fehritalesRemember the Alamo
Ich habe einen Nachbarn, der gerne laute Technosounds hört. Ich empfinde
das als Terror. Ergo gehört mein Nachbar in die Luft gesprengt, denn wir
befinden uns doch im Krieg gegen den Terror? Habe ich wieder alles falsch verstanden?
Na gut, dann versuche ich mich hier mal wieder als germanischer Yogi und sehe
in die Zukunft. Ich falle in tiefe Trance und schaue auf einen hohen Berg in
einer tief verschneiten kargen Winterlandschaft. Oben auf dem Berg sind die
Reste von 3900 Bundeswehrheinis auf einem Felsplateau und werden von verwegenen
und tapferen Kamelreitern umkreist, die wütend mit Musketen und Krummsäbeln
die arischen Friedensstifter niederstrecken. Die deutsche Flagge weht aber immer
noch, gehalten vom Verteidigungsminister. Ja, jetzt sehe ich Scharping in der
Heldenpose und er erinnert an niemand anderen als an General Custer am Little
Big Horn. Oder Moment mal, das Bild wird deutlicher: Da kommt ein Hubschrauber
und holt ihn und die Flagge heraus. Alle anderen fallen Kannibalen zum Opfer,
nur Rudi, der so gerne baden geht, bleibt uns erhalten. Es gibt halt keine Gerechtigkeit!
Anderes Szenario. Unsere Männer sind nach einem Militärputsch in Pakistan
(oder wahlweise Geldmangel wegen der kommenden Wirtschaftskrise) von jedem Nachschub
abgeschnitten und treten geschlossen zu den Taliban oder der Nordallianz oder
den Boy Scouts über. Nach einem Intensivkurs "Islam für Anfänger"
schwören sie heilige und ewige Rache und bereiten die Invasion Bayerns
vor, um mit der katholischen Kirche abzurechnen ... zu viel Schnaps, zu viele
Depressionen. Festzuhalten bleibt immerhin, daß der Betriebsausflug der
Volksgemeinschaft diesmal etwa doppelt so weit wie nach Stalingrad trage, aber
so weit wie Dien Bien Phu ist es doch noch nicht ...
Kommen wir zu ernsteren Dingen: Stephen Fry hat einen neuen Roman veröffentlicht.
Der Autor steht in der britischen Tradition einer gebildeten, snobischen und
sehr witzigen Schreibweise. Die Briten hatten halt Oscar Wilde zur selben Zeit
als wir Nietzsche hatten. Ok, der Vergleich ist unfair. Fry zu lesen macht Spaß,
aber sein neues Buch zündet bei mir nicht so richtig. "Der Sterne
Tennisbälle" ist eine bösartige Geschichte, in der ein Junge
wegen eines Streiches eifersüchtiger Jugendlicher für x Jahre in die
Psychatrie kommt und danach als blutiger Rächer wiederkehrt. So witzig
und kultiviert Fry auch schreibt, so ist die Geschichte einfach nicht originell.
Ein Mensch erleidet Unrecht und rächt sich. Weder sympathisch noch außergewöhnlich.
Viel besser gefällt mir da sein früherer Roman "Geschichte machen".
Wer in einer sehr menschenfreundlichen Darstellung wissen will, wie Leute mittels
einer Zeitreise den Führer der Deutschen verhindern wollen und dabei leicht
übers Ziel hinauszielen, sollte mal reinschauen.
Ein sehr wichtiges und dabei auch noch lesbares Buch hat der amerikanische Historiker
Richard Breitmann mit "Staatsgeheimnisse" vorgelegt. Wer wissen möchte,
was die westlichen Alliierten während des Krieges vom Holocaust wußten
und wieviel z.B. das amerikanische Finanzministerium und wie wenig das Außenministerium
desselben Landes dagegen tat, muß das hier lesen. Kurz gesagt: Durch die
Entschlüsselung des Funkverkehrs der deutschen Ordnungspolizei wußten
zumindest die Briten schon im Sommer 1941, worauf die deutsche Besatzungspolitik
im Osten hinauslief. Insgesamt tat man nicht viel, um die Ereignisse zu vehindern.
Ein trauriges, aber auch ein wichtiges Buch, wenn denn in diesen Zeiten noch
etwas Bedeutung hat.
Musikalisch gibt es diesen Monat nur eine Empfehlung. Die neue CD von den Eels
namens Souljacker ist wie immer bei ihnen sehr abwechslungsreich, jedoch diesmal
besonders gelungen. Von Kaputtnickrockern wie "Dog Faced Boy" über
versponnene Balladen a la "Friendly Ghost" bis hin zu den besten Beck-Stücken
die Beck selber nicht gemacht hat wie "Jungle Telegraph" ist hier
nichts dabei, was schlecht ist. Also nur ein Tip, dieser diemal aber besonders
dringend.
Zum Abschluß wieder eine Fahrkarte für die werte Leserschaft. Das
Terz-Gewinnspiel wurde mal wieder von niemandem gewonnen. Alle Antworten waren
falsch, bis hin zur Vermutung, daß es sich um einen Text der Ärzte
handeln könnte. Blödsinn, das arische Heiratsgesuch erschien im Jahre
1906 in der Wiener Antisemitenpostille Ostara. Ist doch ganz einfach. Hätte
man doch wirklich wissen können.
Nun gut, diesmal schraube ich das Niveau der neuen Frage deutlich runter. Aufgepasst,
stellt euch vor, ich wäre der fiese Jauch bei der 1 Million Mark Frage:
Welche dänische Punkrock Band brillierte 1979 mit einem Song namens R.A.F.?
Hat mir damals sehr gut gefallen. Preise wie gehabt und ansonsten wünsche
ich allen unvergessliche Weihnachtstage, so mit Schnee und Stau und Lieder singen
und seniler, aber gottesfürchtiger Oma usw. Banzai!
Fehri
PS. Eigentlich wollte ich vom Konzert der Dirtbombs im Kölner Underground berichten. Leider fiel das aus. Im Eingang des Ladens konnte ich dann nachlesen, daß der geniale Andre Williams einen Abend vorher dort spielte. Den Abend vorher verbrachte ich dummerweise ebenfalls in Köln. Was lernen wir? Zumindest manchmal werden Oberflächlichkeiten gnadenlos bestraft .
www.terz.org - 26.11.2001