"ULRIKE MARIE MEINHOF
Offener Brief an Farah Diba
Guten Tag, Frau Pahlawi,
die Idee, Ihnen zu schreiben, kam uns bei der Lektüre der "Neuen Revue"
vom 7. und 14. Mai, wo Sie Ihr Leben als Kaiserin beschreiben. Wir gewannen
dabei den Eindruck, daß Sie, was Persien angeht, nur unzulänglich
informiert sind. Infolgedessen informieren Sie auch die deutsche Öffentlichkeit
falsch.
Sie erzählen da: "Der Sommer ist im Iran sehr heiß, und wie
die meisten Perser reiste auch ich mit meiner Familie an die persische Riviera
am Kaspischen Meer."
"Wie die meisten Perser" - ist das nicht übertrieben? In Balutschestan
und Mehran z. B. leiden "die meisten Perser" - 80 Prozent - an erblicher
Syphilis. Und die meisten Perser sind Bauern mit einem Jahreseinkommen von weniger
als 100 Dollar. Und den meisten persischen Frauen stirbt jedes zweite Kind -
50 von 100 - vor Hunger, Armut und Krankheit. Und auch die Kinder, die in 14tägigem
Tagewerk Teppiche knüpfen - fahren auch die - die meisten? - im Sommer
an die Persische Riviera am Kaspischen Meer?
Als Sie in jenem Sommer 1959 aus Paris heimkehrend ans Kaspische Meer fuhren,
waren Sie "richtig ausgehungert nach persischem Reis und insbesondere nach
unseren natursüßen Früchten, nach unseren Süßigkeiten
und all den Dingen, aus denen eine richtige persische Mahlzeit besteht, und
die man eben nur im Iran bekommen kann".
Sehen Sie, die meisten Perser sind nicht nach Süßigkeiten ausgehungert,
sondern nach einem Stück Brot. Für die Bauern von Mehdiabad z. B.
besteht eine "persische Mahlzeit" aus in Wasser geweichtem Stroh,
und nur 150 km von Teheran entfernt haben die Bauern schon Widerstand gegen
die Heuschreckenbekämpfung geleistet, weil Heuschrecken ihr Hauptnahrungsmittel
sind. Auch von Pflanzenwurzeln und Dattelkernen kann man leben, nicht lange,
nicht gut, aber ausgehungerte persische Bauern versuchen es - und sterben mit
30; das ist die durchschnittliche Lebenserwartung eines Persers. Aber Sie sind
ja noch jung, erst 28 - da hätten Sie ja noch zwei schöne Jahre vor
sich -, "die man eben nur im Iran bekommen kann".
Auch die Stadt Teheran fanden Sie damals verändert: "Gebäude
waren wie Pilze aus dem Boden geschossen; die Straßen waren breiter und
geräumiger. Auch meine Freundinnen hatten sich verändert, waren schöner
geworden, richtige junge Damen."
Die Behausungen der "unteren Millionen" haben Sie dabei geflissentlich
übersehen, jener 200000 Menschen, die im Süden Teherans "in unterirdischen
Höhlen und überfüllten Lehmhütten leben, die Kaninchenställen
gleichen", wie die New York Times schreibt. Dafür sorgt die Polizei
des Schah, daß Ihnen so was nicht unter die Augen kommt. Als 1963 an die
tausend Menschen in einer Baugrube in der Nähe der besseren Wohnviertel
Unterschlupf gesucht hatten, prügelte eine Hundertschaft von Polizisten
sie da heraus, damit das ästhetische Empfinden derer, die im Sommer ans
Kaspische Meer fahren, nicht verletzt würde. Der Schah findet es durchaus
erträglich, daß seine Untertanen in solchen Behausungen leben, unerträglich
findet er lediglich ihren Anblick für sich und Sie etc. Dabei soll es den
Städtern noch vergleichsweise gut gehen. "Ich kenne Kinder - heißt
es in einem Reisebericht aus Südiran -, die sich jahrelang wie Würmer
im Dreck wälzen und sich von Unkraut und faulen Fischen ernähren."
Wenn diese Kinder auch nicht die Ihren sind, worüber Sie mit Recht heilfroh
sein werden - so sind es doch Kinder.
Sie schreiben: "In Kunst und Wissenschaft nimmt Deutschland - ebenso wie
Frankreich, England, Italien und die anderen großen Kulturvölker
- eine führende Stellung ein, und das wird auch in Zukunft so bleiben."
... Aber warum nicht rundheraus gesagt, daß 85 Prozent der persischen
Bevölkerung Analphabeten sind, von der Landbevölkerung sogar 96 Prozent
oder: Von 15 Millionen persischen Bauern können nur 514480 lesen. Aber
die 2 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe, die Persien seit dem Putsch gegen
Mossadegh 1953 bekommen hat, haben sich nach den Feststellungen amerikanische
Untersuchungsausschüsse "in Luft verwandelt", die Schulen und
Krankenhäuser, die davon u. a. gebaut werden sollten, bleiben unauffindbar.
Aber der Schah schickt jetzt Wehrpflichtige auf die Dörfer, um die Armen
zu unterrichten, eine "Armee des Wissens", wie man sie selbstentlarvend
nennt. Die Leute werden sich freuen, die Soldaten werden sie Hunger und Durst,
Krankheit und Tod vergessen lassen. Sie kennen den Satz des Schahs, den Hubert
Humphrey taktloserweise verbreitet hat: "Die Armee sei dank der US-Hilfe
gut in Form, sie sei in der Lage, mit der Zivilbevölkerung fertig zu werden.
Die Armee bereitet sich nicht darauf vor, gegen die Russen zu kämpfen,
sie bereitet sich vor, gegen das iranische Volk zu kämpfen."
Sie sagen, der Schah sei eine "einfache, hervorragende und gewissenhafte
Persönlichkeit, einfach wie ein ganz normaler Bürger."
Das klingt ein wenig euphemistisch, wenn man bedenkt, daß allein sein
Monopol an Opium-Plantagen jährlich Millionen einbringt, daß er der
Hauptlieferant der in die USA geschmuggelten Narkotika ist und daß noch
1953 das Rauschgift Heroin in Persien unbekannt war, indes durch kaiserliche
Initiative heute 20 Prozent der Iraner heroinsüchtig sind. Leute, die solche
Geschäfte machen, nennt man bei uns eigentlich nicht gewissenhaft, eher
kriminell und sperrt sie ein, im Unterschied zu den "ganz normalen Bürgern".
Sie schreiben: "Der einzige Unterschied ist, daß mein Mann nicht
irgendwer ist, sondern daß er größere und schwerere Verantwortung
als andere Männer tragen muß."
Was heißt hier "muß"? Das persische Volk hat ihn doch
nicht gebeten, in Persien zu regieren, sondern der amerikanische Geheimdienst
- Sie wissen: der CIA - und hat sich das was kosten lassen. 19 Millionen Dollar
soll allein der Sturz Mossadeghs den CIA gekostet haben. Über den Verbleib
der Entwicklungshilfe können nur Mutmaßungen angestellt werden, denn
mit dem bißchen Schmuck, den er Ihnen geschenkt hat - ein Diadem für
1,2 Millionen DM, eine Brosche für 1,1 Millionen DM, Diamantohrringe für
210000 DM, ein Brillantarmband, eine goldene Handtasche -, sind 2 Milliarden
ja noch nicht durchgebracht. Aber seien Sie unbesorgt, das westliche Ausland
wird nicht kleinlich sein, den Schah wegen ein paar Milliarden Unterschlagungen,
Opiumhandel, Schmiergeldern für Geschäftsleute, Verwandtschaft und
Geheimdienstler, dem bißchen Schmuck für Sie zu desavouieren. Ist
er doch der Garant dafür, daß kein persisches Öl je wieder verstaatlicht
wird, wie einst unter Mossadegh, nicht bevor die Quellen erschöpft sind,
gegen Ende des Jahrhunderts, wenn die vom Schah unterzeichneten Verträge
auslaufen. Ist er doch der Garant dafür, daß kein Dollar in Schulen
fließt, die das persische Volk lehren könnten, seine Geschicke selbst
in die Hand zu nehmen; sein Öl für den Aufbau einer Industrie zu verwenden
und Devisen für landwirtschaftliche Maschinen auszugeben, um das Land zu
bewässern, des Hungers Herr zu werden. Ist er doch der Garant dafür,
daß rebellische Studenten und Schüler jederzeit zusammengeschossen
werden und Parlamentsabgeordnete, die das Wohl des Landes im Auge haben, verhaftet,
gefoltert, ermordet werden. Ist er doch der Garant dafür, daß eine
200000-Mann-Armee, 60000 Mann Geheimdienst und 33000 Mann Polizei, mit US-Geldern
gut bewaffnet und wohl genährt und von 12000 amerikanischen Armee-Beratern
angeleitet, das Land in Schach halten. Damit nie wieder passiert, was die einzige
Rettung des Landes wäre: die Verstaatlichung des Öls, wie damals am
1. Mai 1951 durch Mossadegh. Man soll dem Ochsen, der drischt, nicht das Maul
verbinden. Was sind die Millionen, die der Schah in St. Moritz verpraßt,
auf Schweizer Banken überweist, gegen die Milliarden, die sein Öl
der British Petroleum Oil Comp. (BP), der Standard Oil, der Caltex, der Royal
Dutch Shell und weiteren englischen, amerikanischen und französischen Gesellschaften
einbringt? Weiß Gott, es ist eine "größere und schwerere
Verantwortung", die der Schah für die Profite der westlichen Welt
tragen muß, als andere Männer.
Aber vielleicht dachten Sie gar nicht an das leidige Geld, vielleicht mehr an
die Bodenreform. 6 Millionen Dollar pro Jahr gibt der Schah dafür aus,
durch Public-Relation-Büros in der Welt als Wohltäter bekanntgemacht
zu werden. Tatsächlich waren vor der Bodenreform 85 Prozent der landwirtschaftlichen
Nutzfläche in Großgrundbesitz, jetzt sind es nur noch 75 Prozent.
Ein Viertel des Bodens gehört nun den Bauern, das sie zu einem Zinssatz
von 10 Prozent im Laufe von 15 Jahren abbezahlen müssen. Nun ist der persische
Bauer "frei", nun bekommt er nicht mehr nur ein Fünftel nein
zwei Fünftel (eins für seine Arbeitskraft, eins für den Boden,
der ihm gehört), die verbleibenden drei Fünftel bekommt auch in Zukunft
der Großgrundbesitzer, der nur den Boden verkaufte, nicht aber die Bewässerungsanlagen,
kein Saatgut nicht das Zugvieh. So gelang es, die Bauern noch ärmer, noch
tiefer verschuldet, noch abhängiger zu machen, noch hilfloser, gefügiger.
Fürwahr, ein "intelligenter, geistvoller" Mann, der Schah, wie
Sie sehr richtig bemerkten.
Sie schreiben über die Sorgen des Schahs um einen Thronfolger: "In
diesem Punkt ist das iranische Grundgesetz sehr strikt. Der Schah von Persien
muß einen Sohn haben, der eines Tages den Thron besteigt, in dessen Hände
der Schah später die Geschicke des Iran legen kann ... In diesem Punkt
ist das Grundgesetz äußerst streng und unbeugsam."
Merkwürdig, daß dem Schah ansonsten die Verfassung so gleichgültig
ist, daß er z. B. - verfassungswidrig - die Zusammensetzung des Parlaments
bestimmt und alle Abgeordneten vor ihrem Eintritt in das Parlament ein undatiertes
Rücktrittsgesuch unterzeichnen müssen. Daß keine unzensierte
Zeile in Persien veröffentlicht werden darf, daß nicht mehr als drei
Studenten auf dem Universiätsgelände von Teheran zusammenstellen dürfen,
daß Mossadeghs Justizminister die Augen ausgerissen wurden, daß
Gerichtsprozesse unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfinden,
daß die Folter zum Alltag der persischen Justiz gehört. Ist in diesen
Dingen vielleicht das "Grundgesetz doch nicht so strikt und unbeugsam?
Der Anschauung halber ein Beispiel für Folter in Persien: - "Um Mitternacht
des 19. Dezember 1963 begann der Untersuchungsrichter mit seiner Vernehmung.
Zunächst befragte er mich und schrieb meine Antworten nieder. Später
fragte er dann nach Dingen, die mich entweder nichts angingen oder von denen
ich nichts wußte. Ich konnte also nur antworten, daß ich nichts
wisse. Der Untersuchungsrichter schlug mir ins Gesicht und dann mit einem Gummiknüppel
zunächst auf die rechte, dann auf die linke Hand. Er verletzte beide Hände.
Mit jeder Frage schlug er erneut zu. Dann zwang er mich, nackt auf einer heißen
Kochplatte zu sitzen. Schließlich nahm er die Kochplatte in die Hand und
hielt sie an meinen Körper, bis ich bewußtlos wurde. Als ich wieder
zu mir kam, stellte er erneut seine Fragen. Er holte eine Flasche mit Säure
aus einem anderen Zimmer, schüttete den Inhalt in ein Meßglas und
tunkte den Knüppel ins Gefäß ... "
Sie wundern sich, daß der Präsident der Bundesrepublik Sie und Ihren
Mann, in Kenntnis all diesen Grauens, hierher eingeladen hat? Wir nicht. Fragen
Sie ihn doch einmal nach seinen Kenntnissen auf dem Gebiet von KZ-Anlagen und
Bauten. Er ist ein Fachmann auf diesem Gebiet.
Sie möchten mehr über Persien wissen? In Hamburg ist kürzlich
ein Buch erschienen, von einem Landsmann von Ihnen, der sich wie Sie für
deutsche Wissenschaft und Kultur interessiert, wie Sie Kant, Hegel, die Brüder
Grimm und die Brüder Mann gelesen hat: Bahman Nirumand: "Persien,
Modell eines Entwicklungslandes oder die Diktatur der Freien Welt", mit
einem Nachwort von Hans Magnus Enzensberger - rororo-aktuell Band 945, März
1967. Ihm sind die Fakten und Zitate entnommen, mit denen wir Sie oberflächlich
bekanntgemacht haben. Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die nach der
Lektüre dieses Buches noch nachts gut schlafen können, ohne sich zu
schämen.
Wir wollten Sie nicht beleidigen. Wir wünschen aber auch nicht, daß
die deutsche Öffentlichkeit durch Beiträge, wie Ihren in der "Neuen
Revue", beleidigt wird.
Hochachtungsvoll
Ulrike Marie Meinhof"
Übrigens, Ulrike Meinhof hat sich im Knast umgebracht. Ex-Kaiserin Farah
Diba tourt durch die Welt und mimt die Menschenfreundin.
Henrici
www.terz.org - 26.11.2001