Sloterdijk in Düsseldorf
Düsseldorfs Medizin-Messe medica meinte sich zu ihrer
Eröffnung mit dem umstrittenen Philosophen Peter Sloterdijk als Festredner
schmücken zu müssen. Der verzichtete in seinem Vortrag zwar
auf eine Fortschreibung des Skandals, indem er ein unverfänglicheres
Thema als die Gentechnik wählte, ließ dafür aber den philosophischen
Unterbau des Tabubruchs durchscheinen.
Am selben Tag, an dem Sloterdijk auf der medica auftreten
sollte, bemühte sich der Düsseldorfer Bioethiker Dieter Birnbacher
in einem Uni-Vortrag, die Debatte um die Gentechnik zu versachlichen.
Der Philosoph, dessen Aufgabe als Mitglied von Ethik-Kommissionen es ist,
den jeweils avanciertesten Medizin-Techniken nachträglich die moralische
Absolution zu erteilen und so für einen reibungslosen Ablauf des
Gentech-Business zu sorgen, empfand Sloterdijks ungestümes Vorpreschen
als irgendwie kontraproduktiv. Er hatte zwar in einem Rheinische
Post-Interview begrüsst, dass dessen Elmauer Rede die linke
Dominanz beendet habe, aber so weit nach rechts wollte er die Gentechnik
nun auch wieder nicht getrieben wissen. Wo er in den vergangenen Jahren
doch alle Mühe hatte, sie aus dem Dunstkreis von Mengele & Co.
herauszuphilosophieren und sich zur Belohnung auch schon mal wieder ein
Eugenik ist nicht an und für sich verwerflich leisten
zu können glaubte. Die Leute vom Fach scheinen weniger Berührungsängste
mit Sloterdijk zu haben. Ihre Einladung an den Skandal-Redner lässt
vielmehr vermuten, er habe ausgesprochen, wovon sie in ihren Labors nur
zu träumen wagten.
Die Elmauer Rede
In seiner Elmauer Rede hatte Peter Sloterdijk angesichts seiner Meinung
nach allgegenwärtiger Verwilderungstendenzen in der Menschheitsgeschichte
- von Brot und Spiele über den Nationalsozialismus bis
zu Texas Chainsaw Massacre und anderen medialen Spektakeln
- ein Versagen des Humanismus konstatiert. Dieser habe es in seinem langen
Wirken nicht vermocht, so der Philosoph, die Teilzeit-Wilden ganzheitlich
zu zivilisieren. Aber er sieht einen Ausweg am Horizont auftauchen: die
Gentechnik. Was Vernunft, Kultur und Pädagogik nicht geschafft haben,
soll jetzt der Einbau von ein paar Humanitätsgenen nachhaltig leisten.
Selektion qua pränataler Diagnostik gehört in den Industriestaaten
ja eh schon zum medizinischen Business as usual - und so ein
Behinderter, legte er später nach, handele es sich da nicht wirklich
um ein grandios misslungenes Leben? Also sind nur noch ein
paar Kleinigkeiten zu regeln, die Eugenik braucht eine Geschäftsordnung.
Und erstellen sollten diesen Codex der Anthropotechniken möglichst
Dichter und Denker seines Schlages.
Zu einem Eklat kam es bereits unmittelbar nach Ende der auf dem bayerischen
Schloss Elmau gehaltenen Rede. Der jüdische Schriftsteller Saul Friedländer
bat um Erläuterung der Sentenz in den beispiellos düsteren
Jahren nach 1945; da müsse es sich wohl um ein Missverständnis
handeln. Aber Sloterdijk blieb bei seinen Worten. Er beschied Friedländer
knapp: Unterschiedliche Kalender des Terrors müssen akzeptiert
werden. Der reiste daraufhin frühzeitig ab. Sloterdijk selbst
retouchierte die Passage für die Drucklegung später nach: in
den beispiellos verdüsterten Jahren nach 1945.
Die Düsseldorfer Rede
Als der Philosoph in Düsseldorf nach einem unsäglichen A-cappella-ÄrztInnen-Chor
(Veronika - die medica), dem notorischen Joachim Erwin, dem
gewohnt wadenbeißerischen MedizinerInnen-Funktionär Hoppe und
Preisverleihungen endlich ans Mikrofon trat, gab er zu verstehen, nicht
weiter auf die von ihm losgetretene Kontroverse eingehen zu wollen. Er
schickte sich vielmehr an zu bestimmen, wieviel Schamanismus in einem
modernen Arzt und wieviel von einem modernen Arzt in einem alten Schamanen
steckt und führte wohlfeil mit einer netten Anekdote des Anthropologen
Claude Lévi-Strauss in das Thema ein. Nach Sloterdijk ist es nicht
so wichtig, welche Heiltechnik letztlich zur Anwendung kommt, wichtig
ist, dass der Patient dem Heiler Vertrauen entgegenbringt. Nur auf diese
Weise kann die für den Genesungsprozess unabdingbare totale
Situation entstehen. Basis für den Glauben an das Gelingen
der jeweiligen Medizin-Kur ist das im frühkindlichen Verhältnis
zur Mutter erworbene Weltvertrauen. So wie das hungrige Kind nur zu schreien
braucht, damit sich die nährende Mutterbrust nähert, so nimmt
der immer noch unvollkommene Erwachsene später selbstverständlich
die ärztliche Kunst in Anspruch, um sich danach wieder wie ein ganzer
Mensch zu fühlen. Immunität nennt der Philososph
diesen gesellschaftlich produzierten Glückszustand. Das menschliche
Gemeinwesen bestimmt er als ein Bündnis zur Optimierung von
Immunität.
Wo bleibt denn da das Negative?
Was soll an dieser Harmonielehre, die im Uterus ihren Ausgangspunkt nimmt
und sich von dort zu einer ganzen Kosmologie emporschwingt, schlimm sein?
Auf den ersten Blick sicherlich nichts. Wenn man dann in der Zeit
liest, dass Sloterdijk auch die Intellektuellen zu Immunologen machen
will und sich einen Sinn stiftenden Mythos als kulturellen Immunschutz
herbeisehnt, wird das Ganze schon verdächtiger. Vollends fragwürdig
erscheint es aber nach den Anmerkungen von Micha Brumlik in der Frankfurter
Rundschau darüber, gegen was Sloterdijk seine Immun-Philosophie
gerichtet wissen will: gegen das negative, kritische, selbstquälerische
jüdische Denken nämlich. Geprägt von einer moralischen
Verinnerlichung der Niederlagen und nur fähig, die Welt als
das Werk einer ausmerzenden und verschonenden Gerechtigkeit
zu begreifen, ist es außer Stande, zur Heiterkeit der griechischen
Philosophie zu finden. Eine Figur wie Adorno, der Sloterdijk nicht zu
Unrecht zuschreibt angesichts des Holocaust das Überleben als
eine Art metaphysischer Schande zu deuten, kommt ihm geradezu absurd
vor. Man kann seine Philosophie deshalb mit Fug und Recht als eine bezeichnen,
die die Auschwitz-Erfahrung leugnet. Sie ist damit die Antithese der Weltsicht,
die Überlebende wie Primo Levi und Jean Amèry in ihren Büchern
zum Ausdruck bringen. Darin spielt Sloterdijks Weltvertrauen
nämlich ebenfalls eine große Rolle, aber als ein in Auschwitz
unwiederbringlich verlorenes, weshalb das Weiterleben unter Menschen zu
einer ungeheuren Kraft-Anstrengung wird. Eine Anstrengung, die Levi und
Amèry in ihren späten Jahren nicht mehr aufzubringen vermochten:
sie töteten sich beide selbst.
Sloterdijk zählt sich nach Manfred Frank zu der etwas freieren
Generation, die die Ära der hypermoralischen Söhne
von nationalsozialistischen Vätern hinter sich gebracht hat.
Deshalb reagiert er äußerst ungehalten, wenn die alten
Men-talitätsmachthaber sich noch einmal aufbäumen und ihre Schuld
und ihre Unfreiheit mit letzter Anstrengung auf die Nachkommen zu legen
versuchen (zit. n. Brumlik). Seinen gerade erschienenen Wälzer
Sphären II hat der Philosoph explizit gegen den Adorno-Satz
von der Unmöglichkeit des richtigen im falschen Leben angelegt. Und
auch in seiner Düsseldorfer Rede verteidigte er das neu entdeckte
richtige Leben vehement gegen alle Anfechtungen. Sein bipolares Weltbild
kennt nur Gesundheitsprotze und auf der Gegenseite Kränkelnde, Depressive,
Hypochonder und solche, die sich in Ermangelung echter Gefahren für
Leib und Leben auf Risiken kaprizieren. Letzteres wohl ein
Seitenhieb in Richtung Ulrich Beck. Wer nicht Fit for Fun
sein will, der gerät in den Teufelskreis aus Skepsis, Misserfolgserwartung
und faktischem Misserfolg und verpatzt die totale Situation.
In seinem wahnwitzigen Zarathustra-Projekt (Zeit),
mittels gentechnisch appliziertem Humanismus die in den Sand gesetzte
Aufklärung vollenden zu wollen, tritt die unterschwellige Gewalt,
die in seiner immunologischen Trutzburg gegen das Negative angelegt ist,
offen zu Tage. Sloterdijk selber erscheint sein Zucht- und Zähmungsprogramm
aber nicht als Vergehen wider die Natur des Menschen. Ihm ist in seiner
wunderbaren Welt der Passungen, wo jeder Topf einen Deckel findet und
von Mutter/Kind über Penis/Vagina bis zu Natur-Maschinen/menschgemachten
Maschinen nur Friede, Freude, Eierkuchen herrscht, nichts Menschliches
und nichts Transmenschliches fremd. Der Mensch, von Geburt an unvollständig
und auf Hilfe angewiesen, kann sich nur vermittels Prothesen
immungeschützt durchs Leben schlagen. Und ob diese Fremdkörper,
die seinen Körper vervollkommnen, nun konventionell oder gentechnisch
hergestellt sind, ist zweitrangig. Mag die einfache Vitalität
sich jetzt auch noch dagegen sträuben, Komplettierungsangebote transhumaner
oder transorganischer Art zu akzeptieren und der Technik-Feindlichkeit
verfallen. Das wird schon. Er selber ist auf jeden Fall schon ganz weit
vor und geschichtsphilosophiert, dass die Medizin die utopische
Enklave in dem weithin entzauberten Projekt der Moderne darstellt.
Auch ein Weg, von 1968 in der Berliner Republik anzukommen.
Jan
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