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comicMutanten
Comics haben also nun auch in Düsseldorf das Museum erreicht. Wer
die Rezensionen in diesem Heft liest, weiß schon längst, das
sich Comics schon lange von Micky Maus, Donald, Asterix, Fix & Foxi,
Superman und wie sie alle heißen entfernt haben. In anderen Ländern
schon längst als 9. Kunst anerkannt, führen sie hierzulande
immer noch eher zu abfälligen Blicken und Bemerkungen. So wurde es
auch langsam Zeit, daß man neuzeitige Comics in den hohen Hallen
der Kunst bewundern kann. Für die Kunstsammlung reichte es zwar noch
nicht, aber immerhin öffnete der Ehrenhof seine Pforten für
das wenig Banale.
Für Comickünstler und -künstlerinnen ist Deutschland von
jeher ein schwieriges Feld. Zwischen den Megaerfolgen der Donalds, Micky
Mäusen und Aste-rixen und der kleinen, eigenen Comicszene liegt fast
gar nichts. Comics waren seit den miefigen 50igern verpönt, gerade
einmal für die Kleinen erlaubt. Erst mit dem Einzug von Asterix und
Obelix in die deutschen Kinderzimmer änderte sich das. Dank ihres
lateinischen Beiwerks wurde den Comics ein gewisserLerneffekt zugestanden,
wodurch sie zumindest aus der Schmud-del-ecke kamen. Erfolg hatten dann
die Schenkelklopfer á la "Werner", die Schwulencomics
von Ralf König wo sich Heteros wie vor dem Schlüsselloch sich
wohlig als Voyeure suhlen können und die eher den Leser entlarvenden
Comics aus der Welt des kleinen Arschlochs von Walter Moers. Diese Mainstream-Erfolge
wirk(t)en sich aber kaum weiter aus. Weder in der Werbung, noch im Alltagsbereich
haben Comics hierzulande den Stand wie in anderen Ländern. Für
kleine Nachwuchs-künst-lerIn-nen blieb da nie viel Platz. Wo die
Bedingungen nicht stimmen, entwickelt sich auch keine Szene und umgekehrt.
Ein offensichlich bis jetzt nicht zu durchbrechender Kreislauf. Schon
fast zwangsläufig entwickelte sich die nicht aufgebende Zeich-nerIn-nenschar
aus dem Bereich Comic in Richtung Kunst. Weg von den Geschichten erzählenden
Autoren hin zu selbstdarstellenden Künstlern mit intellektuellem
Anspruch. Logisch, daß Galerien als erste auf sie aufmerksam wurden
und damit rich--tungs-weisend wurden. Von den wenigen Ein-nahmen aus der
Comic-produktion kann kaum jemand bestehen, weder die engagierten Comic-Kleinverlage,
noch die KünstlerInnen selber.
Insofern konnte auch der Name Mutanten für die Ausstellung nicht
besser gewählt sein. Es ist der richtige Begriff, der die Entwicklung
der KünstlerInnen, sowie das Medium Comic selber am besten bezeichnen.
Schließlich ist Comic nicht einfach nur Strichmänn-chen malen,
sondern es beinhaltet eine Vielzahl von Möglichkeiten. Es ist eigentlich
der gültige Ausdruck des heutigen multimedialen Zeitalters. Umso
erstaunlicher, daß es in der Ausstellung kaum eine Multimedia-Darstellung
im Bereich der neuen Medien gibt. Sieht man von einem natürlich knallbunten
iMac Computer ab, der die Arbeiten von Hendrik Dorgathen zeigt. Der einzige
Künstler, der sich ausschließlich mit seiner Gebrauchs-Comickunst
finanzieren kann. Dies ist aber auf gar keinen Fall als Abwertung zu sehen.
In seinen Grafiken entspricht er am ehesten den Geschmack vieler Leute
und hat es verstanden sich und sein Werken zu verkaufen. Bei ihm wird
die enge Verbindung von darstellender Kunst und Pop am deutlichsten. Daneben
sind die anderen Werke von Atak, Martin Tom Dieck oder besonders Anke
Feuchtenberger nicht so leicht verdaulich. In ihrer Verbindung Bild/Text
verwirren sie den Betrachter, stürzen ihn eher in Ungewißheit,
was der/die KünstlerIn einem sagen will. Diese Nabelschau, das Innere
nach Aussen kehren, ist etwas, das den deutschen Künstlern gemeinsam
ist. Ganz anders die schweizer Comic-Künstler, die wesentlich spielerischer
mit der Ausstellung umgehen. Das heißt nicht, daß sie einfacher
sind, hier fehlt nur einfach der Tenor "Hey, ich will dir etwas mitteilen".
Diese Leichtigkeit macht sich gerade bei den Installationen fest. Ganz
hervorragend die Rauminstallation von Thomas Ott. Es ist ein Abbild eines
Klischees, mit laufendem Fernseher, Wimpeln italienischer Fußballvereine
und den Zeichnungen der italienischen Familienangehörigen an der
Wand. Es entsteht der Eindruck, man betritt den intimen Bereich des kurz
zur Toilette gegangenen Bewohners.
Die Geisterbahn von M.S. Bastian wird dem multimedialen Bild des Comics
sowie dem Medium als solchen, das in vielen Köpfen herumspukt, vielleicht
am ehesten gerecht. Hier gibt es die Krakeleien, die Strichmännchen,
die Bilderfolgen und Einzelbilder zusammen mit visuellen und akustischen
Reizen. Es gibt wohl kaum jemand, der danach nicht wieder grinsend seine
Schuhe anzieht, denn diese Geisterbahn darf nur auf Strümpfen betreten
werden. Also vorher Füße waschen!
Insgesamt läßt die Ausstellung also eher einen zwiespältigen
Eindruck zurück. Ich hätte es besser gefunden, wenn auch Comics
ihren Weg ins Museum gefunden hätten, die mehr Geschichten zu erzählen
haben. So ist es einerseits ein sich Anbieten an den musealen Kunstmarkt,
der den KünstlerInnen auf jeden Fall zugestanden werden soll, andrerseits
wird hier die Chance vertan, die hohen Hallen der musealen Tempel mal
etwas aufzumischen, was diese eigentlich dringend nötig hätten.
Aber vielleicht ist diese Ausstellung ja auch einfach der Anfang und eröffnet
dem Medium Comic neue Wege und gewinnt neue Anhänger. Das wär
schön und auch nötig.
Insofern sei auch noch besonders positiv bemerkt, daß dort die meisten
Comics der KünstlerInnen zum Lesen ausliegen und es dort den im Moment
wohl am besten sortierten Comicmarkt Düsseldorfs gibt. Und zu guter
letzt sei auch noch der informative Katalog (39.80 DM) genannt.
Meikel F
bookEine leichte Sache
Belascoarán Shayne, kleiner Privatdetektiv in Mexico-City, kann
sich nicht gerade über Arbeit beklagen. Ermitteln soll er im Mordfall
eines Fabrikmanagers, in der ein Arbeitskampf tobt, dann tritt ein schon
abgehalftertes Filmsternchen auf, deren frühreife Tochter sich seltsam
benimmt und dann erscheint noch ein seltsamer Fremder. Der bezahlt ihn
im voraus damit er den größten Mythos unter Mexicos Sonne sucht-
Emiliano Zapata. Revolutionär der nicht einfach Tod sein kann. Nebenbei
muß sich Shayne auch noch mit seinen Geschwistern um das Erbe seiner
Mutter kümmern und dann gibt es auch noch die drei Kumpane mit denen
er sich sein Büro teilt und die ihn moralisch immer wieder aufrichten.
Also, eine ganz einfache Sache, die sich der mexikanische Autor Paco Ignacio
Taibo II hier vorgenommen hat. Gekonnt schlängelt er sich nicht nur
durch den mexikanischen Großstadtdschungel, sondern auch durch diesen
Krimi Noir, hier und da gespickt mit etwas Geschichte und Politik des
Landes und der Leute. Dabei läßt Taibo II deutlich heraushängen,
daß ihn die Geschicke der besseren Gesellschaft einen feuchten Dreck
interessieren. Um so mehr führt er den Leser schon fast liebevoll
in die Mythen und in das Gebaren der einfachen Leute Mexikos ein und das
in einem spannenden Krimi, der einen so schnell nicht losläßt.
Dabei hat der Krimi schon über 20 Jahre auf dem Buckel. In literarischer
Sicht ist dies mit seinen neueren Büchern nicht zu vergleichen, die
Sprache ist noch wesentlich ungeschliffener, die Geschichten bewegen sich
noch nicht auf unterschiedlichen Ebenen, aber es ist eben ein Krimi- hart,
spannend, rasant, gut.
MEIKEL F
Eine leichte Sache
Paco Ignacio Taibo II
Edition Nautilus
190 S., 15 DM
bookLügendetektor
"Für mich war jeder Deutsche ein Mikrokosmos, den es zu studieren
galt, ein Bruchstück des Feindes, den man verstehen musste, wenn
man ihn besiegen wollte." Diese Worte stammen von Saul K. Padover,
einem Angehörigen der US-Streitkräfte, der im Winter 1944/45
dicht hinter der ins Reichsgebiet vorrückenden Front deutsche ZivilistInnen
verhörte. Die Ergebnisse seiner Nachforschungen veröffentlichte
Padover bereits 1946 und es dürfte kein Zufall sein, dass die deutsche
Übersetzung erst ein halbes Jahrhundert später erschien.
Das spannend zu lesende Buch ist nämlich in weiten Teilen eine schonungslose
und ernüchternde Bestandsaufnahme aus einem Land, dessen Bevölkerung
den Nationalsozialismus entweder vorbehaltlos unterstützt oder ihn
wenigstens passiv mitgetragen hat. Selbst die laut Padover entschiedensten
NazigegnerInnen, vor allem Sozial-
demokratInnen und KommunistInnen, beschränkten sich im Faschismus
überwiegend auf resigniertes Schweigen und BBC-("Feindsender")-Hören
- aktiver Widerstand, wie in allen anderen von den Faschisten besetzten
Ländern Europas üblich, war in Deutschland fast unbekannt. Padover
beschreibt die Verlogenheit und das Obrigkeitsdenken vieler MitläuferInnen
und ProfiteurInnen des Systems, die mithalfen, die Nazi-Maschine bis zuletzt
am Laufen zu halten: "Ich dachte mir, dass die Todesfabriken nicht
deswegen möglich waren, weil Hitler ihre Errichtung befohlen hatte,
sondern weil die meisten Deutschen den Befehl nicht in Frage gestellt
hatten."
Padovers Buch sollte zur Pflichtlektüre in allen Klassenzimmern und
Hörsälen der Berliner Republik werden. Ob der Report sich wohl
im Gepäck der deutschen Verhandlungsdelegation bei den Zwangsarbeits-Entschädigungsgesprächen
findet? Lambsdorff & Co. sollten ihr Augenmerk vor allem auf den letzten
Absatz richten, in dem Padover resümiert: "Die Deutschen gehören
nicht mehr zur Völkergemeinschaft, sie sind ein ausgestoßenes,
beispiellos verfluchtes und gefürchtetes Volk. Erst die nachwachsende
Generation von Deutschen kann einen Neubeginn schaffen. Man muß
hoffen und beten, dass es ihnen gelingt."
(VR)
Saul K. Padover: Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland
1944/45, Eichborn-Verlag, 335 Seiten, DM 44.
comicIch Ratten
Dem Titel ist es schon anzumerken, dieses Comic kann eigentlich nur von
dem begnadeten Intimus der deutschen Sprache stammen - und richtig: Max
Goldt legt uns sein neuestes Werk zu Füßen, bebildert von dem
ebenso begnadeten Katz. Nur Seelenverwandte können eine solch fruchtbare
Symbiose eingehen, so daß die Sprache vor dem geistigen Auge des
Betrachters Kapriolen schlägt. So, nun aber genug der Lobhudelei.
Lest das edel aufgemachte neueste Werk aus dem Verlag Jochen Enterprises
lieber selber. Dann erfahrt ihr auch, woher dieser seltsame Titel stammt.
Ihr erfahrt, warum die zwischen 50 und 60 Jahre alte Agathe aktuelle Popmusik,
vorzugsweise Duos die viel mit Filtern arbeiten, so mag und ob sie ein
Verhältnis mit Lou Reed hatte. Damals. Ihr erfahrt von den Tücken
von 50 kg original Pekinger Dosenrührei, der Zeitreise der beiden
netten Homos, wie Fatme doch noch ihren Marktplatz findet, ohne ihr Kopftuch
ausziehen zu müssen, damit die Älteren den Jüngeren in
ihren seidigen Haaren wuscheln können und als Gegenleistung den Erfahrungen
der älteren Generation lauschen dürfen und noch vieles mehr,
was das Leben wahrlich einfacher macht. Nichtsdestotrotz findet ihr das
Album bei eurem Comic-dealer und nicht im praktischen Haus-haltswarenladen.
Vielleicht später einmal.
MEIKEL F
Katz & Max Goldt: Ich Ratten
Jochen Enterprises, 56 S. in s/w
musicHollywood
Babylon
Was für ein Zufall!? Jedenfalls sitze ich in meiner Bude und höre
das weiße Album der Beatles, eine Platte die man wohl nicht vorstellen
muß. Währenddessen blättere ich in dem endlich als Taschenbuch
erschienenen Hollywood Babylon von Kenneth Anger. Wer sich für die
Geschichte des klassischen US-Kinos, seiner Hintergründe und vor
allem seiner Skandale interessiert, der muss das lesen. Dabei fällt
mir ein: Anger ist jemand, der selber Filme gedreht hat, so z.B. in den
späten Sechzigern okkultistische Filme mit Bobby Beausoleil als Satan.
Der wiederum geriet unter Charles Mansons Einfluss und wurde zum Ritualmörder.
Manson glaubte seine Mission in verborgenen Aufforderungen der Beatles
auf dem weißen Album zu finden. Was geschieht nun also mit mir?
Erst einmal andere Musik hören. Einfachen, erdigen, punkigen Rock'n'Roll,
der überdurchschnittlich ist, weil er Soul hat. Damit kommt man zu
Rocket from the Crypt. All Systems Go 2 (Swami) enthält 25 Songs,
die überwiegend die gerade erwähnten Kriterien erfüllen.
Wie es sich bei solchen Platten gehört, sind alle Erläuterungen
mit Edding geschrieben,was den Infogehalt eines Textes drastisch erhöht.
Es scheint sich hier um eine Singles-collection zu halten, jedenfalls
kenne ich die meisten Songs nicht von ihren LPs her. Da das ganze als
Testament bezeichnet wird, steht zu befürchten, das es diese herrausragende
Live Band nicht mehr gibt. R.I.P.
Im Plattenladen steht die LP von Tanger (O&O) bezeichnet als neues
Projekt von dem von mir sehr verehrten Steve Albini. Das stimmt nicht,
aber Albini hat produziert und gemischt. Das Ergebnis ist sehr gut und
kann einem die Wartezeit auf die nächste Shellac Scheibe verkürzen.
Die Musik ist roh und vertrackt und so gut die Band als solche auch ist,
hört man Albinis Vision, wie gut gespielter Rock nach Punk klingen
sollte, schnell heraus: Metallisch ohne Heavy Metal, funky und wild. Mir
macht das sehr viel Spaß, fröhlicher Sommerpop ist es allerdings
nicht.
Apropos Steve Albini. Der alte Top-Zyniker und Provokateur steht ja spätestens
seit er Nirvana produzierte ziemlich weit oben in der Skala der gesuchten
Leute hinter den Reglern. So hat die Jon Spencer Blues Explosion mit Acme-Plus
(Mute) eine Doppel LP (ich glaube die gibt es auf CD gar nicht) herrausgebracht,
mit outtakes, different versions usw. die zum größten Teil
von Albini prouziert wurde. Die Anschaffung lohnt sich für Fans in
jedem Fall.
PS. Was passiert eigentlich wenn Rudolf Scharping mal statt Hossa das
weiße Album der Beatles hören sollte? Und der Joschka erst,
der hat das mit Sicherheit schon gehört? Für wen arbeiten diese
Leute? Schweißgebadet wälze ich mich im Bett hin und her......Angst,
unkontrollierte Angst!
FEHRI
bookGünther Gellrich: Die GIM.
Zur Politik und Geschichte der
Gruppe Internationale Marxisten 1969-1986
Was soll man von einem Buch halten, in dessen Vorwort der ehemalige deutsche
Großtrotzkist Jakob Moneta mit Hilfe eines Lenin Zitats von sich
selbst sagt, "was haben wir damals dummes Zeug geschrieben",
so als ginge es dort, wo der Moneta heute gelandet ist, klüger zu
: in der Ältestenriege des ostdeutschen Heimatvereins PDS. Lenin
sagte dies 1923 rückblickend auf 1903, nachdem er also eine erfolgreiche
Revolution angeleitet hatte und als Todfeind und Bezwinger der Sozialdemokratie
da stand. Moneta dagegen sagt dies als gescheiterte linke Figur, die ein
Ende bei der national-sozialdemokratischen PDS gefunden hat. Die harten
Zeiten wären zu ertragen, müsste man sich nicht mit den öden
Alterskrankheiten des Kommunismus abgeben. Nun, der Autor selbst kann
nur begrenzt für seinen Vorwortschreiber. Günter Gellrich also,
Sozialwissenschaftler aus Düsseldorf, legt ein Buch über die
trotzkistische Gruppe Internationaler Marxisten (GIM) vor, die deutsche
Sektion einer der vielen 4. und 4 1/2. Internationalen. Es ist dies eine
einwandfreie wissenschaftliche Arbeit, wenn auch zu einem Thema, das eher
Eingeweihte oder aber sehr speziell interessierte Politologen ansprechen
dürfte. In Zeiten rechts gewendeter Linker ist immerhin überraschend,
daß die GIM die Politik einer konkurrierenden K-Gruppe, der KPD-AO
schon in den frühen 70er Jahren als "reaktionären Rechtskurs"
bezeichnete. Die führenden Köpfe der KPD-AO, die ehemaligen
68er Linken Horst Mahler, Christian Semler und Karl Schlögel betrieben
damals eine Politik der "Vaterlandsverteidigung" gegen den "Hauptkriegstreiber"
Sowjetunion und traten "für ein ... vereinigtes Deutschland"
ein. Kein Wunder also, dass der Horst Mahler heute NPD-Festredner ist,
der Semler Vertriebenenfreund in derTaz (19.06.99) und der Schlögel
als Professor Rehabilitierer der Lebensraumpolitik (FAZ 19.06.99). Viele
68er waren eben vor allem eins : antisowjetisch und antiamerikanisch.
Daran ändert auch der Einfluss der amerikanischen Hippie-Ästhetik
nichts. Die deutschen Hippies rebellierten weniger gegen den Hitlerjungenhaarschnitt,
als vielmehr gerade gegen die aus Amerika kommenden und von den ungeübten
Deutschen mehr schlecht als recht praktizierten Mainstream-Modestandards
der 50er und frühen 60er Jahre. Eben nicht erst seit sie bei den
Grünen strandeten, sahen die deutschen Hippie-Frauen aus wie germanische
Naturschönheiten. Im Vergleich zu ihren unter Generalverdacht stehenden
braunen Täter-Vätern waren die sich links gebärdenden Söhne
und Töchter 1968 und später die effektiveren Deutschen.
Man würde vielleicht mehr von der GIM berichten wollen, wüsste
man nicht, was final aus ihr geworden ist. Sie vereinigtesich 1986 genau
mit einer dieser "vaterländischen", "Dem-Volke-dienen"-K-Gruppen,
nämlich der KPD/ML, zur VSP und veranstaltete vortan Straßen-Informationsstände
mit der Bruder-Johannes-Parole : "Vereinigen statt spalten"
! Nur die Düsseldorfer VSP ließ von dieser Parole ab - unter
dem Einfluss von einem, der in Moskau Josef Stalin studiert hatte. Einabschließendes
Urteil über die GIM ergibt sich aus der Kenntnis zweier trozkistischer
Spätbiographien : Heute hat der theoretische Kopf der GIM, der Winfried
Wolf, kein Problem, mit der völkischen Nationalistin Christine Ostrowski
die gleiche Fraktionsbank im deutschen Reichstag zu drücken. Und
der ehemalige Düsseldorfer Trotzkist Daniel Kreutz ist Landtagsabgeordneter
einer fischergrünen Kriegspartei.
- Genosse Berija übernehmen Sie !
- Schützen sie uns vor den "kreutzistischmonetarinschen Scheusalen"
!
- Schützen sie uns vor den "Doppelzünglern" und "Spionen"
!
- Zerschlagen sie die "Überreste der wolfinschen-kreutzistischen
Bande" von "Schädlingen",
"Wichten", "Gezücht" und "Gewürm"!
KAROL ZELENT-STALIN
(EHEM. GUEVARIST IN DER 4. INTERNATIONALE)
Neuer ISP-Verlag, Köln 1999, (38 DM)
soundSPARE PARTS
Na, habt Ihr noch alle beisammen kurz vor dem sagenumwobenem-spinnwebenumzogenem
Milleniumsende? Hoffentlich, denn auch im nächsten Jahrtausend, das
ja eh schon läuft, werden Euch einige Leute versuchen, Geld, Gefühle
und Gesundheit abzujagen. Da kann man nur das machen, was man immer schon
tat: allen Fiesen die Hand reichen und dabei das Bein stellen. Machts
anders als die Anderen. Das dazu. Was sonst? Kurz vor Jahrestorschluss
erscheinen noch einige der besten und interessantesten Platten. Krönen
wir doch erstmal EXPLOSION von THE MODERNIST (Popular Organization). Jörg
Burger geht in die Vollen. Nachdem der Bionaut beerdigt ist, startet einer
der allerbesten hiesigen Produzenten elektronischer Tanz- und Popmusik
mit einem grossen Wurf durch. Gleich zu Beginn von "Battery Park"
lieferte er einen frühen und auch später kaum zu toppenden Höhepunkt.
Ich stand da und hörte und auf einmal tanzte ich nur noch. Magischer
Sog, unglaublich smart und elegant produziert, trotzdem blinkt noch die
Kante durch. Ein Wunderwerk. Nochmal Erregendes: MAIN STREET RECORDS gibt
mit ROUND ONE TO ROUND FIVE endlich eine Werkschau der besten Deep-House-Dub-Tracks
aus hiesigen Breiten heraus. Die Produzenten der funkelnden und kühl-schwitzenden
Tracks mit den Vocals von Andy Caine und Tikiman sind natürlich die
Macher von BASIC CHAN-NEL. Es tut nicht not, hier mehr zu sagen, ausser:
gehet hin und höret, etwas besseres werdet ihr kaum finden (EFA).
Es gibt auch neues von STURM zu vermelden. Auf GESTEN feilt der Loop-meister
an seiner Kunst. Keiner versteht es, Klangrhythmusloops so manisch und
offen-mysteriös und nicht zuletzt mit bedrohlicher Eleganz zu kreieren
wie Reinhard Voigt. Mit wenig Einsatz, minimalen, aber gezielten innovativen
Mitteln werden elektronische Klangstrukturen geschaffen, die weit über
das Atmosphärische hinausgehen. Vielmehr zeigt sich in diesen nahezu
vollendeten Tonskizzen eine Tiefe, die Weiteres denk- und fühlbar
werden lässt. Und macht es so möglich, weit darüberhinauszugehen.
Eine grosse Platte, die es zu beachten gilt (MILLE PLATEAUX). Ein weiterer
selbstverständlicher Meilenstein ist die neue Platte von CRANK aka
Danny "Low Res" Zelonky. Auf HEFTIBAG (MILLE PLATEAUX) transformiert
er Free-Jazz-Idiome in seinen Laptop und stellt statt ausufernder ermüdender
Improvisationen kompakt-kaputte Chiffren für Bewusstseinslounges
von Morgen vor. Ein Muss für Leute auf der Suche nach wirklich innovativen
Klängen, die nicht erst die ganze Geschichte einer klassischen Avantgarde
abarbeiten. Auf dem neuen MILLE PLA-TEAUX-Unterlabel RITORNELL dann stellt
STILLUPPSTEYPA ambientösende Texturen aus, die sich einer digitalen
Form von Musique Concrete annähern. Oft sehr ruhig und unscheinbar,
lauert doch Bewegung und konkrete Verschiebung. Sehr konkret ist soetwas
auf KÖLNER BRÜCKEN SINFONIE, einem Projekt von Michael Rüsenberg,
zu hören: in den Hohl- und Zwischenräumen von 6 Kölner
Rheinbrücken wurden Klänge und eine Passantenlesung von Dieter
Wellershoff-Texten aufgenommen. Ungewöhnlich und faszinierend, spontan
erklingen Lieder, und die Züge fahren vorüber (Artelier Media).
Dann eine der besten Spoken-Word-Dokus der Extraklasse: GERARD MALANGA,
Warhols engster Mitarbeiter in den 60er, öffnet auf UP FROM THE ARCHIVES
(Subrosa) seine Doku-Files. Die O-Töne der Künstler - u.a. eine
superbe Raw-Power-Performance von Iggy Pop in der Factory - werden jedoch
nicht nur historisch archiviert, sondern auch durch aktuelles Material
ergänzt. Dieser unglaublich intensive Mix der Zeiten lässt einige
Entdeckungen zu. Neues aus München: DAVID CARRETTA, der DJ Hell einst
dazu bewog, sein GIGOLO-Label zu gründen, bringt spät, aber
gerade rechtzeitig sein dortiges Album-Debüt heraus. LE CATALOGUE
ELECTRONIQUE ist ein subtiler Partyknaller mit den gewohnt düsteren
Untertönen, die bei GIGOLO ja gerne in die Hochglanzsuppe gespuckt
werden. Der Hit "Futurama" ist logisch genausodrauf wie seine
Kollabos mit Chicks On Speed und Electric Indigo. Für Frankophile
seien die Cover von Gainsbourgs "Contact" und auweia "Ca
Plane Pour Moi" erwähnt. Munich = Underground-Pop. Genauso bei
DAKAR & GRINSER: die verdienten Retro-Pop-Konstrukteure und Ultraschall-Residents
legen mit ARE YOU REALLY SATISFIED NOW (DISKO B) eine seltsam dunkel-glamoröse
- man beachte allein das Coverartwork - Stilreise in die electronique
noir vor. Die Titel haben guten Punk-approach, "I wanna be your dog"
wird stilgerecht gecovert, und ansonsten wird durchaus mal gesungen. Neue
songorientierte Elektronik aus dem Süden, hellwach, aber noch zu
früh für die Radios. Apropos dunkel: sowas würde man dem
easy-listening-Cover von BENGE nach nicht erwarten. Der sympathische Musikus
hält uns darauf im original Richard Kleiderschrank-Outfit vor einem
riesigen analogen Modulsystem charmant ein Glas Wein ins Gesicht und fragt
unschuldig: Why not dim the lights & join me? Na, so easy ist das
Ganze nun doch nicht, dafür grandios abgedunkelt und wundervoll elektroid-obskur.
Kann natürlich wieder nur auf SUBROSA erscheinen, the home of the
jollygood joyful abstracts. Dann CUBE & SPHERE: the "Seperator"-Series
continues! Potuznik & Platzgumer sind auf GANZ NEU - welch ein Titel,
gelle? - wieder unglaublich frische Schritte voraus und frickeln sich
auf diesem genialen 4-Tracker direkt in die Zukunft. & das möcht
ich auch nicht immer schreiben, aber hier stimmts. Auf zwei phantastischen
neuen TENSION 12"es (4&5) dann praktiziert DIETRICH SCHOENE-MANN
die sehr basische Techno-kunst der 12 BULLETS, auf der anderen Seite geben
sich minimaltuffe Beats & original Dizzy Gillespie-Vibes den Blunt
in den Mund. Ähnliches haben auch die famosen COMPUTERJOCKEYS im
Sinn: auf ihrem ersten Album (Harvest) wimmelt es nur so von entspannter
Downtempoträgheit, die mit unglaublichen Finessen und Tricks doch
noch Pfeffer in den Arsch bekommen und dann ganz komisch an zu laufen
anfangen. Hagedorn & Digital Jockey haben hier fette Tracks mit vielen
Tricks versammelt, um die man in keiner Lounge und in keinem vollgekotztem
Schlafzimmer herumkommt. Das grandiose "PingPong" mit seinen
Tischtennisbeats ist ebenso drauf wie halbsentimentale Ausreisser, denen
bisweilen nur der Text fehlt. Fazit: voll Karaoke-tauglich. Noch zwei
Elektro-Grossmeister, von denen nur Gutes zu erwarten ist: TWO LONE SWORDSMEN
und A VIRUS WITH SHOES (Warp). Was für schräg-abgeranzte Nummern
die beiden hier wieder in Glanzpapier eingewickelt haben, unglaublich!
Und mitten aus dem Goldfischglas, in das Du gedankenverloren den Rauch
bläst, springt Dir eine Tarantel in die Fresse. Die beiden können's
einfach - grossartig! Kollege SQUAREPUSHER muss da natürlich auch
nachlegen: SELECTION SIXTEEN (Warp) bringt wieder verzwurbelte Beats auf
den Tisch, featured aber vor allem auch alte Acid & Ravememories von
uns Tom. Das geht gut rein und hört sich fein, vor allem nach einer
schmierseifigen R&B-Attacke aus dem Äther. Der Mann bleibt ein
Muss. Ein Hinweis noch auf ein neues Werk von THOMAS FEHLMANN: auf 1 To
3. OVERFLOW finden wir alles, was wir an den Produktionen des Masterminds
schätzen - entspannter Flow und gespanntes Experiment. Mixe, Remixe,
Ko-ops und Solotracks - wunderschöne und spannende Sammlung. Den
hochglanzqualitativen DiscoHouse, der sich wie gewohnt auf der 6. Compilation
des schottischen SOMA-Labels einfindet, erwähne ich der Vollständigkeit
halber - immer stilvoll, nie zu schick -, um euch 3 erstklassige Downtempogroovster
ans Herz zu legen: PHAT GLOBAL # 1 bringt, natürlich auf PALM PICTURES,
erstklassige Dub-Ethnie-Chants unter einen Hut, EARGASMS: CRUECIALPOETICS
VOL. 1 versammelt die besten jungen Poeten und MCs aus NY City und zeigt
eine superbe Verbindung aus Spoken Word und Rap-Vibes, die voller Leidenschaft
ist und keinen kalt lässt. Der Burner aber ist PRODUCT OF THE ENVIROMENT
(Palm Pictures): kein anderer als Labelbetreiber TRICKY selbst baute diese
supermorbiden, aber extrem tighten Tracks um die Originalstimmen von 11
legendären britischen Unterweltpersönlichkeiten. Wenn, dann
ist das originaler Gangsta Rap, aber nicht so, wie ihr es kennt - intensiv,
packend, ein Muss! Mindestens so "in yer face", aber nicht so
subtil: COLLISION COURSE (Pias), die zzt. beste Compilation, was HardcoreTerrorNoiseBreak-beats
angeht. Digi-Punx aus NY, London und Berlin - 10 Typen & die obligatorische
Hardcore-Quo-ten-frau - zerhackstücken Bits und Beats, zerren wie
Geier an den Gedärmen und rösten das Wildbret auf ihrer Festplatte.
Neue Extreme mit keiner Ahnung welcher Haltbarkeitsdauer, aber für
einige aurale Bombenanschläge wird's schon reichen. Extreme Frequenzen
im Ghetto unbarmherziger Beats - wer's nicht hat, braucht's schon. Eine
andere Form von Härte: HANIN ELIAS mit ihrer IN FLAMES-EP auf FATAL,
dem DIGITAL HARDCORE-Imprint nur für Frauen. Ihre feministische Version
von teutonischen Torch-Songs im Stil einer Hardcore Greta Garbo ist ein
voll guter Ansatz: "boys are militarized", sagt sie, und bringt
das mit der notwendigen Härte rüber, die als Flammenwerfer allen
Machos und Militaristen im feisten Gesicht brennen sollte. Mehr darüber
in der nächsten TESTCARD. Versöhn-lichere Töne dann von
MOGWAI: Stanley Kubrick, Burn Girl Prom Queen, sogar ein gar nicht kitschiger
Christmas Song und selbst ein Track wie Rage Man lassen Dir sanft die
tierischen Nackenhaare hochgehen...bis die Distortion angeht...und wieder
im Piano versinkt (Chemikal Underground). Beenden wir das musikalische
Jahr mit der aktuellen L'AGE D'OR-Compilation SAUERKRAUT NICHT SUSHI.
Die ist wie immer supergut, nur die für den Titel Verantwortlichen
sollten doch mal 5 Minuten aufs Klo gehen und darüber nachdenken,
was der so soll. Ach so. HaHa. Na ja. Trotzdem: auf Platte 1 alle Lado-Bandprojekte,
die uns immer schon Spass gemacht haben, und auf Platte 2 alle Elektronik-Bearbeitungen,
die uns zzt. noch mehr Spass machen. Let's forget all about this year
- na meinetwegen. Jetzt aber raus.
MARCUS
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