Der Dregger-Nachfolger, ehemalige Kriminaloberrat der Abteilung Terrorismus
des BKA und Berichterstatter für die Zwangsarbeiterentschädigung im
Bundestag, Martin Hohmann hat am Tag der deutschen Einheit eine Rede gehalten,
die zweierlei demonstriert. Sie enthält einerseits sämtliche gängigen
politischen Klischees, wie sie jeder bekannte deutsche Politiker in den Medien
bedient und sie bedient anderseits sämtliche gängigen Projektionen
des religiösen und rassistischen Antisemitismus. Die berüchtigte Rede
Hohmanns beinhaltet also sowohl staatstragenden Nationalismus als auch Antisemitismus
und Relativierung des Holocaust. Hohmann hetzt im gleichen Ton wie Stoiber,
Schröder und die Bild-Zeitung gegen "Florida-Rolf", gegen "Viagra
auf Staatskosten" für Sozialschmarotzer und plädiert im Einklang
mit der staatstragenden Politik für ein selbstbewusstes Deutschland, für
"gesunden Patriotismus" und für den Vorrang nationaler Interessen
in der Wirtschafts- und Aussenpolitik. Diese Interessen sieht Hohmann gefährdet
durch eine "Mutzerstörung im nationalen Selbstbewußtsein".
Genau diesem Problem wollte sich auch Bundeskanzler Schröder kurz nach
seiner Wahl mit seinem Plädoyer für eine Fokussierung der Politik
auf "deutsche Interessen" widmen und dieses Anliegen prägt nahezu
jede öffentliche Rede quer durch die bundesdeutsche Parteienlandschaft.
Hohmann weist in seiner Rede auf die Gründe des von ihm so betrauertem
brüchigen nationalen Selbstbewusstseins hin: die Kollektivschuld-Propaganda,
die Verurteilung der Deutschen als "Tätervolk". Hohmann erklärt,
dass die Deutschen in Wirklichkeit von dem "gottlosen Hitler" und
seinen Nazis ihrer nationalen Würde beraubt wurden und dafür nun für
ewig büßen müssten. Maßgeblich beteiligt an dieser Gängelung
sind nach seiner Ansicht die Juden. Um sich davon befreien zu können, weist
Hohmann die angeblich ewige Zuschreibung der Deutschen als Tätervolk damit
zurück, dass er im Gegenzug den Bolschewismus als eine Erfindung der Juden
darzustellen versucht. Hohmann bedient sich in seinem Versuch des Nachweises
für dieses klassisch antisemitische Klischee u.a. der Schriften diverser
Antisemiten. So z. B. des amerikanischen Automobilherstellers Henry Ford, dessen
Schrift "Der internationale Jude" auch in Nazi-Deutschland reißenden
Absatz fand. Die meisten Zitate aus Hohmanns Rede sind einer unwissenschaftlichen
und verschwörungstheoretisch aufgebauten Schrift von Bieberstein ("Jüdischer
Bolschewismus") entnommen, einem Bielefelder Bibliothekar, der wohlwollend
in Schriften der extremen Rechten zitiert wird. Bieberstein verwahrt sich allerdings
gegen die Interpretation Hohmanns. Als Essenz der antisemitischen Zuschreibungen
zum Beleg für einen angeblich "jüdischen Bolschewismus"
liest sich bei Hohmann heraus: Die Deutschen wurden von dem gottlosen Hitler
verführt und der mörderische Bolschewismus von den falschgläubigen
sowie gottlosen Juden inszeniert. Daher sollen die Juden nun endlich mit ihrer
Gängelung Deutschlands aufhören, da sie mindestens genauso viel Dreck
wie die Nazis am Stecken haben. Solche Ansichten sind weder etwas Neues bei
dem Bundestagsabgeortneten Hohmann noch bei dessen Gesinnungsfreunden. Hohmann
ist Mitglied im "Arbeitskreis konservativer Christen", der sich offensichtlich
gleichfalls dem Kampf gegen den "jüdischen Bolschewismus" verschrieben
hat und diesen wohl in der Gestalt des Zentralrates der Juden in Deutschland
identifiziert hat. In einer Erklärung jenes Arbeitskreises heisst es: "Von
Mitgliedern des Zentralrates der Juden in Deutschland wird mittlerweile ein
Rundumschlag gegen jede Partei der Bundesrepublik Deutschland geführt,
deren Programm sich nicht auf das kommunistische Manifest oder die gesellschaftszerstörende
Weihe der Frankfurter Schule bezieht."
Bei der neurechten Wochenzeitung Junge Freiheit ist die inhaltliche Überschneidung
von "Rechts" und "Mitte" fast wöchentlich nachlesbar.
So rechtfertigte Martin Hohmann in einem JF-Interview die rassistische Unterschriftenkampagne
der Union gegen die doppelte Staatsbürgerschaft 1998/99 mit den Worten:
"Als Mann mit Basisnähe habe ich von vornherein gesagt, diese Unterschriftenaktion
ist der Zündsatz zu unserem Sieg. (...) Die nationale Karte, vernünftig
und moderat gespielt, hat gestochen und den Sieg gebracht. (...) Und besonders
wichtig: Der normale Deutsche macht nicht den langen Weg an den rechten Rand,
weil er sich dicht bei der Mitte schon gut aufgehoben fühlte." Hohmann
polemisierte dort zugleich gegen antirassistische Kampagnen in Deutschland:
"Die Bezeichnung 'ausländerfeindlich' hat mit der Realität in
Deutschland nichts zu tun. Sie ist eine Beleidigung für das deutsche Volk.
Es ist eine Unsinns- und Totschlagvokabel."
Mit derartigen Ansichten verteidigt Hohmann also nicht nur die CDU sondern
zugleich die "wehrhafte Demokratie" wie auch das deutsche Vaterland.
Hohmann steht demnach nicht ausserhalb des "Konsens der Demokraten",
sondern stellt einen integrativen Teil des hegemonialen Nationalismus dar. Hohmanns
Problem ist also lediglich, dass er es mit dem offenen Antisemitismus etwas
arg übertrieben hat.
Solidarität
Die Presse der extremen Rechten ist nun natürlich voll von Solidaritätsbekundungen
mit Hohmann: Von Horst Mahler über die Nationalzeitung und die Junge Freiheit
bis zur Schill-Partei regnet es Beifall für den neuen Märtyrer der
Rechten. Interessanter sind hingegen die Reaktionen an der Basis und den think-tanks
der CDU sowie der öffentlichen Meinung. Laut Infratest-Umfrage vertreten
49 % der CDU-Mitglieder die Ansicht, dass eine Rede wie die Hohmanns "erlaubt"
sein müsse. Die "Deutschen Konservativen" schalten Anzeigen zur
Solidarität mit dem "mutigen" Hohmann und im Kreis Hilden/Ratingen
hat sich ebenfalls ein solcher Unterstützerkreis aus CDU-Mitgliedern gegründet.
Die Initiatoren dieses Kreises sind zugleich Autoren in der neurechten Wochenzeitung
Junge Freiheit (JF) und stellen damit ein Schanier dar zwischen organisiertem
Konservatismus und neurechten Netzwerken. Im Interview mit der JF erklärt
einer der Initiatoren der Kampagne "Kritische Solidarität mit Martin
Hohmann", der ehemalige Redaktionsleiter des ZDF-Magazins, Fritz Schenk,
mit der Kampagne "die Kluft zwischen Politik und Volk" wieder beheben
zu wollen. Auch Schenk sieht im "Kommunismus - ob in seiner Variante als
Sowjetsozialismus oder als Nationalsozialismus" eine Gefahr für das
christliche Abendland und wehrt sich gegen den "Vorwurf des Antisemitismus"
gegen den Parteikollegen, mit dem er seine offensichtliche Sympathie für
die neurechte Publizistik teilt. Dies scheint auch auf den eigentlichen Urheber
jener Kampagne zuzutreffen, den Hildener CDUler Michael Oelmann, der seine Ansichten
ebenfalls via JF unter das Volk zu bringen versucht. Oelmann ist zudem Verleger
der Hochglanz-Postille "Wirtschaftsblatt", die u.a. vom städtischen
Haushalt mit 10000 Euro mittels Anzeigen unterstützt wird.
Der CDU-Spitze sind derartige Kampagnen äußerst unangenehm, da sie
die fließenden Übergänge zwischen konservativer und neurechter
Propaganda deutlich machen. Es war das erklärte Anliegen der sog. Neuen
Rechten, die Nationalisierung und Kulturalisierung des Politischen in die Mitte
der Gesellschaft zu rücken und dieses Anliegen erscheint als aktuelle Realität.
Leute wie Hohmann belegen allerdings den Tatbestand, dass "gesunder Patriotismus"
und eine "selbstbewußte Nation" in diesem Lande ohne Antisemitismus
nicht zu haben sind.