Alles wieder gutgemacht?

Am 9.11. vor 61 Jahren wütete der antisemitische deutsche Mob gemeinsam mit der SA auf der Straße. Die Tage andauernden Pogrome gegen "alles Jüdische" gingen unter dem zynischen Namen "Reichskristallnacht" in die Geschichte ein - eine Anspielung auf die im Feuerschein glitzernden Glasscherben, eingeschlagen von der entfesselten deutschen Volksgemeinschaft. Seit der Wiedervereinigung wird lautstark gefordert, den 9.11.1989 als neuen gemeinschaftsstiftenden Gedenktag zu veranstalten: Der Mauerfall soll hierbei als Symbol der "neuen" deutschen Volksgemeinschaft stehen - diesmal die der Guten und der "Befreiten"... Befreit wovon?

Antisemitismus 1999

Geschichtsbewußt zum "Tag der Einheit" verwüsteten Unbekannte den jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Über hundert Grabsteine wurden umgeworfen und zum Teil zerschlagen, auf das Denkmal für die deportierten Juden wurden Hakenkreuze geschmiert. Eine Woche später wurden am selben Ort sogar Sprengsätze entdeckt, die glücklicherweise nicht gezündet haben. Ein Tat begangen von verirrten Einzeltätern?
Rassistische und antisemitische Straftaten sind mittlerweile konstante Erscheinungsformen des sich so "nomal" gerierenden vereinigten Deutschlands. Der entfesselte Mob bekommt Zulauf und zwar nicht nur im "wilden Osten".
Auch in der Nähe Düsseldorfs schlugen Antisemiten zu: Von der Presse nahezu ignoriert verwüsteten Unbekannte im April dieses Jahres die Eingangspfosten des jüdischen Friedhofes in Velbert-Neviges und beschmierten 23 Grabsteine mit Hakenkreuzen und Symbolen neofaschistischer Gruppierungen.
Die militante Neonazi-Szene aus Düsseldorf stößt auch offen ins antisemitische Horn: "Deutschlands Feinde sitzen auf der Zietenstraße!" (Sitz der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf) So der O-Ton via Internet aus dem Dunstkreis des sog. "Nationalen Infotelefons Rheinland". Jenes Infotelefon für die Faschisten-Szene, betrieben von der neonazistischen "Kameradschaft Düsseldorf", bekundete per Anrufbeantworter zynisch "Beileid" für den Tod von Ignatz Bubis: "Ein Schelm, wer Böses dabei denkt", höhnten die Düsseldorfer Neonazis auf ihrer Ansage.
Aber nicht nur der offen nazistische Mob übt sich in solcher Art von "Befreiungsschlägen". Auch die "neue deutsche Mitte" übt sich fleißig in der Abwehr von Erinnerung und Verantwortung. Geschichtsrevisionismus und antisemitische Phrasen scheinen integraler Bestandteil dieser Abwehr zu sein. Die Rheinische Post z.B. scheint nicht umhinzukommen, im Nachruf auf Ignatz Bubis vom "reichen Juden" zu schwadronieren und dabei im Gegensatz zu ihren sämtlichen sonstigen Verherrlichungen kapitalistischer Inves-titions-freude ihrer plötzlichen Fremdheit zu "Spekulation" und "Immobiliengeschäften" Ausdruck zu verleihen.

Deutsche Befreiung

Von einer "sogenannten political correctness" befreien möchte sich auch Düsseldorfs neuer Oberbürgermeister. Was der OB Erwin damit meint, bekundete er in einer Rede im Hotel Nikko zum "Tag der Heimat": "Ich hoffe, daß auch diejenigen Medien bald ein bisschen weniger Sendezeit bekommen, die uns immer wieder ein schlechtes Gewissen einreden wollen, wenn wir den Begriff Heimat in den Mund nehmen oder von Heimatverbundenheit sprechen." Für Düsseldorfs neuen "Macher" gehört scheinbar auch die kritische Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen zu einem solchen medialen Angriff auf das schützenswerte deutsche Gewissen: "Bisher haben wir im Ältestenrat verhindern können, daß die Wehrmachtsausstellung nach Düsseldorf kommt, denn ich meine: es muß nicht wieder versucht werden, nun noch unbedingt auch noch denjenigen, die als Soldaten gekämpft haben, ein besonderes Etikett anzuheften, nur weil es besonders chic und modern ist." Die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" als Anschlag auf das gesunde deutsche Gewissen? Zumindest in diesem Punkt scheint der OB inhaltlich konform zu gehen mit jener Nazi-"Kameradschaft Düsseldorf", die auch schon massiven Protest angekündigt hat, falls die Ausstellung in Düsseldorf gezeigt wird.
Von was will sich dieses ganze Sammelsurium gepeinigter Deutscher eigentlich "befreien"?
Es ist die angebliche "Moralkeule Auschwitz" (Walser), die nicht nur von deutschen Friedens-preis-trägern angeprangert wird in ihrer Deutsch-tümelei. Auch der neue deutsche Kanzler wischt die Entschädigungsforderungen ausgebeuteter ZwangsarbeiterInnen mit dem Hinweis vom Tisch, daß dabei bloß "zwielichtige Interessen" von "bestimmten Berufsgruppen" im Spiel seien. Davon wollte sich die deutsche Volksgemeinschaft auch damals schon "befreien". Deshalb hat die Erinnerungs-Zermonie an die Pogrome etwas Gekünsteltes an sich im wiedervereinten Deutschland. Zur Identitätsstiftung der "Berliner Republik" gehört die Verherrlichung des Mauerfalls als Symbol eines völkischen Einheitsgedankens. Die anfängliche Parole auf den Leipziger Montags-Demos "Wir sind das Volk" wurde ersetzt durch den geschürten Nationaltaumel. "Wir sind EIN Volk" hieß dann die eigentliche Helden-Parole. Ein solch völkischer Vereinigungstaumel schließt die Erinnerung an die deutschen Verbrechen aus: "9.November - Ich war dabei!" Mit diesem Aufdruck auf T-Shirts rannten geschichts-vergessen die befreiten Deutschen bierseelig durch die Straßen.

Deutschland normal

Das nun "wiedervereinte Volk" der Deutschen bezieht seine Identität aus dem aggressiven Pochen auf "Normalität". Konstitutiv für dieses Drängen auf Normalität ist deshalb die rigerose Abwehr der Erinnerung an die eigenen Verbrechen. "Normal" sein heißt eben, nicht mehr mit Auschwitz konfrontiert zu sein; endlich wieder stolz darauf sein zu dürfen, "Deutscher" zu sein. Es beinhaltet, sich zu herbeihalluzinierten "Wurzeln" zu bekennen, ohne gesellschaftliche Verantwortung für die schlimmsten Verbrechen zu tragen, die ein völkischer Nationalismus je hervorgebracht hat. Dies schlägt sich auch in dem Ansteigen antisemitischer Einstellungen nieder. So waren es 1992 laut Meinungsumfragen 6% Ostdeutsche und 7% Westdeutsche, die angaben, "Juden nicht gern als Nachbarn" zu haben. Schon zwei Jahre später stieg dieses Ressentiment bei den Ossis auf 21% und bei den Wessis auf 22% an. Gewalt gegen Menschen, die als "Fremde" und "Eindringlinge" angesehen werden, hat seit der Vereinigung konstant zugenommen; ebenso antisemitische Schmierereinen und Gewaltakte. Das neue "Nationalbewußtsein" beinhaltet eine rassistische und antisemitische Grundhaltung. Als der verstorbene Präsident des Zentralrates der Juden, Ignatz Bubis, nach den rassistischen Exzessen in Rostock-Lichtenhagen öffentlich Solidarität mit den Flüchtlingen demonstrierte, schlug ihm Unverständnis und Hass entgegen. Die TV-Bilder von einem vor Erschütterung weinenden Bubis vor dem angebrannten Heim für die Asylbewerber riefen nicht etwa mehrheitlich Erschütterung hervor, sondern das Gegenteil. Was will der da, wurde gefragt. Noch 1998 hielt der Schlußstrich-Propagandist Martin Walser ihm diese Solidarität in besonders widerlicher Weise vor: "Wenn Sie auftauchen, dann ist das sofort rückgebunden an 1933 (...) Ich habe Sie im Fernsehen gesehen, in Lichtenhagen bei Rostock. Jetzt frage ich Sie, als was waren Sie dort? (...) Denn ich sah Ihr empörtes, ergriffenes Gesicht, begleitet vom Schein der brennenden Häuser, das war sehr heroisch." (FAZ, 14.12.1998) Da quillt der Hass offen heraus: "Der Jude" für "die Asylanten" und "gegen uns" - das ist das Bewußtsein der nationalisierten Deutschen und ihrer Medien-Michel. Laut einer Emnid-Umfrage von 1998 sind es mittlerweile 68% der Deutschen, die einen Schlußstrich unter die Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit fordern. Diese aggressive Abwehrhaltung bezieht sich auch auf die Auseinandersetzung mit aktuellem Rassismus und Antisemitismus. "Normal deutsch" zu sein beinhaltet genauso, sich nicht mehr vom "Ausland" oder von "Minderheiten" kritisieren lassen zu wollen, wenn in Deutschland jüdische Friedhöfe geschändet werden oder Asylunterkünfte brennen. "In anderen Ländern passiert das doch auch", heißt es; "warum wird auf uns Deutsche mit dem Finger gezeigt?" Es ist der offen propagierte Wille, endlich wieder "normal" nationalistisch und rassistisch sein zu dürfen; eben so wie "alle anderen auch".
Rassimus wirksam begegnen zu können, bedeutet deshalb, sich diesem gesamten nationalistischen Normali-sierungs-diskurs offensiv entgegenzustellen. Der völkische deutsche Nationalismus war es, der Auschwitz ermöglichte und er ist es heute wieder, der geschichts-ver-drängende Politiker, aggressiv-trotzige Patrioten, eine pathologisch um nationale Identität ringende Volksgemeinschaft, zerschlagende jüdische Grabsteine und rassistische Brandschatzungen hervorbringt. ³

Die Judenpogrome im November 1938 in Düsseldorf

Ein kritischer NS-Forscher bewertete die "Reichskristallnacht" jüngst folgendermaßen: "Die Pogromnacht war wohl das aufschlußreichste Ereignis der gesamten NS-Zeit. In diesen Stunden hätte das deutsche Volk Gelegenheit gehabt, Solidarität mit seinen jüdischen Mitbürgern zu bekunden. Statt dessen besiegelte es das Schicksal der Juden, indem es die Herrschenden wissen ließ, daß es mit dem eliminatorischen Unternehmen einverstanden war, selbst wenn einige Menschen lautstark gegen einzelne Maßnahmen protestierten." Der Nachweis dieses bereitwilligen und eliminatorischen Antisemitismus der deutschen Massen war es, der Daniel Jonah Goldhagen mit seinem Buch "Hitlers willige Vollstrecker" von der deutschen Presse so verübelt wurde.
Düsseldorf war ein Zentrum dieses reichsweit von der Naziführung entfesselten Pogroms.
Der Düsseldorfer Zeitzeuge Peter Baumöller erinnert sich an den 9.11.1938: "Als ich des Morgens aus der Reichsbahnunterführung von der Ellerstraße zum Mintropplatz kam, warfen SA-Leute gerade ein Klavier aus dem dritten Stock in die Tiefe. Beim Aufprall rissen sämtliche Klaviersaiten. Die schrillen Töne, die dabei entstanden, sind mir noch jahrelang durch Mark und Bein gegangen. (...) Ich lief dann Richtung Graf-Adolf-Straße. Überall zerbrochene Fensterscheiben, auf die Straße geworfene Waren (...) Als ich wieder nach Hause kam, traf ich bei meiner Großmutter die weinende Tante Erna an. Soweit ich mich erinnere, habe ich an diesem Tage zum erstenmal erfahren, daß meine Tante Jüdin war. Sie hatte ein Beschäftigungsverhältnis bei einer jüdischen Familie und hatte dort miterlebt, wie man deren ganzes Hab und Gut auf die Straße geworfen hatte. Auch ihr eigenes Zimmer wurde leergeräumt. Bei den Familiengesprächen an diesem Tage spielte das Schicksal meines Kinderarztes noch eine besondere Rolle. Dr. Nohlen wohnte in der Nähe des Bilker Bahnhofes. Meine Mutter bevorzugte diesen Arzt, weil er nicht nur für sein großes ärztliches Können bekannt war, sondern in gleichem Maße für die tiefe Zuneigung, die er seinen kleinen Patienten schenkte. Und nun hatte man dessen Praxis leergeräumt und den schwerbeschädigten Mann, der beide Beine verloren hatte, auch noch mißhandelt. Der jüdische Arzt heftete daraufhin seine beiden eisernen Kreuze erster und zweiter Klasse, die ihm verliehen worden waren, an die Brust und setzte sich so dekoriert auf die Trümmer seiner Praxis."


Es waren beileibe nicht nur die SA und der entfesselte Mob aus den Unterschichten, die in Düsseldorf wüteten. Genauso waren Ärzte der Städtischen Krankenanstalten und sogar Landgerichtsräte aktiv dabei, als die 1903 neu erbaute Synagoge auf der Kasernenstraße mit Teer und Benzin in Brand gesetzt wurde. Auch die jüdische Synagoge in Benrath und die kleine Synagoge der Ostjuden in der Kreuzstraße gingen in Flammen auf. Der antisemitische Mob tobte sich bis zum 11. November aus, demolierte nahezu alle jüdischen Geschäfte und Wohnungen in der Stadt und schreckte auch vor Mord nicht mehr zurück. Fünf Menschen wurden im Laufe dieses Pogroms ermordet, weitere fünf Menschen begingen aus Angst vor den wütenden Angreifern Selbstmord und zahlreiche Verletzte wurden in die Krankenhäuser eingeliefert.
Die Stadt Düsseldorf war es auch, in der jener gewalttätige und blutrünstige Exzess sogar noch durch die Errichtung eines sog. "Blutzeugengrabes" für den Nazi Ernst vom Rath offiziell gewürdigt wurde. Bekanntermaßen wurde dessen Erschießung von den Nazis zum Anlaß für die reichsweiten Pogrome genommen. Der Legationssekretär Ernst vom Rath, ein Nazi aus einer rheinischen Unternehmerfamilie, wurde von dem verzweifelten jungen Juden Herschel Grynspan in Paris angeschossen und erlag diesen Verletzungen am 9.11.1938, dem nationalsozialistischen Feiertag für Hitlers mißlungenen Aufmarsch zur Feldherrnhalle am 9.11.1923. Draufhin forderte die NSDAP-Führung eilig sämtliche Gauleitungen auf, gegen jüdische Geschäfte und Synagogen vorzugehen. Dies gab den Auftakt für die Pogrome. Nach den Exzessen wurde der Nazi Ernst vom Rath feierlich "heimgeführt in die Stadt seiner Väter", so der pathetische Nazi-Jargon zur Beerdigung auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof. Hitler selbst ließ es sich nicht nehmen, zum verklärten Totenakt aufzutreten. Die Rüstungsschmiede Rheinmetall ließ die Arbeiter auf den Straßen zum Trauerzug strammstehen und forderte in ihrer Werkszeitung auf, "den letzten in der Reihe der Blutzeugen für das neue Deutschland auf seinem Weg zu begleiten.".


Hintergrundinformationen aus:
Peter Baumöller: Es war nicht alles für die Katz'. Geschichten aus heißen und kalten Kriegstagen, Düsseldorf, 1998
Peter Hüttenberger: Düsseldorf in der Zeit des Nationalsozialismus, in: H. Weidenhaupt (hg.): Düsseldorf. Geschichte von den Ursprüngen bis ins 20. Jahrhundert, Band 3, Düsseldorf, 1989

 


"Sie wollten, daß die junge Generation erfuhr, was damals passiert war."

Interview mit dem kritischen Journalisten Heiner Lichtenstein (67) zu Pogromen, NS-Prozessen und Schlußstrich-Diskussionen zum Jahr 2000

Terz: Sie sind erst kürzlich im September mit der Josef-Neuberger-Medaille der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf ausgezeichnet worden. Deshalb zunächst herzlichen Glückwunsch!
H.L: Danke.
Terz: Der 9. November, der Jahrestag des Pogroms von 1938, war bis 1990 ein antinazistischer Gedenktag, an dem auch die offiziellen politischen Vertreter sich den Verbrechen Deutschlands stellen mußten. Nach dem 9. November 1989 wird auch oder sogar mehr des Falls der Mauer gedacht, und man kann den Eindruck gewinnen, daß der 9. November eine Art von heimlicher Nationalfeiertag der Deutschen geworden ist. Würden Sie dem zustimmen?
H.L.: Nein, ich würde dem sogar widersprechen. Erstens weil ich seit Jahr und Tag zum 9. November eingeladen werde, und das hat überhaupt nicht abgenommen, das hat sogar zugenommen. Zweitens haben wir uns schon Anfang 1990 als eine Gruppe von Journalisten zusammengetan und gesagt, wir müssen jetzt etwas unternehmen, damit der 9. November 1938 nicht untergeht und der 9. November 1989 nicht zu dem wird, was sie eben beschrieben haben. Ich habe den Eindruck, wir sind erfolgreich gewesen. Und ein Blick in die Zeitungen oder die Programme der öffentlich-rechtlichen Medien gibt mir, denke ich, auch Recht. Es gab Versuche, aber es ist nicht gelungen, den 9. November 1938 sozusagen vergessen zu machen und an seiner Stelle an das Ende der DDR zu erinnern. Das gibt es sicher bei runden Tagen; also dieses Jahr wird es einige Veranstaltungen zu Erinnerung an das Ende der Mauer geben, aber der 9. November 38 steht unverändert im Mittelpunkt.
Terz: Daß also in der Berichterstattung die Ereignisse vom 9. November 1989 den 9. November 1938 überlagern, diesen Eindruck würden Sie nicht teilen?
H.L.: Nein, gar nicht.
Terz: Sie sind 67 Jahre alt. 1938 waren Sie demnach 6 Jahre alt. Haben Sie persönlich Erinnerungen an die Verbrechen vom 9. November 1938?
H.L.: Ich stamme aus Chemnitz, das ist nicht weit von der Grenze zur Tschechischen Republik. Ich erinnere mich, daß meine Eltern entweder am 9. o der am 10. November aus Prag zurückkamen, und die waren entsetzt darüber, daß in Prag so viele Synagogen gebrannt haben. Prag ist ja schon im März 1938 von den Nazis besetzt worden. Das ist meine persönliche Erinnerung an dieses Datum. Daran, daß auch in Chemnitz die Synagogen gebrannt haben - wir wohnten ganz nah von Stefan Heym in einer Gegend, nicht weit davon war auch die Synagoge - daran habe ich keine Erinnerung.
Terz: Sie waren einer der ersten Beobachter von NS-Prozessen; hat es denn je Prozesse gegen die Täter vom 9. November 1938 gegeben?
H.L.: Ganz wenige . Die hätten eigentlich sofort 1945/46 anfangen müssen. Aber da wurde allgemein von den Stadtverwaltungen, in den Gemeinden erzählt: wir wissen nicht, wer das war; das waren die Leute aus der Nachbargemeinde. Und wir können auch die Feuerwehrleute nicht befragen, denn die Feuerwehrleute aus unserem Dorf waren gar nicht hier im Einsatz, die waren auch im Nachbarort. Und so sind kaum Prozesse geführt worden, weil man sagte, es gebe keine Zeugen. Alles Lüge! Es waren immer die Einheimischen, die Feuerwehrleute und auch die Brandstifter, also die SA-Leute.
Terz: Phoenix brachte am 2.10. eine Sendung zum 9. November. Titel: "Deutsche Schicksalstage". Darin wurde auch ein Deutscher interviewt, der dabei war, als in einer zerstörten Synagoge noch die Einrichtungsgegenstände demoliert wurden. Zitat: "Und da ham wir die Sachen da ... noch ... die da ... noch zerschlagen." Ob der Mann nach 1945 vor Gericht kam, fragte der Interviewer aber nicht.
H.L.: Wie überhaupt ungezählte NS-Verbrechen nie geahndet worden sind. Das fing an mit den Novemberpogromen, wo die ersten Verbrechen öffentlich sichtbar begangen wurden. Vorher hat es ja schon am 1. April 1933 den Boykott gegen jüdische Geschäfte gegeben; auch dafür ist kein Mensch nach 1945 bestraft worden, obwohl natürlich da zumindest Sachbeschädigungen und Körperverletzung begangen worden sind - noch keine Morde ...
Terz: ... Geschäftsschädigung ...
H.L.: ... natürlich, alles mögliche. Die rechtliche Verfolgung war ja sowieso erst vom 9. Mai 1945 an möglich. Also da hätte es überhaupt noch keine Verjährung geben können. Man wollte nicht! Man sagte, das ist vorbei. Adenauer hat im Oktober 1953 im Bundestag gesagt: "Es wird Zeit, daß wir mit der Nazi-Riecherei aufhören." Also die Schlußstrichmentalität hat es von Anfang an gegeben, und es war relativ schwierig, überhaupt solche Prozesse in Gang zu bringen.
Terz: 1960 in Münster waren sie als freier Mitarbeiter des WDR Beobachter beim NS-Prozeß gegen einen Medizinprofessor, der jüdischen KZ-Häftlingen ohne Betäubung Organproben entnommen hatte. Auf der Pressebank saßen Sie ganz allein. Was haben Sie damals über Ihre Kollegen gedacht, was über die desinteressierten Deutschen?
H.L.: Mir hat jedes Verständnis gefehlt. Münster ist eine mittelgroße Stadt. Viele Studenten, wenige Zeitungen. Aber natürlich auch Büros von Agenturen. Es war der zweite große NS-Prozeß in Münster. Und die Medien haben überhaupt keine Kenntnis davon genommen. Ich habe das nicht kapiert. Nach dem vierten, fünften Tag kamen die ersten Zeugen. Und da verschlug es mir völlig die Sprache, weil sich kein Mensch um die Zeugen gekümmert hat. Sie sprachen zum großen Teil nur gebrochen Deutsch oder gar kein Deutsch und irrten da völlig orientierungslos durch das relativ große Gerichtsgebäude, und die Leute gingen achtlos an denen vorbei. Also das Rote Kreuz, die christlich-jüdische Gesellschaft oder die Caritas hätten sich doch um sie kümmern müssen. Das hat kein Mensch getan.
Terz: Waren die Erlebnisse bei den Düsseldorfer NS-Prozessen ähnlich?
H.L.: Das waren zwei Welten.
Terz: Das war der Majdanek-Prozeß in Düsseldorf und ...
H.L.: ... und der Ganzenmüller-Prozeß um die Beteiligung der Reichsbahn an den Massendeportationen . Das war der erste Prozeß gegen die Wachmannschaften Treblinka, also einem Konzentrations- und Vernichtungslager und dann der einzige Prozeß in Deutschland gegen den Kommandanten eines Vernichtungslagers, Franz Paul Stangel. Beim Majdanek-Prozeß war das Interesse so groß, daß man sich anmelden mußte, wenn man mit einer Gruppe zuhören wollte. Schulklassen aus der ganzen BRD waren da, gut, schwerpunktmäßig aus NRW, aber sie sind auch aus Hamburg und Frankfurt gekommen. Es war sehr voll wegen des öffentlichen Interesses. Ich meine nicht das öffentliche Interesse der Medien, das ist immer sehr niedrig gewesen. Auch die Zeugenbetreuung funktionierte dort vorzüglich; die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und das Rote Kreuz haben Vorbildliches geleistet. Sie haben sich orientiert an dem, was 1963/64 in Frankfurt beim ersten Auschwitz-Prozeß zum ersten Mal praktiziert worden ist: die organisierte Hilfe für die Zeugen. In Düsseldorf klappte das sehr gut. Man ist mit ihnen Essen gegangen, man ist mit ihnen ins Theater gegangen, ist mit ihnen spazieren gegangen, man hat Ausflüge gemacht - um sie auf andere Gedanken zu bringen! Denn die waren ja plötzlich wieder in Majdanek während der Vernehmung. Und auch vorher, sie schlotterten vor Angst, wieder in ihre Vergangenheit gestürzt zu werden. Das sind ja traumatische Monate, die der Vernehmung vorausgingen.
Terz: Was waren die Erwartungen der Opfer, der Zeugen in den Düsseldorfer NS-Prozessen?
H.L.: Das kann ich in einem Satz zusammenfassen: Sie wollten, daß die junge Generation erfuhr, was damals passiert war. Ich habe mit Dutzenden Zeugen gesprochen und auch die Frage gestellt, die Sie jetzt gerade stellen. Und da haben sie dies ohne jede Ausnahme so beantwortet.
Terz: Stand im Mittelpunkt der NS-Prozesse in Düsseldorf eher die Maschinerie der Vernichtung oder aber die deutschen Täter?
H.L.: Das hing ganz von den Verfahren ab. Im Prozeß gegen Albert Ganzenmüller, den Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium - dieses hatte die Züge nach Auschwitz zur Verfügung gestellt - ging es um die Maschinerie der Vernichtung. Der Prozeß hat nicht lange gedauert, nach einiger Zeit wurde Ganzenmüller angeblich krank. Aber ohne diesen Prozeß wäre die Rolle der Reichsbahn nie geklärt worden. Deshalb war das ein ganz wichtiger Prozeß, auch wenn Ganzenmüller nicht bestraft worden ist. Im Prozeß kamen eigentlich keine Emotionen hoch, da ging es um Dokumente. "Das haben Sie unterschrieben?" - "Ja, aber das habe ich nicht gelesen." - "Aber hier ist die Unterschrift, und damit tragen Sie die Verantwortung." Im Majdanek-Prozeß und im Prozeß gegen die Wachmannschaften des Vernichtungslagers Treblinka, in dem die Warschauer Juden - 1 Million Menschen in 6 Monaten - umgebracht worden sind, ging es um die individuellen Verbrechen. Und im Majdanek-Prozeß, das war der größte NS-Prozeß, der je vor einem deutschen Gericht geführt worden ist, ging es um die individuelle Schuld der Angeklagten. Hier ging es darum, was hat der Angeklagte getan, was jene Angeklagte, woran erinnern sich Zeugen und Angeklagte. Danach richtete sich dann das Urteil.
Terz: Die Verdrängung der deutschen Verbrechen an den Juden erlebten Sie als Beobachter von NS-Prozessen. Im neuen großen Deutschland scheint das Thema jedoch eine gewisse Konjunktur zu haben: die Mahnmaldiskussion, die Goldhagendebatte, die Tagebücher V. Klemperers, die Ausstellung über Wehrmachtsverbrechen, eine beachtliche Zahl von Fernsehsendungen. Wie erklären Sie sich dieses Interesse, wo doch gerade seit dem Ende der DDR der Antifaschismus als "verordneter" diskreditiert ist und die Linke heute nur noch Neue Mitte sein will?
H.L: Auf den ersten Blick ist das ein Widerspruch. Ich habe vorhin an Adenauer 1953 erinnert: Schluß mit der "Nazi-Riecherei". Es gibt eine Wellenbewegung, die man überschreiben kann: die Schlußstrichdebatte. Es hat immer wieder Schlußstrichversuche gegeben - aber dann kam immer eine Gegenbewegung. Heute werden die Abstände dieser Wellenbewegung kürzer. Auf die Rede von Martin Walser in der Paulskirche kam ganz schnell und massiv die Gegenbewegung gegen den Schlußstrich. In Düsseldorf hat es die erste Ausstellung über die öffentliche Versteigerung von geraubtem jüdischen Eigentum gegeben. Das war ein Impuls, der sich über die ganze Republik ausgebreitet hat. In Kürze spricht Prof. Dreßen, der Verantwortliche dieser Ausstellung, wie ich konkret weiß, in Hamburg. Durch diese Ausstellung haben alle Finanzministerien der Bundesländer gesagt, hier gibt es keinen Persönlichkeitsschutz mehr, wir geben die Akten jetzt frei.
Terz: Michel Friedmann, Zentralratsmitglied der Juden in Deutschland, hat sich enttäuscht über das Geschichtsverständnis der neuen rot-grünen Regierung geäußert und den Antisemitismus in der Politik beklagt ("Die Woche" 37/99). Es gebe zahlreiche "populistische Signale, die eine fatale Sehnsucht nach Normalität bedienen." Kennzeichnend sei eine "oberflächliche Haltung des Belästigtseins", nach dem Motto: "Wir lassen uns von der Geschichte nicht mehr stören."
H.L.: Ich teile Friedmanns Beobachtung und auch seine Wertung. Gerhard Schröder hat unmittelbar nach seiner Wahl zum Bundeskanzler gesagt, er wolle die Probleme dieses Jahrhunderts nicht mit ins nächste Jahrhundert nehmen. Damit meinte er natürlich auch Auschwitz. Kurz darauf hat er sich korrigiert. Als die Debatte um die Entschädigung der Zwangsarbeiter begann, hat er sich korrigiert und gesagt, es gibt keinen Schlußstrich. Also hat er einfach seine Position verändert, und das ehrt ihn, wenn er sich eines besseren belehren läßt. Die große Erwartung vor dem Regierungswechsel, und ich muß jetzt einfließen lassen, ich bin auch SPD-Mitglied, die große Erwartung, die rot-grüne Regierung würde mehr in Sachen Holocaust oder Auschwitz tun, habe ich nie geteilt. Als Helmut Kohl Bundeskanzler wurde, hat er ungefähr das gesagt, was auch Schröder zu Beginn seiner Amtszeit gesagt hat: Jetzt ist Schluß. Aber gegen Ende seiner Amtszeit hat Helmut Kohl den Leo-Baeck-Preis vom Zentralrat der Juden erhalten für seine großen Verdienste auch um die Erinnerungsarbeit. Auch er hat gelernt. Nach meiner Einschätzung hat die konservative Regierung - die aber auch 16 Jahre Zeit hatte - insgesamt mehr für die Erinnerungsarbeit getan als die neue. Das kann sich ändern, man muß ihr Zeit lassen, aber bisher ist Michel Friedmann zurecht enttäuscht.
Terz: Die "Allgemeine Jüdische Wochenzeitung" (15.04.99) hat sich genötigt gesehen, unter dem Titel "Auschwitz im Kosovo?" die Versuche der rot-grünen Bundesregierung, die Verbrechen in der jugoslawischen Provinz Kosovo mit Auschwitz zu vergleichen, zurückzuweisen. Finden Sie auch, daß Joschka Fischer im Vergleich mit Ernst Nolte der effektivere Auschwitz-Relativierer ist?
H.L.: Hat Fischer das gesagt?
Terz: Ja, die Zeitung nannte "Schröder, Fischer, Scharping". Fischer sagte: "Nie wieder Auschwitz", als ob in Racak Gaskammern und Krematorien stehen würden.
H.L.: Das finde ich unverantwortlich. Auschwitz ist einmalig. Sonst müßte ich auch dulden, daß die Leute von KZ-Hennen reden. Vergleichen kann man alles, aber man kann es nicht gleichsetzen. Der systematische Völkermord, die Shoah, der Holocaust ist ohne Beispiel in der Weltgeschichte. Ich diskutiere mit solchen Leuten, aber ihren Standpunkt kann ich nicht teilen, weil er unhistorisch ist.
Terz: Vielen Dank, Heiner Lichtenstein.

Das Interview führte Karl Selent

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