Die Neutronenbombe wurde hier genauso propagandistisch durchgesetzt wie die NATO-Nachrüstung, der atomare Erstschlag oder die militärstrategischen Konzepte der Zukunft. Seit Jahren werden hier Einsätze außerhalb des Bündnisgebietes ("out of area") vorbereitet oder wird der Sicherheitsbegriff ausgedehnt auf nicht-militärische Bedrohungen, und damit ein Dauer-Kriegs-Zustand legitimiert, der lokal und zeitlich entgrenzt oder als Präventivschlag mit oder ohne UN-Mandat geführt wird. An Präventivkriegskonzepten arbeiten dabei nicht nur die USA, sondern längst auch die Bundeswehr, wie die Süddeutsche Zeitung vom 10. November 2002 meldet. So fordert das "Zentrum für Analysen und Studien der Bundeswehr" in einer aktuellen Studie: Deutschland solle mit anderen Partnern "eine Führungsrolle in der EU übernehmen und Streitkräfte in Europa und ihre Fähigkeiten vorantreiben". Einsätze sollen in Zukunft innerhalb von Stunden oder Tagen möglich sein und "Gefahren für Deutschland und seine Partner auch jenseits der Grenzen Europas" abgewehrt werden können. Der "Krieg gegen den Terror" und der Angriffskrieg gegen den Irak standen auf der Tagesordnung der Konferenz vom 7. bis 9. Februar 2003 in München.
Seit 1998 sitzt auch die Rüstungslobby direkt mit am Tisch. Der DASA-Vorstandsvorsitzende
Manfred Bischoff nutzte bereits bei seiner Antrittsrede die Gelegenheit: Er
beklagte den immer größer werdenden technologischen Rückstand
auf die USA und forderte eine "Europäisierung der Luft- und Raumfahrtindustrie."
Ohne die Zwänge eines offiziellen Protokolls und die Notwendigkeit von
Abschlusserklärungen wird auf der Münchner Konferenz in einem informellen
Rahmen diskutiert und dabei Klartext geredet. So ist das "beste militärpolitische
Seminar der westlichen Welt", wie es ein US-Senator einmal nannte, vor
allem auch ein Gradmesser für den inneren Zustand der Nato.
Streitpunkt seit Jahren: Der gegen den Widerstand der USA beschlossene Aufbau
einer eigenen EU-Eingreiftruppe mit 60 000 Soldaten unter deutscher Führung
- der Versuch, die Handlungsfähigkeit Europas als globaler Akteur endlich
auch auf militärischem Gebiet zu verwirklichen. Eindringlich warnte der
frühere US-Außenminister Henry Kissinger, Ikone der republikanischen
Sicherheitspolitik, die Deutschen und Europäer in einem Brandbrief kurz
vor der Münchner Tagung 2001 vor diesem "eigenständigen und konflikthaften
Kurs". Dagegen stellte Egon Bahr (SPD) in einem Interview mit der Münchner
Abendzeitung klar: "Die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik
ist unausweichlich, wenn Europa nicht ein Protektorat der Amerikaner bleiben
will." Und er fügte hinzu: "Das müssen die Amerikaner lernen."
Auf die Frage, wozu die EU eine eigene Interventions-Armee braucht, antwortet
sein Kollege, der außen- und sicherheitspolitische Sprecher der SPE-Fraktion
(Sozialdemokraten und Sozialisten) im EU-Parlament Janis Sakelariou: "Damit
sie nicht mehr nur als Trittbrettfahrer bei den Amerikanern mitmachen kann."
Längst führt die ökonomische und geopolitische Konkurrenz zwischen
den kapitalistischen Blöcken EU und USA zu handfesten Konflikten. "Schwere
Gefechte in der Nato", titelte die Abendzeitung. Die SZ bezeichnete die
Nato bereits als "Auslaufmodell der Nachkriegsgeschichte".
Doch Totgesagte leben bekanntlich (etwas) länger. Neben der gemeinsam
beschlossenen Nato-Osterweiterung kam es auf dem Nato-Gipfel in Prag im November
2002 trotz dieser Differenzen zum Kompromiss. Die USA setzte den Aufbau einer
21000 Soldaten starken Krisentruppe der Nato, die auch außerhalb des Bündnisgebiets
eingesetzt werden soll, durch. Und zugleich stellte der grüne Außenminister
Fischer klar: Diese Pläne dürfen dem Aufbau europäischer Krisenreaktionskräfte
nicht widersprechen. So entfesseln die gemeinsamen wie die konträren Interessen
der kapitalistischen Blöcke USA und EU die Dynamik der Neuen Kriege und
führen zu einem erneuten Rüstungswettlauf - auch unter Partnern.
KiF
www.terz.org - 25.11.2003