Zwischen Versöhnungsarbeit und Image-Förderung
50 Jahre "Gesellschaft für Christlich-Jüdische
Zusammenarbeit"
Vor 50 Jahren gründete sich im Landtagsgebäude die "Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Düsseldorf e. V." Wie die anderen auf Initiative der US-amerikanischen Besatzungsmacht entstandenen christlich-jüdischen Gesellschaften machte sie es sich zur Aufgabe, durch Bildungsveranstaltungen, Vorträge, Diskussionen, LehrerInnen-Seminare und Studien-Reisen Versöhnungsarbeit zu leisten. Aber so ganz uneigennützig war das Engagement der bundesdeutschen Eliten dabei oft nicht. "Vergessen Sie nicht, dass die Leute nach dem Krieg - bewusst oder unbewusst - das Entrée-Billet in die Welt wiederhaben wollten", erläutert das Düsseldorfer Gründungsmitglied der Gesellschaft, Lilli Marx, im TERZ-Gespräch. Allerdings überwogen im hiesigen Ableger nach ihrer Einschätzung die aufrichtigen Absichten.
Ein paar Jahre nach Ende des Kriegs nahmen die USA in ihrer Besatzungspolitik
einen Kurswechsel vor. Nicht mehr mit "Reeducation", sondern mit "Reorientation"
war das erzieherische Programm jetzt überschrieben. Die veränderte
Weltlage hatte zu dieser "antiautoritären" Wende geführt.
In Zeiten des Kalten Krieges kam es den Vereinigten Staaten nicht mehr so sehr
darauf an, die geistigen Wurzeln des Faschismus mittels pädagogischer Maßnahmen
trockenzulegen als vielmehr darauf, einen Bündnispartner für den Kampf
gegen das Reich des Bösen heranzubilden. In diese Periode der "weichen
Linie" fielen dann auch die Bestrebungen zur Gründung der christlich-jüdischen
Gesellschaften. Der Amerikaner Carl Zietlow oder andere Bevollmächtigte
der Besatzungsbehörde reisten von Großstadt zu Großstadt, trafen
Repräsentanten der Juden, Katholiken, Protestanten, sowie Politiker, Kultur-Schaffende
oder andere Personen des öffentlichen Lebens und initiierten so die Bildung
der Gesellschaften nach dem Vorbild des US-amerikanischen "National Council
of Christians and Jews". Die konstituierende Versammlung der Düsseldorfer
Sektion fand am 18. April 1951 im Landtagsgebäude statt. "Kennenlernen
des Judentums, Erziehung zum Miteinander und 'gemeinsame Wachsamkeit'"
- so beschreibt die zum Jubiläum erschienene Festschrift die Ziele. Erreicht
werden sollten sie durch Bildungsveranstaltungen, Lehrer-Seminare, Vorträge,
Diskussionen und das Angebot von Studien-Reisen nach Israel.
Zu diesem Zeitpunkt lebten nur noch ein paar hundert Juden in Düsseldorf.
In der Bundesrepublik waren es ca. 15.000. Unmittelbar nach Befreiung der Lager
belief sich ihre Zahl noch auf 200.000. Doch die meisten der als "Displaced
Persons" bezeichneten Überlebenden verließ den Boden der Täter
so schnell wie möglich. Die aus West- oder Osteuropa Verschleppten kehrten
in ihre Heimatländer zurück; viele deutsche Juden wanderten nach Palästina
oder nach Amerika aus. In Düsseldorf fand sich zwar wieder eine Gemeinde
zusammen, es gab auch Planungen für den Bau eines Gebäudes zur Ausübung
der Religion, aber das alles wurde nur als ein Einrichten im Provisorischen
empfunden. Eine Zukunft in der Bundesrepublik vermochte sich kaum eine/r vorzustellen.
Viele blieben schließlich doch. Einige aus Zufall, einige, weil sie keine
Möglichkeit gefunden hatten, auszureisen. Andere entschieden sich bewusst
für ihr Heimatland - trotz allem, was geschehen war. So auch Lilli und
Karl Marx, der spätere Herausgeber der "Allgemeinen Jüdischen
Wochenzeitung". Sie kehrten aus ihrem Exil England zurück, so Lilli
Marx, "um den Übrig Gebliebenen zu helfen". Aber noch ein anderes
Motiv trieb das Ehepaar an. "Hitler sollte nicht Recht behalten."
Dessen düstere Prophezeihung, in Deutschland würde es bald keine Juden
mehr geben, wollten sie nicht wahr werden lassen und wurden so zu "Verfechtern,
dass Juden wieder hier lebten". "Das war mehr oder weniger eine Einzel-Erscheinung",
ordnet Lilli Marx die Überzeugung des Paares ein. Ihre Haltung bewog die
Marxens auch, am Aufbau der Christlich-Jüdischen Gesellschaft mitzuwirken.
Die Frage, ob es denn nicht Überwindung gekostet hätte, Vertretern
der Kirchen und anderen Repräsentanten der Elite gegenüberzutreten,
verneint Lilli Marx und verweist darauf, dass alle glaubhaft machen konnten,
keine Antisemiten zu sein oder sogar gegen Hitler gekämpft zu haben. Auf
ein Nachhacken, ob die ersten Zusammenkünfte denn wirklich von Schuldbekenntnissen
und dem Willen zur Aufarbeitung des Faschismus geprägt gewesen wären,
antwortet sie entschieden mit "Ja": "Sonst hätte die Gesellschaft
sich nicht gründen können".
Andere christlich-jüdische Gesellschaften konnten das offenbar. Josef Foschepoth
zählt in "Im Schatten der Vergangenheit", seiner Darstellung
der Anfänge der Gesellschaften, zahlreiche Beispiele für Uneinsichtigkeit,
Heuchelei, Opportunismus und mehr oder weniger offenen Antisemitismus auf. Die
Vertreter der Katholiken und Protestanten gestanden in den Gesprächen mit
den jüdischen Mitgliedern nicht etwa reuig ein, dass Christen den Nationalsozialismus
aktiv unterstützt hatten und dass der religiöse Antijudaismus eine
wichtige ideologische Ausgangsbasis für den Antisemitismus der Nazis war.
Diskutiert wurde vielmehr über die religiösen Ursachen der "Katastrophe".
Die Christen sahen in dem Faschismus nämlich die Konsequenz aus dem Abfall
von Gott; sie interpretierten ihn als das unrühmliche Ende des Säkularisierungsprozesses
seit der Aufklärung. Die Juden waren zwar die ersten Opfer der Nazis, aber
eigentlich waren die Christen mitgemeint. Sie hatten nur mehr Glück. Mit
dieser Sichtweise war man natürlich unangefochten auf Seiten der Guten.
Entsprechend selbstbewusst als einzig übrig gebliebene moralische Instanz
traten die Kirchen in der Nachkriegszeit dann auch auf. Sie schwangen sich zu
Hauptkritikern der Entnazifizierungspolitik der Alliierten auf und hintertrieben
sie nach Kräften. Zur Überprüfung ihrer Vergangenheit vor eine
Kammer geladenen Ex-Volksgemeinschaftlern, die Belege für ihre Unschuld
vorlegen mussten, stellte sie reihenweise vorfabrizierte Persilscheine aus.
Auch ihren Antijudaismus legten die Kirchen keineswegs ab. Mit der Kreuzigung
Jesu' hat Israel "seine Erwählung und Bestimmung verworfen",
schrieb die evangelische Kirche 1948 im "Wort zur Judenfrage" und
machte sich gleich zum Erbverwalter, indem sie an die Juden die Frage richtete
"ob sie sich nicht bekehren möchten, zu dem, bei dem allein auch ihr
Heil steht".
In den Reihen der "Gesellschaften" gab es sogar offene Antisemiten.
Einen Skandal provozierte der Vorsitzende der Münchner Gesellschaft, der
städtische Oberbürgermeister Dr. Karl Scharnagl, bereits ein Jahr
nach deren Gründung. Er hielt in New York eine mit judenfeindlichen Ausfällen
gespickte Rede und musste zurücktreten. Aber sein Geist wirkte in dem Verband
fort. Als Karl Marx 1949 in der "Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung"
auf den zunehmenden Antisemitismus aufmerksam machte und damit den US-amerikanischen
Hochkommissar für Deutschland, John McCloy, dazu veranlasste, die Frage
des Verhältnisses zu den Juden zu einem Prüfstein für die junge
Demokratie zu erklären, wies die Münchner "Gesellschaft"
dieses Ansinnen schroff zurück. Eine "ungeheuerliche Übertreibung"
seien die Hinweise auf eine wachsende anti-jüdische Stimmung, schrieb sie
in einem Brief an McCloy. Schon zu Zeiten Hitlers habe sich das geknechtete
deutsche Volk mit Entsetzen von der Politik der Judenverfolgung abgewandt und
in der Nachkriegszeit sei die Zahl der Saubermänner noch einmal beträchtlich
angestiegen. "Dass es unter 60 Millionen guten Deutschen auch einige wenige
10.000 schlechte Deutsche gibt, die weiterhin zu dem gottlosen und unmenschlichen
Antisemitismus stehen, kann niemanden überraschen, der etwas von Völker-Psychologie
versteht", belehrten die Absender den ahnungslosen Anti-Hitler-Koalitionär.
Wer so schreibt und denkt, dem geht es um etwas ganz anderes als Versöhnung
und Vergangenheitsbewältigung, um das auch heutzutage noch gern beschworene
Ansehen Deutschlands in der Welt nämlich. Der Koordinierungsrat der christlich-jüdischen
Gesellschaften spricht dieses Anliegen auch ganz deutlich aus: "Helfen
Sie uns und helfen Sie Deutschland, dessen Ansehen entscheidend dadurch bestimmt
wird, wie es die uns gestellte jüdische Frage vor seiner eigenen Zukunft
beantwortet". Sich selber hat sich diese Frage niemand gestellt. Die ehemaligen
Eliten besuchten die Pflichtveranstaltung "Toleranz und Aussöhnung",
um ein Reifezeugnis zu erhalten, das wieder zum selbstständigen Auftreten
als Nation ermächtigte. Zudem ließen sich ein paar Lippenbekenntnisse
zur Schmach der Vergangenheit gut als symbolische Verhandlungsmasse in die Wiedergutmachungs-Unterredungen
mit Israel einbringen.
"Vergessen Sie nicht, dass die Leute nach dem Krieg - bewusst oder unbewusst
- das Entrée-Billet in die Welt wiederhaben wollten", sagt auch
Lilli Marx. Nach ihrer Einschätzung war das Verhältnis "Opportunisten/Überzeugungstäter"
in den Gesellschaften anfangs 50:50. Dann habe sich allerdings die Spreu vom
Weizen getrennt. In einem auch in den 50er Jahren noch fortwirkenden Nachkriegsklima,
in dem der amerikanische Militär-Berater Philip Bernstein zu der Einschätzung
kam: "Wenn die amerikanische Armee sich morgen zurückzieht, gibt es
am nächsten Tag Pogrome" und in dem bis 1949 200 von 500 jüdischen
Friedhöfen geschändet worden waren, bezog die Düsseldorfer Christlich-Jüdische
Gesellschaft nach Lilli Marx' Ansicht immer eindeutig Position. Als ein Beispiel
nennt sie den langwierigen Streit mit dem nordrhein-westfälischen Kultusministerium
um die Streichung antisemitischer Text-Passagen aus Schulbüchern.
Besonders viel Respekt verdient das Engagement der Düsseldorfer Gesellschaft
bei der Betreuung der ZeugInnen des Mitte der 70er Jahre in der Landeshauptstadt
stattfindenden Majdanek-Prozesses. Die Vorsitzende Elisabeth Adler-Cremers war
durch einen Zeitungsartikel auf die schwierige Situation der NS-Opfer, wieder
das Land der Täter betreten zu müssen und vor Gericht den ehemaligen
Peinigern gegenüberzustehen, aufmerksam geworden und organisierte einen
"ZeugInnen-Schutz". Die Ankommenden wurden vom Flughafen abgeholt,
über die Gepflogenheiten vor Gericht informiert, zu den Prozess-Terminen
begleitet und nachher aufgefangen.
"Die Zeugen kamen verschreckt und verschüchtert hier an, innerlich
böse auf sich selbst, dass sie sich bereit gefunden haben", erinnert
sich Lilli Marx, "sie litten immer noch sehr unter der Vergangenheit, obwohl
schon über 20 Jahre dazwischen waren". Und vor Gericht verschlimmerte
sich ihre Verfassung zusätzlich, als die Täter ihre Handlungen abstritten:
"Stellen Sie sich die Situation vor, der Zeuge, der verrückt wurde
vor Schmerz, wenn er daran dachte, musste dann versuchen, Beweise zu liefern.
Und der Richter stellte Detail-Fragen: 'Aus was für einem Holz war der
Tisch, an dem sie saßen?' Bei einer Wochenend-Zusammenkunft in ihrer Wohnung
war Lilli Marx erschreckt über den Zustand der Zeugen. "Sie waren
völlig zerbrochen, kaputt, in ganz schlechter physischer und vor allem
psychischer Verfassung. Vergegenwärtigen Sie sich, die haben acht Tage
im Gericht gesessen oder noch länger und haben aussagen müssen, antworten
müssen auf die idiotischsten Fragen der Verteidiger 'Hat er die Peitsche
so herum gehalten oder so herum?'. Es war erschütternd." Eine Genugtuung
hätten dann auch die Urteile nicht bedeutet. Als "dem Gesetz entsprechend
zu niedrig" bewertet Lilli Marx die damaligen Richtersprüche.
Während der Verfahren hat die Düsseldorfer Gesellschaft ihre Wichtigkeit
wohl am eindruckvollsten unter Beweis gestellt. Aber auch heutzutage stellen
sich ihr Lilli Marx zufolge noch wichtige Aufgaben. Angesichts des erstarkten
Rechtsextremismus, des Anschlags auf die Synagoge in der Zietenstraße
und der schwierigen Situation in Israel sei es noch so notwendig wie in der
Gründungszeit, gerade die Heranwachsenden über den Faschismus, den
Antisemitismus und das Judentum zu informieren.
Jan
www.terz.org - 26.11.2001