Schwarz
gefahren
Alle
Jahre
wieder erhöht der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) die Preise. Die
durchschnittlich 4,5% Erhöhung empfindet der VRR als moderat.
Besonders
drastisch ist die Erhöhung für
Studierende und Wenigfahrende, wie z.B. SozialhilfeempfängerInnen.
Begründet
wird die Erhöhung mit gestiegenen Energiekosten und dem Wegfall
von 24
Millionen Euro Subventionen für die nächsten drei Jahre durch
die
Bundesregierung, maßgeblich u.a. von dem
NRW-Ministerpräsidenten Steinbrück
(SPD). Überproportional werden die
Preise für das Semesterticket steigen. Es verteuert sich um 2,05
Euro
monatlich, das sind satte 17,1%. Drastisch steigen auch die Preise
für
Einzelfahrten und Vierer-Karten. Das Einzelticket wird um 15 Cent auf 2
Euro
erhöht (+8,1%) und das 4er Ticket um 60 Cent auf 6,70 Euro
(+8,4%), beide
Preise sollen jedoch bis Ende 2006 gelten. Bisher hat der VRR jedes
Jahr seine
Preise erhöht. Schon die bisherigen Preise im öffentlichen
Nahverkehr waren für
viele einfach nicht bezahlbar. Wenn die Fahrt zum Arbeitsamt, nun
Agentur für
Arbeit, vier Euro kostet, überlegt man es sich zweimal, ob man
bezahlt. Mit den
Kürzungen durch Hartz IV wird es für viele finanziell noch
enger. Man kann sich
ausmalen, was passieren wird: Die Rheinbahn wird mehr Kontrolleure
einstellen.
Schon in diesem Jahr wurden immer wieder Schwerpunkt-Aktionen
durchgeführt, so
z.B. geschickterweise am frühen Morgen des Rosenmontag. Spaß
haben diese
Kontrolleure nicht gekannt. So soll es laut Aussagen von Betroffenen
auch zu
Freiheitsberaubung gekommen sein. Demnach wurden ganze
Straßenbahnzüge am
Jan-Wellem-Platz auf ein ungenutztes Gleis gefahren und Passagiere am
Aussteigen gehindert, bis sie sich mit einem gültigen Fahrausweis
ausgewiesen
hatten. Andernfalls erhielten sie eine Strafe über 40 Euro.
Begleitet wurden
die Aktionen von einer Menge Presseartikeln, die wohl die Abschreckung
steigern
sollten. Allein in der ersten Märzwoche hätten sie 2000
sogenannte Schwarzfahrer
erwischt, behauptet die Rheinbahn.
Das
amtlich
bezeichnete “Erschleichung einer Beförderung” ist juristisch kein
Pappenstiel.
Spätestens beim dritten Mal erstattet die Rheinbahn Strafanzeige,
die meistens
mit einer Strafe von mehreren hundert Euros belegt wird. Im
Wiederholungsfall
kann es Knaststrafen geben. Auf Bewährung Verurteilte können
ihre Bewährung
verlieren und müssen ihre Haftstrafe antreten. Das Nichtbezahlen
ist ein
Eigentumsdelikt und wird ungleich schärfer verhandelt als eine
Körperverletzung.
Während Eigentumsdelikte im großen Stil selten zu Knast
führen, greift man bei
den weniger Begüterten hart durch. Es mehren sich die Beschwerden
über
übereifrige Kontrolleure, die Kunden ungesetzlicherweise die
Monatskarten wegen
angeblicher Ungereimtheiten wegnehmen.
Die
in
vielen deutschen Städten “Alles für alle – und zwar umsonst”
Kampagne hatte
auch in Düsseldorf NachahmerInnen. Mindestens zweimal
wurden gemeinsame
Schwarzfahraktionen organisiert und mit Flugblättern die
Fahrgäste in Bussen und
Bahnen informiert. Erfreulicher viele begrüßten die Aktion
und bezeichneten die
Preise des VRR als deutlich zu hoch. Erstaunlich war auch die
vorhandene
Bereitschaft, NichtzahlerInnen soweit möglich auf dem
eigenen Ticket
mitfahren zu lassen. In anderen Städten entstand daraus die Idee
einer
Roten-Punkt Aktion, bei der Leute, die noch andere auf ihrem Ticket
mitfahren
lassen können, sich durch einen roten Punkt kenntlich machen.
Ursprünglich war
die Rote Punkt Aktion etwas anders gemeint. Als von mehreren
Nahverkehrsunternehmen
die Fahrpreise erhöht wurden, begann 1969 ausgehend von Hannover
der Kampf
gegen Fahrpreiserhöhungen und für den Nulltarif.
Die Aktion Roter Punkt wurde
initiiert (Autofahrer signalisierten mit einem Roten Punkt auf der
Windschutzscheibe,
dass sie bereit waren, andere Personen mitzunehmen). Der Kampf für
einen
Nulltarif wurde aber auch anders geführt. In mehreren Aktionen bis
Anfang der
80er Jahre druckten u.a. die Revolutionären Zellen mehrere tausend
Fahrscheintickets und verteilten diese breit. Bis heute ist es schon
fast
normal, dass die Fahrkartenautomaten, insbesondere an den
S-Bahn-Stationen,
unbrauchbar gemacht wurden. Mindestens zweimal vernichteten die RZ
Schwarzfahrkarteien durch Brandanschläge. Es ging aber auch
anders. Über Jahre
hielten sich sogenannte Schwarzfahrerversicherungen: JedeR
zahlt einen
gewissen monatlichen Beitrag, und aus diesem Topf werden die
anfallenden
Schwarzfahrstrafen bezahlt.
Dass
es
auch ganz anders geht, zeigt beispielsweise die 68.000 Einwohner
zählende
belgische Stadt Hasselt. Dort ist der öffentliche Nahverkehr seit
mehreren
Jahren kostenlos. Der gewagte Schritt hat sich neben einer
Erhöhung der
Lebensqualität auch finanziell bewährt. Mehrere Städte
haben das System
zumindest teilweise übernommen.
Die
einzige
Alternative muss demnach auch hier heißen: Für einen
kostenlosen öffentlichen
Nahverkehr.
Interessante
Seite zum Nachlesen:
19711971
wurde von der alternativen Rockband Ton Steine Scherben eine
Foliensingle auf
einer Demonstration gegen Fahrpreiserhöhung umsonst verteilt. Auf
der einen
Seite der Song “Mensch Meier” über die hohen Fahrpreise der
Berliner
Verkehrsbetriebe. Auf der B-Seite der Track “Nulltarif”, ein
Zusammenschnitt
von Interviews mit den Fahrgästen zu den Fahrpreiserhöhungen
der BVG. Auf der
Rückseite dieser Single stand:
“Herr
Blödke zahlt die neuen BVG-Preise. Mensch Meier fährt mit
seinen Kollegen
umsonst. Man fährt besser mit der BVG schwarz. Null Tarif! Die
BVG-Preise
wurden erhöht. Warum? Weil der Senat unser Geld nicht für uns
ausgibt, sondern
für Sachen, die uns nicht nutzen. Der Senat lügt uns vor,
daß die BVG ein
Defizit hätte, aber gerade soviel kostet die ,Freiwillige
Polizeireserve’. Für
die Starfighter der Bundeswehr könnten wir in ganz Berlin 10
(zehn) Jahre
umsonst fahren. Wir sollen zahlen, zahlen, zahlen, bis wir schwarz
werden. Da
fahren wir lieber gleich schwarz. Deshalb: Gar nicht zahlen –
SCHWARZFAHREN!!!!!”
www.terz.org - 23.11.2004