Nie wieder Krieg-
oder wie das Düsseldorfer Publikum Peter Handke rehabilitierte
Schroffe Berge, sanfte Täler: vor einer solchen Kulisse hätte
die Tragödie ebenfalls stattfinden können, wäre Handkes
sanftem Patriotismus auch im Bühnenbild gefolgt worden. Statt dessen
bilden leere Tische und Stühle die Projektionsfläche, auf die
Regisseur Klaus Emmerich und Dramaturg Frank Raddatz das aktuelle Stück
"Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film zum Krieg"
Handkes wirft.
Sehnsucht
Kroatien, Serbien, Bosnien, Albanien: - dem Autoren liegt etwas am ehemaligen
Jugoslawien, an dem Land, das nicht erst seit Titos Tod keine Ruhe findet.
Und zwar hängt sein Herz am ganzen Balkan, nicht nur an Serbien,
wie seine einsame Parteinahme während der Kriege vermuten liess.
(Wir erinnern uns, es begann, als Helmut Kohl die deutsche Freundschaft
zu Kroatien wiederentdeckte und endete, als die letzte Nato-Bombe auf
Serbien gefallen war.) Doch während des Kosovo-Krieges waren bekanntlich
alle Kriegs-gegnerInnen gleich Milosevic-AnhängerInnen; eine Tatsache,
die Peter Hand-ke am eigenen Leib zu spüren bekam.
Diese persönliche Erfahrung Handkes wird dem griechischen Ex-Journalisten
(An-dre-as Ebert) in den Mund gelegt, der daher von seinen Kollegen,-
den drei Mountain-bikern (steckt nicht in jedem ein kleiner Scharping?),
fertiggemacht wird.
Der Krieg als Geschäft
Die Handlung: zwei Regisseure (Marcus Kiepe/Jörg Pose) wollen einen
Film über den Krieg drehen. Doch da geht das Problem schon los: soll
es ein Kriegsfilm oder ein Film zum Krieg werden? Mit Kindern und Tieren
als beliebten Identifikationsobjekten und medialer Verkaufsgarantie? Anfangs
versuchen sie noch, mit westeuropäischer Arroganz von oben herab
das Leben, die Handelnden zu inszenieren, - doch angesichts der Unmöglichkeit,
derartig viel Haß und Emotion angemessen abbilden zu können,
geben sie endlich auf. Ein Spielfilm wäre in Anbetracht der Leiden
pietätslos gewesen. Und so gibt es das Stück - zum Film zum
Krieg: kann das Medium Theater eindringlicher klarmachen, was Krieg bedeutet?
Die Rollen: Verglichen mit den Regisseuren kommen die Fernseh- und Medienleute
ganz schlecht weg (das hatten wir ja auch nicht anders erwartet). Mit
einer Schreiattacke, die an beste Publikumsbeschimpfungszeiten erinnert,
spuckt der aus der Journaille Ausgestoßene seinen Haß auf
dieselbe in die ersten Reihen des Schauspielhauses. Anders denkt er, auf
der anderen Seite steht er, und daher wird ihm von den anderen Krähen
das Auge ausgehackt.
Vor ihm brüllt ein lienientreuerer Kollege (Peter Harting) seinen
Haß auf das Land hervor, aus dem er berichtet. Verstehen kann man
ihn: er kann diesen Krieg nicht nachvollziehen, ihm ist der Bruderzwist
so fremd, daß er sich selbst fragt, wie er darüber informieren
soll. Gut angelegt ist die Rolle: ihm nimmt man seinen Selbsthaß
ab, seine innere Zerissenheit; der 3. Internationale,- wie er im Stück
heißt, drängt den/die ZuschauerIn in die Rolle des/der Einheimischen,
der/die sich fragt, was die westlichen Journalisten und Uno-Soldaten im
Land verloren haben. Doch sie alle - Medienleute wie Filmemacher schauen
nur zu: die Hauptrollen spielen:
Die Nachbarn: Sie stehen repräsentativ für die Volksgruppen
auf dem Balkan, sie haben Geschichte erlebt; sind verstört, können
nicht mehr sorgenlos leben, da jede Assoziazion Erinnerung an den Krieg
hervorruft. Für sie scheint ein Neuanfang unmöglich. Die einzige
positive Figur ist die Frau (Anke Hartwig). Im Stück heißt
sie wahlweise Schönheitskönigin oder Fellfrau: als Mutter versteht
sie alles, als blonde Beruhigende zieht sie alle mit in den Einbaum. Erst
sie macht körperliche Berührungen wieder möglich, erst
mit ihr können die Gräuel der Gemetzel verarbeitet werden.
Ist der Mensch böse?
Diese These bleibt auch bei Handke natürlich nicht aus, und die Wirklichkeit
assistiert ja auch fleißig und schafft Beispiele. Trotzdem geht
die Zuschauerin nicht mit dem Gefühl nach Hause, jeder Mann sei ein
potenzieller Vergewaltiger, sondern kann sich im Gegenteil von der knolligen
Urfrau seltsam getröstet fühlen. Sie schafft die Verbindung
von der Urzeit bis heute, sie holt sowohl den Kriegsverbrecher, als auch
den bluessingenden Wald- oder Irrläufer (Martin Schneider legt ein
berührendes Solo hin) in ihr Boot, wo auch noch Platz für die
Nachbarn ist.
Julia Galinke
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