Die Judenpogrome im November 1938 in Düsseldorf
Ein kritischer NS-Forscher bewertete die "Reichskristallnacht"
jüngst folgendermaßen: "Die Pogromnacht war wohl das aufschlußreichste
Ereignis der gesamten NS-Zeit. In diesen Stunden hätte das deutsche
Volk Gelegenheit gehabt, Solidarität mit seinen jüdischen Mitbürgern
zu bekunden. Statt dessen besiegelte es das Schicksal der Juden, indem
es die Herrschenden wissen ließ, daß es mit dem eliminatorischen
Unternehmen einverstanden war, selbst wenn einige Menschen lautstark gegen
einzelne Maßnahmen protestierten." Der Nachweis dieses bereitwilligen
und eliminatorischen Antisemitismus der deutschen Massen war es, der Daniel
Jonah Goldhagen mit seinem Buch "Hitlers willige Vollstrecker"
von der deutschen Presse so verübelt wurde.
Düsseldorf war ein Zentrum dieses reichsweit von der Naziführung
entfesselten Pogroms.
Der Düsseldorfer Zeitzeuge Peter Baumöller erinnert sich an
den 9.11.1938: "Als ich des Morgens aus der Reichsbahnunterführung
von der Ellerstraße zum Mintropplatz kam, warfen SA-Leute gerade
ein Klavier aus dem dritten Stock in die Tiefe. Beim Aufprall rissen sämtliche
Klaviersaiten. Die schrillen Töne, die dabei entstanden, sind mir
noch jahrelang durch Mark und Bein gegangen. (...) Ich lief dann Richtung
Graf-Adolf-Straße. Überall zerbrochene Fensterscheiben, auf
die Straße geworfene Waren (...) Als ich wieder nach Hause kam,
traf ich bei meiner Großmutter die weinende Tante Erna an. Soweit
ich mich erinnere, habe ich an diesem Tage zum erstenmal erfahren, daß
meine Tante Jüdin war. Sie hatte ein Beschäftigungsverhältnis
bei einer jüdischen Familie und hatte dort miterlebt, wie man deren
ganzes Hab und Gut auf die Straße geworfen hatte. Auch ihr eigenes
Zimmer wurde leergeräumt. Bei den Familiengesprächen an diesem
Tage spielte das Schicksal meines Kinderarztes noch eine besondere Rolle.
Dr. Nohlen wohnte in der Nähe des Bilker Bahnhofes. Meine Mutter
bevorzugte diesen Arzt, weil er nicht nur für sein großes ärztliches
Können bekannt war, sondern in gleichem Maße für die tiefe
Zuneigung, die er seinen kleinen Patienten schenkte. Und nun hatte man
dessen Praxis leergeräumt und den schwerbeschädigten Mann, der
beide Beine verloren hatte, auch noch mißhandelt. Der jüdische
Arzt heftete daraufhin seine beiden eisernen Kreuze erster und zweiter
Klasse, die ihm verliehen worden waren, an die Brust und setzte sich so
dekoriert auf die Trümmer seiner Praxis."
Es waren beileibe nicht nur die SA und der entfesselte Mob aus den Unterschichten,
die in Düsseldorf wüteten. Genauso waren Ärzte der Städtischen
Krankenanstalten und sogar Landgerichtsräte aktiv dabei, als die
1903 neu erbaute Synagoge auf der Kasernenstraße mit Teer und Benzin
in Brand gesetzt wurde. Auch die jüdische Synagoge in Benrath und
die kleine Synagoge der Ostjuden in der Kreuzstraße gingen in Flammen
auf. Der antisemitische Mob tobte sich bis zum 11. November aus, demolierte
nahezu alle jüdischen Geschäfte und Wohnungen in der Stadt und
schreckte auch vor Mord nicht mehr zurück. Fünf Menschen wurden
im Laufe dieses Pogroms ermordet, weitere fünf Menschen begingen
aus Angst vor den wütenden Angreifern Selbstmord und zahlreiche Verletzte
wurden in die Krankenhäuser eingeliefert.
Die Stadt Düsseldorf war es auch, in der jener gewalttätige
und blutrünstige Exzess sogar noch durch die Errichtung eines sog.
"Blutzeugengrabes" für den Nazi Ernst vom Rath offiziell
gewürdigt wurde. Bekanntermaßen wurde dessen Erschießung
von den Nazis zum Anlaß für die reichsweiten Pogrome genommen.
Der Legationssekretär Ernst vom Rath, ein Nazi aus einer rheinischen
Unternehmerfamilie, wurde von dem verzweifelten jungen Juden Herschel
Grynspan in Paris angeschossen und erlag diesen Verletzungen am 9.11.1938,
dem nationalsozialistischen Feiertag für Hitlers mißlungenen
Aufmarsch zur Feldherrnhalle am 9.11.1923. Draufhin forderte die NSDAP-Führung
eilig sämtliche Gauleitungen auf, gegen jüdische Geschäfte
und Synagogen vorzugehen. Dies gab den Auftakt für die Pogrome. Nach
den Exzessen wurde der Nazi Ernst vom Rath feierlich "heimgeführt
in die Stadt seiner Väter", so der pathetische Nazi-Jargon zur
Beerdigung auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof. Hitler selbst ließ
es sich nicht nehmen, zum verklärten Totenakt aufzutreten. Die Rüstungsschmiede
Rheinmetall ließ die Arbeiter auf den Straßen zum Trauerzug
strammstehen und forderte in ihrer Werkszeitung auf, "den letzten
in der Reihe der Blutzeugen für das neue Deutschland auf seinem Weg
zu begleiten.".
Hintergrundinformationen aus:
Peter Baumöller: Es war nicht alles für die Katz'. Geschichten
aus heißen und kalten Kriegstagen, Düsseldorf, 1998
Peter Hüttenberger: Düsseldorf in der Zeit des Nationalsozialismus,
in: H. Weidenhaupt (hg.): Düsseldorf. Geschichte von den Ursprüngen
bis ins 20. Jahrhundert, Band 3, Düsseldorf, 1989
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