Mit gehörigem Auftrieb nach der großen Berliner Demonstration
gegen den Sozial-Abbau trafen sich am 8. November über 20 Initiativen zum
"1. Düsseldorfer Sozialforum" in der Geschwister-Scholl-Schule,
um eine Bestandaufnahme der sozialen Lage vor Ort im Zeitalter der Globalisierung
zu machen.
Nach den anti-globalen Großveranstaltungen wie dem Weltsozialforum in
Porto Alegre und den WTO-Protesten in Seattle sahen sich die AktivistInnen der
Gefahr gegenüber, im Zuge der Gipfelstürmereien die Auswirkungen der
Globalisierung vor der eigenen Haustür aus den Augen zu verlieren. Deshalb
begannen sie, kleinere Strukturen aufzubauen. 2002 fand in Florenz das erste
Europäische Sozialforum statt - und am 8. November das "1. Düsseldorfer
Sozialforum". In der Geschwister-Scholl-Schule kamen über 20 Initiativen
wie Attac, Greenpeace, Antifa KOK, Coordination gegen BAYER-Gefahren, Arbeitslosen-Initiative,
Friedensforum, Initiativkreis Armut und Anti-Hartz-Bündnis zusammen. Sie
informierten an Ständen über ihre Arbeit und boten Workshops zu Themen
wie "Die WestLB und ihre schmutzigen Geschäfte", "Situation
von Flüchtlingen in Düsseldorf", "Düsseldorfer Wohnungspolitik",
"Aktiv gegen Hartz" und "Düsseldorf im Schatten des BAYER-Kreuzes"
an.
Zum Auftakt sprach der Gewerkschaftler Horst Schmitthenner zum Thema "Das
neoliberale Globalisierungsprojekt und seine Auswirkungen auf die öffentliche
Wohlfahrt". Eine nahe liegende Wahl, denn Schmitthenner ist im Vorstand
der IG Metall für die Zusammenarbeit mit den "zivilgesellschaftlichen
Organisationen" zuständig und möchte die Gewerkschaften nicht
länger bloß als "Juniorpartner der SPD" sehen. An deren
Sozialstaat-Abrissprogramm ließ er dann auch kein gutes Haar. Detailliert
ging er die Zumutungen der Gesundheits-, Renten- und Arbeitsmarkt-Reform durch.
Wie bei so vielen, die die Neoliberalisierung geißeln, waren aber auch
bei ihm nostalgische Gefühle für den "guten, alten Kapitalismus"
nicht zu verkennen. Mit Sentenzen wie "Der Sozialstaat stabilisiert die
Demokratie" pries er die Zeit vor dem neoliberalistischen Sündenfall.
Da habe er ganz recht, konzedierte ein Mann aus dem Publikum, aber in einem
Sinne, der ihm nicht recht sein könnte. Dann hob er zu einem historischen
Rekurs an und erläuterte, wie Bismarck die Sozialversicherungen als Präventionsmaßnahme
gegen die befürchtete Revolution einführte. Die Sozialgesetzgebung
ist kein Bestandteil bürgerlicher Demokratie, sondern das Ergebnis sozialer
Kämpfe, lautete sein Fazit. Auch die Gewerkschaftspolitik, mit Leiharbeitsfirmen
Manteltarifverträge abzuschließen, weshalb sich an ein und derselben
Werkbank jetzt LeiharbeiterInnen und Betriebsangehörige treffen können
und das Prinzip "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" nicht mehr
gilt, musste sich der IG Metaller vorhalten lassen. Diese und andere Kritik-Punkte
erkannte Schmitthenner durchaus als berechtigt an, verwies aber darauf, dass
die Gewerkschaft nicht im luftleeren Raum agiere und auch eine starke Linke
brauche, um in die Offensive gehen zu können. Damit hat er zweifellos recht.
Trotzdem bleibt innerhalb der Protest-Bewegung die Rolle der Gewerkschaften
im Allgemeinen und Schmitthenners im Besonderen problematisch, wie auch in dem
Workshop des Düsseldorfer Anti-Hartz-Bündnisses deutlich wurde. Hartmut
Lohse von der Arbeitslosen-Initiative berichtete von den Erfahrungen mit Schmitthenner
bei der Vorbereitung eines hauptsächlich von Arbeitslosen-Organisationen
und StudentInnen-Gruppen 1997 geplanten Sternmarsches in Bonn. Als absehbar
war, dass er eine große Sache werden würde, sprang der große
Gewerkschaftsapparat an und ließ alles unter DGB-Label laufen. Die eigentlichen
InitiatorInnen kamen dann noch nicht einmal auf die RednerInnen-Liste der Abschluss-Kundgebung
und Schmitthenner ward nicht mehr gesehen ...
Ähnliches ereignete sich auch bei der Planung und Durchführung der
Berliner Demonstration. Nach den nicht sehr erfolgreichen Protesten gegen die
Agenda 2010 im Frühjahr standen Gewerkschaften - wie auch attac - einer
Massen-Veranstaltung skeptisch gegenüber, weil sie ein Scheitern befürchteten.
Im Sommer schloss der DGB dann ein Stillhalte-Abkommen mit Schröder und
gab als neue Richtlinie aus, der Widerstand müsse langfristig angelegt
sein. Diese "Fristen-Lösung" hatte vor allem den Zweck, die SPD
zu schonen, kritisierte Lohse. So mobilisierten die Gewerkschaften kaum. Die
Hauptarbeit lag in den Händen der Arbeitslosen-Initiativen und kleinerer
Gruppen. Die Ortsverbände der Gewerkschaften stellten nicht einmal überall
Busse zur Verfügung. Ver.di-Berlin oblag nichtsdestotrotz die Organisation
vor Ort. Deshalb fanden sich einmal mehr dezidiert linke Initiativen am 1. November
nicht auf der Rednerliste wieder, obwohl sie letztlich für die unerwartet
hohe TeilnehmerInnen-Zahl verantwortlich waren.
Diese Doppelrolle der ArbeitnehmerInnen-Vertreter verteidigte kaum einer der
an dem Workshop teilnehmenden GewerkschaftlerInnen. Sie erzählten vielmehr
in anschaulichen "Geschichten aus der Produktion", wie die Unternehmer
der Region die "Sozialreformen" umsetzen. Sie entlassen z. B. Festangestellte
und heuern dafür billigere LeiharbeiterInnen an. Der Arbeitsplatz-Effekt
ist damit gleich null, außer Lohn-Dumping ist nichts gewesen. Aber das
sollte auch gerade das Ziel der Reform-Übungen sein, an die Schaffung neuer
Arbeitsplätze glaube im Ernst niemand, so das Düsseldorfer Anti-Hartz-Bündnis.
Am späten Nachmittag trugen Delegierte der einzelnen Workshops die erarbeiteten
Forderungen einem virtuellen Düsseldorfer Rat vor, der die schon im Häuserkampf
bewährten Joachim-Erwin-Einheitsmasken trug. Als Ober-OB ragte aus dem
Ensemble der PDSler Frank Laubenburg heraus, der sich überzeugend in die
Bösewicht-Rolle eingearbeitet hatte. Souverän schmetterte er alle
Begehrlichkeiten der "Besitzstandswahrer" ab und sorgte so für
eine vergnügliche Kunstpause in der Geschwister-Scholl-Schule.
Zu guter Letzt verlasen TeilnehmerInnen die Abschlusserklärung des Düsseldorfer
Sozialforums. Auch sie war nicht frei von Reminiszenzen an einen Kapitalismus
mit menschlichem Antlitz. Trotzdem fügten die Mosaik-Steinchen aus den
Workshops sich zu einem beeindruckend homogenen Horror-Gemälde Düsseldorfer
Verhältnisse zusammen. Auf der einen Seite Renommierprojekte wie die Arena,
Renommier-Meilen wie die Kö und Steuer-Geschenke für deren BesucherInnen,
auf der anderen Seite Arbeitsdienst für Sozialhilfe-EmpfängerInnen,
immer weniger bezahlbarer Wohnraum und verstärkter Druck auf Außenseiter
wie Obdachlose, Homosexuelle, Arbeitslose und Flüchtlinge - dieser Riss
ging durch das Bild.
Eine solche gelungene Zusammenarbeit, die nicht durch Dominanz-Ansprüche
von Parteien oder größeren Organisationen wie attac gestört
wurde, macht Hoffnung auf das Entstehen einer neuen linken Struktur in Düsseldorf.
Die 160 BesucherInnen an dem Tag wären eine gute Ausgangsbasis, nur der
Altersdurchschnitt könnte ein wenig niedriger sein.
Jan
www.terz.org - 25.11.2003