Student*innen besuchen Erinnerungsort in Lety (Tschechien)

Zwölf Tage vor dem Einmarsch deutscher Truppen in die „Rest-Tschechei“ und der damit verbundenen Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ fasste die tschecho-slowakische Regierung einen folgenschweren Entschluss: In Lety bei Písek sollte ein Arbeitslager errichtet werden.

Das Lager sollte der „Erziehung“ sogenannter „Nichtanpassungsfähiger“ dienen, ihnen Disziplin durch Arbeit beibringen. Im Sommer 1940 wurde in Lety zunächst ein „Arbeitserziehungslager“ für Männer eröffnet, die durch ihr deviantes Verhalten aufgefallen waren und hier ein mehrstufiges System der Zwangsarbeit durchlaufen mussten, ehe sie wieder freigelassen wurden.

Als im August 1942 der bereits seit 1937 im Deutschen Reich gültige „Erlass zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ auch im „Protektorat“ eingeführt wurde, änderte sich dies jedoch. Ab dem 2. August 1942 pferchten die Nazis in Lety – einem Lager, das ursprünglich für etwa 300 Straßenbauarbeiter konzipiert worden war – mehr als 1.000 Menschen zusammen, um sie nach Auschwitz-Birkenau zu deportieren und zu ermorden. Lety war nun ein „Zigeunerlager“.

Ebensowenig wie die räumliche Ausdehnung des Lagers änderte sich die Zusammensetzung des Personals. In Lety bestanden die Wachmannschaften aus Mitgliedern der tschechischen Polizei, auch der berüchtigte Kommandant, Josef Javorský, war Tscheche. Während es einigen Wachmännern durchaus dämmerte, dass sie von nun an an einem Massenmord beteiligt waren, sich aus Angst vor den Konsequenzen jedoch nicht rührten, schien Javorský nur auf die Gelegenheit, die die Nazis ihm boten, gewartet zu haben. Die sowieso schon kargen Nahrungsmittelzuteilungen für die Gefangenen verschwanden, seine Taschen füllten sich mit Geld. Als erste Anzeichen einer Typhus-Epidemie im Lager auftauchten, erklärte er, der erbärmliche Zustand der Erkrankten sei „der natürliche Zustand eines Zigeuners“. Erst als die Epidemie um sich griff und zu einer Gefahr nicht nur für die Insass*innen des Lagers wurde, ersetzte man ihn. Für die in Lety gefangenen Roma bedeutete dies aber dennoch keine Rettung. Ein Großteil von ihnen wurde nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet, trotz ihres einmaligen Versuchs von Widerstand vor Ort. Der größte Teil derjenigen, die in Lety verblieben waren, darunter viele Kinder und Jugendliche, starb an den Folgen der Zustände im Lager.

Während der tschechische Widerstand gegen die NS-Besatzung vielfältig und hartnäckig war und mit dem Attentat auf den Holocaust-Organisator und „stellvertretenden Reichsprotektor“ Reinhard Heydrich den einzigen erfolgreichen Anschlag auf das Leben eines hochrangigen Nazis während des 2. Weltkriegs hervorbrachte, waren es dennoch wiederum Tschech*innen, welche die Transporte, die die Roma aus Lety nach Auschwitz brachten, bis zur Grenze des Generalgouvernements begleiteten. Während der Widerstand ein konstitutives Moment für die Wiedererrichtung der Tschechoslowakei wurde, wurden die Roma unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei wiederum zu Objekten einer Anpassungs- und Disziplinierungspolitik.

Auf dem Gelände des ehemaligen KZ Lety wurde 1976 eine Schweinemastfarm errichtet, die sich bis heute dort befindet. Anfang der 1990er Jahre wurde sie privatisiert. Seither kämpfen verschiedene Initiativen dafür, die Schweinefarm zu beseitigen, um endlich ein angemessenes Gedenken an die Opfer zu ermöglichen. Um diese Forderung zu unterstreichen, für die auch die Bundesregierung kein Geld übrig hat, findet am 24. Juni 2017 ein internationales Gedenktreffen in Lety statt.

Auch Student*innen der HSD werden an diesem Wochenende den kleinen Gedenkort am Rande des ehemaligen KZ- und heutigen Schweinefarm-Geländes in Lety besuchen, zum Abschluss der nunmehr vierten Tschechien-Gedenkstättenfahrt des unabhängig agierenden „Arbeitskreises Gedenkstättenfahrten“, der 2017 noch eine weitere Fahrt nach Oświęcim/Auschwitz anbietet. Weitere Programmpunkte der fünftägigen Tschechien-Reise werden u. a. das NS-„Vorzeigelager“ Theresienstadt und – während eines eintägigen Aufenthalts in Prag – der tschechische Widerstand gegen den NS sein. Unterstützt wird die Fahrt, an der 27 Menschen teilnehmen, u. a. von den Studierendenschaften der HSD, Uni Köln und Uni Bonn sowie von den „Düsselfalken“ und dem Projekt Erinnerungs- und Lernort des AStA der HSD.


Termine

Der Antifa-AK an der Hochschule Düsseldorf und andere präsentieren

Mittwoch, 28. Juni 2017, 19.30 Uhr, AStA-Cafe Freiraum, Campus Derendorf (am S-Bf. Derendorf, Geb. 3, Erdgeschoss), Münsterstr. 156, Gebäude 3, Erdgeschoss
ACHTUNG ORTSWECHSEL, ALSO NICHT IM HINTERHOF:

INPUT – Antifaschistischer Themenabend: „Reichsbürger“ – Verschwörungsideologie mit deutscher Spezifik.
Referent: Jan Rathje (Projektleiter „No World Order. Handeln gegen Verschwörungsideologien“ der „Amadeu Antonio Stiftung“)
Das Phänomen „Reichsbürger“ - zumeist belächelt und in den Rubriken „Skurriles/Verrückte“, „Sekten“ und „Verschwörungstheoretiker“ abgelegt - ist nicht neu. „Reichsbürger“ bilden eigene Regierungen und gründen eigene „Staaten“ - beispielsweise den Staat „Germanitien“. Sie halten an der vermeintlichen Größe und am Fortbestand des „Deutschen Reiches“ fest, nicht wenige auch am Nationalsozialismus. Die BRD existiert für sie staatsrechtlich nicht. Man nimmt deshalb das „Recht“ wahr, sich unter „Selbstverwaltung“ zu stellen und „kommissarische Reichsregierungen“ zu bilden.
Erst nach den tödlichen Schüssen auf einen Polizeibeamten im Herbst 2016 in Georgensgmünd (bei Nürnberg) kamen in der Öffentlichkeit Zweifel daran auf, dass die „Reichsbürgerbewegung“ tatsächlich zu ignorieren bzw. ausschließlich zu belächeln sei. Seitdem ist in der medialen Berichterstattung häufig von einer nötigen „Entwaffnung“ der Akteur_innen zu hören sowie von der Bereitschaft der „Reichsbürger“, ihre Waffen auch einzusetzen. Und nicht selten auch von polizeilichen Razzien und von „Reichsbürgern“ im Polizeidienst.
Die INPUT-Vortragsveranstaltung möchte Auskunft über die Geschichte dieses uneinheitlichen Milieus und über dessen Ideologie, Handlungsformen und Wirkmächtigkeit geben. Ist die „Reichsbürgerbewegung“ auch von gegen die extreme Rechte aktiven Menschen unterschätzt worden? Und was würde daraus folgen?