Erneut droht Schließung eines Neusser Traditionsbetriebes
Textron endlich dicht
Die Nachricht von der geplanten "Plattmachung" ihres Werkes schlug bei den mehr als 430 KollegInnen der Neusser Schraubenfabrik Textron, vormals Bauer & Schaurte, wie eine Bombe ein. Es gibt eine Reihe von ihnen, die bereits auf 20, 30 oder mehr Jahre Betriebszugehörigkeit zurückblicken können und schon so manchen Inhaberwechsel mitgemacht haben.
Betroffen und Betroffenheit
Entsprechend wütend zogen sie gemeinsam mit Familienmitgliedern und der
örtlichen SPD-Prominenz durch die Neusser Innenstadt. Etwas resignierend
wirkten allerdings die zahlreichen mitgeführten schwarzen Holzkreuze sowie
ein vorneweg getragener Holzsarg, in dem nach Ruhrgebietstradition die Arbeit
zu Grabe getragen werden sollte.
Denn noch wird vom Betriebsrat mit dem Vorsitzenden Emmanuel Pantelakis an der
Spitze Kampfentschlossenheit demonstriert: "Wir werden einen Sturm entfachen!"
Betroffen sind nicht nur die langjährig Beschäftigten von Jung bis
Alt, sondern auch ca. 40 Auszubildende wissen nicht, ob und wo sie ihre Lehre
in einem Jahr - die Schließung des Werkes ist für Ende 2002 geplant
- beenden sollen. Werden doch seit Jahren in Neuss Industriearbeitsplätze
wegrationalisiert.
Überkapazitäten wegrationalisieren
Da es sich bei der Neusser Textron-Niederlassung immerhin um ein 125 Jahre altes
Traditionsunternehmen handelt, nehmen Neusser Politik und Verwaltung, aber auch
die Bewohner des Viertels hinter dem Neusser Bahnhof lebhaften Anteil an der
Entscheidung der US-amerikanischen Firmenleitung. Plausibel im Sinne der Kapitalmehrung
legen die europäischen Verantwortlichen der Textron die Gründe für
die geplante Stilllegung dar: In den Werken Neuss, Beckingen, Neuwied und Peine
bestünden Überkapazitäten. Textron-Europa-Chef Peter Billmann
spricht von schlechter Konjunktur, fehlenden Aufträgen, sinkenden Erträgen,
internen Konkurrenzen. Das übliche Begründungsensemble. Selbst die
Muttergesellschaft in den USA gab am 26. September bekannt, über 2.500
Arbeitsplätze zu streichen. Angegebene Gründe: Rückläufige
Nachfrage aufgrund der Anschläge in N.Y. . Die Börsianer reagierten
mit Kursverlusten für das Unternehmen, das so schöne Spielzeuge herstellt
wie den Bell-US-Army-Helikopter und Cessna-Kleinflugzeuge.
Damit die Dividende wieder stimmt, muss Textron verschlankt werden, und das
wollen die Kollegen von Textron in Neuss partout nicht einsehen. Sie machen
als Schuldigen den Personalchef Stephan König aus, der der Erfinder der
Neusser Schließungspläne sein soll. Andere sehen Strippenzieher im
Werk in Neuwied zu Gange. So machen sie sich ihren Reim auf doch eigentlich
ganz normales kapitalistisches Konkurrenztreiben. Wenn der Betriebsrat auf die
in Neuss eingefahrenen Gewinne verweist und die Belegschaft mit einer zu melkenden
Kuh vergleicht, die man doch - bitte schön! - nicht schlachten soll, "vergisst"
er, dass sich anderswo vielleicht noch ganz andere Gewinne machen lassen. Die
Herren mit den Rechenschiebern werden es ihm schon noch vorrechnen.
Fordern oder Verzichten?
Aber wenn man nichts hat als seine Arbeitskraft, bleibt einem nur übrig,
für den Erhalt der bisherigen Arbeitsplätze zu kämpfen und sich
eventuell noch unter Wert anzubieten. Durch erklärten Verzicht auf Arbeitsniederlegungen
und durch "gute" Arbeit wollen sie die Kunden ihres Werkes halten.
Stolz verkünden die Kollegen: "Wir haben im vergangenen Jahr mit weniger
Personal...mehr als das geplante Soll eingefahren ..." (NGZ 12.11.01).
Der örtliche Geschäftsführer der IG Metall, Dietrich Termöhlen,
schlägt statt Schließung eines Standortes eine sog. "Opel-Lösung"
vor. D. h., in allen deutschen Textron-Standorten sollen gleichrangig Stellen
abgebaut werden. Dass gerade dies in der jetzigen Lage für Textron unannehmbar
ist, liegt auf der Hand: Die in Neuss seit Jahren gesunkene Anzahl der Beschäftigten
entspricht in keiner Weise den räumlichen und technologischen Kapazitäten.
Deshalb soll ja auch der Verkauf des 60.000 qm großen Geländes der
amerikanischen Konzernführung einen ordentlichen Reibach bescheren.
Als "Kampf für Gott und Gerechtigkeit" beschreibt BR-Vorsitzender
Emmanuel Pantelakis den Kampf seiner Kollegen gegen die Stilllegung. Ein ehemaliger
Kollege beim früheren "Schaurte" geht da in einem Leserbrief
in der NGZ etwas sachlicher heran: Er schlägt vor, die Erfahrungen bei
den Neusser Firmenschließungen der vergangenen Jahre, so z. B. bei International
Harvester - CASE und Ideal-Standard zu nutzen und Kurs darauf zu nehmen - da
die Schließung nicht zu verhindern sein wird - möglichst viel herauszuschlagen
an Abfindungen, Ablösesummen, bezahlten Qualifizierungen, Umschulungen
etc. Die IG-Metall ist gefordert, die Erfahrungen für die Kollegen bei
Textron nutzbar zu machen.
HPJ
www.terz.org - 26.11.2001