Lausige Zeiten
Soldaten! Auf zur Fahnenflucht!
Der erste von rund 30 Angeklagten, die wegen Aufrufs zur Fahnenflucht
angeklagt sind, ist freigesprochen worden. Der Aufruf war in der TAZ abgedruckt
und rief Bundeswehrsoldaten im Kosovo-Einsatz auf, die Waffen niederzulegen.
Der Versuch einen politischen Prozeß zu führen wurde vom Gericht
unterdrückt. Die Tatsache, daß die BRD widerrechtlich einen
Angriffskrieg führte, der weder völkerrechtlich, noch vom Grundgesetz
gedeckt war, führte letztendlich nicht zum Freispruch, das Gericht
ging statt dessen von einer gesetzlich gedeckten Meinungsäußerung
aus.
Scheinwahl
Ganze 6.93% der etwa 70.000 Wahlberechtigten in der Stadt beteiligten
sich an der Wahl zum Ausländerbeirat. Offensichtlich haben die meisten
die Bedeutung dieser Wahl als pseudodemokratisches Feigenblättchen
verstanden. Ein Ersatz für ein Wahlrecht für alle Menschen,
die hier leben, ist dies auf jeden Fall nicht. Der Ausländerbeirat
hat im Grunde keine Bedeutung, außer dass dort die Gelder für
die Ausländervereine verteilt werden. Das machen sich insbesondere
die fundamentalistischen, reaktionären Gruppierungen zu nutze. So
erreichten die türkisch-islamistischen Kulturvereine 25 % (9 Sitze)
der Stimmen.
Das Zentrum für Russisch-Deutsche Kultur "Raduga" erhielt
14 % (5 Sitze), die internationale Liste der SPD 10 % (3 Sitze), die demokratische
Einheitsliste und die Demokratische Immigrantenliste "DIL" jeweils
7% (je 2 Sitze) und die Liste des Erfinderclubs "Denker und Forscher",
die Serbische Demokratische Liste und die Ausländervereine des "Auxilium"
jeweils einen Sitz.
Wachmann der Bahn verurteilt
Die Berichte von Übergriffen von Wachschutz und Bundesgrenzschutz
am Hauptbahnhof häufen sich. Leider nur selten möchten Betroffene
in der Öffentlichkeit darüber berichten oder stellen sogar Anzeige.
Zu tief sitzt die durchaus nicht unbegründete Angst, beim nächsten
Zusammentreffen noch übler eingemacht zu werden. Zumal die Angreifer
nie allein sind, im Gegensatz zu den Betroffenen. Dies zeigte sich auch
im Prozeß gegen den 53- jährigen Wachmann der Bahn. Dieser
war schon öfters wegen seines brutalen Vorgehens gegen Junkies und
Obdachlose in der Szene bekannt. Mehrfach hatte er wahllos auf Menschen
eingeprügelt. Die verschiedenen Zeugenaussagen gegen ihn konterte
er mit Gefälligkeitsaussagen seiner Kollegen. Die stellten sich allerdings
teilweise so blöd an, daß dem Gericht nichts anderes übrig
blieb, als den Wachmann doch noch zu verurteilen. Allerdings gerade einmal
zu fünf Monaten wegen schwerer Körperverletzung, und das auch
noch zur Bewährung.
Jubel, Trubel, Heiterkeit
Zu einem bisher einmaligen Vorgang brachte es OB Erwin. Zum ersten Mal
in der Geschichte der Stadt äußerte der Kämmerer eine
ablehnende Meinung zum Haushaltsentwurf, den die CDU/FDP-Koalition in
den Stadtrat einbrachte. Vom neoliberalen Glaubensbekenntnis durchdrungen,
daß Steuersenkungen für Handel und Industrie das Allheilmittel
gegen die Finanzmisere sind und wahrscheinlich nebenbei auch noch gegen
Grippe wirken, eröffnete der neue OB die Haushaltsentwurfberatung
2000 mit Mindereinnahmen von fünf Millionen DM und einem geschätzten
Minus von fast 7 Millionen DM. Um einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen
zu können, der vom Regierungspräsidenten gefordert wird, geht
Erwin an die Reserven der Stadt. Um für finanzielle Unwägbarkeiten
(bspw. neue Steuergesetze zu Lasten der Kommunen) gerüstet zu sein,
hatte Kämmerer Vogt eine Reserve von 12 Millionen DM eingeplant.
Die kappte Erwin um die benötigten 7 Millionen DM. Falls es doch
eng werden sollte, wird dann eben der schon länger geplante Verkauf
von Wohnungen vorangetrieben. Vorgesehen für das Verscherbeln sind
die 330 Wohnungen der Stadtwerke Rheinpark Siedlung und 800 Rheinbahn
Werkswohnungen. Der Markt wird es schon richten und sicherlich Gottes
Hilfe.
Heldengedenktag
Nur kotzübel konnte es einem bei der offiziellen Gedenkveranstaltung
der Stadt Düsseldorf am Volkstrauertag, dem 14. November, werden.
Allein die Tatsache, daß dieser offizielle Trauertag allen Opfern
des Krieges, egal ob Täter oder Opfer, gewidmet ist, ist schon eine
Rela-tivierung der Nazigreuel. Was man dann an den drei Nornen am Nordfriedhof
zu sehen bekam, kann jedoch nur als eine Verhöhnung der Opfer des
Naziterrors bezeichnet werden. In einem widerlich militaristischen Schauspiel
marschierte neben einem Trupp bewaffneter Soldaten in wehrmachtsähnlicher
Aufmachung, ein Trupp des Polizeimusikkorps auf. Neben diesen beiden Gruppierungen,
waren Vertreter der Feuerwehr und anscheinend alle Friedhofswärter
des Nordfriedhofs sowie der Staatsschutz anwesend. Dazwischen dann Oberbürgermeister
Erwin und Vertreter der Bundeswehr, darunter Generalmajor Gudera, der
eine Woche vorher die Wehrmacht schön redete. Glücklicherweise
wurden wenigstens keine Reden gehalten, man ahnt was in den Köpfen
der Anwesenden vorging. Diese Veranstaltung war mehr als gruselig.
Lauschangriff
Im Bundesdurchschnitt ist die Anzahl der amtlich genehmigten Telefonüberwachungen
1998 um 13 % von 2384 auf 2705 gestiegen. Damit ist jedoch nur die Zahl
der Telefonapparate gemeint, die Zahl der Telefonate ist unbekannt, genauso
wie die Zahl der unbeteiligt Belauschten. Die Anzahl der amtlich Belauschten
stieg um 27% auf 5764 Personen. U.a. ist die Zahl der Telefonüber-wachungen
in NRW überdurchschnittlich angewachsen. Das Bundesjustiz-ministerium
gab die Zahl der abgehörten Telefonapparate mit 319 an, gegenüber
216 im Jahr 1997. Das bedeutet eine Steigerung um 46%! Wohlgemerkt, dies
sind nur die amtlich zugegebenen Zahlen, die Dunkelziffer dürfte
erheblich höher liegen.
Bullen außer Kontrolle
Wie kriminell darf die Polizei eigentlich sein? Kaum eine Woche vergeht,
ohne daß die Düsseldorfer Polizei einen neuen Skandal vorweisen
kann. Sexuelle Nötigung, Korruption, brutale Übergriffe, Rassismus,
Vorteilsnahme, Erpressung, Vortäuschen falscher Tatsachen, Unterstellung
- die Liste liest sich wie ein Auszug aus dem Strafgesetzbuch. Der neueste
Vorfall geschah am 18. November auf der Königsallee. Fünf männliche
Besucher der Medica-Messe aus der Türkei schauen sich auf der Königsallee
um. Plötzlich stürzen sich in Zivil gekleidete Polizeibeamte
auf die fünf. Sie werden auf die Erde geschmissen und dabei teilweise
verletzt. Mit auf dem Rücken geknebelten Händen liegen sie minutenlang
auf dem Bauch - zur Freude von anwesender Presse und Schaulustigen. Sie
werden ins Polizeipräsidium verbracht und bleiben dort 24 Stunden
in Einzelzellen. Dort haben sie keinen Kontakt untereinander. Nach schriftlicher
Aussage wird ihnen auch Wasser und Verpflegung verweigert. Kaum Deutsch
sprechend, wissen die fünf überhaupt nicht, was mit ihnen passiert
und warum. Auch der Kontakt nach draußen wird verweigert. Der von
den Festgenommenen verlangte Kontakt zum Konsulat wird von der Polizei
ignoriert, auch Anwaltshilfe erhalten sie nicht. Beamte aus Lörrach,
in deren Auftrag die Düsseldorfer Polizei handelte, verhören
stundenlang die einzelnen Verdächtigen. Erst Freitag morgen erhält
einer der Festgenommenen ärztliche Hilfe. Gegen Mittag wird ihnen
dann endlich mitgeteilt, daß alles ein bedauerlicher Irrtum sei.
Den sieht der Lörracher Polizeidirektor Jaeger allerdings nicht.
Nach seiner Meinung kann man weder der Lör-racher noch der Düsseldorfer
Polizei einen Vorwurf machen. Und überhaupt: "Was sind schon
24 Stunden?" Düsseldorf, die weltoffene Stadt. Hier können
sie was erleben.
Der Ordnungsdienst dreht auf
Unser neuer supersauber OB Erwin hatte es im Komunal-wahlkapf angekündigt:
Mit markigen Worten versprach er, daß mit harter Hand gegen Bettler,
Punks und Drogenkon-sumentInnen vorgegangen wird.
Dieses wird vom kommunalen Service und Ordnungsdienst des Ordnungsamtes
jetzt brav in die Tat umgesetzt. Patroullien mit fünf Uniformierten
und Hunden vertreiben im Bereich der Altstadt alles, was nicht ins saubere
Stadtbild zu passen scheint. Ein besonderes Interesse des Ordnungsdienstes
gilt der Gruppe von Punks, die sich bis jetzt oft auf der Flingerstraße
bei Woolworth/Cult aufhielt. Es werden Platzverweise erteilt die mit dem
Verbot des "Lagern´s" in §6 der Düsseldorfer
Stra-ßenordnung begründet werden. Dass dieser Paragraph der
Straßenordnung juristisch extrem umstritten ist (vgl. das von der
Straßenzeitung fifty-fifty in Auftrag gegebene Rechtsgutachten zur
Düsseldorfer Straßenordnung vom 9.5.1997), in Düsseldorf
zur Zeit eine Klage gegen die Straßenordnung läuft und ähnliche
Ordnungen in anderen Städten bereits gerichtlich außer Kraft
gesetzt wurden, sei nur am Rand vermerkt. Fakt ist jedoch, dass die Vertreibung
wirkt. Die Flingerstraße ist wieder "sauber" und der Platz
zwischen Woolworth und Cult steht jetzt allein einer Horde von Meinungs-
und Marktforschern für ihre Potenzielle-Kunden-Beutezüge zur
Verfügung. Laut des Street-workers des Straßenma-
gazins fiftyfifty ziehen sich bereits Teile der Punk- und Wohnungslosen-Szenen
aus dem Bereich der Innenstadt in andere Stadtteile zurück. Der Innenstadtbereich
wird dann zunehmend für die dicken Portemonnais reserviert. Wahrscheinlich
gibt's demnächst verschärfte Kredit-kartenkontrolle zum Eintritt
in die Düsseldorfer Innenstadt.
Kein Mensch ist illegal
Die Kampagne "Kein Mensch ist illegal" demonstrierte in Düsseldorf
für die kurdischen Menschen im Kirchenasyl und gegen die Praxis des
Innenministeriums. Die ersten von etwa 450 Menschen im Kirchenasyl bekamen
jetzt ihre Ausweisung. Im Frühjahr diesen Jahres hatten sie die Landesgeschäftsstelle
des Bündnis 90/Die Grünen in Düsseldorf besetzt und ein
Bleiberecht gefordert. Ergebnislos war damals die Besetzung nach etwa
einer Woche aufgegeben wurden. Nur eine Zusage auf eine nochmalige Einzel-fallprüfung
hatte das rot/grüne Innenministerium geben wollen. Die Ergebnisse
folgen nun. Ausweisung in den Folterstaat Türkei.
Edle Spenderin
Es gibt sie noch, die Märchentante, die nicht nur in der Fantasie
lebt. Für das Trebecafe, eine Einrichtung für obdachlose Mädchen,
wurde nun solch ein Märchen wahr. Die Privatfrau Ute Huneke kaufte
ein leerstehendes Haus der Post und stellt es der Diakonie, als Betreiberin
des Trebecafés, zur freien Verfügung. Schon vor drei Jahren
steuerte die Spenderin die Anschubfinanzierung des Trebecafés bei.
Anstatt 40 qm stehen ab Frühjahr nächsten Jahres 260 qm zur
Verfügung, so daß u.a. auch eine Ärztin vor Ort sein kann.
Insgesamt haben dieses Jahr schon über 300 14- 23-jährige ihren
Weg ins Café gefunden. Fast alle sind sexuell mißbraucht
wurden. Nur noch mit solchen Privatspenden kann eine Grundversorgung gewährleistet
werden, während Stadt und Bund Zuschüsse immer mehr kürzen,
bzw. ganz verweigern.
Berichte von der anderen Rheinseite
Hoher Besuch in Neuss
Angeturnt durch Eros Ramazzotti und Kollegen feierten rund 1400 Stars
und Sternchen Ende Oktober im Neusser Swisshotel eine "rauschende
Ballnacht der Superlative" (Neuss- Grevenbroicher-Zeitung). Abgerundet
wurde die Gala durch "das köstliche Vier-Gang-
Menü mit Tranchen vom rosa gebratenen Kalbsrücken als Highlight".
Um für die einschlägigen Blätter abgelichtet und würdig
kommentiert zu werden, brauchte es eines gelungenen Anlasses. Da wurden
die PR-Manager schnell fündig: Kinder in (Bildungs-)Not aus den Ländern
der "Dritten Welt" machen sich immer gut. Die auf dem Fest für
die UNESCO gesammelten 2,2 Millionen (pro Person ca. 1580 DM) waren also
für's Showbusiness produktiv angelegte Unkosten. I-Tüpfelchen
der Veranstaltung waren die exotischen Ehrengäste: u. a. die Schwester
des Dalai Lama und als Schirmherrin Königin Yangdong von Bhutan,
die besonders gut in die Veranstaltung reinpasste, zumal in ihrem Ländle
die Analpha-betenrate bei 80% liegt. Natürlich kein Vergleich mit
dem vergangenen Jahr, als der raubeinige Jasir Arafat mit den Schönsten
der Schönen die Titelseiten der Boulevardpresse schmücken konnte.
Was die Zukunft betrifft, braucht sich die Gastgeberin, UNES-CO-Sonderbotschafterin
Ute-Henriette Ohoven, keine Gedanken zu machen. So lange der Internationale
Währ-ungsfond (IWF) zusammen mit den einheimischen Stammesfürsten
die Weltwirtschaft kontrollierten und vor Ort durch-setzen, wird es genügend
Anlässe für derartige Mild-tätigkeitsver-an-stal-tungen
geben.
Fast hätten wir es vergessen: Auch der Kölner Weihbischof Dr.
Friedhelm Hofmann war anwesend und spendete den armen Kindern - den Segen.
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