Zeitenwechsel
Im Übergang zum neuen Jahrtausend entsorgt die neue "Berliner
Republik" im Eiltempo die dunklen Schatten der Vergangenheit.
Weißwäsche ist angesagt für eine neue Deutschland-AG,
die ab jetzt ihre nationalen Interessen offen gegen alle zu verteidigen
bereit ist. Ob gegen "feindliche Übernahmen", gegen New
Yorker "Haifische in Anwaltsroben" oder gegen die "Instrumentalisierung
unserer Schande" - nach dem Millennium endlich soll keiner es mehr
wagen, einen Deutschen auch nur scheel anzugucken!
"Wir sollten den 9. November zum Nationalfeiertag machen!" lautete
die Überschrift der Münchner Abendzeitung am Tag nach dem 61.
Jahrestag der Reichs-Pogromnacht. Die Feiern zum Mauerfall überschatteten
das Gedenken an die Opfer des entfesselten deutschen Antisemitismus. Etwas
Krampfiges hatte die mit Leuchtraketen und Mainstream-Rock aufgepeppte
Jubelveranstaltung am Brandenburger Tor trotzdem an sich: "Die Deutschen
werden den Juden Auschwitz nie verzeihen", äußerte einmal
ein weitblickender Journalist, und dies verhinderte wohl auch noch am
9.11.99 ein ausgelassenes Feiern.
Eine solche Art von Trotzigkeit beschlich wohl auch Düsseldorfs neuen
Oberbürgermeister Erwin auf der offiziellen Gedenkveranstaltung zum
nazistischen Judenpogrom. Obwohl ihm zu diesem Anlaß eine durchaus
dezente Rede geschrieben wurde, ließ er es sich nicht nehmen, auch
ein paar eigene Duftmarken zu setzen und an den "anderen", den
"feierlichen Tag" des Gedenkens zu erinnern. Im Kontext zu des
Oberbürgermeisters Reden auf anderen Veranstaltungen erhalten solche
Duftmarken einen strengen Geruch: Am "Tag der Heimat" etwa,
wo OB Erwin frei aus sich heraus Sendebeschränkung für diejenigen
Medien forderte, "die uns immer ein schlechtes Gewissen einreden
wollen, wenn wir den Begriff Heimat in den Mund nehmen".
"Genau wie Haider", so wertete der Journalist Hans Jakob
Ginsburg auf einer Veranstaltung im zakk jene denkwürdige "Heimat"-Rede
des OBs. Im zakk wurde am 10.11. über den heutigen Antisemitismus
diskutiert. Auch Paul Spiegel, Mitglied des Zentralrates der Juden in
Deutschland, wurde dort deutlich: "Die Walserisierung der Republik
ist erfolgreich durchgesetzt worden", bekundete er. Der anwesenden
Lokalpresse waren solche Äußerungen keine Zeile wert. Obwohl
drei größere Tageszeitungen über die Veranstaltung längere
Beiträge brachten, blieben solche kritischen Töne unbenannt.
Scheinbar passen sie einfach nicht in das Deutschlandbild, das der Düsseldorfer
Leserschaft vermittelt werden soll.
So war auch auf der zentralen Düsseldorfer Gedenkveranstaltung Esra
Cohn von der hiesigen Jüdischen Gemeinde der einzige Redner, der
überhaupt darauf aufmerksam machte, daß Antisemitismus nicht
bloß eine Erscheinung der dunklen Vergangenheit ist. Allzu engagiertes
Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus kann Juden in Deutschland
durchaus krumm genommen werden: Im Nachruf auf den verstorbenen Ignatz
Bubis ließ es sich die Rheinische Post als christliche Abendlandzeitung
entgegen ihres sonstigen prokapitalistischen Gebär-dens nicht nehmen,
plötzlich vom "reichen Juden" zu schwadronieren.
Die trotzigen Beißreflexe dieser deutschnationalen Normalisierungs-Propagandisten
deuten auf eine ziemlich ungemütliche Zeitenwende hin.
zurück zum
Inhalt
|