Ein Jahr „V6“

Ein Jahresrückblick im Winter

Zur Vorgeschichte

Im März 2014 beschlossen wir, dass wir uns eigene Räume suchen wollen. Sie mussten nutzbar sein als Büro, Veranstaltungsraum, Seminar- und Multimediaraum. Neun Monate haben wir gesucht, und schließlich ein Lokal auf der Volmerswerther Straße 6 1 gefunden. Die Verhandlungen mit der Vermieterin zogen sich über drei Treffen hin. Da sie mit den letzten Mieter*innen schlechte Erfahrungen gemacht hatte, fragte sie mehrfach nach, wie wir den Raum denn nutzen wollten. Auch unser schwarz-roter Stern und unsere Selbstbezeichnung als Anarcho-Syndikalist*innen erregte ihre Neugier. Am Ende der Gespräche haben wir die Zusage per Handschlag mit den Worten bekommen: „Dann versuche ich es mal mit den Anarchisten!“

Das Lokal dann „V6“ zu nennen, war schnell entschlossen. Zum einen haben wir uns damit an einer alten Hausbesetzer*innen-Tradition orientiert, und zum anderen ist der „V6“ ja auch ein Motor – und in gewissem Sinne verstehen wir uns selbst und unser Lokal ja eben auch als einen Motor. Ein Motor, der uns auf dem Weg zur Transformation der Gesellschaft vorwärts bringt.

Aller Anfang ist schwer

Zum ersten November 2014 konnten wir dann endlich, das erste Mal in der Geschichte der FAU-D, in unsere ganz eigenen Räume einziehen. Kaution, Makler*innengebühr und erste Miete waren bezahlt, unsere Mitgliedsbeiträge für das kommende Quartal und drei weitere Monatsmieten auf dem Konto. An Möbeln hatten wir einen großen Glastisch, vier Stühle, ein Bücherregal, eine Handvoll Bücher und vier alte Bierbänke, das war alles. ABER: wir hatten darüber hinaus noch die Solidarität der umliegenden Syndikate und vieler Freund*innen. Diese manifestierte sich in ganz konkreter Hilfe 2. Und bald hatten wir einen richtigen Schreibtisch, weitere Regale, eine kleine Küche, einen großen roten Ledersessel, eine Kreidetafel und Bücher für unsere Bestandsbibliothek. So nach und nach hatten wir die Dinge, die wir brauchten, um immer mehr machen zu können.

Die Gruppen

An erster Stelle sind da natürlich wir selbst, die Freie Arbeiter*innen Union Düsseldorf. Allerdings war uns von Anfang an klar, dass wir so ein Lokal nicht alleine an 365 Tagen im Jahr „bespielen“ können. Darum hat es uns gefreut, dass von Anfang an auch andere Gruppen Lust hatten, das „V6“ regelmäßig oder sporadisch zu nutzen. Neben einer studentischen Gruppe, die drei Schwerpunkte hat (Theoriebildung, öffentliche Veranstaltungen zum Thema Kapital und Krise, Geflüchtetenunterstützung) waren auch die „unabhängigen Arbeitslosen“ und die „Gruppe Arbeiterfilm“ von Anfang an mit dabei. Drei Beratungstermine waren daher schnell Standard: Zum einen die montägliche gewerkschaftliche Erstberatung und die mittwochs stattfindende Hartz-IV Beratung und zum anderen die Flüchtlingsberatung 3.

Später kamen dann noch die „autonomen Arbeitslosen“ hinzu, die freitags eine Beratung in Sachen „Eingliederungsvereinbarungen“ anbieten und seit August die Migrant*innen-Gruppen Marea Granate. Im Oktober hat sich dann schließlich auch noch die „Grupo de Acción Sindical – NRW“ (GAS) im „V6“ gegründet.

Das Programm

In den ersten Monaten lag ein Schwerpunkt der Veranstaltungen auf dem damals noch geplanten Tarifeinheitsgesetz und dem gerade erst verabschiedeten Mindestlohngesetz. Die Veranstaltungen zum Tarifeinheitsgesetz hatten neben der grundsätzlichen Aufklärung über die Wirkungen dieses Gesetzes vor allem zum Ziel, die Arbeiter*innen und die Politaktivist*innen zum Widerstand gegen dieses Gesetz zu animieren. Natürlich sind wir dann auch zur Demo gegen das Tarifeinheitsgesetz nach Frankfurt am Main gefahren. Die Veranstaltungen zum Mindestlohngesetz sollten vor allem aufklären und den Arbeiter*innen die Möglichkeit geben, sich bei Bedarf für ihre Rechte kollektiv zu organisieren. Seminare zu den Themen „individuelles und kollektives Arbeitsrecht“ und „Organizing“ folgten. Natürlich haben wir auch zu Vorträgen zum Thema „Was ist eigentlich Anarcho-Syndikalismus“ eingeladen.

Unsere Versuche, während der Streikwellen 2015 ein „permanentes Streikkomitee“ zur Unterstützung von Streiks und Arbeitskämpfen zu gründen, scheiterten jedoch an der mangelnden Resonanz in der Stadt. Trotzdem haben wir eine Reihe Veranstaltungen zum Themenkomplex „Kapital-Krise-Arbeitskämpfe“ organisiert. Mit zu den spannensten Veranstaltungen gehörten sicherlich:

An dieser Stelle wollen wir aber den detaillierten Rückblick auf die Veranstaltungen, die wir so gemacht haben, abbrechen. Erwähnt sei trotzdem noch, dass wir zahlreiche weitere Vorträge (zum ersten Weltkrieg, zu den anarchistischen Strömungen, zum NSU-Untersuchungsausschuss in NRW, zur Arbeit, zur Pariser Kommune, Kronstadt, der Märzrevolution von 1920, den aktuellen Streiks im Jahr 2015, Kirche und Arbeitsrecht …) und Seminare (u.a. einen Spanisch-Kurs für Aktivist*innen – der Aufbaukurs musste leider abgesagt werden, kommt aber 2016!) durchgeführt haben. Und das waren nur die Veranstaltungen, die wir (FAUD) im „V6“ gemacht haben. Hinzu kommen noch Veranstaltungen wie die mit Tim Schmidt am 10.12.2015 „Die Rolle der Gewerkschaften für die Zukunft Europas“ oder die beiden Deutschkurse (nicht nur für Geflüchtete), oder von den unabhängigen Arbeitslosen (zum „Vorfeld der Leiharbeit“) und natürlich von Marea Granate und GAS (u.a. die monatlichen Versammlungen, das officina precaria und Filmothek-Debatte).

Die Party

Am 14.11.2015 haben wir dann auch unser „Einjähriges“ gefeiert. Über 100 Menschen sind gekommen, um mit uns, bei Bier und lecker Essen mit Live-Musik und Poesie zu feiern. Natürlich haben wir die Gelegenheit genutzt und allen Gruppen, die im „V6“ aktiv sind, die Möglichkeit gegeben, sich kurz vorzustellen. Sehr gefreut hat uns auch die Tatsache, dass einige Leute, die schon seit einem Jahr fast täglich an unserem Lokal vorbeigegangen sind und sich schon immer gefragt hatten, was denn wohl „FAU“ bedeutet, sich endlich einmal überwunden haben und hineingekommen sind!

Ausblick

Das erste Jahr ist geschafft – ob wir ein zweites Jahr schaffen werden, hängt auch von euch ab. Noch immer ist die ökonomische Lage prekär und wir finanzieren das Lokal in der Hauptsache aus eigener Tasche und aus den Spenden (Dauerauftrage, Einzelüberweisungen und das, was ihr bei unseren Veranstaltungen in die Dosen werft). Insbesondere Daueraufträge können wir noch mehrere gebrauchen.

Genug gejammert und gebettelt: Im Dezember und den nächsten Monaten geht es auf jeden Fall weiter. Neben einem Vortrag mit anschließender Möglichkeit zur Diskussion zum Thema „Die Rolle der Gewerkschaften für die Zukunft Europas“ mit Tim Schmidt (Ver.di) wird es ein Tagesseminar zum Thema „Organizing“ geben. Das aktuelle Programm, mit allen Veranstaltungen im „V6“ findet ihr wie gewohnt auf unserem Blog (http://www.vsechs.blogsport.eu). Dort findet ihr auch eine Übersicht über unsere Finanzen, die Kontoverbindung und noch so einiges anderes mehr. Schon jetzt sei aber verraten, dass wir im März 2016 wieder eine Fahrradtour vom Duisburger HBF nach Wesel machen wollen. Unterwegs werden wir an einigen Stationen der Märzrevolution haltmachen und in kurzen Vorträgen an die Revolution und ihre Akteur*innen erinnern.

1 Auf der Volmerswerther Straße fand in den 1980er Jahren eine der ersten Hausbesetzungen in Düsseldorf statt, ganz in der Nähe unserer „neuen Heimat“.
2 Nicht unwichtig ist es auch zu erwähnen, dass wir von Anfang an Spenden bekamen. Anfangs eher Einzelbeträge, diese dann aber oft sehr hoch (100 – 200 Euro waren keine Seltenheit – da diese Beträge im Januar/Februar 2015 kamen, nehmen wir an, das es Steuerrückzahlungen waren, die wir ganz oder teilweise bekommen haben).
3 Letztere beschränkt sich, zumindest im Moment noch, darauf, den Leuten zu erklären an welche Stellen sie sich wenden können, wenn sie konkrete und spezielle Unterstützung benötigen.


Veranstaltungen im FAU-Lokal „V6“, Volmerswerther Straße 6

Die Rolle der Gewerkschaften für die Zukunft Europas

Donnerstag, 10.12.2015, 19:00 Uhr
Referent: Gewerkschaftssekretär und Aktivist Tim Schmidt
Eintritt: Frei – Spenden erwünscht
Seit es den Kapitalismus gibt, gibt es arbeitende Menschen, die sich gegen ihre Ausbeutung zur Wehr setzen und sich mit anderen zusammenschließen, um für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne oder gar die Überwindung des kapitalistischen Systems zu kämpfen. In einer Zeit, die durch Globalisierung, Neoliberalismus und wirtschaftliche Krisen geprägt ist, scheinen Gewerkschaften nun in die Defensive gedrängt. Sinkende Mitgliedszahlen und veränderte Rahmenbedingungen haben ihre Position als Gegenspieler zu Unternehmen deutlich geschwächt.
Nur noch wenige Menschen scheinen für ihre Rechte kämpfen zu wollen, da ihnen ihre Lage als alternativlos erscheint. Welche Rolle kommt den Gewerkschaften nun bei der politischen Revitalisierung der Belegschaften in Deutschland zu? Und inwiefern ist eine gesamteuropäische Gewerkschaftspolitik trotz unterschiedlicher Ausgangslagen in den europäischen Staaten möglich?

Organizing I – eine Einführung

Samstag, 12.12.2015, Tagesseminar, Einlass: 09:00 Uhr, Beginn: 10:00 Uhr, Ende: 17:00 Uhr
Teilnahmegebühr: 2 Bruttostundenlöhne
Das Tagesseminar richtet sich ausdrücklich an alle Arbeiter und Arbeiterinnen sowie alle linken Aktivist*innen die grundlegende Regeln des „Organizings“ kennen lernen wollen. Organizing bedeutet für uns, dass wir uns mit den Kolleg*innen selbst in Bewegung setzen und wir unsere Probleme angehen, Strukturen zur Durchsetzung eigener Interessen aufbauen und unsere kollektive Stärke organisieren.

Sozialrevolutionäres Abendbrot

Freitag, 18.12.2015, Einlass: 19:00 Uhr, Ende: 22:00 Uhr
Eintritt: Frei – Spenden erwünscht
Bei Kniften und Feierabendbier (gerne natürlich auch mit anderen Getränken und allem, was ihr sonst noch so zum Essen mitbringt!) wollen wir in gemütlicher Runde mit euch über nichts weniger als die soziale Revolution reden.