Antifaschistische Aktivitäten und Neues aus der Naziszene
Anmelder der Hagener Neonazi-Demonstration lebt in Düsseldorf
Mit einer 15minütigen unüberhörbaren antifaschistischen Kundgebung
vor dem Haus Nr. 11 auf der Heckteichstraße in Düsseldorf-Gerresheim
sorgten am frühen Morgen des 16. November circa 30 AntifaschistInnen dafür,
daß die Nachtträume vom großen Reich des Neonazis Maik Müller
noch vor Morgengrauen ein plötzliches Ende fanden. "Deutschlands Erwachen"
hatte sich Müller sicherlich anders vorgestellt. Später wurden am
nahen Gerresheimer S-Bahnhof hunderte von Informationsflugblättern an zur
Arbeit fahrende Gerresheimer BürgerInnen verteilt. Diese wurden gebeten,
daran mitzuwirken, deutlich zu machen, daß Neonazis auch in Gerresheim
unerwünscht sind. Sie wurden weiterhin aufgefordert, nicht zuzulassen,
daß sich Neonazikader in ihrer Nachbarschaft ungestört eine sichere
Zuflucht schaffen. Erst 20 Minuten nach der Aktion traute sich Maik Müller
aus dem Haus, um verspätet sein Tageswerk zu beginnen.
Wer zum Teufel ist Maik Müller?
Der kürzlich von Hagen nach Düsseldorf gezogene Maik Müller ist
Anmelder der am Tag darauf, also am 17. November stattgefundenen Neonazidemonstration
in Hagen, die unter dem Motto "Völkische Gemeinschaft statt Überwachungsstaat"
stand und an der 180 Personen teilnahmen, darunter auch Delegationen aus Hamburg,
Schleswig-Holstein, Baden- Württemberg, Hessen und Sachsen-Anhalt. Auch
eine Gruppe von 21 Neonazis aus Düsseldorf und dem Kreis Mettmann hatten
sich an diesem Tag unter der Leitung von Sven Skoda auf den Weg nach Hagen gemacht
um "Hier marschiert der braune Mob" skandierend durch Hagen-Wehringhausen
zu ziehen und den Reden von Christian Worch (Hamburg), des NPD-Funktionärs
und Chefs der "Revolutionären Plattform in der NPD", Steffen
Hupka aus Quedlinburg, sowie des Würzburgers Hartmut Wostupatsch (ehemals
"Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationaler Aktivisten") zu lauschen.
Der 21jährige Maik Müller ist selbsternannter "Kameradschaftsführer"
der militant-neonazistischen "Freien Nationalisten Hagen/Lüdenscheid",
einer Neonazigruppe, die seit längerer Zeit auf keinem bundes- oder NRW-weiten
Neonaziaufmarsch fehlt und aus deren Reihen schon mehrmals Angriffe auf ihnen
missliebige Personen gestartet wurden. Müller, gegen den derzeitig aufgrund
des öffentlichen Rufens der Parole "Ali, Mehmet, Mustafa - geht zurück
nach Ankara!" wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt wird, gehört
neben den heutigen Ennepetalern Ronald Guziewski, Mark von Orth (beide ehemals
Hagen) und Michael Müller (ehemals Gevelsberg) sowie dem Hagener Renè
Gehrke zum Führungskreis der "Freien Kameradschafts"strukturen
im Raum Hagen, Ennepetal, Gevelsberg und dem Märkischen Kreis. Neben seiner
politischen Arbeit in Hagen hat er aber auch bereits damit begonnen, Kontakte
zu rechten Jugendlichen in Gerresheim zu knüpfen. So verwundert es auch
nicht, daß in letzter Zeit in Gerresheim immer häufiger alternative
Jugendliche - zumeist jüngere Punks - und ausländische MitbürgerInnen
bedroht werden und sogar kürzlich die Schilder einer Bushaltestelle mit
Pappen mit der Aufschrift "Rudolf-Hess-Straße" überklebt,
also die Haltestelle symbolisch nach Hitlers Stellvertreter, der 1987 im alliierten
Kriegsverbrechergefängnis in Berlin Spandau verstarb, umbenannt wurde.
Aufkleber von Maik Müllers Gruppe, für die er persönlich presserechtlich
verantwortlich zeichnet, findet man nicht nur in Gerresheim. Nachdem auf der
Flingeraner Flurstraße kürzlich die Scheiben des multikulturellen
Begegnungszentrums "Dialog-Zentrum der Kulturen" eingeworfen worden
waren, fanden sich diverse solcher Aufkleber keine zehn Meter vom Tatort entfernt,
vermutlich ohne daß dieses bei der polizeilichen Beweissicherung zur Kenntnis
genommen wurde - wie so oft. Wenn man lediglich nach "betrunkenen Randalierern"
sucht, findet man eben im Regelfall auch keine neonazistischen Hinterlassenschaften.
Hausbesuche - ein Service der ANTIFA
Der ANTIFA-KOK teilte am 16. November in einer Presseerklärung mit, daß
"der heutige antifaschistische Hausbesuch (...) als eine weitere Aktion
mit dem Bestreben, Kader der extremen Rechten aus der Dunkelheit ihrer Anonymität
zu reißen, aus der heraus sie ihre menschenverachtende Politik betreiben,
und sie öffentlich anzuprangern" zu verstehen sei.
Müller war der zweite Neonazi, der in den Tagen vor der Neonazidemonstration
in Hagen einen antifaschistischen Hausbesuch bekam. Bereits drei Tage zuvor
fand eine Aktion vor dem Haus des Hagener Neonazis Renè Gehrke statt,
der bis zu diesem Zeitpunkt als Anmelder der Hagener Demo fungiert hatte, diese
Aufgabe dann aber an Müller abgegeben hatte. Laut Angaben der Hagener Lokalausgabe
der "Westfälischen Rundschau" vom 15. November hatten "junge
autonome Antifa-Angehörige aus ganz NRW" im Rahmen einer Spontandemo
im Wohnumfeld von Gehrke lebende "Anwohner (...) darüber aufgeklärt,
dass unter ihnen der erste Anmelder des Naziaufmarsches am Samstag lebt."
In der Vergangenheit hatten bereits von Orth, Michael Müller und Ronald
Guziewski unerwünschten Besuch bekommen. "Weitere Aktionen wurden
angekündigt", berichtete die WR in ihrem ungewöhnlich sachlichen
und wohlwollenden Artikel. Die Düsseldorfer Lokalpresse erwähnte die
Gerresheimer Aktion indes mit keinem einzigen Wort.
Es bleibt, gespannt abzuwarten, wer als nächstes den antifaschistischen
Service unaufgefordert in Anspruch nehmen darf.
(PB)
Nachgedacht und mitgemacht!! Ein Nachtrag der TERZ:
Wetten darauf, welcher Nazi aus Düsseldorf und dem Kreis Mettmann im Jahr
2002 als erster Besuch bekommen wird, nimmt die TERZ gegen Überweisung
von 5 € und der Nennung des vermuteten Besuchsempfängers auf dem Überweisungsträger
bis zum 31. Dezember (Kontoeingang) entgegen (Kontoverbindung siehe Impressum).
Die Wette kann auch bis zum 31.12. persönlich bei einer/m der Redaktionsmitglieder
abgeschlossen werden. Die komplette Einlage wird am Folgetag des Hausbesuchs
unter den GewinnerInnen aufgeteilt. Rechtswegler dürfen zwar mitspielen,
werden aber bei der Ausschüttung nicht berücksichtigt - zumindest
nicht finanziell. Sollte niemand richtig tippen, verbleibt der gesamte Betrag
als Spende bei - ja wo schon? - bei uns!
Weitere Neonazi-aufmärsche in NRW
Bis Mitte Januar stehen noch mindestens drei neonazistische Demonstrationen
ins Haus. Am 15.12. will der "Nationale Widerstand" auf Initiative
der nordrhein-westfälischen "Freien Kameradschaften" in Bottrop
"für den Erhalt der nationalen Energieversorgung" und "Gegen
die Abbau der Montanindustrie im Ruhrgebiet" demonstrieren. Weiter geht's
am 12. Januar mit einer von der "Bürgerbewegung Pro Köln"
angekündigten "Grossdemonstration" gegen den Straßenstrich
in Köln-Longerich. Last but not least sei noch der NPD-Aufmarsch am 19.1.
in Lüdenscheid erwähnt, der an "die Reichsgründung vom 18.
Januar 1871" erinnern will.
Vom Bundesverfassungsgericht verboten wurde die von "Freien Kameradschaften"
organisierte Demonstration zu Ehren von drei 1997 verunglückten Neonaziführern
am 24. November in Winterberg. Der Versuch, kurzfristig nach Lüdenscheid
auszuweichen, scheiterte am Verbot durch die Kreispolizeibehörde Iserlohn.
Stattfinden konnte jedoch die erst am 19. November vom Mark von Orth angemeldete
abendliche Demonstration "Todesstrafe für Kinderschänder!"
am 21. November in Schwelm, an der ca. 90 Neonazis teilnahmen. Redner war einmal
mehr Hartmut Wostupatsch aus Würzburg, der sich seit Juni diesen Jahres
auffällig oft in NRW blicken lässt. Auch der Düsseldorfer "Kameradschaftführer"
Sven Skoda gab sich einmal mehr die Ehre. Ebenfalls vor Ort erschienen war die
Düsseldorferin Vanessa Laass, die seit dem letzten Jahr kontinuierlich
die neonazistische Kaderleiter emporgeklommen ist und zwischenzeitlich ebenso
wie Skoda zur "Kameradschaftsführung" zählen dürfte.
Genetisch "Vertriebene"in Düsseldorf
"Gegen das Vergessen" lautete das Motto eines "Gedenkmarsches"
der "Schlesischen Jugend" (SJ), der für den 3.10. durch das Gebiet
um die Düsseldorfer Oderstraße an der Stadtteilsgrenze Eller/Lierenfeld
angekündigt worden war. Es reiche nicht aus, den Jahrestag des "gewaltfreien
Volksaufstand in Mitteldeutschland, mit dem das deutsche Volk das Ende der sowjetisch-marxistischen
Diktatur in der halben Welt einleitete" zu feiern, wenn nicht gleichzeitig
"der geraubten ostdeutschen Gebiete jenseits der Oder-Neisse-Unrechtsgrenze,
die zur Verwirklichung der deutschen Einheit fehlen" und "den 17 Millionen
Heimatvertriebenen, davon 3,5 Millionen Ermordete und 2 Millionen vergewaltigte
deutsche Frauen, sowie den 7 Millionen Landsleuten, die im alliierten Holocaust
nach 1945 in Kriegsgefangenen- und Arbeitslagern vom Leben befreit' wurden"
gedacht würde. Die hieraus eigentlich folgende Forderung nach Rückgabe
der Ostgebiete wird zwar von der Jugendorganisation der "Landmannschaft
Schlesien" (LMS) nicht ausgesprochen und großzügigerweise nur
die "Rückgabe zumindest des Privatbesitzes in Ostdeutschland"
und "die gerichtliche Bestrafung der noch lebenden Folterer, Vergewaltiger
und Mörder unserer Landsleute" gefordert, aber es dürfte allen
Beteiligten klar sein, worum es eigentlich geht: "Um die Rückgliederung
des Deutschen Ostens", wie es bereits im Programm der mit ca. 250.000 Mitgliedern
nicht gerade marginalisierten LMS vom 10.12.1953 heißt. Großen Wert
legen die LMS und SJ allerdings darauf, nicht mit erkennbaren Neonazis in Verbindung
gebracht zu werden. "Das Tragen und zeigen parteipolitischer Fahnen und
Zeichen (...) ist unerwünscht. (...) Militant oder english working
class' gekleidete Personen werden ebenfalls fern gehalten". Übersetzt:
REP-, DVU- und NPD-Fahnen bitte zu Hause lassen! Naziskins, bitte umziehen und
Mütze aufsetzen! Gründe für die Befürchtung, daß NPDler,
DVUler, REPs, "Freie Kameraden" und Naziskins in eindeutiger Kluft
und mit Fahnen auftauchen könnten, gibt es bei der politischen Positionierung
der SJ gewiß genügend. Und auch inoffizielle Kontakte dürfte
es reichlich geben. Nach Auskunft eines Düsseldorfer Szenekenners soll
es zum Beispiel schon seit längerer Zeit Kontakte zwischen einzelnen Mitgliedern
des Düsseldorfer Kreisverbandes der SJ zu REP- und Neonazi-Funktionsträgern
geben, eine Behauptung, die aber bislang vor Ort nicht zweifelsfrei zu belegen
sei. Bezeichnend sei jedoch, daß der amtierende Vorsitzende der Düsseldorfer
SJ, Christoph Wylezol, schon vor Jahren unter dem Stichwort "JN-Verteiler"
im Postverteiler des nordrhein-westfälischen Landesverbands der "Jungen
Nationaldemokraten" geführt worden sei. Würde man Wylezol darauf
ansprechen, dürfte er gewiß nicht erklären oder sich nicht daran
erinnern können, wie er da hineingeraten ist. Auf die Idee, sich die regelmäßige
Zusendung von JN-Informationsmaterial zu verbitten, ist er jedenfalls nicht
gekommen. Mit dem Erinnerungsvermögen scheint die gesamte SJ große
Schwierigkeiten zu haben. Vielleicht ist das ja auch der Grund für die
genetisch "Vertriebenen", in ihrem Aufruf "einen wahrheitsgetreuen
Geschichtsunterricht" zu fordern. Sie selbst begründen diese Forderung
allerdings wie folgt: "Die Leistungen unserer Vorfahren dürfen nicht
verschwiegen werden. Wir wollen stolz auf unsere Großeltern sein dürfen!".
Gründe genug, der Düsseldorfer SJ einmal einen Eindruck davon zu geben,
was Vertreibung eigentlich tatsächlich heißt. Erst recht, wenn man
bedenkt, daß sich die Düsseldorfer Gruppe zu einem der aktivsten
Kreisverbände der SJ gemausert zu haben scheint. Erst am 24. November richtete
sie im "Gerhart-Hauptmann-Haus" (ehemals: Haus des Deutschen Ostens)
auf der Düsseldorfer Bismarckstraße eine SJ-Bundesvorstandssitzung
aus.
www.terz.org - 26.11.2001