Und wieder ist ein Jahr vollbracht und wieder ist nur Mist gemacht. Gut
Nacht, schlaft gut, ihr Sorgen, leckt mich am Arsch, bis morgen.
Den letzten großen Lachflash des Jahres bescheren uns auf jeden Fall die
"Kanzlermasken"-Räuber, die dieser Tage vorm Bonner Landgericht
stehen. Das angeklagte Männerduo soll in einer der spektakulärsten
Bankraubserien der hiesigen Geschichte zwischen 1998 und 2002 bundesweit über
36 bewaffnete Überfälle begangen haben. Dabei tarnten sie sich mit
Karnevalsmasken oder mit Masken, die das Konterfei von Bundeskanzler Gerhard
Schröder zeigten. Ich meine, wenn du da gerade in der Bank stehst und Gerhard
kommt mit blank gezogener Knarre rein, um die Kohle aufzutreiben, dann möchtest
du ihm doch am liebsten zureden, dass das doch alles nicht so schlimm ist mit
der Asche ... die kommt schon irgendwie rein ... vielleicht auch mal bei ein
paar Villen und Konzernzentralen anklopfen ... bis du aufwachst und merkst,
dass der echte Gerhard und seine Gang schon längst wieder völlig legal
die Runden dreht und die Taschen der Leute bis auf den letzten Cent umdreht
... natürlich für den guten Zweck, versteht sich. Opfer und Täter.
Hier die Täterätätää zum Jahreswechsel.
V.A.: CHINA - THE SONIC AVANT-GARDE
(Post-Concrete)
Auch wenn das dirty Avant-Wort wirklich unnötig ist - Fakt ist, dass hier
zum ersten Mal auf 2 CDs 15 ProduzentInnen elektronischer Experimente aus China
hörbar werden. 47% Löten am offenen Gerät, 78% Alltagsfeldaufnahme,
23% Rohopium-Chill-in, 0% digitale Hipness, 100% Stilvielfalt. Abenteuerreise.
THE DORKESTRA: MERRY TALES
(C0C0S0L1DC1T1)
Stellt euch vor, der Ninja-Tune-Praktikant hat zuviel geraucht und fällt
volle Knolle in das Samplearchiv ... DJ Luv rollt ihn beiseite, kehrt den Kram
auf, setzt das Naheliegendste am Basteltisch zusammen, zappt dabei durch alle
Kanäle und rollt erst mal einen ein ... 10% sagten sie Stilvielfalt? 1000%
nein, Spielvielfalt!
VICNET: VIC (DECO)
Französisches Designer-Baby fiel frisch aus dem Laptop und kriecht trotzwitzig
wieder in seine nett verspielte Designerwelt zurück. 100% auf dem Mac-Lap
produziert, 100% good clean Fun, 100% sprichst du immer mit Vocoderstimme?
NOVEL 23: ARCHITECTURAL EFFECTS (Bip-Hop)
Braucht keiner außer WARP-Die-Hard-Fans. Unverschämt auf der Stelle
tretende Kindheits-Melodie-Elektronik, die vor mindestens 10 Jahren schon da
war. Leider auch noch aus Russland kommend und das Idiotenvorurteil bekräftigend,
dass dort mitunter elektronischen Vorbildern hinterhergehinkt wird. Dazu ein
Weglaufcover und gotige Architekturprätention galore: no way.
SERGEJ MOHNTAU: RUBBERGLOVEBAGPIPES
(Transacoustic Research)
Rettung durch Blasen: nämlich in die Gummihandschuhe des Austria-Duos.
Analogdigitaler Spaß mit performativem Charakter. 240% Laptops sind Pappkisten
und keine Nerdschutzschilder, 900% die besten Instrumente stehen immer noch
in Küche und Keller, 10000% Furz den Gummitanz! Charmant.
V.A.: KRAAKGELUIDEN DOCUMENT 1/1999-2003 (Unsounds)
Mitten im Winter 1999 starteten in einem besetzten Amsterdamer Kaufhaus MusikerInnen
eine Plattform für kollektive Liveimprovisationen, bei der die Elektronik
im Mittelpunkt steht. Die erste Zeit wird hier durch 12 unterschiedlichste Tracks
dokumentiert. Nicht nur Ausgang und Impulsivität, sondern auch Sammlung
und Wandlung sind hier überzeugend dokumentiert.
DAVID GRUBBS/AVEY TARE: SPLIT (FatCat)
Grubbs, mit hinreichend bekannter Indie-Postrock-Vergangenheit gesegnet, und
Tare vom grundbrechenden NYer Animal Collective teilen sich eine 12". Während
Grubbs ambitioniert in die Klaviertasten haut, lässt Tare Alltags-Stimmen
aus der geschichteten Synthie-Glut aufflackern. Spannendes Teil!
KAFFE MATTHEWS: eb + flo (Annette Works)
Kaffe ist so eine Sache ... sie macht ultraminimale elektronische Musik, die
am besten in geschlossenen Räumen bei äußerster Konzentration
und Entspannung - für einige ja dasselbe - gehört werden sollte. Ein
kleines Theremin, ein Raum, ein Feedback. Sehr schwieriges Material. Don't panic
in public, try this at home.
V.A.: AUDIOLAB (Lucky Kitchen)
Ebenso forderndes Material des Pariser Labels auf 2 CDs in wunderbarem Artwork
mit superguten Linernotes. Der Inhalt dann: hmhmhm ... runzelrunzel ... Experimente,
die mitunter vermuten lassen, die Gasleitung ist undicht, die Anlage kaputt
oder die Platte eigentlich schon längst zuEnde. Ohne Scheiß: Irgendwann
will man nur mehr etwas HÖREN, so rudimentär kommen die Tracks zwischen
Narration, Elektroakustik und Soundscape daher ... zuviel Museum, nur in absoluter
Konzentration genießbar.
V.A.: SATURDAY MORNING EMPIRES
(intr_version)
Hier dagegen rollt die Abstraktion ungleich kompakter und, ja doch, auch gefühliger
daher. Erste Werkschau des erst 1999 gegründeten kanadischen Labels für
experimentelle Elektronik. 75% Geh nicht ins Museum, sieh in den leeren Himmel,
40% Hör dem Herz zu, Du, 59% Dein Postrock steht dir gut.
STEPHAN MATHIEU + DOUGLAS BENFORD:
RECIPROCESS (Bip-Hop)
Modellhaft gelungene Präsentation von zwei thematisch korrespondierenden
Musikern, die einst beide von analog nach digital gingen. Solotracks, Kollaborationen
und fundierte Infos über Konzept und Intention. Das Gesamtergebnis ist
sehr stimmig, offen und lädt zum Einsteigen ein.
2ND GEN: FLICKNIVES (Quartermass)
Dieses hier auch, aber fraglich ist, wie man da wieder raus kommt. Wajid Yaseen
legt hier nicht etwa mit seinen herzigen Industrialwhitenoiseterrorbeats nach,
sondern kreiert ein zwar verzerrtes und unglaublich düsteres, aber vor
allem auch intensives und in dreckigen Illbient-Dschungeln wilderndes Beat-Monster.
SILICON SOUL: POUTI (disko B)
Dagegen ist das hellste Popmusik, obwohl der sinistre Hedo-Elektro-Funk des
NYer Duos sich dito intensiv ins Hirn schraubt. Die Elektrik sehr innovativ
mit K.I.-Elementen angereichert, die Vocals schmelzen kühlen schwarzen
Soul darüber. 77% Elektroclash für die Hausbar, 82% Klassiker für
die Nachtbar.
ULTRA-RED: IMPERIAL BEACH (Soundslike)
Sperriger Polit-House vom LA-Kollektiv, das hier sein Konzept variiert und die
Protestsounds der Demo gegen den Kongress der Freihandelszone der amerikanischen
Staaten im April 2001 in Quebec als Ausgangsmaterial nimmt.
DIVERSE: ONE A.M. (Chocolate Industries)
Ein gut abgehangener Rock-Vibe und diverse harmonische Schwingungen von smoov
bis ruff bilden ein Rückgrat für den MC aus Chicago, das fähige
Produzenten wie RJD2 oder Prefuse 73 stützen. In ihrem ausgewogenem, relaxtem
und sehr spannendem Vibe eine der besten HipHop-Scheiben der Zeit.
IOMOS MARAD: DEEP ROOTED (all natural)
Und nochmal Chicagos urban wilderness auf der Karte: sehr smarte und punktgenaue
minimale Soundgerüste schaffen eine direkte und schonungslose Atmo, die
in vielem an Mobb Deep erinnern. Schon bald wird klar, dass das Debut des jungen
MCs aus der Southside weit darüber hinaus gehen kann.
BOBBITO: EARTHTONES (R2)
Music from the Latin Diaspora nennt Radio-DJ und Kolumnist Bobbito seinen Stil.
Äußerst cool-beschwingter Mix eines locker wie tief im Material agierenden
Music-Lovers - bleibt auf dem Boden und zieht an den Füßen.
BAR RUMBA: 10 YEARS OF DANCING (BBE)
In London gibt's ne Bar, da tanzen die alle so
nette Latin-Breakbeat-Groove-
Überraschungen und 'n paar olle Kamellen machen diese Kochplatte rund ...
da brennt nix an, da kocht nix über, da freuen wir uns und gehen gleich
mal weiter.
PETER GABRIEL: HIT (Virgin)
Peterchens Mondfahrt: Áuf zwei Scheibletten sind Hits und Misses aka
Outtakes und Rarity-Kram versammelt, die schnell klarmachen, wo der Sledgehammer
hängt. Seltsam aber wahr: Der Mann hat verdammt viel gutes Zeug gemacht.
BRITTA PHILLIPS & DEAN WAREHAM:
L'AVVENTURA (Jetset)
In der Tat die Nancy Sinatra und der Lee Hazelwood von heute. Und statt affigem
Möchtegernglam hat's hier real Starpower von den Ex-Musikern von Galaxie
500 und Luna. An den Reglern wachte Produzentenlegende Tony Visconti über
diese opulent-seidigen Chansons in Jeans und T-Shirt. Brittas Bass streichelt
wie ein Flicknife, Deans Gitarre stichelt wie ein Stiletto. Echt süß.
SPAIN: SPIRITUALS, THE BEST OF SPAIN (Ryko)
Wow. Josh Haden, Sohn des Jazz-Bassisten Charlie, gründete diese geniale
Band 1994 mit der Intention, langsame, ruhige und im weitesten Sinne Blues-beeinflusste
Stücke zu spielen. Superklare und filigrane Arrangements, beseelter Gesang
und ein Gespür für Jazz lassen diese Musik nicht zur Ruhe kommen.
TRESPASSERS WILLIAM: DIFFERENT STARS
(Bella Union)
Es gibt Tage, da lässt sich nur diese eine Platte hören. In Dauerrotation.
No Shit. Mit Songs und der Stimme von Anna-Lynne Williams brennt die Musik der
südkalifornischen Band sich langsam aber sehr sicher und umso mysteriöser
in deine Welt ein. Spinnt einen Kokon um dich, so sanft wie Stahl und Wolle.
Beste Wintermusik zur Zeit, darauf verwette ich ne Pulle Glühwein.
THE DEAD MILKMEN: NOW WE ARE 20 (Ryko)
Was für eine Zeitkapsel! 31 Kracher der trashigsten Sorte, die Philadelphias
gröbste Fun-Punker bisher nie veröffentlichten, logisch live und ungebügelt,
die Hälfte vom Radio. Klingt so frisch und feist wie vor Generationen.
Rodney Anonymous, Joe Jack Talcum, Dave Blood und Dean Clean: wahre Helden des
ungepflegten Entertainments, die sich heute nicht mehr finden lassen. 35% Scherzkekse
gefressen, 65% Unterhose geschissen, 100% Basssaite gerissen.
DIE INNUNG: DA SEIN WO WAS LOS IST
(Killer Release Records)
Dagegen wirken die Vier von der Düsseldorfer Innung sauber und aufgeräumt,
machen sich aber trotz Toco-mässig-klingender-Titel und 1000x gehörtem
PunkmitBetonungaufRock-Vokabular so ein paar eigene Gedanken, die sich Stil-Stoiker
wohl gerne geben. Wir aber verweisen noch auf folgendes:
V.A.: THE AMERICAN SONG-POEM ANTHOLOGY (Setana)
Mitte der 60er hatten diese Songs eine Hochzeit: als auf Wunsch komponierter
Background von kommerziellen Studios für die eitlen Belange hoffnungsvoller
Möchtegerndichter - man warb die Opfer per Kleinanzeige - erfährt
diese superobskure Subkultur in Zeiten des Net-Research eine neue Blüte.
Hier finden sich 28 Stücke, denen wir nur mehr fassungslos gegenüberstehen.
Titel wie "I like yellow things", "Human Breakdown of Absurdity"
oder "Blind Man's Penis (Peace and Love)" lassen Zweifel am Sinn der
Welt erst gar nicht erst aufkommen. Weihnachten naht ... verschenkt doch mal
einen Song ... und dann zieht euch die Gerhard-Maske über und hinaus in
die kalte Nacht. Bis nächstes Jahr in kalter Frische, Euer
HONKER
www.terz.org - 25.11.2003