"Theater muss weh tun"
Nach Anna Badora als Intendantin ist nun auch der Platz der Chefdramaturgin
des Schauspielhauses mit einer Frau besetzt. Rita Thiele erzählt von ihrer
Arbeit mit Einar Schleef, Claus Peymann, den Jahren der Opposition am Wiener
Burgtheater, der Zeit am Berliner Ensemble und darüber, wie es nun in Düsseldorf
weitergehen soll
TERZ: Was hat Sie vom Berliner Ensemble ins Düsseldorfer Schauspielhaus
gelockt?
Rita Thiele: Schon bevor ich nach Berlin ging, stellte sich für mich die
Frage, ob ich nicht mal einen Wechsel mache, ich verspürte das Bedürfnis,
mich nach zwölf Jahren Arbeit mit Claus Peymann aus diesen gesicherten
Verhältnissen herauszubewegen und auf ein unbekanntes Schiff zu gehen.
Aber der Abschied von der Stadt Berlin ist mir sehr schwer gefallen. Für
Düsseldorf habe ich mich recht kurzfristig entschieden: Nachdem mich Anna
Badora gefragt hat, ob ich mir vorstellen kann, die Nachfolgerin von Michael
Eberth zu werden, habe ich mit den Kollegen aus der Dramaturgie geredet, habe
mir den jetzigen Spielplan angeschaut und fand den so spannend und ehrgeizig,
dass ich mich dafür entschieden habe.
TERZ: Haben Sie am BE noch viel vom Geiste Bert Brechts und Helene Weigels
gespürt?
RT.: Natürlich kommt man an den "Hausgöttern" gar nicht
vorbei, insofern als dass sich nach dem Einzug erst einmal die Frage stellte:
Was machen wir mit dem Archiv, in dem die alten Modellbücher und Vorstellungsberichte
aufbewahrt werden? Soll es in die Akademie der Künste ausgelagert werden?
Wir haben uns dann entschieden, einen Teil davon bei uns zu behalten, weil man
diese Geschichte natürlich auch mag. Den Briefwechsel von Helene Weigel
mit den Schauspielern und den Dramaturgen habe ich zum Beispiel intensiv gelesen.
Und zum Schluss habe ich mich noch einmal intensiv damit beschäftigt, als
Franz Wittenbrink den Abend "Zigarren" bei uns gemacht hat, einen
"gesamtdeutschen Liederabend" über "Macht und Sex in Ost
und West". Franz wollte möglichst auch Geschichten aus dem BE, das
ja das Aushängeschild der DDR und immer ein politischer Ort war, erzählen.
Und dann haben wir in den Personalakten gewühlt. Ich bin froh, dass ich
die Gelegenheit gekriegt habe, in diese Lebensläufe der Menschen, die dort
gearbeitet haben, hereinzuschauen.
Was das Künstlerische anbelangt, ist es so, dass Peymann gesagt hat, dass
man diese ausschließliche Fixierung des Spielplans auf Brecht, der ja
neben Heiner Müller nur dort gespielt wurde, aufgibt und statt dessen einen
Stadttheaterspielplan macht, der von Shakespeare bis zur Moderne reicht, in
dem Brecht und Heiner Müller auch ihren Platz haben. Die Definition, mit
der man antrat, war eher, in dem Theater auch ein Stück Integration von
Ost und West in Gang zu setzen und nicht das alte Osttheater zu konservieren.
TERZ:Wie wird der nächste Spielplan aussehen?
RT.: Wir fangen gerade an, ihn zu konstruieren. Es gibt einen Autor, mit dem
ich auch als Regisseur sehr gern zusammen gearbeitet habe, das ist der Einar
Schleef, der mich von allen Künstlern, mit denen ich am Theater zusammen
gearbeitet habe, am meisten beeindruckt hat. Von dem gibt´s ein neues
Stück, sein letztes, das erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde:
"Die lange Nacht". Das würden wir gerne uraufführen, da
stehen wir in Verhandlungen mit dem Verlag. Einar Schleef ist diesem Haus ja
auch verbunden, durch diese berühmte Salome-Inszenierung.
TERZ:Werden Sie politische Schwerpunkte setzen?
RT.: Für mich ist Theater ganz klar ein gesellschaftspolitischer Ort. Das
ist auch etwas, was ich- ohne meinen Kollegen zu nahe treten zu wollen, hier
ein bisschen vermisse, dass man begreift, dass man am Theater nicht nur Premieren
herausbringt, sondern dass es ein Veranstaltungsort ist, wo öffentliche
Diskussionen stattfinden müssen- auch politische. Wenn wir jetzt z. B.
den "Juden von Malta" auf dem Spielplan haben - auch ein Stück,
in dem es u. a. um den Kampf der Kulturen geht, dann hoffe ich, dass es uns
gelingt, Veranstaltungen im Haus zu organisieren, die auf den aktuellen sog.
Kampf der Kulturen eingehen.
Ich hoffe zum Beispiel auch, dass Elfriede Jelinek eine der künftigen Autoren
an diesem Haus sein wird. Wenn sie "Totenauberg" lesen und den Monolog
der jungen Mutter, - was dort über Ethik gesagt wird, und dann daran denken,
dass Düsseldorf die Stadt der Gentechnologie ist, dann sind es natürlich
auch politische Entscheidungen, solche Stücke auf den Spielplan zu setzen,
weil man denkt, das ist ein Thema in der Stadt, was auch auf der Bühne
thematisiert werden sollte. Es kann natürlich auch noch darüber hinaus
zum Gegenstand werden, indem man z. B. Podiumsdiskussionen mit Politikern, Philosophen,
Ethikern, Medizinern- je nach dem - zu diesen Themen einlädt.
TERZ:Claus Peymann wollte bei seinem Beginn in Berlin der Stachel im Arsch
des Regierungsviertels sein,
.RT.: ... das war sein Unglück
TERZ: ...das war ein bisschen voreilig ... In Düsseldorf ist es ein
ganz anderes Verhältnis, das das Theater zur Stadt hat - könnte man
auch hier einen solchen Anspruch anstreben?
RT.: Man muss anstreben, dass das, was diese Stadt bewegt, egal, ob das Gentechnologie,
oder Arbeitslosigkeit oder die Verwicklung in den Krieg ist, die wir gerade
wieder erleben, im Theater auch diskutiert wird. Sonst wüsst´ ich
nicht, woher das Theater seine Daseinsberechtigung holen soll. Ich würde
mich nur nicht zu so einer Äußerung wie Peymann versteigen, denn
wenn man behauptet, man wolle der Stachel im Arsch des Regierungsviertels sein,
dann muss man das auch einlösen (lacht). Ich würde mich da gerne bescheidener
ausdrücken. Man sollte versuchen, das Theater zu einem Ort werden zu lassen,
wo kritische Themen auch Platz haben, damit die Menschen der Stadt auch begreifen,
dass wir hier die gleichen Probleme diskutieren, wie sie zu Hause vor ihren
Fernsehern - einen Ort wohin man gehen und mitreden kann. Aber ich habe nicht
so ein größenwahnsinniges Selbstverständnis, dass ich denke,
etwa dem Ministerpräsidenten Feuer unterm Hintern machen zu können.
TERZ: OB Erwin hat sich schon oft provoziert gefühlt, er ärgert
sich sicher auch über eine Inszenierung wie 39, 90
RT.: Es gibt den schönen Spruch "viel Feind, viel Ehr". So paradiesische
Zustände wie am Burgtheater werde ich nie mehr erleben, da haben wir es
zu 25 parlamentarischen Anfragen gebracht, so umstritten war das Theater in
der Österreichischen Regierung. Das kann man sich in Deutschland ja gar
nicht vorstellen, dass sich das Parlament mit irgendeinem Theater beschäftigt.
Und es hat ja in Wien auch Spaß gemacht, Gegenstand solcher Debatten zu
werden.
"Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?"
(Mackie Messer
in der Dreigroschenoper)
TERZ: Am 24. November hatte die Dreigoschenoper im Schauspielhaus Premiere.
Mich verstört immer etwas, wenn ich sehe, wie die Bürgerlichen so
ein Stück, das sie massiv angreift, beklatschen und dann zufrieden nach
Hause gehen, ohne darüber nachzudenken. Wie kann man die Leute noch provozieren?
RT.: Wenn ich Ihnen die Frage beantworten könnte, dann kriegte ich den
Stein der Weisen unter den Theaterleuten, denn alle versuchen das ja, bei einigen
ist das vielleicht nur durch Eitelkeit motiviert und nicht politisch. Aber diese
Sucht nach einer eklatanten Wirkung, die man erzeugen möchte, dass man
da unten im Zuschauerraum Irritationen auslöst und Diskussionen und die
Menschen tief berührt, die haben alle Theaterleute. Von Einar Schleef gibt
es da den Satz: "Theater muss wehtun". Ich glaube der Ansatz ist der,
dass man sich selbst nicht belügen darf, selber nicht bequem werden darf,
die eigene Verführung zur Bequemlichkeit, oder zur Glätte, oder zur
Vermeidung von Konflikten auch mit Schauspielern oder Regisseuren, die ist das
eigentliche Thema. Ich glaube, wenn man in der Lage ist, sich selber weh zu
tun, zu sagen: "Nein, das reicht nicht, das ist nicht die Wahrheit, die
wirklich weh tut", dann ist man auch in der Lage, im Publikum eine Wirkung
zu erzielen. Was die Dreigroschenoper anbelangt, bin ich ja nicht ganz Ihrer
Meinung: das Stück war bei seiner Aufführung 1928 ein Riesenerfolg,
wie Marieluise Fleißer uns über Brecht berichtet, war er damals ein
junger Dichterfürst, der sich gerne feiern ließ und von reichen Leuten
aushalten. Die Politisierung von Brecht ist erst sehr viel später erfolgt.
Die Dreigroschenoper so anzuspitzen, dass sich die Leute bei dem Satz "Was
ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank" provoziert
fühlen- ich glaube, das war noch nie so.
TERZ: Vielleicht kommt es nicht klar genug heraus, es war aber schon von
Brecht als substantielle Kritik gemeint.
RT.: Natürlich bestreite ich nicht, dass Brecht damals schon Linkssympathisant
war.
TERZ: Er hat ja vor der Dreigroschenoper noch "Trommeln in der Nacht"
geschrieben ...
RT.: Ja, aber das ist nicht das Stück, mit dem man politisch aufrütteln
kann, dazu ist es auch zu gefällig, genial ist, was Kurt Weill gemacht
hat. Es ist ein intelligenter, linker Spaß, mehr ist es nicht.
TERZ: Man müsste den bürgerlichen ZuschauerInnen nur deutlicher
klarmachen, dass mit der Gleichsetzung von Verbrecherwelt und bürgerlicher
Welt gemeint ist, dass sie die wirklichen Verbrecher sind.
RT.: Ich glaube nur, dass es Stücke gibt, die dafür besser geeignet
sind. Da ist auch die "Heilige Johanna der Schlachthöfe" - ein
Stück, das ich auch sehr mag und was auch in der ganzen Globalisierungsdebatte
durchaus seine Berechtigung und Aktualität hätte. Das sind Stücke,
mit denen man politisches Theater, so wie Sie sich das vorstellen, machen kann.
TERZ: Wer ist - neben Einar Schleef- Ihr/e LieblingsautorIn?
RT.: (lacht) Es gibt noch mehrere. Frau Jelinek z. B., zu deren Texten habe
ich eine libidinöse Beziehung. Elfriede Jelinek habe ich in Österreich
für mich entdeckt und hab´ auch alle ihre Stücke am Burgtheater
dramaturgisch betreut. Von Totenauberg bis jetzt zum letzten Stück mit
Einar Schleef. Die halte ich für eine ganz große - übrigens
auch politische - Autorin. Die Vorliebe für Jelinek und Schleef hängt
auch damit zusammen, dass ich es mag, wenn auf dem Theater Kunstsprachen gesprochen
werden. Das ist etwas, was nur das Theater kann. Das meine ich mit literarischen
Texten, die - was das sprachliche Niveau angeht - experimentell vorgehen; Texte,
die mit der Realität unseres Jahrhunderts zu tun haben. Ich finde, man
kann heute nicht mehr schreiben wie Ibsen vor hundert Jahren, obwohl es viele
junge Autoren gibt, die so vorgehen. Unser Menschenbild ist ja auch nicht mehr
so homogen, wie es vor hundert Jahren noch war.
TERZ: Vielen Dank für das Gespräch.
Julia
www.terz.org - 26.11.2001