Hausbesetzungen in Düsseldorf

Eine unvollständige Übersicht

Die Sichtermanns (siehe vorherige Seite) haben Düsseldorfs doch recht dynamische Hausbesetzungen nicht mit in ihr Kompendium aufgenommen. Die Leute vom MAO-Projekt pausieren mit ihrer schon liebgewonnenen Reihe „Der große Vorsitzende in Düsseldorf“ und geben eine kleine Übersicht über Hausbesetzungen in der Stadt.

In den 1970er Jahren kam es in fast allen bundesdeutschen Großstädten zu einer Reihe von Hausbesetzungen aus unterschiedlichen Motivationen. Für die einen war der Impuls, Räume zu schaffen, in denen eine alternative Lebensform der Wohngemeinschaften wieder aufleben kann und in denen die verschiedenen Aspekte der „Revolutionierung der Alltagskultur“ in sich vereinigt werden können, nicht zuletzt gespeist aus politisch-ideologischen Radikalisierungen. Für die anderen ging es schlicht darum, durch „Instandbesetzung“ leerstehende Häuser vor dem Abriss zu bewahren, dem Wohnnotstand ein Ende zu bereiten, sich kostenlosen Wohnraum zu verschaffen, die heruntergekommenen Altbauwohnungen nicht den Spekulant*innen zu überlassen und die Häuser wieder bewohnbar zu machen. In der Regel wurden die besetzten Häuser nach kurzer Zeit von Polizeikräften auf Anordnung der Stadt geräumt (wegen „Hausfriedensbruch“). In einigen Fällen wurden mit den Besetzer*innen nach Rangeleien und zähen Verhandlungen Mietverträge abgeschlossen.

Überregional sind u.a. die Hausbesetzungen in West-Berlin (Cuvrystraße, Georg von Rauch Haus, Tommy-Weisbecker-Haus, Fraenkelufer), in Frankfurt (Kettenhofweg), in Hamburg (Hafenstraße, Rote Flora), in Köln (das „Stollwerck“), in Dortmund (Heidehof, Erich-Dobhardt Haus) bekannt geworden.

Hausbesetzungen in Düsseldorf gibt es seit dem Mai 1972. Besetzt wurden seinerzeit u.a. die Kronprinzenstraße 113, die später geräumt wurde. Auch 1979 kam es zu nennenswerten Besetzungen sowie 1980 und 1981 etwa im Lichtenbroicher Weg 137, in der Volmerswertherstraße 41. Es folgten Besetzungen in der Benrather Schloßallee 97, der Neusser Straße 75 und 77, der Weißen­burgerstraße 31, der Christoph­straße 4 und der Kronprinzenstraße 119.

Weiterhin kam es in den 1990er Jahren z.B. zur Besetzung der „Pempel“ (Alt Pempelfort 15) und am 4. Februar 1995 der Kaiserswertherstraße 290a. Die Räumung erfolgte noch am gleichen Tag. Eine Wiederbesetzung erfolgte am 1. Mai 1995. Im Zuge der Besetzung kam es gegen 21 Besetzer*innen zu Anklagen wegen „Hausfriedensbruch“ und „Sachbeschädigung“. Die ersten Besetzer*innen erhielten ihren Strafbefehl dann am 29. September 1995.

Die populärsten und möglicherweise als „erfolgreichsten“ zu bezeichnenden Besetzungen fanden in der Kiefernstraße statt. Die Häuser in der Kiefernstraße waren zunächst im Besitz der „Düsseldorfer Eisen- und Drahtindustrie“, die später den Namen „Klöckner Werke AG“ annahm. Bis 1975 gingen sie in den Besitz des Liegenschaftsamtes der Stadt Düsseldorf über, als auch die Umsiedlung der Mieter*innen begann. Die ersten Wohnungen der alten Arbeitersiedlung standen nun leer.

Bis 1977 wechselten die Besitzverhältnisse erneut: Eigentümerin war fortab die städtische Düsseldorfer Wohnungsbau Gesellschaft (DÜWOGE). Den Bewohner*innen der Kiefernstraße wurde eine sogenannte „Lockprämie bis zu 1.000 DM angeboten (…) für den Fall, dass sie auf ihr Wohnrecht auf dieser Straße verzichten.“ 1978 beschloss der Stadtrat eine förmliche Festlegung der Kiefernstraße als Sanierungsgebiet. Die Neuansiedlung von Gewerbe war geplant und damit der Abriss aller Häuser. Bis 1981 wechselte sie erneut den Besitzer: sie gingen jetzt an das Liegenschaftsamt über. Die Häuser 7, 9, 35 und 37 wurden dem Sozialamt zur Nutzung überlassen. Einquartiert wurden u. a. Geflüchtete aus Afrika.

Der eigentliche Konflikt um die Kiefernstraße begann im August 1981. Die Stadt Düsseldorf übergab der „Aktion Wohnungsnot“ (AWN) einige Wohnungen auf der Straße. Die AWN hatte sich im Rahmen der Besetzung der Kronprinzenstraße im Jahr 1972 gegründet. Zunächst zogen in 4 Häuser etwa 60 Personen ein. Ab August/September 1981 wurden die ersten Wohnungen durch „Spontis“ besetzt. In der gleichen Phase wurde das „Zentrum für Aktion, Kultur und Kommunikation“ (ZAKK) konstituiert. Ende 1981 fand sich ebenfalls der „AWN-Häuserrat“ zusammen.

Die Besetzungen befürworteten und beförderten eine Reihe von Gruppen, u.a. die AWN, das „Selbstverwaltete Wohnungsprojekt Theodorstraße e. V.“, die „Direkte Aktion Wohnungsnot Kiefernstraße e. V.“, das „Initiativhaus Martinstraße“ und zu guter Letzt die „Selbsthilfe Düsseldorf.“

Vom September 1981 bis September 1982 folgten weitere Besetzungen. Die Cafes „Nix Da“ und „Müllkippe“ eröffneten. In Bezirksvertretungen (etwa im September 1982), wurde Öffentlichkeit hergestellt. Dabei kam es u. a. zu „tumultartigen Szenen“. Im April 1984 brannte ein Haus in der Kiefernstraße. Brandstiftung wurde vermutet. Im Januar 1986 machte ein Räumungstermin für den kommenden Monat Februar die Runde.

Anfang August 1986 fand eine Großrazzia wegen des Verdachts der Unterstützung einer kriminellen Vereinigung (§ 129a) statt, da Eva Haule (RAF) und Bewohner*innen der Kiefernstraße zusammen verhaftet worden waren. Razzien fanden noch bis zum Oktober 1988 statt. Von Dezember 1987 bis Februar 1988 wurden Häuser in der Kiefernstraße geräumt. Im Januar 1988 kam es erneut zu Besetzungen, die im Februar mit der Räumung endeten.

Bis zum September 1988 fanden Straßenfeste statt, an dem sich auch das „Straßenplenum“ beteiligte, das u.a. „Kulturtage“ organisierte. Am 13. Oktober 1988 gab es in Düsseldorf eine Demo gegen die Verhaftungen von Besetzer*innen der Kiefernstraße und für deren Erhalt statt.

Ab Mai bis Juli 1988 wurden dann erste Verträge abgeschlossen, u. a. mit den städtischen Wasserwerken. Weitere Mietvereinbarungen erfolgten bis zum November 1988. 1998 liefen diese aus, wurden aber bis 2008 verlängert. Und ab dann gab es sogar unbefristete Verträge. Aber so ganz konfliktfrei geht es zwischen der Stadt und der Straße immer noch nicht ab. Im Moment gibt es eine Auseinandersetzung um fällige Sanierungsmaßnahmen und vor allem darum, in welcher Höhe die Kosten dafür auf die Miete aufgeschlagen werden dürfen. „Noch einen großen Abstimmungsbedarf“ sieht die Städtische Wohnungsgesellschaft da laut Rheinischer Post noch.

http://mao-projekt.de/BRD/NRW/DUE/Duesseldorf_Hausbesetzung_Kiefernstrasse.shtml

Das MAO-Projekt

Das Projekt „Materialien zur Analyse von Opposition“ (MAO) wurde von Dietmar Kesten und Jürgen Schröder ins Leben gerufen. Seit über 30 Jahren widmen sie sich, unter Mitarbeit von Dieter Osterloh, der Geschichte der radikalen Linken und der sozialen Bewegungen der Bundesrepublik Deutschland. So ist eine riesige, für die Nutzer*innen kostenfreie Datenbank entstanden, in der Scans von – oft raren – Originaldokumenten und ihre Auswertungen abgerufen werden können. Derzeit umfassen die Texte ca. 300 MB in 16.795 Dateien und es wurden ca. 216.000 Scans veröffentlicht.

Beim Surfen vorbeischauen unter: http://mao-projekt.de