bei. Denn
anstatt
inhaltlich die Schwachstellen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen
gegen
„Globalisierung“ herauszuarbeiten, werden in dem
Kritikpamphlet an der
Schulhof-CD inhaltliche Kritik am staatlich verordnetem Antifaschismus
mit
Polemik gegen Attac und Antifa-Gruppen vermischt und unterschiedliche
inhaltliche Ebenen ideologisierend in einen Topf geschmissen: Staat und
Kapital
sind Ursprung allen Übels, und ihr alle habt das noch nicht
begriffen, so die
ebenso schlichte wie im Konkreten undifferenzierte wie unwahre
Behauptung als
Essenz des kritischen Beitrages. Vollends irritierend wird die
Argumentation
des Kritikers, wenn er den Verfasser/innen der
„Argumentationshilfe“ vorwirft,
zu einem „aggressiven Nationalismus“ zu schweigen, der
auftrete, wenn „Kopftuch
tragende Lehrerinnen“ und „bärtige
Korangläubige“ staatlichem Druck ausgesetzt
werden.
Erstens: Was hat
das mit der „Argumentationshilfe gegen die
Schulhof-CD der NPD“ zu tun? Sollen die Verfasser darin etwa
vordergründig das
Kopftuchverbot und die polizeilichen Fahndungsmethoden für
Schüler/innen und
Lehrer/innen erörtern? Und was hat das Kopftuchverbot mit
Faschismus zu tun?
Soll staatlich verordnete Säkularität im Schulunterricht etwa
Ähnlichkeiten mit
totalitären Politikvorstellungen der NPD aufweisen? Was soll eine
solche
offenkundig widersinnige Aussage?
Zweitens: Eine
nähere Betrachtung des Tätigkeitsfeldes der
Arbeitsstelle Neonazismus kann sehr wohl zu der Erkenntnis führen,
dass sich
dort auch mit den angeführten Themen kritisch auseinandergesetzt
wird.
Es wird
offensichtlich, dass in dem Kritikpamphlet im Eifer
des Gefechts die inhaltliche Tiefe der Auseinandersetzung mit dem
Gegenstand
der Kritik vernachlässigt wurde. Thema verfehlt – hier ging
es nicht um „den
Hauptwiderspruch“, sondern um konkrete Hilfen zur inhaltlichen
Auseinandersetzung mit der Schulhof-CD der NPD. Konkrete
antifaschistische
Arbeit ist durch eine solche Kritik weder zu ersetzen noch sollte sie
dadurch
in Frage gestellt werden.
Al C.
www.terz.org - 24.10.2005