„Granatrote Flut“

oder wie eine Globale Bewegung aus Spanien in Düsseldorf ankommt

Ein Interview mit Nuria von der Gruppe Marea Granate NRW

Frank: Was ist Marea Granate? Wo kommt ihr her, und was ist die Basis eures Zusammenschlusses?

Nuria: Wir sind die Kinder der Krise. Ursprünglich haben wir in Spanien gegen die Krise gekämpft. Wir waren Teil der Bewegung 15-M, die 2011 das erste Mal öffentlich aufgetreten ist. Damals haben wir gegen die Privatisierung des Gesundheitssystems, gegen  den Sozialabbau, gegen die Wohnungsnot, gegen die Ausweitung der prekären Arbeitsverhältnisse, die Arbeitslosigkeit und vieles mehr gekämpft. Allerdings zwang und zwingt uns die Krise noch immer, ins Ausland zu gehen und dort nach Arbeit zu suchen. In diesem Sinne sind wir nicht gegangen, sondern rausgeworfen worden aus Spanien. Allerdings wollen wir den Widerstand gegen die Zerstörung des Sozialsystems und die permanenten Angriffe des Kapitals nicht aufgeben, nur weil wir dazu gezwungen wurden auszuwandern. Als Aktivist*innen tun wir uns auch weiterhin zusammen. Dabei bauen wir auf unseren Erfahrungen in Spanien auf. Die Basis unseres Zusammenschlusses ist die „Versammlung“. Marea Granate heißt übrigens „Grantapfelrot“ und ist die Farbe unserer Reisepässe.

Frank: Gibt es Marea Granate nur in Deutschland?

Nuria: Als Marea Granate sind wir sozusagen der globale Arm der Bewegung 15-M im Ausland . Es existieren Gruppen auf fast allen Kontinenten, neben Europa vor allem in den Amerikas (Nord, Mittel & Süd) und Neuseeland. Einmal im Monat haben wir eine weltweite Vollversammlung im Internet, wo wir alles besprechen und uns über die aktuellen Entwicklungen in Spanien austauschen. Natürlich tauschen wir uns auch über die Situation in den jeweiligen Ländern, in denen wir Leben müssen, aus.

Frank: Wie organisiert ihr euch? Und wer kann bei euch mitmachen?

Nuria: Neben der schon erwähnten „Paella-Versammlung“ zu der wir immer zum 2. Sonntag im Monat in das FAUD-Lokal V6 einladen, organisieren wir uns vor allem über das Web und soziale Medien. Neben einer Homepage, kann man uns auf Twitter folgen oder via Facebook Kontakt mit uns aufnehmen. Untereinander nutzen wir Whatsapp, und oft telefonieren wir auch ganz klassisch miteinander. Die Basis unserer Organisation ist aber die Versammlung. Dort besprechen wir alles, planen unsere Aktivitäten und integrieren neue Aktivist*innen.
Mitmachen darf bei uns eigentlich jede/jeder, der/die unsere Ziele teilt und unsere Art der Organisation akzeptiert. Du musst also keine Spanierin sein, um bei uns mitmachen zu können. Allerdings ist unsere Verkehrssprache Spanisch.

Frank: Was sind eure Ziele? Und was sind eure konkreten Aktivitäten?

Nuria: Wir haben vier Ziele formuliert, die wir durchsetzen wollen.
(1) Rückkehr zu einem Wahlrecht auf dem Stand von vor 2011. Das aktuelle Wahlrecht führt dazu, das nur knapp 3% der im Exil-Ausland lebenden Spanier*innen überhaupt an den Wahlen in Spanien teilnehmen. Seit der Krise sind viele Kritiker*innen der Regierung und speziell der Konservativen ins Exil-Ausland gegangen. Durch das neue Wahlrecht, das es schwieriger macht, sich an den Wahlen zu beteiligen, werden zehntausende Stimmen erst gar nicht abgegeben, und die Wahlen so ganz legal gefälscht.
(2) Gleicher und kostenloser Zugang zum Gesundheitssystem für alle. Nicht nur für Spanier*innen, sondern tatsächlich für alle. Nach einer sogenannten Gesundheitsreform ist es aktuell so, das Spanier*innen, die länger als drei Monate im Ausland sind, nicht mehr in Spanien versichert sind.
(3) Abschaffung prekärer Arbeitsverhältnisse. Es muss Schluss sein mit schlecht bezahlten und unsicheren Arbeitsverhältnissen. Arbeit auf ein paar Monate oder ein Jahr zu befristen oder nur noch über Sklavenhändler*innen (Leiharbeit) zu erhalten, ist ein unannehmbarer Zustand, gegen den wir uns richten.
(4) Für die tatsächliche, bedingungslose innereuropäische Freizügigkeit. Bisher kann sich nur das Kapital in Europa wirklich frei bewegen. Uns, die wir nichts außer uns selbst haben, wird diese Freiheit faktisch verwehrt. Aber als Europäer*innen müssen wir das uneingeschränkte Recht haben, uns überall in Europa vollkommen frei bewegen zu können.
Diese vier Ziele wollen wir aber nicht nur in Bezug auf Spanien durchsetzen. Vielmehr wollen wir diese auch dort durchsetzen, wo wir gezwungenermaßen leben müssen. Und wir wollen das nicht nur für uns – sondern für alle! Für Marea Granate NRW macht es keinen Unterschied, ob jemand z.B. aus Afrika, Asien oder Europa gekommen ist. Wir denken, das es niemandem zuzumuten ist unter prekären Bedingungen zu arbeiten, von politischer Mitwirkung ausgeschlossen zu sein, keinen oder nur einen auf Basis des Einkommens beschränkten Zugang zum Gesundheitssystem zu haben oder sich in Europa nicht frei bewegen zu dürfen.
Im Mai haben wir eine Kundgebung gegen das neue Wahlrecht vor dem Spanischen Konsulat in Düsseldorf abgehalten. Eine zweite Kundgebung, im Juli, sollte sich gegen die neuen „Sicherheitsgesetze“ richten. Leider musste diese wegen einer Unwetterwarnung kurz vor Beginn abgesagt werden. Mittlerweile ist das Gesetz in Kraft und es gibt schon erste Opfer. Uns erinnert diese Politik stark an das Franco-Regime, das nach 40 Jahren immer offener wieder zu Tage tritt. Unsere Aktivitäten entwickeln sich vor allem um das online-Büro, das oficina precaria. Aber im Oktober werden wir anfangen, etwas mehr Aktivitäten zu entwickeln. Unter anderem wollen wir eine Soli-Party organisieren. Wir brauchen natürlich Geld für Veranstaltungen und Publikationen. Mit der Party wollen wir aber auch auf uns aufmerksam und uns in Düsseldorf bekannt machen.

Frank: Du sprichst von Wahlrecht und politischer Mitwirkung. Ist Marea Granate so etwas wie eine neue Partei?

Nuria: Nein – wie schon gesagt, sind wir ein Teil der 15-M Bewegung, der Indignados (der Empörten). Das bedeutet, dass wir, wie Millionen anderer Spanier*innen, jedes Vertrauen in die Parteien und Politiker*innen verloren haben. Trotzdem haben wir aber eine politische Meinung. Diese drückt sich in unseren Zielen aus. Wir glauben aber nicht, dass wir sie als Partei durchsetzen könnten. Stattdessen müssen wir die politische Kaste als reale soziale Bewegung, die sich selbst organisiert, dazu zwingen, unsere Ziele umzusetzen.

Frank: Zurück zu euren Aktivitäten. Was ist das online-Büro? Und welche Aktivitäten entwickeln sich daraus?

Nuria: Das oficina precaria ist unser Online-Büro, d.h. wir bieten den Menschen die Möglichkeit, sich mit all ihren Problemen und Fragen via E-Mail oder „privater Nachricht“ über Facebook bei uns zu melden. Bei vielen Problemen können wir selbst helfen. Bei Problemen mit der Arbeit leiten wir die Leute an die FAU Düsseldorf weiter. Diese berät und unterstützt die Arbeiter*innen bei ihren Problemen. Ende Oktober laden wir ins FAUD-Lokal V6 zu einer Versammlung ein. Ziel ist es, eine Grupo de Acción Syndical zu gründen. Wir laden dazu extra Kolleg*innen der G.A.S. aus Berlin ein. Die FAU-Düsseldorf hat uns hier schon Unterstützung zugesagt. Wenn G.A.S. in Düsseldorf aktiv und handlungsfähig werden soll, dann werden wir nicht darum herumkommen, etwas über die Arbeitsgesetze in Deutschland zu lernen. Die FAU wird im Winter also Seminare zum kollektiven und individuellen Arbeitsrecht organisieren und auch ein Organizing-Seminar. Die Seminare sind natürlich nicht nur für G.A.S., sondern für alle Interessierten offen. Dieser Prozess wird nötig, da wir den ständigen Angriffen von oben einen Klassenkampf von unten entgegenstellen müssen. Die Paella-Versammlungen und G.A.S. sind die zwei Seiten der Münze unseres Widerstandes.

Frank: Auf eurer Homepage ladet ihr zur „Paella-Versammlung“. Was hat es damit auf sich?

Nuria: Naja, das ist nicht wirklich ernst gemeint und auch ein wenig ein Klischee. Aber: Auf deutsch sagt man, glaub ich „Ohne Mampf kein Kampf“. Beim gemeinsamen Essen lernen wir uns gegenseitig kennen. Durch das Essen wird das Treffen auch weniger „formell“, und so nehmen auch ganze Familien an der Versammlung teil. Essen integriert. Vielleicht kann man es ein wenig mit dem sozialrevolutionären Abendbrot der FAU-Düsseldorf vergleichen?

Frank: Ja, vielleicht kann man das. Gibt es noch etwas, das ihr unbedingt sagen wollt, das ich aber bisher noch nicht gefragt habe?

Nuria: Ja sicher. (lacht) Wir wollen uns bei der FAU Düsseldorf für ihre selbstlose und herzliche Unterstützung bedanken. Und dann möchten wir natürlich alle Freund*innen des Widerstandes einladen, die ähnliche Ziele haben wie wir, mit uns gemeinsam zu kämpfen. Uns geht es um gleiche Arbeit, gleiche Rechte und gleiche Möglichkeiten für alle Menschen. Egal, aus welchem Land der Welt sie kommen. Wir sind überzeugt, dass wir das nur gemeinsam schaffen und dass wir dies nur auf den neuen Wegen schaffen können, die seit dem Ausbruch der Krise weltweit entstanden sind.

Frank: Ich bedanke mich für das Interview.

FRANK TENKTERER