theaterEin
bürgerliches Trauerspiel
Agenturschluss im Düsseldorfer Schauspielhaus: In Moritz
Rinkes Stück “Café Umberto” machen arbeitslose
Mittelschichtler auf den Fluren
der Behörde Theater.
“Wie
können Menschen sinnvoll leben, auch wenn sie keine
Arbeitsplätze finden?”, an dieser von Ulrich Beck
aufgeworfenen Frage arbeitet
sich Moritz Rinkes Theaterstück “Café Umberto”
ab. Da so etwas vornehmlich das
Bürgertum umtreibt, beschränkt sich das Personal des Autors
auf arbeitslose
Lehrer, Musiker, Künstler, Modeschöpfer und
Universitätsdozenten. Aus dem
Rahmen fällt nur ein Landwirt, der aber auch nicht weiter
auffällt.
Den neuen
Lebensmittelpunkt der Truppe stellt der Warteraum
einer Arbeitsagentur dar. In der Düsseldorfer Inszenierung von
Burkhard C.
Kosminski beschwört eine in der Ecke stehende
Ludwig-Erhard-Büste für sie die
gute, alte Zeit herauf, wo das Land es noch schaffte, “den Wind
umzuleiten”,
wie der Dozent Anton es ausdrückt.
Der Erhard
gehört zum spärlichen Inventar der von Florian
Etti entworfenen Agentur, die dennoch auf dem neuesten Reformstand ist.
Sie
bietet einen 24-Stunden-Service, kennt nur noch “Kunden”
und verfügt über einen
Beratungsautomaten. Nach der Eingabe eines
persönlichen Zahlencodes spuckt
er Negativmeldungen aus der Welt der Arbeit aus und tippt vorsorglich
schon mal
das Thema “Frühpensionierung” an. Aber der ganze Stolz
des Dienstleistungscenters
ist die hauseigene Ich AG: das Café Umberto.
Dank dem stummen
und service-freundlichen Umberto kann die
Klientel standesgemäß bei einem Latte Macchiato mit dem
Schicksal hadern. Ihre
Arbeitslosigkeit empfinden sie durchweg als Liebesentzug der
Gesellschaft. Da
sich ihre ganze Person nur über die Arbeit definiert hat, droht
mit deren
Verlust ihre ganze bürgerliche Welt unterzugehen - mitsamt ihrer
Liebsten. Im
akuten “Anerkennungsnotstand” weiß nicht nur der
Erdkundelehrer Lukas nicht
mehr, was an ihm noch liebeswert sein soll und argwöhnt, seine
arbeitsplatzbesitzende Freundin sei bloß noch mit ihm zusammen,
um ihre soziale
Kompetenz zu beweisen.
Solcherart
angefressene Menschen, die sich die miesesten
Minijobs antun, weil sie dadurch zumindest Zaungast der
Arbeitsgesellschaft,
der die Arbeit ausgegangen ist, bleiben dürfen, kennen
mittlerweile wohl viele.
Selbst Linke, die doch eigentlich keine Bindungen an das große
Ganze und seine
Wertvorstellungen haben dürften, geraten schon in seelische
Hartz-4-Nöte. Da
möchte man für sich selbst auch nicht mehr unbedingt die Hand
ins Feuer legen
...
Der herzenswarme
Moritz Rinke wählt in dieser Situation die
Therapie, die Bürger den Aufstand proben zu lassen, damit sie von
ihrer
krankhaften Fixierung auf den “Fetisch Arbeit” kuriert
werden. Die Wartenden
wollen mit ihren Fähigkeiten nicht länger um dieses System
betteln und stellen
die Arbeitsagentur auf den Kopf. Im Zuge der Renovierungsarbeiten
betreibt die
Modemacherin Jule Maschinensturm und sprüht “Sau” auf
den Automaten, während
der Musiker Jaro von der Leiter herab Pläne zur Gründung
einer “Akademie für
Selbstachtung” ventiliert. “Millionen können sich
doch nicht einfach so
stillegen lassen”, meint er.
Als weiteren
Schritt übt Rinke mit seinen “Bürgern ohne
Arbeit” beim Betrachten eines Vermeer-Bildes die vita
contemplativa ein. “Wir
müssen das Zeitverlieren überhaupt erst wieder lernen und
zwar so lange, bis es
kein Verlieren mehr ist, sonst brauchen wir auch gar nicht mit der
‘Neuen
Arbeit’ anzufangen”, sinniert Jaro. Er schafft es am Ende
wirklich, den
Arbeitsgesellschaftsvertrag zu kündigen und draußen vor
aller Augen offensiv
nichts zu tun. Jule landet derweil in der Psychiatrie, Anton wirft sich
vor den
Zug und Lukas nimmt sich vor, das Leben noch einmal neu zu lernen, wozu
er sich
Spickzettel wie “Essen”, “Sport” und
“Kino” macht.
Moritz Rinke
versucht also auch das zu begründen, was Georg
Seeßlen im letzten Heft die “bürgerliche Kultur der
Arbeitslosigkeit” genannt
hat - mitsamt “Abschied von der Vollbeschäftigung”,
“Loslösung der Arbeit vom
Erwerb” und “Anleitungen zum Müßiggang”.
Die Politik freut sich über solche und
ähnliche Arbeiten am Überbau der Arbeitslosigkeit. “Den
Menschen droht ja, bei
hoffentlich weiterhin steigendem Bruttosozialprodukt, weniger die
materielle
Verelendung als geistige und soziale Leere”, wie Gerhard
Schröder 1998 Ulrich
Beck schrieb. Wie “Demokratie jenseits der
Vollbeschäftigungsfiktion möglich”
ist, trieb damals auch den Kanzler um, schließlich muß man
den Laden ja irgendwie
zusammenhalten. Und das ist gar nicht so einfach, lautet die Becksche
Eingangsfrage präziser formuliert doch: “Wie können
Menschen sinnvoll leben,
auch wenn der Kapitalismus für sie keinen Sinn macht?”.
Vom Kapitalismus
allerdings spricht Beck so wenig wie Rinke.
Der Dramatiker beschäftigt sich nur mit der subjektiven Seite der
Arbeitslosigkeit, der bürgerlich-subjektiven. Und wenn seine
Protagonisten sich
aus dieser Perspektive als Dozenten, Lehrer oder Künstler sinnvoll
tätig
wähnen, so erfüllen sie objektiv doch nur die Aufgabe,
Funktionseliten
auszubilden, nicht ganz auf den Kopf gefallene kleine Rädchen zu
produzieren
oder Pausenclowns abzugeben. Ein Florida-Rolf, ein Sozialbetrüger
oder ein
anderer glücklicher Arbeitsloser aus der Unterschicht hätte
ihnen auf der Bühne
gut den klassenspezifisch begrenzten Horizont ihres Jammern vor Augen
halten
können.
Andererseits hat
ein Theater als geschlossene Gesellschaft,
das die eigenen Angelegenheiten verhandelt, auch etwas für sich,
denn mit denen
hat man’s ja wirklich manchmal nicht leicht. Die negativen
Kritiken in den
überregionalen Blättern haben nicht zum geringsten Teil etwas
von auf
Abwehrreflexen beruhenden Verdrängungsleistungen. Die
mancherorts monierte
Betulichkeit der Düsseldorfer Inszenierung kommt einem eher an den
Kino-Realismus gewöhnten jedenfalls immer noch avantgardistisch
genug vor.
Fliegende Szenenwechsel, eine oft in absurdes Theater kippende
Arbeitsagentur-Betriebsamkeit, der mittelhohe Ton der Sprache und der
Bühnenbild-Minimalismus sorgen für eine Verdichtung, die der
Wahrheitsfindung
dient.
Und es gibt
wahrlich schlimmeres als einen Fleißarbeiter,
der sich durch die Bücher zum Thema frißt und bei den
Arbeitsagenturen
aufläuft, um den Stadttheatern eines der heiß ersehnten
Zeitstücke zu liefern.
Jan
www.terz.org - 24.10.2005