Bildung
und
Demokratie!
Am
20.11.
demonstrierten rund 3.000 Studierende in Düsseldorf für eine
demokratische
Hochschule ohne Studiengebühren. Trotz Schneeregen zog die Demo,
zu der
landesweit aufgerufen wurde, lautstark vom
Hauptbahnhof zum Burgplatz.
Aktueller
Anlass ist der Versuch von sechs unionsgeführten
Bundesländern, das Verbot von
allgemeinen Studiengebühren abzuschaffen. 2002 hatte die
Bundesregierung das
Verbot in der sechsten Novelle des Hochschulrahmen-gesetzes
festgeschrieben,
in dem außerdem auch die verfasste Studierendenschaft abgesichert
wird. Deshalb
werden bisher “nur” die so genannten Langzeit-Studiengebühren
erhoben, im
Rahmen des rechtlich schwammigen Studienkontenmodells. Jetzt klagen die
sechs
Länder, darunter Bayern und Baden-Württemberg, vor dem
Bundesverfassungsgericht
in Karlsruhe, um auch auf das Erststudium Gebühren erheben zu
können. Sollte
das Gericht allgemeine Studiengebühren für
rechtmäßig erklären, muss tief in
die Tasche gegriffen werden. Bis zu 2.000 EUR pro Semester seien
vorstellbar,
hieß es aus den Reihen der CDU, die Wirtschaftsweisen halten 500
EUR für
angebracht und eine Expertenkommission schlug vor, für
einzelne Fächer
verschiedene Preise anzusetzen – nach Angebot und Nachfrage. Soziale
Selektion
und das endgültige Ende der Chancengleichheit spielen bei solchen
Überlegungen
keine Rolle mehr. Der Union geht es um “internationalen Wettkampf” und
“wirtschaftlich orientierte Spitzenforschung”.
Doch auch im rot-grünen NRW muss mit
Gebühren
gerechnet werden. Zwar hat Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft vor
kurzem
verkündet, in NRW werde es keine Gebühren geben. Doch auch im
letzten Wahljahr
versprachen SPD und Grüne, mit ihnen werde es keine Gebühren
geben. Mit den
Studienkonten kamen sie dennoch – wenn auch zunächst
für die angeblichen
Bummelstudenten. Spätestens nach den Landtagswahlen im Mai 2005
wird es einem
Steinbrück oder Dieckmann egal sein, was Frau Kraft heute noch
gesagt hat.
Nicht
nur
die Geldbeutel, sondern auch die Asten und Fachschaften müssen um
ihren Bestand
fürchten. Denn im neuen Entwurf der Union werden eine Reihe von
Kompetenzen
studentischer Gremien an das Rektorat oder Dekanat übertragen. Die
rechtliche
Grundlage demokratischer Studentenvertretung wurde in der Novelle
festgeschrieben, um diese bei politischem Widerstand vor der
Auflösung zu
schützen. Ein Erfolg der Union würde die Existenz
studentischer
Interessensvertretung grundsätzlich in Frage stellen.
Die
Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wird im März erwartet.
ExpertInnen
gehen davon aus, dass die Länder mit der Klage Erfolg haben werden.
Wo
bleibt
Euer Widerstand?
Vor
zwei
Jahre waren es 30.000 Studis, die für freie Bildung auf
Düsseldorfs Straßen
unterwegs waren, und – fast schon legendär – die Bannmeile des
Landtags
stürmten. Jetzt kann bei der Teilnehmerzahl locker eine Null
gestrichen werden,
wenn nicht sogar zwei. Dabei hat sich die Situation nochmals
zugespitzt. Alle
Hochschulen haben durch die Strafgebühren aufs lebenslange Lernen
ca. ein
Drittel ihrer Einschreibungen verloren und die verbleibenden Studis mit
zweistelliger Semesterzahl werden von engagierten Erstsemestern als
Rarität
bestaunt. Und jetzt geht es auch noch den Fleißigen an den
Kragen. Doch das
scheint zumindest die Düsseldorfer Studentinnen und Studenten
nicht zu stören.
Dass die kleine Schwester wegen fehlender Kohle von zu Hause nicht mehr
an die
Uni kommen können wird, dass die Fach-schaften schon jetzt nicht
mehr wissen,
wie sie die Zeit für gute Beratung aufbringen sollen und der AStA
überquillt
vor Leuten, die einen Gebührenbescheid, aber kein Geld in der
Tasche haben –
all das geht den HHU-Studis scheinbar am Arsch vorbei. Münster
reiste zur Demo
mit Bussen an, in Leipzig nahmen allein 3.000 Leute an einer
Vollversammlung
teil – Hörsaal 3A blieb weitgehend leer. Dem Asta ist kaum etwas
vorzuwerfen,
denn VV und Demo wurden gut vorbereitet und beworben – ganz abgesehen
davon,
dass jeder zeitungslesende Mensch das Problem erkannt haben muss. Es
ist
erbärmlich, dass Leute ihren Sozialwissenschaft-Bachelor mit Papis
Geld im
Schnelldurchgang durchziehen, sich selbst aber null ins Verhältnis
zur
Gesellschaft setzen und politische Einschnitte ignorieren. Unpolitisch
macht
eben hirntot – da kann man so viel studieren wie man will.
www.terz.org - 23.11.2004