comixDie neuen Abenteuer des unglaublichen Orpheus
Schon der erste Band "Salut, Deleuze" hatte für
Furore gesorgt. Ist Philosophie mit Comic vereinbar? Oder aber ist Comic mit
Philosophie vereinbar? Martin tom Dieck als Zeichner und Jens Balzer als Autor
bejahen das ausdrücklich. Nur einfach, einfach ist das alles nicht.
Beim ersten Album brauchte tom Dieck nur neun Seiten zu zeichnen, die dann fünfmal
von Balzer mit verändertem Text gefüllt wurden. Diesmal mußte
er etwas mehr zeichnen, auch wenn es wieder um Rück- und Wiederkehr geht.
Nun ist der Philosoph Deleuze im Totenreich angekommen, aber er kommt gar nicht
dazu, seine Geschichte zu erzählen. Schon schwierig mit den philosophischen
Freunden. Und dunkel ist es auch nicht. Ein Maschinenbastler sorgt für
Licht. Also neue Aufgaben für den Philosophen. Im weiteren Verlauf versucht
er den Tod umzukehren und stößt auf Orpheus.
Balzer und tom Dieck haben den Spagat geschafft Comicfreunde und Philosophie-Interessierte
miteinander zu vereinen. Auch wenn viele Anspielungen auf Philosophen von einigen
gar nicht wahrgenommen werden können, so gibt es auch Anspielungen auf
Comics, in Form von dem alten Comic Crazy Cat, die von der anderen Seite wahrscheinlich
gar nicht verstanden werden. So haben die beiden Macher eine seltene Symbiose
geschafft. Philosophie-Interessierte für Comics zu begeistern und Comicfreunde
für Philosophie zu interessieren ist einmalig. Und das Unglaubliche: Sie
ist gelungen! Davon zeugt auch das Beiheft, das sich noch einmal ganz speziell
mit dem philosophischen Hintergrund und den zitierten Philosophen im Comic auseinandersetzt.
Die dort gelieferten Erklärungen sind nützlich, um in die Tiefe des
Comics vorzudringen. Sie sind aber nur ein zusätzlicher Anlaß, das
Comic noch einmal zu lesen. Sie sind nicht unbedingt von Nöten, um das
Comic auch ohne Erklärungen ergreifend zu finden. Dafür sorgen die
schönen kuriosen Zeichnungen von tom Dieck und die verstörenden Texte
von Balzer. Ein spannendes und faszinierendes Comic. Ein weiteres Meisterwerk.
Neue Abenteuer des
unglaublichen Orpheus
Martin tom Dieck/ Jens Balzer
Arrache Coeur / Edition Moderne
58 s/w Seiten + 16 Seiten Beiheft für 32 DM
comixJimmy Draht 5
Wie soll man Jimmy Draht bezeichnen? Sagen wir mal, es ist ein Multimediabuch,
was so ziemlich alles und nichts besagt. Die Einordnung fällt auf jeden
Fall schwer. Es ist ein kunstvoll gestaltetes Buch mit Single (!), vielen Geschichten
zwischen Reportage, Bericht und Essay von vielen verschieden Autoren , mit vielen
Comics, Zeichnungen und Fotos, das mit 1- bis 3-farbigen Seiten daherkommt.
Das liest sich jetzt kunterbunt an. Das ist es auch, aber es ist eine gelungene,
sehr kurzweilige Mischung ganz unterschiedlicher Genres. Fangen wir bei den
Geschichten an. Es fängt an mit einem Essay über den Münchner
Tatort Kommissar der 70 er Jahre, geht über auf den mittlerweile wiederentdeckten
Glenn Gould, eine Einführung in den Kuscheltelefonterror des Studio Braun
(bekannt von den goldenen Zitronen), die Erinnerungen eines Rentners an Streiks
in der Weimarer Republik und hört bei einem Bericht über den genialen
finnischen Allround-Künstlers Numinnen noch lange nicht auf. Von Numinnen,
u.a. der Tangovirtuose aus Finnland, gibt es eine Liveversion auf der Single.
Schon allein dafür lohnt sich der Kauf. Selten gab es etwas Schrägeres
zu hören. Des weiteren gibt es eine sich geheimnisvoll anhörende Version
von A portrait of Charles Mingus, ein irritierendes Lied von Club Le Bomb Gala
Band, das sich etwas nach einem Computerspiel anhört und von King Teledubby
die Hymne, die ganz entfernt an die Residents erinnert, Carnival of Assholes.
Ohne Kommentar, aber gut. Tja, ihr die ihr keinen Plattenspieler (mehr) euer
eigen nennt, ihr müsst leider draußen bleiben. Das Revival des Vinyl
ist nah.
Im Gegensatz zum Buch kommt das Label der Single ohne Zeichnung daher. In dem
Buch selber finden sich diverse bekannte Comickünstler. Es seihen nur einige
aufgeführt: der reichlich geniale Martin tom Dieck, der immer wieder irritierende
CX Huth, der immer gute Ulf K., und die vielen anderen hier Unbenannten, aber
deswegen nicht weniger Guten. Es ist ein gute Sammlung an Zeichnern, die beweist,
dass das Medium Comic erst am Anfang steht und die Entwicklung noch lange nicht
abgeschlossen ist. Ein wichtiger Punkt in der Entwicklung ist Jimmy Draht. Die
Zusammenführung und Verknüpfung ganz unterschiedlicher Ansätze,
Medien und Ausdrucksformen erweitert den Horizont aller Beteiligten und der
Leserschaft. Dass das Erfolg zeitigt, belegt die Tatsache, daß dies nun
schon das 5. Buch ist. Ganz hervorragend und weiter so!
Meikel F
Jimmy Draht 5
Ventil Verlag
über Reprodukt zu beziehen
128 Seiten, dreifarbig
mit Single für 35 DM
comixHerrensahne
Support your local act. Mit der Düsseldorfer Comicszene ist es ja leider
nicht weit her, umso schöner, dass mit "Herrensahne" ein Heft
bei den Comicdealern liegt, das aus dieser kleinen Provinzhauptstadt stammt.
Jetzt weiß ich zwar nicht, ob die MacherInnen wirklich alle hier wohnen,
aber das ist auch egal. Schön ist, dass es mit 8 DM ein wirklich gutes
Comicheft gibt. Auch wenn der Name anderes suggeriert, auch Damen sind hier
vertreten, was ja immer noch eher eine Ausnahme bedeutet. Die Stile sind sehr
unterschiedlich. Erstaunlich ist, dass die Qualität der Zeichnungen überwiegend
sehr hoch sind, was von den Stories nicht ganz so gesagt werden kann. Dabei
fängt das Ganze sehr vielversprechend an. Den Anfang macht ein Geschichte
über die Freundschaft einer Zecke mit einem Hirnwurm (jau, den gibt es
wirklich). Von den Zeichnungen sehr gut ist die sehr statisch gestaltete "Raststätte
Klobruch" und "Ich war niemals in New York". Am allerbesten ist
jedoch die Geschichte "Die Schablonski Brüder reiten wieder",
die leider ohne Bilder daherkommt. Ein literarischer Leckerbissen, der gekonnt
Günter Jauch mit dem Wilden Westen verbindet. Weiter so!
Bis zum 7. Dezember kann man "Herrensahne" auch in der Galerie Revolver,
Herrmannstr. 36 in 40233 Düsseldorf bewundern. Am Dienstag den 12.12. gibt
es dort um 12 Uhr 12 Geschichten, 12 Zeichner zu bewundern. Hingehen!
Meikel F
Herrensahne
Kontakt: herr.sahne@herrensahne.de
http://www.herrensahne.de
88 S für 8 DM
www.terz.org - 26.11.2001