Stop BAYER/MONSANTO!

Das Nahrungsmittel-Monopoly

Bayer will den US-Konkurrenten Monsanto übernehmen und damit zum größten Agro-Konzern der Welt aufsteigen. Die Düsseldorfer Initiative „Coordination gegen BAYER-Gefahren“ macht gegen den Deal mobil und plant zur Hauptversammlung des Leverkusener Multis am 28. April in Bonn eine Vielzahl von Aktionen.

Bereits seit 1978 schaut die „Coordination gegen BAYER-Gefahren“ (CBG) dem Leverkusener Bayer-Konzern genau auf die Finger. Und fast ebenso lang schon besucht die Coordination die Hauptversammlungen des Unternehmens und funktioniert sie zu Protest-Veranstaltungen um. Draußen hält sie Kundgebungen ab und drinnen im Saal präsentiert sie eine Geschäftsbilanz, die ganz ohne Zahlen auskommt. Durch Stimmrechtsübertragungen von kritischen Aktionär*innen mit dem Rede-Recht ausgestattet, ergreifen Medikamenten-Geschädigte, Gentech-Gegner*innen, Umweltaktivist*innen und andere Konzern-Kritiker*innen das Wort und konfrontieren das Management direkt mit den Risiken und Nebenwirkungen der gnadenlosen Profit-Jagd. Und in diesem Jahr nimmt das Ganze noch etwas andere Dimension an, denn die Bayer-Gefahren drohen immens zu wachsen. Der Global Player schickt sich nämlich an, das US-Unternehmen Monsanto zu übernehmen und damit der mit Abstand größte Agro-Konzern der Welt zu werden.

Der Deal ist der vorerst letzte Akt im neuerlichen Monopoly-Spiel der Branche, die Aufzüge davor hatten Dupont & Dow und ChemChina & Syngenta bestritten. Im Düngemittel-Bereich schlossen sich Potash und Agrium zusammen, und auch bei den Herstellern von Landmaschinen kam es zu Aufkäufen und Joint Ventures. Von „einer Art Endkampf um Marktanteile“ spricht die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ in diesem Zusammenhang. Kämen alle Transaktionen vollumfänglich zustande, ginge der Leverkusener Multi als klarer Sieger aus diesem Endkampf hervor. Die Geschäftszahlen von 2015 zugrunde gelegt, erzielen die Landwirtschaftssparten von Bayer und Monsanto zusammen einen Umsatz von 23,1 Milliarden Dollar. Damit können die Mitbewerber bei Weitem nicht mithalten. Die frisch vermählten Paare bzw. arrangierten Zwangsehen Dupont/Dow und Syngenta/ChemChina folgen mit großem Abstand (14,8 bzw. 14,6 Milliarden), und auf Rang vier landet abgeschlagen BASF mit 5,8 Milliarden. Bei den Pestiziden erzielen Bayer und Monsanto zusammen einen Marktanteil von rund 25 Prozent, beim Saatgut für gentechnisch veränderte und konventionelle Ackerfrüchte einen von rund 30 Prozent. Allein die Gen-Pflanzen betrachtet, erreichen die beiden Konzerne vereint mit weit über 90 Prozent sogar eine Monopol-Stellung.

Negative Folgen

Durch die Übernahme droht also ein Gutteil der Lebensmittel-Versorgung in die Hand eines einzigen Konzerns zu geraten. Käme Bayer bei Monsanto zum Zuge, so erlangte der Leverkusener Multi aber nicht nur die Hoheit über die Esstische. Der Deal hätte noch weitere negative Folgen. Die Landwirt*innen etwa müssten sich auf höhere Betriebskosten einstellen, denn diese steigen verlässlich in Korrelation zum Monopolisierungsgrad der Branche. Allein die Preise für Mais- und Baumwoll-Saatgut haben sich in den vergangenen 20 Jahren nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums vervierfacht.

Überdies reduziert sich für die Bauern und Bäuerinnen – und für die Verbraucher*innen – die Produkt-Vielfalt. Damit nicht genug, verschärft sich die Situation bei den Pestiziden. Die oligopol-artigen Strukturen haben jetzt schon einen riesigen Innovationsstau mit sich gebracht. An eine Landwirtschaft ohne Gifte verschwenden die Konzerne keinen Gedanken, sie schaffen es noch nicht einmal, Ersatz für ihre Uralt-Mittel zu finden. Bayers Glufosinat oder Monsantos Glyphosat haben schon über 40 Jahre auf dem Buckel. Deshalb trotzen immer mehr Unkräuter diesen Substanzen. Den Farmer*innen bleibt so nichts anderes übrig, als die Gift-Dosis zu erhöhen. Und mit den ganzen Elefanten-Hochzeiten im Agrar-Sektor verschwinden die Anreize noch mehr, die Forschungen in diesem Bereich zu intensivieren.

Die bei Transaktionen dieser Art immer gerne beschworenen „Synergie-Effekte“ schließlich lassen ebenfalls Böses ahnen. Bayer hat folgerichtig auch schon die Schließung von Labors in den USA angekündigt. Darüber hinaus steht der Konzern unter Druck, die durch den Kauf von Monsanto angehäuften Schulden abzutragen, was den Verkauf von Unternehmensteilen und massive Rationalisierungsmaßnahmen wahrscheinlich macht. Die Standort-Städte hätten unter der Transaktion ebenfalls zu leiden. Bayer zahlt an seinem Stammsitz Leverkusen bereits heute kaum noch Gewerbesteuern. Besonders nach Akquisitionen sank das Aufkommen immer dramatisch. So frohlockte der Konzern 2014 bei seiner letzten großen Shopping-Aktion, dem Erstehen einer Sparte des Pharma-Riesen Merck: „Bayer rechnet ab dem ersten Jahr nach dem Vollzug mit signifikanten Steuer-Einsparungen.“ Und tatsächlich hat die Aktien-Gesellschaft die Ausgaben für den Erwerb dann zum Leidwesen der Finanzämter von der Steuer abgesetzt. Ähnliches ist jetzt in Sachen „Monsanto“ zu befürchten.

Die Unternehmenspolitik, die Monsanto zurecht in Verruf gebracht hat, dürfte unter der Ägide Bayers ebenfalls ihre Fortsetzung finden. Zuschreibungen, welche der US-Firma das Etikett „Evil Empire“ verpassen, den Leverkusener Multi aber als netten Chemie-Konzern von nebenan klassifizieren, entbehren jeder Grundlage. So hat der Bayer-Chef Werner Baumann gar nichts gegen die immer wieder kritisierte Monsanto-Praxis, Landwirt*innen Lizenz-Verträge für Saatgut aufzuzwingen und die Gerichte zu bemühen, falls die Bauern und Bäuerinnen es dann wieder aussäen, ohne zu zahlen. „Monsanto hat ein völlig neues Geschäftsmodell etabliert und marktfähig gemacht“, lobt der Ober-Bayer und rechtfertigt die Klagen gegen Farmer*innen. „Wenn man ein solches Verhalten als Unternehmen toleriert, entzieht man dem Geschäftsmodell die Basis. Monsanto hat nur seine Rechtsposition verteidigt“, hält er fest. Gegen das krebserregende Ackergift Glyphosat hat der Große Vorsitzende ebenfalls nichts. „Ein sehr gutes und auch gut erforschtes Herbizid von Monsanto, das auch weiterhin seine Daseinsberechtigung haben wird“, befindet der Manager. Gegenteilige Einschätzungen seien nicht auf wissenschaftlicher Basis erfolgt, so Baumann im Interview mit „Die Zeit“. Und dass sich in Indien schon hunderttausende Farmer*innen umgebracht haben, weil sie das teure, aber nur wenig Erträge einbringende Gentech-Saatgut von Monsanto in den Ruin getrieben hat, streitet der Bayer-Chef schlichtweg ab. „So etwas wird nicht dadurch wahr, dass NGOs sich gegenseitig bestätigen und in ihrer Kritik noch bestärken“, meint er.

Sand im Getriebe

Der Vorstandsvorsitzende gibt sich derweil zuversichtlich, die Transaktion schon bald abschließen zu können. „Bei der vereinbarten Übernahme von Monsanto kommen wir gut voran“, erklärt er, appelliert aber doch schon mal vorsorglich an die Geduld seiner Aktionär*innen: „Die Übernahme von Monsanto ist kein Sprint, sondern ein Marathon.“ Und es liegen überdies so einige Hindernisse auf der Strecke, die Umwege erfordern. Über 30 Kartell-Behörden müssen dem Deal noch zustimmen, und in den USA, wo das Prüfverfahren schon läuft, sieht sich der Konzern beispielsweise schon gezwungen, mehr Geschäftsbereiche abzugeben, als zunächst geplant. Hatte er ursprünglich einkalkuliert, sich von einem Sortiment in einem Umfang von bis zu 1,6 Milliarden Dollar Umsatz trennen zu müssen, um die Kartell-Wächter*innen gnädig zu stimmen, so ist der Multi in seiner Rechnung nun bereits bei 2,5 Milliarden angelangt.

In Brüssel kam der Konzern bei seinem Marathon-Lauf indessen nicht einmal aus den Startblöcken. Die Wettbewerbsbehörde der Europäischen Union hat Anfang 2017 die Annahme des Bayer-Antrags verweigert, weil wichtige Unterlagen fehlten. Der weitere Ablauf dürfte ebenfalls nicht störungsfrei verlaufen, wie die Manager*innen von Syngenta, ChemChina, Dow und Dupont schon zu erfahren hatten. Da kommt also so einige Arbeit auf Volker Koch-Achelpöhler zu, den der Leverkusener Multi im Februar 2017 zu seinem neuen Chef-Lobbyisten in EU-Angelegenheiten bestallte. Der EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis kündigte jedenfalls schon einmal an, die Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager werde sich auch BaySanto „sehr, sehr genau ansehen“. Bereits unmittelbar nach Bekanntgabe des Deals hatte die sozial-liberale Politikerin aus Dänemark klargestellt, dafür Sorge tragen zu wollen, „dass die Landwirte und Verbraucher die Auswahl zwischen verschiedenen Saaten haben und sie nicht einem einzigen Produzenten und einer einzigen Art von Pestiziden gegenüberstehen“. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) schaltete sich zugleich in den Prozess ein. Sie forderte Vestager in einem gemeinsam mit der Schweizer Initiative „Brot für alle“ verfassten Offenen Brief auf, sich nicht in einer kleinteiligen Prüfung des Monsanto-Kaufs und der anderen Deals zu ergehen und die Vorgänge jeweils mit der Auflage, sich bloß von einigen Geschäften zu trennen, abzuschließen, sondern die Transaktionen schlichtweg zu verhindern. Die Wettbewerbskommissarin fand zudem in ihrem Briefkasten nicht nur diesen Offenen Brief, sondern auch ähnliche Appelle von BÜNDNIS 90/Die Grünen, FIAN und FRIENDS OF THE EARTH EUROPE. Und das Monsanto-Tribunal, das letzten Herbst in Den Haag 29 Zeug*innen zu den Machenschaften der US-Firma vernahm und seine Schlussfolgerungen daraus am 18. April präsentieren will, forderte Margrethe Vestager in einer Eingabe auf „sicherzustellen, dass Bayer im Falle einer Übernahme die volle juristische Verantwortung übernimmt“ für das, was Monsanto in den letzten Jahren so verbrochen hat.

Allein auf dem kleinen Dienstweg in Brüssel dürfte die neueste Konzentrationswelle im Landschaftsbereich aber kaum zu stoppen zu sein. Darum gab es in den letzten Monaten noch eine Vielzahl von Aktivitäten gegen das Bayer-Vorhaben. Am 11. Oktober demonstrierten Landwirt*nnen mitsamt ihrer Schweine vor der Leverkusener Bayer-Zentrale gegen den Deal. Drei Wochen später statteten Aktivist*innen der Initiative EZLN der Niederlassung des Leverkusener Multis im belgischen Diegem einen Besuch ab und gestalteten die Eingangshalle mit etwas Laub, Erde und Geäst um. Und am 18. Januar 2017 fanden sich Landwirt*innen, Imker*innen und andere Aktivist*innen vor der Berliner Bayer-Niederlassung ein und forderten: „Bayer und Monsanto – bleibt uns vom Acker.“ Auch die „Wir haben es satt“-Demonstration drei Tage später schrieb sich diese Parole auf die Fahnen.

Ihren vorläufigen Höhepunkt werden diese Aktionen aber erst am 28. April erreichen, wenn Bayer zur Hauptversammlung in das Bonner „World Conference Center“ (WCCB) lädt. „Die beschlossene Übernahme von Monsanto durch den Bayer-Konzern verbreitert dieses Jahr sichtbar die Protestfront“ kündigt Axel Köhler-Schnura von der „Coordination gegen BAYER-Gefahren“ schon mal vorsorglich an.

Aktionsüberblick
»Stop BAYER/MONSANTO!«