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"Auch in Deutschland gibt es nicht die Bastion, die nicht zu verändern ist" |
"The VOICE - Africa Forum" ist die erste selbstorganisierte Gruppe von Flüchtlingen in Deutsch-land. Sie machte insbesondere durch ihren Kongreß Mitte des Jahres in Jena (siehe Terz 09.00), an der über 600 Menschen teilnahmen, auf sich aufmerksam. Aktion Knastmucke sprach mit Cho Lucas Ayaba, einem Sprecher von The VOICE, über ihren Kampf gegen die deutsche Flüchtlingspolitik. |
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Aktion Knastmucke: Was ist The VOICE? Cho Lucas Ayaba: The VOICE ist eine Organisation von Flüchtlingen
mit Sitz in Jena. Sie ist 1996 von einer Gruppe Flüchtlinge gegründet
worden, um die verschiedenen Interessen von Flüchtlingen in Deutschland
zu vertreten. Unser Ziel ist es, daß die Regierung in diesem Land
ihre Flüchtlingspolitik verändert. Da gibt es viele Dinge, die
verändert werden müssen, wie z.B. die Residenzpflicht, die Gutscheinregelung,
die Isolierung von Flüchtlingen, die Abschiebepolitik, alles Ausdruck
der rassistischen Behandlung von Flüchtlingen. AK: Wie sieht eure praktische Arbeit aus? Cho Lucas Ayaba: Wir haben viel zu tun. Im Moment beschäftigen wir uns mit der Politik der Landkreise, wie z.B. der Gutscheinregelung oder der Residenzpflicht. Auf dem Kongreß Mitte des Jahres in Jena haben wir beschlossen, gegen die Residenzpflicht vorzugehen. Die Residenzpflicht schränkt uns in unserer Bewegungsfreiheit ein, das verstößt selbst gegen das Menschenrecht auf Freizügigkeit. Das ist momentan das erste, was wir zur Zeit angehen wollen. Aber durch die deutsche Asylpolitik werden wir Flüchtlinge mit der gesamten Palette des Rassismus in diesem Land konfrontiert. Da wird man mit der feindlichen Einstellung vieler Beamter gegenüber Ausländern konfrontiert; Rechtsanwälte, die uns in den Asylverfahren gestellt werden, machen gemeinsame Sache mit dem Staat. Man wird mit der Vorverurteilung von Menschen konfrontiert, wir werden wie Kriminelle behandelt. Wir wollen dafür kämpfen, daß es unser Recht ist, nach Deutschland zu fliehen. Sie sollen dies endlich akzeptieren und ihre rassistische Abschiebepolitik und diskriminierende Behandlung beenden. AK: Zur Zeit konzentriert ihr Euch noch sehr stark auf die Residenzpflicht. Was ist die Residenzpflicht? Cho Lucas Ayaba: Die Residenzpflicht ist ein Gesetz in Deutschland,
das vergleichbar ist mit Gesetzen aus Südafrika oder Amerika, wo
es den Schwarzen nicht erlaubt worden ist, sich in den Bereichen aufzuhalten,
wo Weiße waren. Uns wird es verboten, den Landkreis, wo wir als
Flüchtlinge gemeldet sind, zu verlassen. AK: Gegen Cornelius Yufanyi hat am 12. Oktober ein Prozeß begonnen, weil er den Landkreis, in dem er gemeldet ist, verlassen hat. Er hat sich geweigert, die Geldstrafe wegen des Verstoßes gegen die Residenzpflicht zu bezahlen. Was ist der Stand des Prozesses? Cho Lucas Ayaba: Der Prozeß von Cornelius selbst ist erst
einmal gut verlaufen. Es sind 30- 40 Leute nach Worbis mobilisiert worden.
Des weiteren hatte Cornelius 3 Anwälte aus Berlin gehabt, die den
rassistischen Charakter des Gesetzes der Residenzpflicht belegen und damit
den Richter stark unter Druck setzen konnten. Der Richter hat den Prozeß
zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben. Wir wissen nicht, ob der
Prozeß überhaupt noch weitergeführt wird. AK: Lauft ihr nicht Gefahr, aufgrund des Verstoßes gegen die Residenzpflicht abgeschoben zu werden? Cho Lucas Ayaba: Wenn Du von der Polizei erwischt wirst, erklären
sie Dir als erstes, daß Du gegen das Gesetz verstoßen hast.
Anschließend erhältst Du einen Strafbefehl. Wir haben entschieden,
daß wir diese Strafbefehle nicht bezahlen werden. Wenn Sie Dich
für schuldig halten, mußt Du dann dafür ins Gefängnis
gehen. Als letzte Konsequenz wirst Du aufgrund des Verstoßes gegen
die Residenzpflicht abgeschoben. AK: Was hat sich an der Situation von Flüchtlingen faktisch verändert, seitdem SPD und Grüne die Regierung stellen? Cho Lucas Ayaba: Seit der rot-grünen Regierung hat sich für uns nichts verändert. Im Grunde sehen wir uns mit den gleichen Bedingungen konfrontiert wie vorher auch. Nur ist es schwieriger geworden, mit Kritik in der Öffentlichkeit anzukommen. Auch wenn die SPD und die Grünen, die momentan die Regierung stellen, sich als besonders offen und humanitär geben, vermeiden sie, das Thema der Flüchtlinge zu unseren Gunsten aufzugreifen. Mit den neuesten Vorstößen der CDU, die Immigration zum Wahlkampfthema zu machen, wird auch die SPD noch weiter die Gesetze verschärfen, damit rechnen wir zumindest. Die einzigen, mit denen wir die Erfahrung machen, gut zusammenarbeiten zu können, sind die Leute, die gegen den Rassismus, Faschismus und Neonazismus kämpfen. Das sind im Moment unsere einzigen politischen Partner. AK: In Frankreich gibt es die Bewegung der Sans-Papier (Anm.: eine Bewegung illegalisierter Flüchtlinge afrikanischer Herkunft, die um Bleiberecht kämpfen). Sind die Sans-Papier für Euch ein Vorbild, nach dem ihr versucht hier Flüchtlinge zu organisieren? Cho Lucas Ayaba: Die Bewegung der Sans-Papier hat andere Voraussetzungen
gehabt als wir. Viele Flüchtlinge in Frankreich beherrschen aus der
Zeit der Kolonialisierung die französiche Sprache und sind dadurch
in der Lage, sich in der Öffentlichkeit und auf den Behörden
zu artikulieren. Damit können sie ihre Isolation leichter durchbrechen.
Für uns gestaltet sich die Kommunikation häufig als Problem.
Wir verstehen die deutsche Sprache, wenn überhaupt, meist nur sehr
schlecht und sind daher häufig den Behörden eher hilflos ausgesetzt.
Das Problem der Kommunikation ist sehr entscheidend. Die Behörden
machen sich auch ein Spiel daraus. Sie sagen, sie könnten weder Englisch
noch Fränzösisch. Es ist auch etwas, was uns mental erschlägt.
AK: Wo siehst Du die Probleme bei der Selbstorganisation von Flüchtlingen? Cho Lucas Ayaba: Das größte Problem bei der Organisierung
von Flüchtlinge ist die Flüchtlingspolitik der BRD. Die Flüchtlinge
sind isoliert, sie sind überall im Land zerstreut und durch die Residenzpflicht
in ihrem Landkreis eingesperrt. Es wird uns erschwert zu reisen. Die Isolation
ist auch ein mentales Problem. Wir können untereinander nur sehr
schwer über unsere Probleme diskutieren. Das sind für uns die
eigentlichen Probleme bei der Organisierung von Flüchtlingen. AK: Was habt ihr Euch für konkrete Ziele für die nächste Zeit gesetzt? Cho Lucas Ayaba: Also, als erstes versuchen wir Flüchtlinge an möglichst vielen Orten in The VOICE organisieren, was auch bedeutet, in den Ortschaften Aktionen durchzuführen. Das ist sehr wichtig. Des weiteren planen wir eine große Demonstration in Berlin im kommenden Jahr gegen die Residenzpflicht. Wir werden das in den nächsten Tagen und Wochen konkreter machen. Das alles ist schon eine Menge Arbeit, aber wir werden es schaffen. Wir werden nicht zurücktreten von unseren Forderungen und wir werden bis zum Ende gehen. AK: Und wie kann man Euch als Organisation oder als Einzelperson unterstützen? Cho Lucas Ayaba: Ja, weißt Du, allein zu sehen, daß es auch Leute in diesem Land gibt, die gegen das System kämpfen, bedeutet schon sehr viel. Das ist eine große moralische Unterstützung. Einen Kontakt zueinander zu haben, daß man sich austauschen kann und man sich gegenseitig unterstützt. Und natürlich gibt es auch die praktischen Dinge, wie z.B. uns beim Organisieren von Aktionen zu helfen oder die Möglichkeit zum Transport von Leuten zu haben. Das hilft uns enorm weiter, weil wir einfach auch wenig Geld haben. AK: Cho Lucas Ayaba, wir danken Dir für dieses Gespräch.
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