Bilder des Kampfes für Würde und Freiheit

„Viele Fotos wurden zu Ikonen des zapatistischen Kampfes“
In der Fotoausstellung „Zapatistas“ zeigen im März vier mexikanische Fotografen eindrucksvolle Bilder des Kampfes für Würde und Freiheit

Mit ihrem bewaffneten Aufstand am 1. Januar 1994 überraschten die Zapatistas die Öffentlichkeit in Mexiko und weltweit. Niemand hatte zu diesem Zeitpunkt mit ihnen gerechnet – doch mit einem Mal wurden die Medien aufmerksam. Die ausdrucksstarken Bilder, die die Öffentlichkeit erreichten, und die so andere politische Sprache der Zapatistas zogen rund um den Globus viele Menschen in ihren Bann.

Im Rahmen der Reihe ¡Zapatistas! – 20 Jahre Aufstand, 20 Jahre erfolgreiche Revolution organisiert „¡Alerta! – Lateinamerika Gruppe Düsseldorf“ daher vom 15. bis 29. März eine Ausstellung mit Fotos von vier mexikanischen Fotografen, die von vier spannenden Veranstaltungen begleitet wird. Die Bilder zeigen die Lage der indigenen Kleinbäuer*innen zwischen Ausbeutung, Vergessenwerden und Rassismus. Sie drückten aber auch den Mut und die Entschlossenheit der Menschen aus und dokumentieren ihren Kampf für Würde und Freiheit. Auch durch sie wurde der Welt deutlich, dass hier etwas Neuartiges und Bewundernswertes im Entstehen ist. Begleitet werden diese Bilder von Auszügen aus den Erklärungen und Erzählungen der Zapatistas.

Um mehr über die Ausstellung, die Bilder und deren Fotografen zu erfahren, sprachen wir mit Jerónimo Arteaga-Silva, einem der Fotografen, der nun schon mehrere Jahre in Düsseldorf lebt und mit uns bei ¡Alerta! aktiv ist.

¡Alerta!: Was ist die Idee der Ausstellung?

Jerónimo Arteaga-Silva: Den 20. Jahrestag der zapatistischen Bewegung in Mexiko zu feiern sowie auf die Problematiken in diesem Teil der Welt aufmerksam zu machen, das heißt auf die Folgen der Ungleichheit, Entmenschlichung und Ungerechtigkeit, die aufgrund der neoliberalen Wirtschaftspolitik existieren.

¡Alerta!: Was drücken die Bilder aus, die ihr ausgewählt habt?

Jerónimo Arteaga-Silva: Es ist eine Auswahl von Bildern, die historische Augenblicke der Zapatistas und Szenen des täglichen Lebens in indigenen Gemeinden in Mexiko in einer poetischen Form darstellen, also auch einige der Ursachen, die zu dem indigenen Aufstand in Mexiko geführt haben.

¡Alerta!: Wer sind die vier Fotografen, deren Arbeiten in der Ausstellung zu sehen sind?

Jerónimo Arteaga-Silva: Wir vier Fotografen haben zu unterschiedlichen Zeiten für die Zeitung La Jornada in Mexiko gearbeitet, eines der Medien, die am meisten über die zapatistische Bewegung berichtet hat. Pedro Valtierra (*1955), der Leiter der Fotografie-Abteilung der Zeitung war, hat in den 80er-Jahren langjährige Erfahrungen als Kriegsfotograf gesammelt. Er gewann im Jahr 1998 den Premio Rey de España für eines der Fotos, die wir ausstellen. Raul Ortega (*1963) war vielleicht der Fotograf, der während der ersten Jahre der Auseinandersetzung zwischen Zapatistas und Regierung am meisten Zeit in zapatistischen Gebieten verbracht hat. Er hat seine Bilder über vertriebene und bewaffnete Zapatistas auf der ganzen Welt ausgestellt. Jesus Quintanar (*1974) ist ein bekannter Fotoreporter, dessen Hauptinteresse die Dokumentation des indigenen Lebens in Mexiko ist. Und ich, der seit ein paar Jahren in Deutschland lebt.

¡Alerta!: Wann hast du das erste Mal etwas von den Zapatistas mitbekommen? Was war dein Eindruck?

Jerónimo Arteaga-Silva: Am 1. Januar 1994, als ich die Nachricht von dem zapatistischen Aufstand hörte, reagierte ich zuerst skeptisch. Denn bereits früher machten wir in Lateinamerika Erfahrungen mit „revolutionären“ Bewegungen, die damit endeten, dass sie sich institutionalisierten und sich selbst korrumpierten. Aber an den darauffolgenden Tagen wurde mir klar, dass der politische Diskurs der Zapatisten etwas war, was wir noch nie zuvor gehört hatten, es war ein anderer Diskurs, ohne politische Hetze, ohne großtuerisch zu sein. Ich konnte sehen, dass die „militärische Gewalt“ der Zapatisten minimal war, fast symbolisch, und ich erlebte die Brutalität und Straflosigkeit, mit der der mexikanische Staat und die Armee begannen, die indigenen zapatistischen Unterstützungsgemeinden zu unterdrücken.

¡Alerta!: Wie ist es dazu gekommen, dass Du in Chiapas als Fotojournalist gearbeitet hast? Wann und wie lange warst du dort?

Jerónimo Arteaga-Silva: Im Jahr 1994 war ich sehr jung und fing an, meine ersten Beiträge als freischaffender Fotograf zu machen. Eine kleine Zeitung in Nordmexiko gab mir damals den Auftrag, im August 1994 in die zapatistischen Gemeinden zu fahren, um von der Primera Convención Nacional Democrática zu berichten („Erster Demokratischer Nationalkonvent“, zu dem die Zapatistas Vertreter*innen unabhängiger sozialer Basisbewegungen aus ganz Mexiko nach Chiapas einluden, um eine Gegenkraft zur offiziellen Parteipolitik zu schaffen, Anm. Terz). Das war das erste Mal, dass die Zapatistas im direkten Kontakt mit der mexikanischen Zivilgesellschaft standen. Danach kehrte ich zurück, um die Situation 1997 und 2002 zu fotografieren.

¡Alerta!: Wie waren die Begegnungen mit den Zapatistas? Wie war das Verhältnis zwischen ihnen und euch als Pressefotografen?

Jerónimo Arteaga-Silva: Wir Fotografen hatten immer viele Einschränkungen bei unserer Arbeit, aber es ist völlig verständlich, da die mexikanische Presse bekannt dafür ist, im Dienst der institutionellen politischen Macht zu stehen. Daher ist es vollkommen verständlich, dass die Zapatistas misstrauisch gegenüber den Medien waren, und es immer noch sind.

¡Alerta!: Welche Rolle, denkst Du, hatten Journalist*innen und ihr als Fotografen in den 20 Jahren des zapatistischen Aufstands?

Jerónimo Arteaga-Silva: Die Medien, vor allem die Unabhängigen, von denen es leider nur sehr wenige gibt, waren sehr wichtig, um die Wahrheit über die Repression zu verbreiten, die in den zapatistischen Gemeinden existierten und bis heute fortbestehen. In den letzten zehn Jahren ist es dank des Internets und der sozialen Netzwerken einfacher geworden, Informationen zu verbreiten. Aber im Jahr 1994 war die Praxis des Journalismus sehr begrenzt. Die digitale Fotografie gab es nicht, und wir Fotojournalist*innen mussten ein Labor mitschleppen, um die Film zu entwickeln. Danach mussten wir auch das Problem der Digitalisierung des Materials lösen, und es dauerte zusätzlich, bis die Fotos beim Verlag ankamen. Im Jahr 1994 war es praktisch unmöglich, täglich fotografische Informationen zu senden. Um unsere Fotos machen zu können, mussten wir zunächst rein in den dichten Regenwald, manchmal Wochen lang und im Regen, um dann die Zapatistas kontaktieren zu können. Nun, zu dieser Zeit war das ein Kriegsgebiet, es gab keine Straßen, oder sie waren abgeriegelt. Die Situation als unabhängiger, kritischer Fotojournalist war nicht einfach: Auf der einen Seite war die mexikanische Armee, die uns immer den Zugang erschwerte und uns Informationen verweigerte, und auf der anderen Seite waren die Zapatistas, die uns Journalist*innen misstrauten. Bilder zu machen, war ein erster Teil der Arbeit, dann mussten wir den Film verstecken und ihn aus der Konfliktzone schleusen, ohne dass die mexikanische Armee ihn beschlagnahmte. An einem sicheren Ort mussten wir dann die Fotos entwickeln und digitalisieren und danach – und das war die schwierigste Aufgaben – mussten wir einen Weg finden, die Bilder und Reportagen zu veröffentlichen, denn die meisten Verlage waren nicht bereit, einen Konflikt mit der mexikanischen Regierung zu riskieren. Das Foto war auf der anderen Seite schon immer ein ideales Instrument, um eine Synthese der Realität zu zeigen. Daher wurden viele Fotos zu Ikonen des zapatistischen Kampfes – zum Beispiel das Foto von Pedro Valtierra, das den Mut und die Entschlossenheit einer indigenen Frau zeigt, die einem mexikanischen Soldaten die Stirn bietet, ihn angreift. Tausende von Menschen auf der ganzen Welt machten sich diese Bilder der Fotojournalist*innen zu eigen, druckten sie auf Transparenten, T-Shirts oder in unabhängigen Zeitschriften ab. Diese Bilder verstärkten und ergänzten den poetischen Diskurs der Zapatistas in dem Ausmaß, dass es heute fast unmöglich ist, sich die zapatistische Revolution vorzustellen, ohne dabei auch diese Bilder im Kopf zu haben.

¡Alerta!: Hatten die Zapatistas einen Einfluss auf dich? Hat die Arbeit mit ihnen deine Arbeit als Fotograf verändert?

Jerónimo Arteaga-Silva: Unbestreitbar hatte der Zapatismus einen tiefgreifenden Einfluss auf mich, nicht nur auf meine Arbeit als Journalist, sondern auch allgemein auf mein Leben. Und ich nehme an, dass die Zapatistas die Wahrnehmung der großen Mehrheit meiner Kolleg*innen und Fotograf*innen irgendwie verändert hat. Es war unmöglich, nicht über die Armut, Diskriminierung und Ungerechtigkeit empört zu sein, die in den indigenen Gemeinden in Mexiko jeden Tag so viel Leid verursacht. Viele von uns haben die Existenz dieser „anderen“ Realität kennengelernt, die die mexikanische Regierung immer verleugnet und verdrängt hat. Dank der Zapatistas haben viele von uns anfangen, kritischer die negativen und unmenschlichen Folgen, die die neoliberale Politik und der Kapitalismus auf einen großen Teil der globalen Gesellschaft haben, zu analysieren. Darüber hinaus zeigten uns die Zapatistas, dass es möglich ist, kreativ, ehrlich und engagiert überall in der Welt zu kämpfen, und dass jeder Mensch und jede soziale Gruppe ihren eigenen Weg des Widerstandes finden muss.

¡Alerta! – Lateinamerika Gruppe Düsseldorf


Zapatistas

(Fotoausstellung)

15.-29.3.2014 im damenundherren (Oberbilker Allee 35, Düsseldorf)
Organisiert von ¡Alerta! – Lateinamerika Gruppe Düsseldorf, damenundherren e.v. und vom Referat für Interkulturelles des AStA der FH Düsseldorf.

Die Ausstellung ist geöffnet während dieser spannenden Veranstaltungen:

15.3.Vernissage und Konzert mit Josué Avalos – Zur Eröffnung spielt Josué Avalos eigene Songs und interpretiert lateinamerikanische Lieder über den Kampf für eine bessere Welt. (Ausstellung geöffnet ab 19 Uhr, Konzert 20-22 Uhr, danach Kneipe)

22.3.Der Aufstand der Würde (Doku) – Der Film bietet eine anschauliche Einführung und einen guten Überblick über die zapatistische Bewegung und zeigt die weltweite Bedeutung ihres Kampfes auf. (Ausstellung geöffnet ab 19 Uhr, Film ab 20 Uhr, danach Kneipe)

25.3.Indigener Kampf und staatliche Repression (Vortrag) – Thomas Zapf, seit vielen Jahre für die Menschenrechtsorganisation SiPaz! in Chiapas aktiv, berichtet anhand aktueller Beispiele vom Kampf indigener Gemeinden und Organisationen aus Chiapas für ihre Rechte – und über die staatliche Repression gegen sie. (Ausstellung geöffnet ab 19 Uhr, Vortrag ab 20 Uhr, danach Kneipe – in Kooperation mit pax christi – Solidarität Eine Welt)

29.3.No morirá la flor de la palabra / Die Blume des Wortes wird nicht sterben (Lesung/Performance) – Interpretation der poetischen politischen Erklärungen und Texte der Zapatistas in Deutsch und Spanisch. (Ausstellung geöffnet ab 19 Uhr, Lesung ab 20 Uhr, danach Kneipe)

Außerdem ist die Ausstellung geöffnet während der weiteren Veranstaltungen des damenundherren.