Antifaschistische Aktivitäten und Neues aus der Naziszene
Antisemitisches aus dem Burschenhaus
Für den 17.11.1999 lud die Düsseldorfer Burschenschaft "Rhenania-Salingia"
zu einem Vortrag mit dem Thema "Parteienstaat am Ende?" in ihr Haus Reichsstr.
21 ein. Die an der Heinrich-Heine-Universität ansässige schlagende Studentenverbindung,
die in den letzten Jahren immer wieder durch ihre Nähe zur extremen Rechten
aufgefallen ist, hatte es geschafft, das ehemalige Mitglied der frühen
RAF, den Berliner Rechtsanwalt Horst Mahler, zu verpflichten. Mahler ist
heute eine der Integrationsfiguren im Spektrum der konservativen bis extremen
Rechten. Er ist allerorts als Referent akzeptiert, sei es bei Burschenschaften,
der NPD oder den nationalsozialistischen "Freien Kameradschaften". So
mag es auch nicht wundern, daß unter den gut 70 Besuchern der Veranstaltung,
die hauptsächlich von aktiven Burschenschaftlern und "Alten Herren" mit
Begleitung gestellt wurden, auch VertreterInnen der "Kameradschaft Düsseldorf"
und der neonazistischen "Artgemeinschaft" zu finden waren. Mahler referierte
an diesem Abend über die "Politikverdrossenheit der Bevölkerung", die
"enorme" Staatsverschuldung und beklagte die nach seiner Sicht in einem
demokratischen System angelegte Korrumpierbarkeit von Politikern. Opfer,
so Mahler, sei ein ums andere Mal das "deutsche Volk". Das "Volk" bzw.
die "Volksgemeinschaft" sind für Mahler zentrale Elemente. Mit Griff in
die Geistesgeschichte der letzten drei Jahrhunderte versuchte er die Vorzüge
des "deutschen Volkes" aufzuzeigen. Als Problem für Volk und Nation machte
er in erster Linie den Materialismus aus. In klassisch antisemitischer
Manier fuhr Mahler fort und referierte die in der extremen Rechten verbreitete
Position, dass Geld, Handel und Spekulation zum Wesen der Juden gehören
würde, um ihre eigene Minderwertigkeit gegenüber dem Gott Jahwe zu kompensieren.
Bei einer derartigen antisemitischen Verschwörungstheorie wundert es dann
auch nicht mehr, dass die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden
durch deutsche Hand bei Mahler zu einer "geistigen Notwehr des deutschen
Volkes" werden. Die deutsche Kapitulation im Jahre 1945 stellt für ihn
schließlich die "Vollendung des jüdischen Geistes in der Weltherrschaft
des Geldes" dar. Mahlers Ausführungen zufolge ist die Niederlage des Nationalsozialismus
der Fall der letzten Bastion auf dem Weg zur endgültigen "jüdischen Weltherrschaft"
gewesen. Heute, so Mahler, beherrschen Juden allerorts die politischen
Geschicke. Davon gelte es sich zu befreien. Schluss soll sein mit dem
deutschen "Selbsthass", der "Stolz aufs eigene Land und Volk" soll die
"Volksgemeinschaft" wieder verbinden. Letztere ist für Mahler derzeit
akut durch "Überfremdung" bedroht. Ein Thema, entschuldigte er sich, das
wegen der Kürze der Zeit nicht mehr ausführlich angesprochen werden könne.
Und so blieb es "lediglich" bei der Darstellung von Bedrohungsszenarien
in deutschen Städten, in denen so mancher Stadtteil bereits fest in "fremder
Hand" sei. Mahler schloss seinen Vortrag mit einer kurzen Skizzierung
seiner derzeitigen politischen Aktivitäten, dem an vielen Orten gestarteten
Versuch einer Initiierung einer neuen rechten Sammlungsbewegung jenseits
parteipolitischer Linien. Diese "Bewegung" soll nach seinen Vorstellungen
die "Revolution von 1989" für das "ganze Deutschland" wiederholen. Kaum
hatte Mahler seinen Vortrag beendet und kaum war der rege Applaus verklungen,
sah sich eine Vertreterin des "Bund Freier Bürger" bemüßigt, noch schnell
hinzuzufügen, dass für sie die vierte Gewalt, die "Meinungsmacher und
Hetzer", das größte Übel seien. Wer hinter diesen stecke, bräuchte sie
in diesem Rahmen ja wohl nicht zu sagen. Das brauchte sie tatsächlich
nicht; alle Anwesenden hatten verstanden. Horst Mahler hat wieder einmal
eindrucksvoll bewiesen, dass er sämtliche Hüllen fallengelassen und beschlossen
hat, Klartext zu reden. Er sollte endlich als das bezeichnet werden, was
er ist: ein Nazi. Nur schade, dass Mahler, der mit zwei in Frankfurt kassierten
blauen Augen angereist war, mit seiner Theorie von der allwissenden und
stets präsenten ANTIFA unrecht hatte. Und so ging die von der Polizei
geschützte Veranstaltung nach einer dem Vortrag vom Niveau her ähnelnden
Diskussion störungsfrei zu Ende.
Raider heißt jetzt Twix
Der in den letzten Monaten wieder verstärkt von antifaschistischen Gruppen
auf die Tagesordnung gesetzte Plattenladen "Power Station" ist umgezogen.
Neuer Sitz des bisher auf der Corneliusstr. 117 ansässigen Ladens ist
die Bilker Allee 70. Auch einen neuen Namen hat der Inhaber und ehemalige
Kommunalwahlkandidat der REPS, Bernd Buse, gewählt: "Pawn Shop". Wäre
der Laden nicht bereits bekannt, würde aufgrund der völlig unauffälligen
Schaufensterauslage niemand auf die Idee kommen, daß hier die gesamte
Palette des Rechtsrocks erhältlich ist. Selbst die neonazistische "Kameradschaft
Düsseldorf" scheint begeistert und machte in einer ihrer Ansagen des NIT
Rheinland Werbung für den Laden und riet, "beim Bernd" mal vorbeizuschauen.
Fraglich erscheint, ob sie Buse, der sich in letzter Zeit zunehmend bemühte,
seinen braunen Ruf loszuwerden, damit einen Gefallen getan hat.
Jenseits des Nationalismus - Ideologische Grenzgänger der "Neuen
Rechten"
Unter diesem Titel findet am Mittwoch, den 8.12.99 um 20.00 Uhr im Buchladen
BiBaBuZe (Aachener Str. 1) eine Informations- und Dis-kus-sions-veranstaltung
statt. Der Eintritt ist frei. Eingeladen haben neben BiBaBuZe der ANTIFA-Arbeitskreis
an der FH Düsseldorf und die Arbeitsstelle Neonazismus. Referent ist der
Journalist Andreas Speit, Mitautor des Buches "Jenseits des Nationalismus"
von Cremet/Krebs/Speit (Hamburg/Münster 1999). U.a. soll der Frage nachgegangen
werden, was eigentlich neu an der sogenannten "Neuen Rechten" ist. Kaum
eine andere Frage zur deutschen Rechten rief in den letzten Jahren so
verschiedene Antworten hervor. Kann überhaupt bei der "Neuen Rechten"
von einer eigenständigen politisch-ideologischen Strömung gesprochen werden?
Darf überhaupt von der "Neuen Rechten" geredet werden? Wenn ja, wo liegt
ihr Ursprung und worin ihre Besonderheit? Fragen über Fragen, die Andreas
Speit versuchen wird zu beantworten.
Kranzabwurf mit Folgen
Schon zum dritten Mal in Folge ehrten am diesjährigen "Totensonntag" (14.11.)
Neonazis auf dem Soldatenfriedhof in Duisburg-Kaiserberg die "gefallenen
Helden der Wehrmacht und Waffen-SS". Wie auch in den Vorjahren fanden
sich neben ca. 30 militanten Neonazis Funktionsträger und Mitglieder des
"Bund der Vertriebenen" (BDV) Duisburg und des "Bund der Heimkehrer" Duisburg
ein, um in trauter Eintracht Kränze niederzulegen und die hinlänglich
bekannten Reden zu halten. Auch die "Kameradschaft Düsseldorf", die mittlerweile
auf jedem braunen Event zu finden ist, reiste mit einer Abordnung an.
Nachdem es in den letzten zwei Jahren keinerlei Bestrebungen gegeben hatte,
das Treiben auf dem Soldatenfriedhof zu unterbinden, lief in diesem Jahr
die neonazistische Prozedur nicht störungsfrei ab. In der noch am selben
Abend aktualisierten Ansage des "Nationalen Infotelefons Rheinland" (NIT
Rheinland) wussten die Düsseldorfer "Kameraden" von plötzlich auftauchenden
AntifaschistInnen zu berichten, die Schaden an Leib und Eigentum der "Kameraden"
verübt hätten. Und tatsächlich waren AugenzeugInnen zufolge wie aus dem
Nichts heraus entschlossene GegnerInnen des braunen "Heldengedenktag"-Spuks
aufgetaucht, die zwar zu spät kamen um die ekelhafte Zeremonie verhindern
zu können, dafür aber eine Reihe Schellen verteilten und mehrere Autos
der Neonazis im Wert minderten. Neben der Düsseldorfer "Kameradschaft"
waren u.a. die "Kameradschaft Duisburg" um den ehemaligen FAP'ler Michael
Thiel und den selbsternannten "Volksdichter" Peter Kuckels sowie der Kölner
Ableger des "Kampfbundes Deutscher Sozialisten" (KDS) um Axel Reitz und
Paul Breuer vor Ort gesichtet worden. Wenig überzeugend wusste die "Kameradschaft
Düsseldorf" einige Stunden später mitzuteilen, das Nationalisten keine
guten Christen seien und von daher nicht noch die andere Wange hinhalten
würden - was aber auch gar nicht nötig zu sein scheint. Zuvor hatte die
heidnische Reisegruppe um Sven Skoda, Udo Birr, Tibor Engler, Marc Schirmer
und Stefan Krekel noch ihren in Duisburg zurückgehaltenen Kranz im Düsseldorfer
Norden abgeworfen. Es kann leider nur spekuliert werden, ob dieses aus
Sicherheitsgründen aus dem fahrenden, scheibenfreien Auto heraus geschah
oder ob tatsächlich zur Ehrung der "gefallenen Helden" angehalten wurde.
Neue antifaschistische Zeitung erschienen
Die Lücke, die die 1998 eingestellte ANTIFA-NRW-ZEITUNG hinterlassen hat,
versucht jetzt ein neues Zeitungsprojekt zu schließen. Mitte November
erschien die "LOTTA - antifaschistische Zeitung aus NRW" in ihrer ersten
Ausgabe. Auf 36 prall gefüllten Seiten wird nicht nur die extreme Rechte
unter die Lupe genommen, sondern ein breites Themenfeld behandelt. In
der vorliegenden Nummer finden sich sowohl Hintergrundartikel und Kurzmeldungen
über die Naziszene und antifaschistische Gegenaktivitäten, als auch Beiträge
zur EXPO 2000, zur Kontinuität antisemitischen Denkens in der BRD und
zu rechten Tendenzen in der Schwulenbewegung. Ein Interview mit niederländischen
Antifas, Serviceseiten (Kontakte, Termine) und Buchtips runden das ganze
ab: Empfehlens- und lesenswert und für 4,- DM durchaus erschwinglich.
Erhältlich ist die dreimonatlich erscheinende LOTTA u.a. im Buchladen
BiBaBuZe (Aachener Str. 1), jeden 1. und 3. Montag im Monat im ANTIFA-Café
(Martinstr. 58) und natürlich auch im Abo. Kontakt: LOTTA, c/o Geschichtswerkstatt,
Wellinghoferstr. 44, 44263 Dortmund.
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