U-Bahn-Wahn
Politik von vor-vor-gestern
Es war der 19. August dieses Jahres: Der diesjährige Sommer war
sonnig und heiß, Kommunalwahlen und das Ende des Milleniums standen
an, da fielen unsere lieben KommunalpolitikerInnen gerne mal wieder dem
Wahn anheim, Düsseldorf wäre eine Metropole und bräuchte
diesem Status entsprechende Bauvorhaben. Diesmal soll ein U-Bahn-Neubau
- die sogenannte Wehrhahnlinie - der halluzinierten Metropole den letzten
Kick geben. Diese Wehrhahnlinie ist eigentlich ein Zombie in Gestalt eines
im Rohbau fertigen U-Bahnhofes unter dem derzeitigen U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee,
den Papa Erwin und die SPD - auf deren Wort immer Verlaß ist - wieder
zum Leben erwecken wollen.
U-Bahnen-Bau, das war die Schöne-heile-Welt-Vision von Planern und
Politikern alter Schule in den sechziger Jahren - damals, als Wohnen,
Arbeiten, Freizeit noch säuberlich getrennt werden sollte, um zum
Wohle aller beizutragen, wie wir an zahlreichen Gewerbeansiedlungen und
so reizvollen Wohnsiedlungen wie Reisholz sehen können. Auch der
Auto-, Bus- & Bahn- und Fußverkehr galt als unverträglich:
Der Tausendfüßler ist Symbol für eine derart autofreundliche
Politik. Für die Bürger oben freie Fahrt mit dem Auto und für
den Rest unten die U-Bahn. Doch U-Bahn-Bauen war auch damals teurer als
Straßenbauen, und daher ist der U-Bahn-Wahn trotz guter Voraussetzungen
nicht so recht vorwärts gekommen.
Feuchte Träume
Nun kehrt der Wahnsinn zurück: 1,27 Milliarden DM soll er kosten,
und 85 Prozent der Kosten zahlen das Land und der Bund. Viel Geld für
feuchte Träume von der großen Metropole, wenn bedacht wird,
dass die Stadt Düsseldorf noch an den Schulden des bisherigen U-Bahn-Baus
und anderen feuchten Träumen - mit größtenteils einer
85prozentigen Landes- und Bundesbeteiligung - knappst und deswegen unter
Finanzaufsicht der Bezirksregierung steht. Doch dies scheint die hiesigen
Zombie-Animateure nicht zu interessieren: 10 Minuten Zeitgewinn für
die Bahn von der Einfahrt Mecumstraße bis zum S-Bahnhof Wehrhahn,
pünktliche Züge, 50 Prozent mehr Fahrgäste und Neuordnung
der Friedrichstraße mit Fahrradweg und vor allem mehr Parkplätzen
ist PolitikerInnen-LSD.
Die 10 Minuten Zeitgewinn werden von der Stadtbahn aber letztendlich nur
auf der gesamten unterirdischen Strecke herausgefahren. 10 Minuten Zeitgewinn
sind in den letzten zwanzig Jahren bereits durch realisierte Beschleu-nigungs-maßnahmen
herausgeholt worden. Weitere 3 Minuten werden durch beschlossene Beschleunigungsmaßnahmen
folgen, die zum Zeitpunkt des anvisierten Baubeginns realisiert sein werden.
Diese Maßnahmen werden insgesamt ungefähr ein Zehntel der geplanten
U-Bahn-Kosten benötigen. Also von ehemals 20 Minuten Zeitgewinn bleiben
7 Minuten Zeitgewinn für 1,27 Mrd. DM übrig: 7 Minuten Zeitgewinn
für eine Minderheit der Fahrgäste, die die ganze Tunnelstrecke
mitfahren, 7 Minuten minus ca. 3 Minuten für Fahrgäste, die
irgendwann unterwegs ein- und/oder austeigen und von unten nach oben (oder
umgekehrt) gelangen müssen. Oder: Zukünftig ca. eine knappe
Viertelstunde vom Bilker S-Bahnhof zum S-Bahnhof Wehrhahn mit der U-Bahn
oder jetzt 7 Minuten mit der S-Bahn.
Pünktliche Züge werden im Tunnel fahren, aber das dichte Netz
der Straßenbahnlinien wird verloren gehen: Anhand der Abbildung
kann nachvollzogen werden, welche Verbindungen durch den Tunnelbau gekappt
werden. Was hilft es, wenn in dem geplanten Tunnel vier Linien in fast
3-minütigem Abstand verkehren, aber viele direkte Verbindungen verloren
gehen oder - wenn überhaupt - durch aufwendigere Umstiegspunkte (Tunnel/Erdoberfläche)
ersetzt werden. Das gut ausgebaute Straßenbahnnetz Düsseldorfs
wird mit dem U-Bahn-Bau im wesentlichen auf zwei Strecken reduziert. So
erklärt sich auch die fantastische Annahme von Fahrgastzuwächsen
in Höhe von 50 Prozent auf dieser Strecke: Wenn viele andere Verbindungen
nicht mehr existieren (wie z.B. die 701 auf der Corneliusstraße)
bleibt vielen nichts anderes übrig, als sich als Fahrgastzuwachs
deklarieren zu lassen.
Tunnelblicke
Wie erwähnt werden an vielen Punkten in der Innenstadt die Wege
zu den Haltepunkten der Bahnen länger, und weil die Bahn im Tunnel
fährt, kann auch nicht mehr das Straßengeschehen beobachtet
werden. Dies heißt, dass viele kurze Wege am Rande der City entfallen
werden zugunsten eines höheren Besucherstroms in die City (Altstadt
und Schadowstraße). Die dortigen FilialbetreiberInnen der Einzelhandelsketten
werden sich sicherlich freuen, nicht aber diejenigen in der City-Süd
(Friedrichstraße). Denn wer einmal in der U-Bahn sitzt, sieht nichts
mehr, was ihn oder sie anregen könnte. Auch wird man sich wegen eines
Einkaufes nicht 3 Minuten aus der U-Bahn-Station heraus bemühen,
um sich kurze Zeit später wieder 3 Minuten in den Untergrund zu bemühen.
Dies hat die dortige Interessengemeinschaft mittlerweile auch gemerkt
und protestiert heftig gegen den U-Bahn-Bau.
In ihren Zombie-Animationsbemühungen sprechen die PolitikerInnen
nur ungern über die Bauzeit ihrer Wahnvorstellungen: Mindestens niedliche
zwölf Jahre soll sie betragen. Und oben soll vom Bauverlauf ebensowenig
gespürt werden wie in Oberbilk, Schildbauvertriebstechnik sei Dank!
Mit einem Super-Bohrer wird sich zwar super durchs Erdreich gebohrt, ohne
dass das jemand merken würde - müssten nicht noch Haltestellen
gebaut werden. Diese werden trotz Metropolenträumen nicht im metro-polenartigen
U-Bahn-Abstand von mindestens 1.500 m gebaut, sondern im kleinstadtmäßigen
Straßenbahnabstand von knapp 500 m - mehr würde für Düsseldorf
auch keinen Sinn machen. Und da wir in einer Zivilisation wohnen, die
wichtige Infrastruktureinrichtungen, wie z.B. Wasserleitungen und Stromkabel,
aus Sicherheits- und Ästhetikgründen unterirdisch verlegen lässt,
liegen diese Leitungen und Kabel leider dem Super-Bohrer im Weg und müssen
ausgegraben und neu verlegt werden. Also, alle paar hundert Meter: Zombie-Alarm.
Abhilfe naht !
Gegen diese Politik von vor-vor-gestern naht Abhilfe. Umweltverbände
haben nun in Zusammenarbeit mit den Bündnisgrünen ein Bürgerbegehren
gegen den Bau der sogenannten Wehrhahnlinie gestartet. Das Bürgerbegehren
richtet sich gegen den Beschluss des Rates der Stadt Düsseldorf vom
19. August dieses Jahres, die sogenannte Wehrhahnlinie - neben für
sinnvoll erachteten Maßnahmen - als durchzuführende Maßnahme
für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV)-Ausbauplan
2004 des Landes Nordrhein-Westfalen vorzuschlagen. Die rot-grüne
Landesregierung wird im Januar 2000 über die einzelnen Vorschläge
der Kommunen für den ÖPNV-Ausbauplan beraten und zur Realisierung
ausgewählter Maßnahmen pro Jahr ca. 1 Mrd. DM bis 2004 landesweit
ausschütten.
Gegen derartige Beschlüsse des Rates können BürgerInnen
ein Bürgerbegehren beantragen. Hierfür müssen mindestens
10 Prozent der Kommu-nalwahlberechtigten diesem Begehren spätestens
drei Monate nach der erfolgten Beschlussfassung zustimmen. Bei der letzten
Kommunalwahl am 12. September waren 441.829 Menschen wahlberechtigt (einschließlich
16-jährige und EU-Bürge-r-Innen), also müssten 45.000 Unterstützungsunterschriften
am 18. November reichen, um einen Bürgerentscheid zu erzwingen, in
dem dann über den Bau der Wehrhahnlinie in einer Wahl entschieden
wird.
Dies ist eine hohe Hürde, aber sie sollte auf jedem Fall übersprungen
werden, um dem Zombie ein endgültiges Ende zu bereiten. Dieses schöne
viele Geld könnte für viel sinnvollere Verkehrsprojekte ausgegeben
werden, wie zum Beispiel weitere Straßen-bahnbeschleunigungsvorhaben;
großzügige und kundInnenfreundliche Halte-stellen-überdachungen
am Wehrhahn, Jan-Wellem-Platz oder Bilker Bahnhof; neue Straßenbahnlinien
wie zum Beispiel die von den Bündnisgrünen vorgeschlagene Strecke
vom Flughafen über die Messe, über den Rhein nach Lörick
bis zum Neusser Hbf (die Strecke steht mit ca. 350 Mio. Kosten in der
beschlossenen Vorschlagsliste im ÖPNV-Ausbauplan); Regionalverkehrsausbau
in S-Bahn ähnlicher Qualität nach Vorbild der Regio-Bahn zum
Beispiel vom Hauptbahnhof über Flingern, Grafenberg, Ratingen-West,
Lintorf nach Duisburg oder die S-Bahn-Stationen und -Bahnhöfe nut-zerIn-nen-freundlich
ausgestalten und vieles andere mehr.
Für derartige - relativ günstige und breitgestreute - Projekte
wäre dann auch die nächsten Jahre Geld da, was sonst in einem
recht unsinnigen Projekt auf einmal verballert würde. Solche vielen
"kleine Projekte" würden zwar nicht die Geltungssucht von
autofahrenden Machos befriedigen, aber zu einer kleinen Verkehrswende
in Düsseldorf beitragen, so dass den öffentlichen Nahverkehr
in Düsseldorf und Umgebung zu benutzen durchweg sinnvoll wäre
und Spaß machen würde. Eine Verkehrswende, die die PendlerInnenhochburg
Düsseldorf (ca. 205.000 EinpendlerInnen pro Werktag) auch bitter
nötig hätte und den zahlreichen autofreien Haushalten in der
Stadt (mindestens 40 Prozent in Düsseldorf) ihr Recht auf Bewegungsfreiheit
in der Stadt zukommen lassen würde.
MARCUS
Infos und Unterschriftenlisten: Koordinationskreis Bürgerbegehren
Info-Telefon: 16 46 46 0
Faxabruf: 99 22 56
Internet: www.wehrhahnlinie.de
Anmerkung: Die Rheinbahn überlegt mittlerweile, eine dritte Tunnelrampe
hinter dem Bilker Bahnhof für die 712 einzuplanen (Die Kosten der
Rampe sind aber nicht in den 1,27 Mrd. DM enthalten). Desweiteren wird
in Reaktion auf die U-Bahn-Pläne überlegt, die 701 von Eller
(auf dem bisherigen Linienweg der 715) über die Innenstadt nach Rath
zu führen und die 715 von ihrem alten Weg von Unterrath ab dem Graf-Adolf-Platz
zum Südfriedhof fahren zu lassen.
Grafik: VCD-Kreisverband Düsseldorf
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