15 Jahre Wehrhahn-Anschlag

Am 27. Juli 2000 explodierte am S-Bahnhof Düsseldorf-Wehrhahn ein professionell, aber nicht industriell gefertigter Sprengsatz. Zehn Menschen, unter ihnen sechs jüdische Auswanderer*innen aus Ländern der ehemaligen UdSSR, wurden – teilweise schwer – verletzt. Dieses Ereignis, das seinerzeit bundesweit – aber auch international – für Aufmerksamkeit sorgte, jährt sich, im Sommer 2015, zum 15. Mal.

Heute, 2015, ist der Blick auf den Anschlag ein anderer. Heute wissen wir, dass es einen „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) gab. Nur wenige Wochen nach dem Wehrhahn-Anschlag mordete der NSU (nach heutigem Kenntnis-Stand) zum ersten Mal: am 9. September 2000 wurde Enver Şimşek, der an einer Ausfallstraße in Nürnberg einen Blumenstand betrieb, mit mehr als einem halben Dutzend Schüssen kaltblütig niedergeschossen. Er starb zwei Tage später im Krankenhaus. Der „Nationalsozialistische Untergrund“ brüstete sich, wie wir heute wissen, in seinem Bekennervideo, den Mord ausgeführt zu haben.

Nachdenken über Zusammenhänge

Die zeitliche Nähe dieses vermeintlich ersten NSU-Mordes zu dem Anschlag am Wehrhahn-Bahnhof in Düsseldorf Flingern lässt heute nunmehr durchaus den Gedanken aufkommen, dass eben dieser NSU – durchaus und mit guten Gründen auch als größerer Kreis von Täter*innen, Unterstützer*innen und als ideologisches Netzwerk rund um das als „NSU“ apostrophierte Kern-„Trio“ von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe denkbar – mit dem Anschlag zu tun gehabt haben könnte. Doch die Zusammenhänge sind bis heute unklar. Mehr noch: Die Hintergründe des Wehrhahn-Anschlags und die Täter*innen sind bis heute weiterhin unbekannt. Ein extrem rechter Hintergrund der Tat wurde allerdings schon damals, im Sommer 2000, – bis in die Bundesregierung hinein – für möglich, wenn nicht sogar für wahrscheinlich gehalten. Das war 2004, als sich Polizei und Staatsschutz nach dem Nagelbomben-Anschlag in der Kölner Keupstraße mit ihrer bemerkenswert einseitigen Ermittlungsrichtung vor allem für „Ausländerkriminalität“ als von ihr konstruierten Hintergrund des Keupstraßen-Anschlages interessierten, anders. Anders war die Perspektive auf den Wehrhahn-Anschlag vom 27. Juli 2000 auch darum, weil sie auch jenseits der polizeilichen Ermittlungsarbeit und ihrer Idee, dass es sich durchaus um einen Anschlag der extremen Rechten gehandelt haben könnte, getragen war von einen ganz anderen Grundton, mit der sie zum Thema politischer und gesellschaftlicher Debatten wurde. So war der Wehrhahn-Anschlag zweifellos der „auslösend[e] Vorlauf des von Bundeskanzler Gerhard Schröder nach einem Anschlag am 2. Oktober 2000 auf die Düsseldorfer Synagoge ausgerufenen ‚Aufstand der Anständigen‘“, wie die antifaschistische Zeitung LOTTA und NSU-Watch NRW in einem gemeinsamen Artikel feststellen. „Mit Rückbezug auf den Wehrhahn-Anschlag wurden die Debatten über ‚Fremdenfeindlichkeit‘, Antisemitismus und Neonazismus in der Bundesrepublik sowie über ein eventuelles NPD-Verbot weiter angeschoben.“ 2004, nach dem Nagelbombenanschlag in der Keupstraße, waren solcherlei Stimmen – auch aus antifaschistischen Kreisen – nicht wahrnehmbar.

Antisemitismus, Rassismus und neonazistische Terrorkonzepte

Auch auf diese durchaus auffallenden Unterschiede in der Wahrnehmung, Ermittlungsarbeit und politischen Analyse der Ereignisse und Zusammenhänge des Wehrhahn-Anschlages und des späteren NSU-Anschlages auf die Keupstraße machten am 26. Mai 2015 die Veranstalter*innen und Referenten eines Diskussions- und Vortragsabends aufmerksam, mit dem die Organisator*innen des antifaschistischen Themenabends INPUT und des Antirassistischen Bildungsforums Rheinland gemeinsam mit etlichen Mitveranstalter*innen an den Wehrhahn-Anschlag vor 15 Jahren erinnerten. Neben der notwendigen, präzisen Rückschau auf die damaligen Ereignisse waren hierbei vor allem auch die Ausführungen von Fabian Virchow (FORENA, FH Düsseldorf) noch einmal erhellend. Denn nicht zuletzt zeige ein Blick auf die damals virulenten rechten und extrem rechten Positionen und Haltungen gegenüber der Gruppe der Einwanderer*innen aus der früheren Sowjetunion – den sog. „Kontingentflüchtlinge“ –, wie massiv und virulent in dieser Zeit antisemitische Hetzpropaganda (extrem) rechte Diskurse prägte. Die Überfremdungs-Idee, wie sie vor allem in rechten „Leitmedien“ wie der extrem rechten „Nationalzeitung“ gepusht wurde, feierte fröhliche Urständ: ihre sprachlichen Narrative waren die des „Ostjuden“-Feindbildes und des „jüdischen Bolschewismus“ – ein hier erstaunlich ‚traditionelles‘ Vokabular der extremen Rechten mit überdeutlichem Rückgriff auf die Hass-Propaganda des historischen deutschen Faschismus. Und auch neonazistische Terrorkonzepte des „führerlosen Widerstands“, auf das sich auch die Täter*innen des NSU nachweislich beriefen, waren damals, im Sommer 2000, bereits in der Welt – wie Fabian Virchow noch einmal deutlich machte. Im Lichte dieser Parallelen – Antisemitismus bzw. Rassismus als Tatmotive für die Anschläge vom Düsseldorfer Wehrhahn-Bahnhof und in der Kölner Keupstraße; Bezugsmöglichkeiten auf neonazistische Terrorkonzepte – scheint es einmal mehr geboten, zumindest nach Kontinuitäten oder Akteurs-Strukturen zu fragen(!), die beide Anschläge möglicherweise miteinander verbinden. Und dies auch, wenn weiterhin unklar bleibt, ob es sich jemals nachweisen lässt, dass der Anschlag auf die mehrheitlich jüdischen Opfer des Wehrhahn-Anschlages als antisemitisch motivierte Hasskriminalität extrem rechter Täter*innen zu werten ist. Allein der damalige Umgang mit den beiden Anschlägen in Kreisen der Sicherheits- und Ermittlungsbehörden (Stichwort Ermittlungsrichtungen) im Kontext variierender gesellschaftlicher Bewertung neonazistischer und rechter Gewalt in den frühen 2000er Jahren (Stichwort „Aufstand der Anständigen“) ist dermaßen auffällig unterschiedlich, dass es sich lohnt, aufmerksam hinzusehen.

Tatkomplex „Wehrhahn-Anschlag“ im PUA

Schließlich fasste auch der Referent der unabhängigen Dokumentations- und Rechercheplattform NSU-Watch NRW zusammen, welche Bedeutung der Wehrhahn-Anschlag im Untersuchungsauftrag des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses (PUA) im Landtag von NRW einnehmen sollte. Es sei, so auch kritische Stimmen aus dem Publikum, fraglich, ob und mit welchem Tiefgang der PUA auf den Anschlag und ggf. auf ein mögliches „Fehlverhalten nordrhein-westfälischer Sicherheits- und Justizbehörden“ im Zusammenhang mit dem Wehrhahn-Anschlag eingehen würde. Denn auch weiterhin seien mit Blick auf die mannigfaltigen, bis heute offenen Ermittlungsstränge zum Wehrhahn-Anschlag nach wie vor dutzende von Fragen offen: Welchen Kenntnis- und Ermittlungsstand hatten etwa seinerzeit Staatsschutz und Kriminalpolizei zu Akteuren und Strukturen der extremen Rechten in NRW? Welche Ermittlungsschritte wurden genau gegangen, auf welche Kenntnisse und Expertisen aus den Verfassungsschutzämtern von Bund und Ländern konnten die Ermittler*innen überhaupt zurückgreifen? Wurden sie umfänglich informiert? Und gab es überhaupt etwas, was der VS den ermittelnden Behörden hätte mitteilen können? Diese und ähnliche Fragen wird sich – hoffentlich – auch der Ende Oktober 2014 vom Landtag NRW eingerichtete Parlamentarische Untersuchungsausschuss zum Themenkomplex NSU vornehmen. Er hat zwar die Absicht dazu bekundet, unklar ist jedoch bis heute, wann und in welcher Intensität der mögliche Tatkomplex „Wehrhahn-Anschlag“ im Untersuchungsausschuss zum Thema werden wird. Das Zeitfenster für den im Untersuchungsauftrag vorgesehenen Untersuchungskomplex wird wohl denkbar kurz werden. Denn zuletzt hatte sich die Arbeit des Ausschusses durch Personal-Wechsel in der Ausschuss-Runde, vor allem aber auch aufgrund fehlender technischer Voraussetzungen zur Akteneinsicht von als vertraulich eingestuften Dokumenten wieder und wieder verzögert.

Die Veranstaltung zu „15 Jahre Wehrhahn-Bombenanschlag in Düsseldorf – Ein Rück- & Ausblick“ machte einmal mehr deutlich, dass die Arbeit des Untersuchungsausschusses in der Öffentlichkeit mit großem Interesse verfolgt wird. Und: dass die Opfer des Anschlages nicht vergessen sind.

NSU-Watch NRW und LOTTA – Antifaschistische Zeitung für NRW haben bereits im März 2015 einen ausführlichen Artikel zum Düsseldorfer Wehrhahn-Anschlag veröffentlicht. Die Lektüre sei an dieser Stelle ausdrücklich empfohlen: http://www.lotta-magazin.de/ausgabe/online/der-d-sseldorfer-wehrhahn-anschlag.

Als Mitveranstalterin der INPUT-Veranstaltung möchte sich die TERZ noch einmal bedanken, dass die Veranstalter*innen das Ereignis des Wehrhahn-Anschlages in Erinnerung gerufen und zur Debatte über Herausforderungen und Grenzen des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses in diesem Zusammenhang eingeladen haben – ein Weiterdenken und der kritische Blick auf die Arbeit des PUA bleiben notwendig!