Gut gegeben
Am 9.November besprühte Raimond das Kanzleramt zu Berlin. Das Friedenszeichen
und die fetzige Parole "Make Love not War" waren das Ergebnis seines
mutigen Handelns. Was Raimond sonst noch in Berlin erlebte, erzählt er
im Interview.
Raimond, wie kam es zu Deiner Aktion?
R.: Na ja, ich habe schon länger darüber nachgedacht, eine Aktion
gegen den Krieg durchzuführen. Irgendwann habe ich dann mit einem Freund
im Kanzleramt gesprochen. Wir diskutierten über die Position der SPD, und
da sagte ich ihm, wenn ihr für den Krieg stimmt, sprühe ich das Friedenszeichen
aufs Kanzleramt.
Du hattest die Aktion also angekündigt?
R.: Ja, denn ich habe darüber hinaus auch noch mails an verschiedene Institutionen
und Parteien geschickt, unter anderem an die SPD, und mein Vorhaben mitgeteilt.
Wie lief die Aktion am Tag selber, also am 09. November 2001, ab?
R.: Ich bin gegen 15 Uhr losgezogen und habe zunächst Flugblätter
verteilt. Anschließend bin ich zum Kanzleramt und habe abgewartet, bis
die zwei Polizisten, die dort immer Streife gehen, um die Ecke gebogen waren.
Dann habe ich zuerst das Friedenszeichen gesprüht und mit dem Spruch MAKE
LOVE NOT WAR weitergemacht. Als ich beim NOT war, habe ich die Polizei kommen
sehen, konnte aber noch zu Ende sprühen, dann klickten die Handschellen
und die Polizei hat mich mitgenommen.
Wie ging es dann weiter?
R.: Zunächst brachten sie mich zur Gefangenensammelstelle in Berlin-Mitte.
Ich habe der Polizei gesagt, daß ich keine Angaben zu meiner Person mache,
um mich nicht zu belasten. Ich wurde eingeliefert, durchsucht, das ganze Programm
halt. Wieder wurde ich nach meiner Identität gefragt. Daraufhin forderte
ich, meinen Anwalt zu sprechen. Die Polizei sagte, das dürfe ich, sobald
ich meine Identität preisgegeben hätte.
Zwei Beamte des LKA übernahmen die Ermittlungen. Diesen gegenüber
versuchte ich erneut, mein Recht auf einen Anwalt durchzusetzen. Großzügigerweise
riefen sie die Strafverteidigernotrufnummer an. Und erst nachdem die Beamten
selbst mit dem Anwalt gesprochen hatten, gaben sie mir den Hörer.
Du durftest also nicht Deinen eigenen Anwalt sprechen?
R.: Nein, aber damit ja nicht genug. Das LKA unterbrach andauernd das Gespräch,
indem sie immer wieder versuchten, "meinem" Anwalt zu sagen, wie er
mich denn zu beraten habe. Es war nicht möglich, allein mit ihm zu sprechen.
Hat Dich das Ganze nicht eingeschüchtert?
R.: Eigentlich nicht, ich kenne ja meine Rechte. Verwirren lassen habe ich mich
erst durch die Aussage, das Kanzleramt habe bereits Strafantrag gestellt und
der Staatsanwalt die Haft beantragt. Ohne Strafantrag des Kanzleramtes wären
der Polizei irgendwann die Argumente für meine Gefangennahme ausgegangen,
und sie hätten mich laufen lassen müssen. Schließlich wurde
ich erkennungsdienstlich behandelt, natürlich ohne Ergebnis. Na ja, im
Laufe der Nacht brachten sie mich in eine Sammelzelle im Untersuchungsgefängnis
Tempelhofer Damm. Morgens hat dann das LKA meine Freilassung verfügt.
Mit welcher Begründung?
Sie hatten über meinen Vater meine Adresse herausbekommen und deshalb konnten
sie mich nicht weiter festhalten.
Was wolltest Du mit Deiner Aktion sagen?
Jeder Mensch ist in diesen Tagen aufgefordert, sein Gewissen zu befragen und
zu entscheiden, ob und in welcher Form sie oder er Widerstand gegen eine Regierung
leistet, welche in einem atemberaubenden Tempo das Grundgesetz demontiert, um
am Ende noch beispielsweise Silvio Berlusconi den Rang abzulaufen.
Eine letzte Frage: In den Medien wurdest Du teilweise als potentieller Attentäter
hochstilisiert. Wie findest Du das?
Wie sähe die Welt heute aus, wenn Mohammed Atta "FUCK CAPITALISM"
auf die Twin Towers gesprüht hätte...
Ach ja, der Spendenaufruf für die kommende Verhandlung:
KtNr.: 22 20 937
BLZ 100 700 24 Berlin
www.terz.org - 26.11.2001