bookDer Ursprung der Hippie-plage
- Zwei Versionen
"Drop City" ist eine Hippiekommune im Kalifornien des
Jahres 1970. Junge Leute, die neue Formen des Zusammenlebens ausprobieren wollen
und an ihren Träumen und der gesellschaftlichen Realität scheitern.
Bevor ihre Konflikte mit der Staatsgewalt überhand nehmen, ziehen sie alle
nach Alaska um, wo für die fröhlichen Peaceniks ein harter Kampf um
das reine Überleben in gnadenloser Natur und unter den Augen verständnisarmer
EinwohnerInnen beginnt. Insgesamt ist die Kommune zum Scheitern verurteilt,
wobei einige der ProtagonistInnen völlig verwahrlosen, während bei
anderen die Persönlichkeit reift.
Dies ist in wenigen Sätzen zusammengefasst die Handlung von T.C. Boyles
neuem Roman. Ich lese seine Sachen seit vielen Jahren gerne. Auch in diesem
Buch blitzen seine Stärken immer wieder auf. Ein ganz, ganz trockener Humor
und Geschichten, die, wenn man sie liest, folgende Emotion entstehen lassen,
so dass einem die Haare zu Berge stehen: "Bitte, bitte nicht, das kann
doch nicht wahr sein. Das kann doch nicht gut gehen!" So leidet man mit
den armen Wichten in seinen Romanen immer gerne mit. Aus meiner Sicht liegen
Boyles bessere Sachen allerdings bereits Jahre zurück. Drop City ist nett
zu lesen, prima Urlaubslektüre. Aber mein Problem mit diesem Autor kann
man selbst an der Eigenwerbung des Verlages erkennen. Da wird auf dem Schutzumschlag
die New York Times Book Review zitiert: "Jeder Satz beweist, daß
er ein teuflisch talentierter Schriftsteller ist." Das Problem liegt in
dem Wort "talentiert". Boyle ist mittlerweile 55 Jahre alt. Ist da
"talentiert" wirklich noch ein Kompliment?
Ich glaube, dass sein letztes Buch ganz sicher kurzweilig zu lesen ist, aber
es blendet den Hintergrund der Zeit - und warum nach 1968 viele junge Leute
nicht mehr so leben wollten wie die Generationen davor - fast völlig aus.
Er erklärt nichts, sondern erzählt nur eine nette Geschichte. Nicht
mehr und nicht weniger.
Auch wenn das folgende Buch alt ist, empfehle ich es immer wieder gerne: Wer
seine Klischees über Love, Peace and Happiness hinterfragen möchte
und ganz andere Hippies kennenlernen möchte, sollte sich die gar gruselige
Geschichte von Charles Manson und seiner Kommune durchlesen. Niemand hat diese
Helter Skelter Story besser geschrieben als Ed Sanders. Sein Buch ist das Buch
über eine Zeit, die voll von Träumen, aber auch von Alpträumen
war, die schließlich ihr Ende einläuten sollten. Manson hat bewiesen,
dass ein Minifaschismus auch in einer "freakigen" Subkultur funktionieren
kann und dass es in menschlichen Wahnvorstellungen keine Grenzen gibt. Gaaaanz,
gaaaaanz gruselig! Und in einer Hinsicht wohl für immer aktuell. Denn diese
Geschichte zeigt, dass faschistoide Gewaltexzesse nicht nur im dumpfesten Nazimilieu
geschehen können, sondern dass eine solche Gruppe auch völlig anders
aussehen kann. Blumenkinder eben ...
FEHRI
T.C. Boyle: Drop City, München 2003;
Ed Sanders: The Familiy - Die Geschichte von Charles Manson, Hamburg 1995
bookKundschafter im Westen
Was bewegte Menschen, für die untergegangene DDR zu spionieren?
Für die deutschen Gerichte und die meisten Medien ist diese Frage geklärt.
Demnach waren es schwache Personen, die dies aus niederen Beweggründen
wie Geld oder Geltungssucht taten, wenn sie nicht gar dazu gezwungen wurden.
In diesem Buch berichten 30 ehemalige Spitzenquellen, die zumeist in westdeutschen
Institutionen wie Behörden, Parteien, im Militär oder in Wirtschaftsbetrieben
tätig waren, von ihrer Geschichte. Die meisten standen in Düsseldorf
vor Gericht und wurden zu Haftstrafen verurteilt. In den autobiografischen Berichten
erzählen sie, wie sie dazu kamen, die gefährliche Arbeit der Spionage
aufzunehmen. Einige von ihnen kamen aus der DDR und wurden in den kapitalistischen
Westen geschickt, andere waren BRD-Bürger, die sich irgendwann dazu entschlossen
haben, mit der DDR Kontakt aufzunehmen. Kein einziger tat es wegen des Geldes,
das in der Regel nur für die Auslagen reichte. Neben dem Glauben, dass
eine andere Welt möglich ist, war es häufig die Sorge um den Weltfrieden.
In ihren Positionen kamen sie zu dem Schluss, dass die Rüstung im Westen
auf einen Krieg hinausläuft. Mit ihrem Wissen wollten sie einen Gleichstand
der Rüstung erreichen, um damit einen Krieg durch eine gleich starke Abschreckung
zu verhindern. Da ist der Rüstungswissenschaftler, der erschreckt ist über
ein Rüstungsprogramm, dass nicht zur Verteidigung dient, sondern nur für
einen Angriffskrieg Sinn macht. Oder der Top-Spion Guillaume, der die rechte
Hand des damaligen Bundeskanzlers Brandt war und die Annäherung zwischen
den beiden damaligen deutschen Staaten unterstützt und forciert hat. So
unterschiedlich die Beweggründe waren, so unterschiedlich fallen auch die
Berichte aus. Während einige versuchen, sich zu rechtfertigen, sind andere
von der Richtigkeit ihres damaligen Tuns überzeugt. Bei vielen kommt in
diesen nachträglichen Berichten eine leicht distanziert kritische Haltung
zur DDR heraus. Schade ist bei einigen, dass nicht klar wird, was sie denn eigentlich
als "Kundschafter im Westen" eigentlich getan haben. Ärgerlich
ist das vor allem bei einer Politikerin, die gezielt bei den Grünen eingesetzt
wurde. - Ein Beispiel dafür, dass durchaus nicht alle der hier Versammelten
auch wirklich sinnvolle Tätigkeiten im Dienste des Friedens geleistet haben.
Insgesamt gibt dieses Buch einen interessanten Einblick in die Beweggründe
des Einsatzes für die DDR, wie man sie ansonsten nicht erhält und
ist damit ein durchaus wichtiger historischer Beitrag.
MEIKEL F
Kundschafter im Westen
Edition Ost, 382 Seiten für 17,50 Euro
bookDie Sonne der Sterbenden
Bisher ist der verstorbene französische Autor Izzo eher als Krimiautor
bekannt. Dieses Buch ist ein ganz anderer "Krimi", den man vielleicht
eher als Krimi des Lebens bezeichnen kann. Es ist eine ergreifende Geschichte
über die underdogs der Gesellschaft. Obdachlose, umgangssprachlich Penner
genannt, kommen in allen Städten vor. Wer hat sich noch nicht gefragt,
wie es dazu wohl gekommen ist?
Das Buch fängt mit dem Tod des Clochards Titi in einer Pariser Metrostation
an. Erschreckt erkennt sein einziger Freund Rico das eigene Scheitern im Leben.
Seine Ehe ist kaputt, die Wohnung weg, seinen Sohn darf er nicht mehr sehen.
Er beschließt, aus dem winterlich kalten Paris abzuhauen und in Marseille
einen Neuanfang zu versuchen. Doch schon der Aufbruch ist ohne Geld nicht ganz
einfach. Er lässt sich zu einem Raubüberfall überreden. Auf dem
Weg unterzieht er sein Leben einer kritischen Betrachtung, wie es zu diesem
Abstieg gekommen ist. Er begegnet Menschen, die vom Leben gezeichnet sind: Felix,
der immer einen Fußball mit sich herumträgt, Monique, deren Mann
fälschlicherweise des Mordes beschuldigt wird und vergessen will, und Mirjana
aus Bosnien, deren Familie ermordet worden ist und die nun anschaffen geht,
um zu überleben. Vorsichtig schöpft Rico neues Vertrauen, beide könnten
einander Rettungsanker sein, bis kurz darauf Mirjanas Zuhälter auftaucht,
vor dem sie geflüchtet ist. Brutal wird Rico zusammengeschlagen. Aber es
sind nicht die Schmerzen, sondern die Vernichtung des kleinen Hoffnungsschimmers
und die Gewissheit, Mirjana nie wiederzusehen, die ihn zusammenbrechen lassen
und den endgültigen Abstieg besiegeln. Hier verändert sich die Erzählung.
Die Erlebnisse in Marseille werden nun von Abdou erzählt, einem vor dem
Terror in Algerien geflohenen Kind, das in einem Heim in Marseille Unterschlupf
gefunden hat. Beide durch unterschiedliche Geschichten geprägt, finden
sie in der Trostlosigkeit eine Freundschaft, doch für Rico ist es schon
zu spät.
Es ist ein ganz normales Leben, bzw. zwei, die hier erzählt werden in einer
ergreifenden Art und Weise. Schade, dass Izzo nur so wenig Bücher hinterlassen
hat. Doch schon in den wenigen wird deutlich, dass es ihm nicht so sehr um die
Geschichten geht, sondern um die dort vorkommenden Menschen. Und die beschreibt
er so eindrucksvoll, dass selbst solch eine Story, die das Zeug zu einem Kitschroman
hat, zu einem großartigen Werk werden.
MEIKEL F
Jean-Claude Izzo: Die Sonne der Sterbenden, Unionsverlag
256 Seiten für 16,90 Euro
bookSozial.Geschichte
Die Zeitschrift ist das Nachfolgeprojekt von "1999", Zeitschrift
für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, herausgegeben von der
gleichnamigen Stiftung, erscheint dreimal pro Jahrgang und gilt als profilierteste
historische Zeitschrift der Linken in der BRD. In der aktuellen Ausgabe reflektiert
Dirk Hoeder die Geschichte der Migration in Europa von 1600 bis zum ersten Weltkrieg.
Der Autor widerspricht hierbei der gängigen Gegenüberstellung von
europäischen und nordamerikanischen Gesellschaften als Aus- und Einwanderungsländer
und weist im historischen Rückblick auf die Migrationsforschung sowie die
Wanderungstraditionen in Europa die national-ethnischen Konstruktionen von "den
Deutschen", "den Engländern" usw. als "imaginäre
Ethnologie" und "Projektion von Vorstellungen auf komplexe Gesellschaften"
auf.
Ahlrich Meyer untersucht in seinem Beitrag die Rolle des von Nazideutschland
besetzten Frankreich bei der Judendeportation, die in Frankreich seinen Anfang
hatte und weist auf Forschungsdefizite in der Erklärung dieses Tatbestandes
hin.
Peter Schöttler analysiert die bisher als verschollen gegoltene und wenig
beachtete Denkschrift des ehem. Innen-Staatssekretärs Wilhelm Stuckart
vom 14. 6. 1940, in welcher die Annexion des gesamten östlichen Frankreich
gefordert wurde. Schöttler interpretiert diese Schrift in begrifflicher
Anlehmung an den berüchtigten "Generalplan Ost" zur nazistischen
Kolonisierung des Ostens als eine Art von "Generalplan West". Zudem
wird jene Schrift erstmalig in vollständiger Form in der Zeitschrift präsentiert.
Mit dem linksradikalen Operaismus in Italien beschäftigt sich Sergio Bologna.
Der Historiker, selbst in den Sechzigern und Siebzigern aktiv in jenen Zirkeln
der radikalen Linken Italiens, setzt sich hierbei ausführlich mit zwei
Aufarbeitungen jener kommunistischen Strömung auseinander, welche die Klassenkämpfe
des Industrieproletariats als den eigentlichen Motor jeglicher Form von Klassenzusammensetzung
identifizierte. Bologna bezieht sich in seinem Beitrag hauptsächlich auf
die Rezeption der Untersuchung des Operaismus von Steve Wright, "Storming
Heaven", welche als Veröffentlichung in der deutschen Übersetzung
demnächst beim Verlag AssozinationA angekündigt ist.
Dieter Nelles setzt sich mit dem 1957 in deutscher Übersetzung erschienenen
Romanerfolg "Tagebuch der Hölle" des ehemaligen Kominternfunktionärs
Richard Krebs auseinander. Jenes Werk galt gemeinhin als authentischer Beleg
in biographischer Form über die Machenschaften des sowjetischen Geheimdienstes
GPU. Nelles weist nach, dass sich eine derartige Rezeption des Romans auf dubiose
wie fehlende Quellenangaben stützt und dass der Inhalt des Romans eine
historische Verzerrung der Realität darstellt.
Die Themenpalette der Ausgabe ist vielfältig und stellt auch für Nicht-Historiker
einen überaus interessanten Lektürefundus dar. Terz-Tipp: Kennenlernen!
AL.C.
Sozial.Geschichte Heft 3/03; Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts; 12,30 Euro
bookAntideutsche Ideologie
Mit dieser Neuerscheinung widmet sich der Unrast-Verlag erstmals ausführlich
einer seit einigen Jahren die radikale Linke spaltende Strömung, den sog.
Antideutschen. Der Autor Robert Kurz - selbst vor einiger Zeit in deren Umfeld
publizistisch tätig - unterzieht in seiner polemischen Schrift gegen die
antideutsche Apologetik diese monokausale Ideologie einer beißenden Kritik.
Kurz demontiert anhand von Verlautbarungen der Berliner Zeitung "Bahamas",
einer Abspaltung der früheren KB-Zeitung "analyse & kritik",
sowie des Kreises um die Freiburger "Initiative Sozialistisches Forum"
die Instrumentalisierungen des Antisemitismus für eine gegen linke Praxis
gerichtete bürgerliche Vernunfts- und Aufklärungsideologie. Seiner
Meinung nach mündet die Verteidigung des angeblich zivilisierten Kapitalismus
gegen ein vermeintliches deutsch-muslimisches Bollwerk in einen Bellizismus
von links. Der Autor unterlässt es allerdings leider, die Herkunft und
Entwicklung dieser Strömung zu skizzieren und kritisch zu bewerten. Damit
vergibt Kurz der Leserschaft die Möglichkeit eines allgemeinverständlichen
Zugangs zu den Irrungen und Wirrungen im bundesdeutschen Linksradikalismus.
Die meisten der jungen und noch wenig an Marx geschulten AktivistInnen in diversen
linken Gruppen werden der Kurz'schen Analyse einer antideutschen Verfehlung
marxistischer Wertformanalyse schwerlich folgen können, da diese erstens
weitgehend unbekannt und zweitens auch nicht zentral wichtig für eine kritische
Auseinandersetzung mit den sog. Antideutschen ist, deren Hauptaussage sich mit
einem Satz eines ihrer theoretischen Protagonisten, Joachim Bruhn, in der antideutschen
Zeitschrift "T 34" zusammenfassen lässt: "Jede Kritik am
Staat Israel ist antisemitisch." Womit eigentlich schon alles gesagt wäre.
Trotzdem ist hiermit der Anfang gemacht worden, mittels inhaltlicher Kritik
an den zentralen Theoremen der sog. Antideutschen aufzuzeigen, wie sich durch
moralisch-ideologische Instrumentalisierungen eine notwendige Kritik an antisemitischen
Denk- und Erscheinungsformen auf ein derartig sektenhafte anti-antisemitische
Weltverschwörungstheorie herunterbringen lässt, die ihrerseits den
Antisemitismus infam instrumentalisiert und damit auch verharmlost, ohne es
selbst zu merken.
Ein Anfang also zu einer leider notwendigen offensiven Auseinandersetzung.
A.B.
Robert Kurz: Die Antideutsche Ideologie; Münster 2003, 307 S., 16 Euro
bookEuro-Kapitalismus
Die Autoren dieses Sammelbandes stellen sich aus kapitalismuskritischer Perspektive
die Frage: Wie sind die europäischen und globalen Strukturveränderungen
zu deuten und welche Formen von politischer Reorganisation bringen sie hervor?
Kann man in Abgrenzung zu den USA von einem spezifischen Euro-Kapitalismus reden?
Die AutorInnen beschreiben mit unterschiedlichen Ausgangslagen die Entfaltung
eines transnationalen finanzbetriebenen Akkumulationsregimes. John Grahl zeichnet
hierzu die finanzielle Globalisierung seit den Siebzigern nach, Hans-Jürgen
Bieling beleuchtet die Machtstrukturen und Interessenskonstellationen in der
Entwicklung des europäischen Finanzmarktes, und Martin Beckmann setzt sich
mit der Privatisierung der Alterssicherungssysteme auseinander. In einem weiteren
Teil werden die externen Kontextbedingungen des Euro-Kapitalismus mit Schwerpunkt
auf die US-Politik untersucht. Christoph Scherrer zeichnet die US-Außenwirtschaftpolitik
in ihrem Wandel von einer multilateralen zu einer weitgehend unilateraen Ausrichtung
nach. Leo Panitch und Sam Gindin werten diese Entwicklung als eine imperiale
Politik der wechselseitigen Durchdringung unter Dominanz der US-Politik. Dorothee
Bohle untersucht die Osterweiterung der EU und beschreibt die Verschärfung
der sozialen und ökonomischen Kluft durch ein noch weitgehend starkes ökonomisches
Gefälle. Im letzten inhaltlichen Abschnitt des Bandes beschäftigt
sich Frank Deppe mit der Rolle der Gewerkschaften in der Formierung des EU-Kapitalismus,
und Klaus Dräger beschreibt anhand der Modernisierungsstrategien der europäischen
sozialdemokratischen Parteien deren Rolle in der wettbewerbsgetriebenen Liberalisierung
und Deregulierung der Arbeitsmärkte sowie deren zunehmenden Angriffe auf
die Gewerkschaften und globalisierungskritischen Netzwerke.
Der Sammelband liefert hiermit jenseits ideologischer Verklärungen und
Interpretationen einen materialreichen Fundus für eine kritische Auseinandersetzung
mit der vorherrschenden EU-Politik.
A.B.
Martin Beckmann / Hans-Jürgen Bieling / Frank Deppe (Hrsg.):
"Euro-Kapitalismus" und globale politische Ökonomie
Hamburg 2003, 219 Seiten, 16,50 Euro
www.terz.org - 25.11.2003