SPARE PARTS
Wiederholungen. Wo ich gehe, stehe und sehe: Wiederholungen. Von dem, was schon
da war, werden die alten Töpfe ausgekratzt und aus dem dreckigen Sud leckere
Suppen mit viel Geschmacksverstärker neu aufgekocht. Frisch ist hier schon
mal gar nichts, und ergo kann das logisch zero Energie abgeben. Das Jahr ist
bald um, und was hat sich an Veränderungen ergeben? Und was ist seit 911
denn schon wirklich anders? Die Arroganz, die impertinent dumme Überheblichkeit
und der unbedingte Wille zur Ausbeutung der Restwelt durch die nordamerikanische
Allianz begleitet uns doch schon seit Jahrzehnten und verhindert dauerhaft globale
Änderungen. Wer allerdings denkt, die Unterdrückten sind automatisch
die Guten, hat sich wie immer tief in die Finger geschnitten. Das muss aber
sein. Und wer dann noch die Hand reichen kann, hat doppelt gewonnen. Der Dezember
in Musik. Fangen wir mal ganz unvorhergesehen mit dem HipHop an. Da gibt es
nämlich drei äusserst empfehlenswerte Releases auf dem BATTLE AXE-Label.
Den Beginn macht BAD DREAMS, das düstere Album zur Lage. Das Bay-Area-Duo
SWOLLEN MEMBERS übertrifft mit dem Zweitling alle Erwartungen und profiliert
sich klar als einer der besten Underground-HipHop-Acts. Atmosphärisch herausragende
Tracks mit Flow und Kante, deren schwarzwurzelige Lyrics in den dunkeln Räumen
der Jetztzeit mit der Taschenlampe punktgenau ausgeleuchtet werden (was Titel
wie Anthrax Island wohl zu bedeuten haben?). Das Album ist zudem mit multipel
interessanten wie fähigen Gästen beladen, da kann man sich nur nickend
reinfallen lassen. SoloMC LMNO gibt sich auf LEAVE MY NAME OUT hingegen sehr
erdverbunden wie auch spirituell, somehow related to nature, wie schon das Cover
zeigt. Er rappt über sehr minimale Tracks mit kleinen feinen Pianoloops,
die angenehm bassy sind, eine gute Kante haben, aber nicht angeberisch sind.
Es geht um knowledge, klar? Auch diese Produktion wurde durch sehr gute Gäste
unterstützt, so Dilated Peoples' Evidence, der auch bei den Swollen Members
mitmischt. Die L.A.-Legenden ABSTRACT RUDE & TRIBE UNIQUE dann bringen mit
P.A.I.N.T. satte 18 neue Tracks mit hörenswerten Jazz-Idiomen und trockenem
Bass-Wissen heraus. Funkt unterschwellig und inhaliert sein Wissen tief ohne
jede Schreierei - sehr cool. Auch hier eine unglaubliche Gästeliste der
West-Coast-Underground-Community, die Verbundenheit und Klasse zeigt. Die drei
herausragenden Teile werden über GROOVE ATTACK vertrieben. Die derzeitigen
Überväter DILATED PEOPLES dann sind auf EXPANSION TEAM (EMI) schon
auf Major-Niveau angekommen, ohne irgendetwas verloren zu haben, was sie auf
ihrem langen Weg durch den Underground ausgezeichnet hat. Das LA-Trio hat zwar
definitiv einige hallentaugliche punchlines mehr im Rucksack, aber der Rest
ist soulful und tiefgelegt wie eh und je. Grosser Kram von der Westküste
derzeit! Die smarteste HipHop Variante mit Kante kommt dagegen derzeit von den
famosen 5 DEEZ: KOOLMOTOR (Counterflow) zeigt die Crew um Fat Jon in Hochform:
instrumentell relaxte und sehr bewusste Beatbetten mit Jazz, Soul- und Housestückchen,
und die Parameter des Genres werden definitiv genial gestreckt. Sehr intelligent
und voller Seele und Humor, und ein Titel wie "Afghanistan Dan's Skating
Stand" lässt mich schon wieder rätseln, was denn das alles so
soll...Weiter mit einem Kracher: FAREWELL TO FONDLE 'EM sagt Gründer und
NY-Underground-Impressario BOBBITO GARCIA, der mit seinem 95 gegründetem
Label einen der allerbesten Abschnitte im HipHop-Buch überhaupt schrieb.
Die 18 Tracks der Compi sind nach wie vor bodenbrechende Klassiker, die dir
manchmal - wie bei "turn up the fucking bass" - die Lachtränen
übers Gesicht laufen lassen - passiert ja auch nicht so häufig bei
Musik. Ob Kool Keith, die Juggaknots, MF Grimm, MF Doom oder eben Lord Sear
- hier wurde HipHop-Freestyle auf eine Weise definiert, auf die heute alle wie
selbstverständlich zurückgreifen. Zwei der exponiertesten Alternative
HipHop-Produzenten warten auch mit neuem Material auf: der gefühlvoll-gelassene
Wort-Wizzard MIKE LADD lässt auf VERNACULAR HOMICIDE (Ozone) das Lehren
an der Schule mal wieder sein und greift sich das Mikro. Heraus kommt was wirklich
Neues und Überraschendes, da Ladd sich auf dem 7tracker mithilfe von Elektronik
& Postrotz ziemlich weit vom Norma-HipHop entfernt und an sehr erweiterten
Texturen herumschraubt. Dasselbe macht bekanntlich das hochgelobte ANTI-POP-CONSORTIUM,
das ihren 7tracker THE ENDS AGAINST THE MIDDLE folgerichtig gleich auf WARP
veröffentlicht. Knarzig-ruffe Elektro-Hop Miniaturen, die vielleicht im
Alptraum in einen C 64 gefallen sind. Irgendwann fängt der Eklekto-Vibe
an zu eiern und swingt sich wie eine Puzzlerakete in die Höhe, wo sie platzt.
Lässt alles sehr viel erwarten. Bleiben wir bei Musik aus Strom. Da gibt
es ein Duo mit dem Namen CLOINC, dessen Einzelteile eben früher bei Musik
aus Strom releasten. Bei einem Labelabend trafen sie sich, und jetzt hört
die Welt auf LONELY BITS (swellwell) sehr eigenhumorige Bleep'n Clonk-Tracks,
die viel Spass machen, nette Geschichtchen erzählen und jeden fragen lassen,
was das denn für eine neue Warp-Platte ist. Wirklich nett, aber nicht neu.
Sehr schön dann die PAWS-Remixe von Kieran Hebdens FOUR TET (Domino): mal
klingelt ein Schlagzeug, mal winselt ein Welpe oder ein HipHopper fällt
nachts in ein musique-concrete-Loch und machts sich da gemütlich. Bestätigt
diesen Ausnahmemusiker, plus fantastisches Artwork! Elektronische Texturen zwischen
Konzept und Atmosphäre gibt es bei den nächsten drei herausragenden
Platten: der Berliner ULRICH SCHNAUSS schiebt mit FAR AWAY TRAINS PASSING BY
(City Centre/Morr) mal eben eine der anwärmendsten Hörplatten für
diesen kalten elektronischen Winter hinaus. Sechs Tracks voller Herz und Weite,
die eine fragile wie unprätentiöse Romantik generieren. Das ist genau
die Musik, die viele als zu schön abtun, und die ebendiesen dann genau
in dem Moment das Herz wärmt, wenn es nötig ist. Bitte unbedingt zu
beachten! Ob DONNACHA COSTELLO Elvis' Bruder ist, sei hingegen uninteressant,
laut Tatsache aber ist er zumindest Ire, und sein TOGETHER IS THE NEW ALONE
(Mille Plateaux) eines der besten Ambientalben der Zeit - wenn dieser Begriff
nicht nach wie vor so versaut wäre. Die Musik ist nicht so vordergründig
romantisch wie bei Schnauss, dafür zurückhaltender und eher abgedunkelter,
klar, denn aufgenommen wurde "on the fifth floor while Dublin slept".
Die Erzählungen der Flächen werden durch sanfte Rhythmen strukturiert,
und die Präsenz dieser Zurückhaltung ist bewegend. Unglaublich gut,
dieser völlig klare Ambientbegriff. Das führt hinüber zu OVAL,
dessen letzte Arbeiten ja eher in der Dekonstruktion elektronischer Musik mittels
Postrotz-Idiome mündeten. Wie das früher klang, könnt ihr auf
RE:SYSTEMISCH (Form&Function) hören, auf der neben den Klassikern "Systemisch"
& "Diskont" 12 (!) bisher unveröffentlichte Bonustracks enthalten
sind. Die Alben, vormals auf Mille Plateaux und nun seit 3 Jahren nicht mehr
erhältlich, faszinieren nach wie vor durch ihr Changieren zwischen Konzept
und einer merkwürdigen Wärme, die sich aus einer induktiven Kälte
her generiert. Stilbildend damals, heute eine der wenigen Klassiker der elektronischen
Musik, die sich noch klar im hier&jetzt befinden. Dem elektronischen Eklektizismus
frönt dagegen FRANK MARTINIQ. Von Gelsenkirchen nach Neumünster bei
Kiel gezogen, veränderte sich sein Stil vom harten Techno mit Industrialeinflüssen
bis hin zu einem gutgelaunt ernsthaft produziertem Stilmix zwischen Breakbeat,
Minimal und House, dessen Celentano-Hymne "Adriano" auch im Michael-Myer-RMX
zu gefallen weiss. Das Debut SCHWINGKOMPLEX (Boxer) besticht durch Vielseitigkeit,
die sich noch etwas konzentrierter konsolidieren sollte - dann aber! Gute Laune
galore gibt's auf jeden auch mit den Remixen von BEIGE GTs DISCO (L'ageD'or).
Einmal mehr wird deutlich, wie gut Indiepop-Bewusstsein und Techhouse-Beat-Präsenz
miteinander können. Band oder Projekt, egal, das sind die Whirlpool von
heute, und ihre Stücke sind verdammte Pumper - remixt wird das noch klarer.
Noch einen Spritzer Coolness, und hier ist das neue HaHa-Pop-Role-Modell, das
nix anderes will als korrekt zu unterhalten. Kann passieren. Bei MANGORAMA (Follow
up/Pias) ist das eh überhaupt keine Frage mehr: die in Brüssel beheimatete
BLAST'N'POWA-Gemeinde packt unter der Initiative von DJ Eric Powa B die Platten
wie die Instrumente aus und verrührt groovigsten DeepHouse mit schlackrigsten
Jazz-Notes. Die Schwingungen gehen von Minimal bis Tribal, bis der Respekt,
der hier inmitten der verschwitzten House-Tracks den Grossmeistern des Jazz
ausgesprochen wird, durch die mitreissende Energie der Musik nurmehr klar und
schlüssig wird. Best House Joint of da month! Elektronische Zwischenwelten
gibt's auf folgenden drei Platten: das Italo-Texas Duo CROSSOVER aus NY debütiert
auf FANTASMO (Gigolo) sehr labeltypisch mit einer Mischung aus ruffer Art- &
Street-School und den Elektronewwavevibes der frühen 80er. Herauskommen
am Fenster einer Megalopolis gut abgehangene Minimaltracks, die dort auch einige
Zeit im kalten Wind gestanden haben müssen. Eine halbe Stunde Coolness
für obskurste Gelegenheiten, bei denen man sich besser nicht zusehen lässt.
Nice&Sleazy does it. Enttäuschend dagegen die COFFEE SHOP RULES (Domino)
der MIDNIGHT FUNK ASSOCIATION - wenn das so ist, dann mach ich doch lieber meinen
eigenen auf. Domino bürgt in der Regel für Qualitätsmusik, die
wirklich überraschen kann und das vielbeschworene Wort "spannend"
mit Inhalt füllt. Die Platte von Mark Broom & Dave Hill, die mit Pure
Plastic Records ein respektables Techno-Imprint haben, enttäuscht jedoch,
und beim Hören wundert man sich nicht, wenn elektronische Musik heute wieder
durch eine neue Art von Punk überwunden werden muss. Komplett einfallslose
und öde Beat-Loop-Muster, 1000x gehört, und klingt fast alles wie
vor 5 Jahren. Und das auch noch in instrumenteller Langeweile. Zu oft in der
Lounge abgehangen, Jungs, da hätte ich am Ende was anderes erwartet. Am
Ende wirds etwas besser, aber: press "gähn!" und "repeat".
Hänger ohne jedes Geheimnis werden es lieben. Zum Glück versöhnt
der japanische Popstar (& nur da!) CORNELIUS: auf POINT (Matador) schlägt
er völlig unerwartete Haken, wenn sich das seltsame Trackhäschen auf
einmal in einen HeavyMetal-Lindwurm verwandelt. Die Platte, innerhalb eines
Jahres in einem Ministudio über dem Büro des professionell verrückten
Genrehoppers aufgenommen, ist wirklich extrem unterhaltsam und zaubert mitten
in einem Track auf einmal ein breites Lächeln ins Gesicht. Der Herr muss
nur aufpassen, dass seine Vielseitigkeit nicht irgendwann zur lästig-vorhersehbaren
Masche wird - zur Zeit jedoch weit davon entfernt. Ihre Merkwürden von
my life with the THRILL KILL KULT pflegen auf THE REINCARNATION OF LUNA (Dream
Catcher) auch ihren ganz privaten Wahnsinn fort: 12 Songs, die das Mark des
Trash-Cinemas förmlich ausgesogen haben und in einer megaobskuren künstlichen
Kraft ihren Saft verspritzen - Abzug gibt's jedoch in der Musiknote, denn da
herrschen Elektrovibes von vorgestern. Typisch Chicago-Bastard halt, Wax Trax
rult, ykwis. Die beiden besten Songwriterplatten sind dann, Fakt!, wieder auf
DOMINO erschienen: PAPA M, also David Pajo, der einst mit Slint und Tortoise
Geschichte schrieb, auf WHATEVER MORTAL mit einem zart-spröden und gleichsam
ungemein kraftvoll-intensivem Album, dass eine Perle unter 1000 dreckigen Austern
ist. Die Schnittmenge aus Will Oldham und Cohen begeistert nachhaltig, ebenso
wie das langerwartete neue Album von JIM O' ROURKE. Der frönt auf INSIGNIFICANCE
erstmal dem Stino-Rock, um dann feinere und gewitztere Hintergründe durchschimmern
zu lassen. Im letzten Drittel mündet die Platte dann in sehr lyrische und
präzise durchorganisierte Songs ohne jede Dudelei, die jedes Sentiment
gewichtig abwägen und zwischen Heitekeit und Bitterkeit liegen. Oft klingt's
so wie der oft produzierte Bill Callahan, und das ist bestimmt kein Zufall,
aber ein guter. Beschliessen wir das Jahr mit TERRE THAEMLITZ , bitterhumoriger
Konzeptualist durch & durch: auf OH, NO! IT'S RUBATO (Mille Plateaux) erwirtschaftet
er erneut Credits als einer der durchdachtesten und integersten (I know you
would grin, Terre...) Produzenten dieses Planeten. Die auf dem Flügel erarbeiteten
Devo-Songs sind erneut maschinell-expressive Gesten, die hier so sicher und
präzise wie nie zuvor klingen. Sogar die Ausbrüche wirken normativ,
und die homoerotischen Implikationen des Materials werden analysiert und freigelegt.
Dazu der wie immer irre spannende urlange Begleittext, der voller Spott und
Galle die Nadel in den Puls der Zeit sticht. (We must) repeat disc. Wiederholungen,
meine Lieben, Wiederholungen.
Variiert Euch!
MARCUS
www.terz.org - 26.11.2001