Nein
zur
Ökonomisierung von Wissenschaft und Bildung!
“Resignation
ist immer schon Rückfall in die Vorgeschichte.” (Max
Horkheimer)
Der
Bachelor kommt! Ohne großen Widerstand wird zur Zeit die
europäische
Hochschulland-schaft in den unmittelbaren Verwertungsprozess des
Kapitals
einbezogen. Das Studium soll direkt am kurzfristigen
Arbeitskräftebedarf
ausgerichtet werden, ein möglichst billiges Studium soll her, ohne
politisch
gefährliche Umwege, die Studierende nur auf unliebsame Gedanken
bringen
könnten. Und wenn ohnehin Alle zu Kunden mutiert sind – wenn auch
zumeist ohne
das nötige Kleingeld – dann werden eben auch die Studierenden
über
aufgezwungene Gebühren an diesem Prinzip beteiligt.
Federführend
bei dieser Umgestaltung ist der Bertelsmann-Konzern als dauerhaft
eingerichtetes Wissenschaftsministerium. Die Aufforderungen des
‚Centrum für
Hochschulentwicklung’ (CHE), eines Ablegers des Konzerns, an
Studierende und
Lehrende, seine Umfragen zu beantworten und mitzuwirken, werden von
Rektoren
und Dekanen weitergeleitet. So jüngst, als eine Dekanin an der FH
Düsseldorf
die Lehrenden ermahnte, die Studierenden für solche Zumutungen zu
begeistern.
Das Studium
selber wird den Beurteilungen zweifelhafter Agenturen unterworfen. Die
wenigen
Ansätze einer demokratischen Hochschule entsprechen nicht mehr
einer
profitorientierten Wissensproduktion und sollen abgewickelt werden.
Wenn ein
Fachbereich eine sehr vorsichtige Kritik an diesen Entwicklungen
äußert und
einen Brief an die Fraktionen im Landtag verschickt, dann allerdings
wird
zurückgeschlagen. Rektorat und Wissenschaftsministerium stoppen
Berufungsverhandlungen, der Antrag eines Lehrenden auf
Verlängerung seiner Lebensarbeitszeit
wird erst einmal auf Eis gelegt. Wer jetzt allerdings meint, dem folge
ein
Aufstand des Fachbereichs, sieht sich getäuscht. Gehorsam ist
gefragt und wird
bereitwillig geliefert. Der Bachelor muss jetzt eben schneller
durchgesetzt
werden, um den Wünschen der Obrigkeit zu folgen. Wie auch anders.
Gesellschaftliche Machtverhältnisse sind in der öffentlichen
Wahrnehmung in
eine Art “Natur” verwandelt, gegen die nichts zu machen sei.
Die
Leistungsbereiten werden sozialpolitisch handverlesen, die
Leistungsverweigerer, also die “Risikopersonen”, wie sie neudeutsch
auch bei
Sozialpädagogen heißen, werden ausgesondert, ein
Selektionsprinzip, das im
Nazismus seine bisherige Zuspitzung fand und auf dem das
Wirtschaftswunderland
aufbauen konnte. Darum geht es nach wie vor und jetzt in
verstärktem Maße.
Die
Auseinandersetzungen bzw. die ausbleibenden Auseinandersetzungen an den
Hochschulen müssen auch im Zusammenhang mit der
Integrationsgeschichte der
Linken gesehen werden. Es geht deshalb auch nicht ohne Selbstkritik.
Die
Leistungsgesellschaft wurde zum Beispiel auch von den linken Lehrern in
den
Schulen durchgesetzt, seitdem der Notendurchschnitt über die
Zugangsmöglichkeiten zur Hochschule entscheiden sollte. Bildung
für alle
Menschen, d.h. allgemeiner Zugang zu allen Bildungsinstitutionen ohne
Zugangsbeschränkungen oder Leistungsvoraussetzungen, dies wurde
einmal
gefordert; geblieben ist nun das Wehklagen um die bereits
Handverlesenen, die
jetzt einem stärkeren Druck ausgesetzt sind.
Als der
traurige Marsch in die akademischen Planstellen der sozialliberalen
Integrationsregierung Anfang der 70er Jahre begann, wurde
Leistungsverweigerung
als der entscheidende Inhalt einer Revolte gegen deutsche
Kon-tinuitäten ins
Abseits gedrängt. Vollends war es damit zu Ende, als die Schicht
der
Geschäftsführer einer profitabeln Alternativökonomie
sich mit den
Leistungsbegeisterten der K-Gruppen verbündete und die
Dachterassen oberhalb
der Türkenviertel bezog. Dass ihre parlamentarische Vertretung nun
begeistert die
verschärfte Auslese propagiert, dabei den Natur- und Tierschutz
nicht vergisst,
hat diese Linke vollends in die deutsche Kontinuität integriert.
Allerdings
bleibt es angesichts der deutschen Vergangenheit international
unangenehm, wenn
sich der Hass auf die Menschen, die sich dem Zwang zur allgemeinen
Leistungsanforderung entziehen oder ihm nicht folgen können, offen
rassistisch
äußert. Und deshalb wird bei den Wahlerfolgen der Neonazis
auch vor allem die
schädliche Wirkung im Ausland beklagt. Solche Klagen waren
allerdings schon
nach der Reichspogromnacht von den Nazis um Göring zu hören.
Der
Krieg
muss nicht mehr, wie es einmal hieß, in das Herz der Bestie
zurückgetragen
werden. Dieser offene Krieg ist nun direkt, aber von der Kapitalseite,
an
unseren Arbeits-, Ausbildungs- und Wohnplätzen erklärt
worden. Und er trifft
diejenigen, die von vornherein abgestuft wurden und eine Hochschule
noch nie
von innen gesehen haben, allemal härter als uns.
In dieser
Phase einer radikalisierten Ent-demokratiserung entschloss sich die
‚Arbeitsstelle Neonazismus’ an der Fachhochschule Düsseldorf,
einen Kongress
gegen diese Entwicklungen zu organisieren. Er fand am 23. und 24.
Oktober in
Köln statt: Viele spannende Analysen, Teilnehmer aus
Österreich und der BRD,
AStA-Mitglieder aus NRW und Wien, Beiträge von ver.di, aber wenige
Zuhörende,
ein eher interner Kongress. Das lag sicherlich zum Teil am auf die
Hochschule
beschränkten Thema. Dabei sind diese Entwicklungen in anderen
gesellschaftlichen Bereichen längst durchgesetzt, mit allen
sozialen Folgen.
Und die Resignation ist weit verbreitet. Was kann man schon gegen einen
“Markt”
machen, der als “Natur” wahrgenommen und in dem Naturalisierung gelehrt
wird
...
Wolfgang
Dreßen
Der
Autor
ist Professor für Politikwissenschaften und Leiter der
“Arbeitsstelle
Neonazismus” an der Fachhochschule Düsseldorf
Nähere
Informationen zum Kongress und Folgeveranstaltungen sowie zur
Arbeitstelle
Neonazismus siehe
http://www.arbeitsstelle-neonazimus.de
www.terz.org - 23.11.2004