Im Januar
03 reviewte ich zum Schluss eine grandiose MixCD mit den Worten ”Das
Licht
macht heuer aber unser aller Johannes aus: eine Mix-CD von Mr. Peel,
und ihr
wisst, wo der Hammer hängt...inkl.
Liverpool-Fan-chören...you’ll never walk alone...you may
need em
sometime...Love Reprise!!!”...und jetzt wissen wir auf einmal, wie sehr
wir das
wirklich brauchen. Wer spielt uns jetzt diesen verrückten
Eklektizismus-Mix so
scharf und radikal und präzise und verrückt und entertaining?
Wo ist Musik im
Radio? Es sind traurige Zeiten in den Luftwellen. John Peels Herz hat
aufgehört
zu schlagen. Die gute Tine Plesch ist knapp darauf auch viel zu
früh gestorben,
und John Balance ist zu allem Überfluss auch noch –
standesgemäss betrunken –
zuhause die eigene Treppe tödlich runtergestürzt...und das
sind nur drei Tote
aus der Musikwelt...aus der letzten Zeit...giess ich mir’n
Trostbierchen ein,
doch das will auch nicht so richtig schmecken...was macht ihr? Kerzchen
anzünden? Tütchen? Alles was ich euch, neben diesen kleinen
Musiktipps, noch
sage, ist: kommt gut ins neue Jahr und seht bloss zu, dass es besser
wird als
das alte! And you’ll never walk alone!
BRAUN
&
THE MOB: AS THE VENEER OF DUMBNESS STARTS TO FADE (nonplace)
Beschliessen wir
das Jahr mit etwas wirklich Gutem. Wenn in diesem Land überhaupt
irgendetwas
braun werden darf, dann Olli Braun aus Köln, der als Beige schon
zwei der
hirnblas- und überragendsten Transformationen von Funk in Daten
hinbekommen
hat. Jetzt ist Beige Braun und zollt Mark Stewart’s ”As the Veneer of
Democracy
starts to fade”-Kracher verschwurbelt-klaren Respekt, nicht ohne den
amtlichen Codes,
wie immer, abgeklärt’n amüsiert, aufs herrlichste die Hosen
runterzuziehen.
Marshmellows und Handgranaten in Stöckelschuhen,
durchgeschüttelt. Absolut
Fantastisch.
KINDERZIMMER
PRODUCTIONS: IRGENDJEMAND MUSS DOCH (www.kinderzimmer-productions.de)
Die
letzte Scheibe von denen war ein Abräumer: die besten
Storytellings in hiesiger
Zunge und schokogeile Assoziationsraps. Wo die waren, war oben. Jetzt
kleiner,
abgespeckter, aber nicht minder kantiger: KiZi 2004, 10 Jahre, 5 Alben,
und
immer noch gut, dass es sie gibt. Die lächerliche Aggrokillerposse
überlässt
man den Hosenscheißern, hier sind Skills und Stylewissen am Werk.
Unversöhnlich, arrogant und konsequent – keine schlechte Haltung.
Hey KiZi -
werdet ihr denn nie erwachsen? ‚Nein.’ ‚Oh bitte nicht!’ ‚Dann ja.’ ‚Oh
Nein.’
‚Na gut.’ ‚Ja Super.’
V.A.:
TEAM
KITTY-YO (Kitty Yo)
Noch
ein
10jähriges: die notorischsten Grossmäuler, die Pop-Berlin zu
bieten hat, mit
einem Doppel-Schlag, der, wenn alle Sterne verflogen sind, zum
unterhaltsamsten
gehört, was man derzeit zu hören bekommt. Die erste Runde
bildet den Jetztstand
ab, Exklusives und den Ausblick auf Zukünftiges, die zweite dann,
sehr schön,
zentriert marginal gebliebenes und Unerschienenes. Gelungene
Zusammenstellung...Glückwunsch...und jetzt zieht euch mal was
anderes an...ist
doch wahr...immer nur Scheuerpulver und Backmehl...hähä...
MAXIM
BILLER: TAPES (Essay Recordings)
Süss.
Wirklich. Auf dem Cover sieht Maxim aus wie eine
Schutzgötter-Mischung aus
larifari Hunter S. Thompson-Kreditberater und rigorosen Donald
Fagen-Geschmackspaten und macht uns den Zugriff damit leicht. Aber die
Musik?
Seien wir ehrlich: wäre es nicht MB, würden wir diesen
LoFi-Bedroom-Demos –
angeblich schrieb der Schreiber seit 1981 mehr als 700 Songs – nicht
unbedingt
soviel Aufmerksamkeit unserer begrenzten Zeit gönnen. Weit weg vom
Wasser und
nah an Wiglaw Droste gebaut. Simplester Folk, mal sogar mit
Diktiergerätakkordansage. Süss, wie gesagt. Dylan geht
anders. Aber egal. Süss.
F.S.
BLUMM
& FRIENDS: SESAMSAMEN (Plop)
Hier
passiert
ganz Hervorragendes: der sympathisch erweiterte Gitarrist Blumm
lädt zur
Kooperationsparty all die Freunde und Leute ein, die schon immer auf
seinen
Platten spielten. So entstand nicht unbedingt eine
Freundschaftssymphonie, aber
viele kleine wunderbare Overturen. Und die sind bekanntlich
Anfänge zu etwas
ganz Grossem, das mehr ist, als die Summe der einzelnen Teile.
Wunderschön,
und: Kopfhörerhören lohnt sich ganz unbedingt!
MOKIRA:
FFT
POP (Cubicfabric)
Der
Schwede
Andreas Tilliander versucht sich an einer Verbindung aus der Tiefe des
Dub, der
(im positiven Sinne) Oberflächlichkeit der Melodie und der
abstrakten Höhe der
Digitalästhetik. Das Ergebnis, gedacht als eine Hommage an das
legendäre
”Loveless” von My Bloody Valentine, flieht der Hypelogik der schnellen
Audioverwertung und führt konzentriert zu neuer De-Konzentration.
FOURCOLOR:
AIR CURTAIN (12k)
Erinnert
Ihr euch an ”Water Mirror” von Aircolor, das letzten Monat besprochen
wurde?
Hier ist das prozessierte Gitarrenspiel von Keiichi Sugimoto, dem
ästhetischen
Vibe des stets sehr empfehlenswerten 12k-Labels etwas angepasst,
durchaus noch
poetischer und klarer geworden. Sehr empfohlen für einsame
Winterspaziergänge.
Manchmal macht Kälte klarer. Diese Musik braucht Konzentration und
Einkehr, ohne
anheischig zu sein. Ihr solltet es prüfen.
ED
LAWES:
14 TRACKS / PIECES (Planet Mu)
Das
kann
Planet Mu also auch: ambitionierte Kompositionen neuer Musik. Die
pieces, eher
traditional und improvisierte Musik, und tracks, die prozessierten und
elektroakustischen Stücke, des Birminghamer Komponisten bilden ein
akustisches
Panorama ab, in dem sich beide Welten sehr lebendig vermischen. Die
Abstraktion
erfährt durch die jeweilige Instrumentierung und Herangehensweise
sehr viel
Wärme. Ein Einlassen auf dieses Material erfordert ein sehr
bewusstes Hören,
dass erstaunliche Sinnes-Räume zu öffnen vermag.
METAL
YCEE:
ANOTHER WHITE ALBUM (mosz)
Ja
echt,
schon wieder eins! Also ährlich...dabei lotet das Duo doch bloss
die
Metal-Ästhetik aus und transformiert das Ganze in Elektronik.
Allerdings nicht
via Cover, wie letztens die witzigen Transformer di Roboter, sondern
durchaus
im HipHop-stil via Sampling, Collagierung und Prozessierung.
Marschierende
Doublebassdrums und kreisende Riffschwerter also fix eingefangen, in
den
Kochtopf geschmissen und zig mal gewürzt und
umgerührt...hört, ihr Leute, lasst
Euch sagen - so einen Metaleintopf habt ihr noch nicht gegessen!
V.A.:
METALHEADZ MDZ04 (Metalheadz)
Metal!!!
Ja
werden wir denn alle 10 dieses Jahr? Goldie’s Label hat nu auch schon
ne Dekade
auf dem jungen Buckel, und klingt immer noch so frisch und scharf wie
eh und
je. Darauf könnt Ihr einen lassen: die Youngster hier sind genauso
brandgefährlich wie die Oldies (wie etwa Photek oder Spirit). Die
11 Tracks
strotzen vor Kraft und Vitalität, unglaublich! Wer hören
will, dass D&B
2004 noch lange kein Auslaufmodell ist, sollte hier ein Ohr reinwerfen.
Tip:
Leon Switch und Kryptic Minds – Kinder, das sind
Hämmer...Geräte!!!
TOTAL
SCIENCE: GOOD GAME (CIA Records)
Neues
aus
dem Hause Computer Integrated Audio: das Duo Smith/Greenhalgh
profiliert sich
erneut als eines der kenntnisreichsten und stilversiertesten
Jump-Up-Crews des
Drum & Bass. Die Scheibe überzeugt letztlich durch das hohe
durchgehaltene
Power-Level und die knallgerade Produktion. Tricky, aber stets auf dem
Punkt,
poliert sie die Old-School mit ihrem populistischem Soul auf.
BUTTI
49:
HABIT (Exceptional)
Übergehen
wir mal den leider albernen Projektnamen…das norwegische Duo aus
Stavanger
swingt sich ambitioniert durch seine Jazz-, Soul- und Funkvorlieben.
Das eigene
Tokijo-Label und diverse Remixe zeugen von okeyer Eingebundenheit in
das
internationale Groove-Netzwerk, und auch das Debut überzeugt
nachhaltig durch
Vielfalt und Organik, dem jede Beliebigkeit fehlt.
MINUS
8:
ECLECTICA (Stereo de Luxe)
Robert
Jan
Meyer studierte sich zum Architekt, nur um später Musik zu machen.
Sehr gut so.
Sein Projektname verweist auf ein bewusstes slow-down gegenüber
jedem
Schnelligkeitswahn. Stattdessen wird sehr geniesserisch und entspannt
in
HipHop, Soul und Ragga geschwelgt, Roy Ayers gehuldigt,
Jazz-Pralinés werden
gereicht. Superbe Produktion, und vor allem die verschiedensten
VocalistInnen
überzeugen derart und machen dieses Album zu einem Ereignis im
Kosmos des guten
Groove.
PIXEL:
PEOPLE NEED PEOPLE (Counterpoint / Rough Trade)
Stellt
euch
ein Abrisshaus vor...draussen klamme Kälte und Eis...ihr geht
durch das
abgerockte Treppenhaus ins Basement...hört schon dumpf die
pulsierenden
Beats...ein dicker Vorhang wird beiseitegeschoben und ein
Wärmeschwall umgibt
euch angesichts der tanzenden Leute und dieser Musik. Die 12
DeepHouseTracks
des Baltimorer Produzenten Kwesi Dawes verlangen keinen vorgefertigten
chromglänzenden SchickiClub, sondern einen Raum, den Ihr selber
bilden müsst. Dieser
spirituelle SoulHouse ist ein guter Mosaikstein.
FERTILE
GROUND: BLACK IS...(Counterpoint)
Die
SoulJazzBand um die SoulSpiritHippie-Diva Navasha Daya und Bandkopf
James
Collins gelingt auf ihrem drittem Album ein unspektakulärer
Quantensprung.
Ruhig, weich, aber wissend, treibend und intensiv knüpfen sie an
die besten
Traditionen der SoulFunkBands der 70er an. Kein klotziger Hardfunk,
sondern
seelenvoll-tiefe Reflexzonen- und Synapsenmassage. Szenen aus den
Jagdgründen...und ewig määndert das Rhodes, die Flute
tutet, die Bläser
streicheln und das WahWah wäht. Wächst und gedeiht.
GARY
BARTZ:
ANTHOLOGY (Soul Brother Records)
Und
hier
sind die Wurzeln: Bartz ist einer der profiliertesten und leider auch
unterbewertetsten SoulJazz Saxofonisten der 70er. Als Youngster spielte
er bei
Art Blakey, Max Roach und McCoy Tyner, später sampelten ihn A
Tribe called
Quest. Trotzdem ein Geheimtipp – das lässt sich hiermit
ändern. Der
12-Track-Querschnitt ist eine gute Einführung in Bartz’ jazzige,
afroamerikanische und politische Spurensuche.
STEPHAN-MAX
WIRTH ENSEMBLE: ILLUMINATION (Bos. Rec/Jaro)
Schön,
wenn
sich zwischen Musik Korrespondenzen über Jahrzehnte ergeben.
Wirth’s
Tenorsaxofon ist eines der europaweit besten überhaupt, dazu sein
uniquer
Obertongesang und eine wahnsinnsgute Band – u.a. Pianopoetin Julia
Hülsmann –
weben hier mit aussergewöhnlichen und herausragenden Klangfarben
eine
fantastische Musik, der man noch lange nachhängt und die zum
besten gehört, was
derzeit im weltmusikalischem Jazz zu hören ist.
KALAHARI
SURFERS: MUTIMEDIA (African Dope)
Die
Surfers
waren eine der ersten Bands aus Südafrika, die sich Anfang der
80er einer
experimentellen und politischen Grundhaltung verschrieben und ergo
standen ihre
ersten drei Scheiben beim Apartheidregime auf dem Index. Neue Songs im
ureigenen Electro-Dub-Stil rechnen mit dem alten Regime im Neuen ab und
zeigen
sich politisch so wach, wie wir uns das hierzulande nur wünschen.
ALISON
KRAUSS AND UNION STATE: LONELY RUNS BOTH WAYS (Rounder/Inakustik) Oh
welch Wunder!
Krauss, profilierte Sängerin, Songschreiberin und Fiddlespielerin
und mit
sagenhaften 17 Grammys nicht eben untergewürdigt, und ihre
herausragende Band
mit dem besten Amalgam aus Folk, Blues, Country und Pop! Eine
sagenhafte
Atmosphäre durchzieht dieses Album: klar, kristallin und warm, und
wenn in den
mitreissenden Neo-Bluegrass-Songs Fiddle, Banjo oder Dobro durch die
Strophen
reiten, springt man einfach auf. Grossartige zeitlose Akustik-Musik!
THE
PLANT
LIFE: THE RETURN OF JACK SPLASH (On the Corner/Nocturne) Ok, ihr wollt
noch nen
Knallbonbon für den Jahreswechsel? Dann nehmt das: Panda One,
Wunderjunge von
LA’s HipHopEklektizisten Animal Pharm, mit dem sexiesten und besten
Booty-Funk
der Jetztzeit. Wow, ist das sexy! Shit, ist das funky! Kerls und
Mädels, ist
das deep! Ist jetzt gut? Neeeiiiiiin! Jetzt fängt der heisse
Scheiß erst an!
Wer bootet hier die lost Files von Jimmy Brown, Georgie Clinton,
Schlaufuchs
Stein und dem einzigen und wahren Prinzen? So viel sexy Groove geht gar
nicht
mehr. Daher verweise ich auf den letzten Titel: New Day. Und sage: New
Year.
Happy. Wir lesen uns.
www.terz.org - 23.11.2004