Der Kulturentwicklungsplan ist da

Kultur 2020?

Kultur ist ein permanenter Austausch von allen mit allen – diesem Leitbild fühlt sich der Kulturentwicklungsplan1 verpflichtet, der im Juni auf der Tagesordnung des Kulturausschusses steht. Darum versuchte sein Macher Patrick S. Föhl in den vergangenen anderthalb Jahren auch, mit möglichst vielen Menschen aus der On- und Offszene in ein Gespräch über die Zukunft von Düsseldorfs Kulturleben zu kommen. Aber die Leiter*innen der großen Häuser hatten offenbar nicht sonderlich viel Rede-Bedarf, weshalb sich in den bisher veröffentlichten Teilen des Abschlussberichts vor allem Vorstellungen der Subkultur wiederfinden.

„Wir wollen die Kultur durch einen Kulturentwicklungsplan in die Diskussion bringen. Gemeinsam mit den Kulturschaffenden und den Bürgerinnen und Bürgern wollen wir die Düsseldorfer Kulturlandschaft evaluieren, qualitativ weiterentwickeln und zukunftsfest machen“, mit diesen Worten brachte die Ampelkoalition das Projekt Ende 2014 auf den Weg. Im Zuge seiner Realisierung organisierten die Kulturentwicklungsplaner*innen um Patrick S. Föhl dann auch Treffen, an denen insgesamt über 200 Menschen aus Düsseldorfs Kulturszene teilnahmen. Und Föhl selber schreibt sich darüber hinaus noch über 3.000 fernmündliche Kontakte gut.

Als Vorschläge, die aus diesem Prozess erwachsen sind, führt der bisher nur in Teilen veröffentlichte Abschlussbericht beispielsweise die Erstellung eines „Masterplans Kulturbauten“ auf, der zur Beendigung der ständigen Flickschusterei an den Gebäuden schon öfter mal im Gespräch war. Zudem regt der Entwicklungsplan bessere Konzepte zur Erschließung neuer Räume und Orte etwa durch eine Zwischennutzungsagentur an. Überdies hält er eine flexiblere Kultur-Förderung für notwendig, um beispielsweise kurzfristig auf „Unvorhersehbares“ reagieren zu können. Auch neue Felder wollen Föhl & Co. dieser erschließen wie die Popmusik. Und ausdrücklich kritisiert der Abschlussbericht, dass es im Kulturamt immer noch keine*n Ansprechpartner*in für die Off-Szene gibt, obwohl die Ampelkoalition die Einrichtung einer solchen Stelle versprochen hatte.

Die in dem 28-Seiten-Dokument aufgelisteten Empfehlungen haben Föhl, der sich selbst als Kultur-Manager bezeichnet, den Vorwurf eingetragen, vornehmlich die Wunschliste der Subkultur-Repräsentant*innen abgearbeitet zu haben. „Eine kleine Gruppe hat da wohl ihre große Chance gewittert, sich ihre Zukunft zu sichern“, stellt der Kulturausschuss-Vorsitzende und Bürgermeister Friedrich Conzen (CDU) fest und zeigt sich im Übrigen „entsetzt und empört“. Er unterstellt den Kulturplanwirtschaftler*innen sogar, eine bestimmte Agenda zu verfolgen: „Vielleicht ist das Totschweigen bestimmter Institutionen der erste Schritt, um ihnen das Wasser abzugraben?“, fragt er laut Westdeutscher Zeitung. Und die WZ-Journalistin Helga Meister pflichtet ihm flugs bei: „Genau dies tut aber Föhl, wenn er schreibt, die Summe der in Institutionen gebundenen Mittel sei „überproportional hoch“ und der Spielraum für Neues klein.“ Nur findet sich eine solche Passage gar nicht in dem Abschlussbericht, sondern in dem Ergebnis-Protokoll des 2. Kulturworkshops, und überdies handelt es sich dabei um die Wiedergabe einer Diskussion und nicht um Föhls eigenen Worte.

Der Geschmähte weist die Kritik aus den Reihen der CDU strikt zurück. „Da wurde gesagt, das sei ein Plan für die freie Szene. Das stimmt nicht. Es ist vor allem auch ein Bekenntnis zu den großen öffentlichen Einrichtungen. Dass man Kultur so sehr politisiert, habe ich noch nie erlebt“, sagte er der Rheinischen Post. Der Kulturmanager fühlt sich offensichtlich missverstanden. Er sieht sich lediglich als Moderator, der fleißig protokolliert hat, was ihm in den unzähligen Foren, Diskussionsveranstaltungen und Workshops so zuflog. Nur fehlten bei diesen Treffen eben so einige. Die Leiter*innen der großen Häuser glänzten schon bei der ersten großen Runde zum Kulturentwicklungsplan, die Anfang November 2015 im Forum Freies Theater stattfand, durch Abwesenheit und haben auch in der Folge keinen großen Gesprächsbedarf erkannt. Ihnen scheint es vornehmlich um Status-Erhalt zu gehen. Im Gegensatz zu den Subkultur-Vertreter*innen hält sich ihr Leidensdruck offenbar in Grenzen und großartige Vorstellungen zur Zukunft des Düsseldorfer Kulturlebens möchten sie ebenfalls nicht ventilieren.

Die Schlagseite, die der Plan deshalb hat, ist nicht seinen Macher*innen anzulasten. Ein kulturpolitisches Programm steht nicht dahinter. Wenn Föhl eines hätte, müsste er es sich sowieso verkneifen, denn für ein solches fehlt ihm das politische Mandat. Aber er hat eben auch kein Programm. Für ihn ist der Weg das Ziel. Unter Kultur verstehen Föhl und seine Mitstreiter*innen hauptsächlich, alle mit allen ins Gespräch zu bringen. Im Abschlussbericht wimmelt es nur so von Vorschlägen zum „Bürgerdialog“ und zur „Schaffung dauerhafter Kommunikationsanlässe und Dialog-Verfahren“. Neben einem „verbindlichen Austausch mit (Nicht-)Nutzern kultureller Angebote“ rät der Kulturentwicklungsplan der Stadt auch zu einem ebensolchen mit Kunstschaffenden sowie mit Vertreter*innen von Bildung, Wirtschaft und Stadtentwicklung. Und das Kulturamt soll sich gar mit sich selber austauschen.

Über seinen eigenen Austausch mit der Lokalpolitik zeigt sich Patrick Föhl aber nicht so recht glücklich. „Ich gehe mit gemischten Gefühlen“, vertraute er der Rheinischen Post an. Am 22. Juni debattiert der Kulturausschuss über den Kulturentwicklungsplan, und was danach mit ihm passiert, ist unklar. Föhl jedenfalls fühlt sich zu einem mahnenden Appell an seine Auftraggeber*innen genötigt: „Das Ampelbündnis aus SPD, Grünen und FDP muss sich zu dem Plan verhalten. Es braucht jetzt eine klare Haltung und Mut.“ Aber vielleicht schätzt er das Schicksal seines Projektes auch übertrieben pessimistisch ein. So ganz ungenutzt dürfte die Rathaus-Koalition das Kompendium kaum lassen, denn damit riskierte sie angesichts der 250.000 Euro, die die ganze Sache gekostet hat, politischen Druck.

JAN

1 http://kep-duesseldorf.de