Bunte Proteste und Polizeigewalt

Wenig fein und wenig stilvoll ging es Mitte Mai auf dem Fürstenplatz zu. Thilo Sarrazin suchte ihn heim und konnte dabei auf umfassenden Polizeischutz zählen.

Zwei Tage mit lautstarkem Protest gegen eine Lesung von Thilo Sarrazin in der Weinhandlung FeinStil am Fürstenplatz haben erneut gezeigt, was Rassist*innen in Düsseldorf bei öffentlichen Veranstaltungen zu erwarten haben. Auf das FeinStil und Sarrazin angepasste Sprechchöre und unnachgiebige Trillerpfeifenpfeifer, die nicht müde wurden, ihren Protest gegen Sarrazin auf die Straße zu bringen. Überdies waren ein lautstarkes Konzert, PoetrySlam und Trommeln am Fürstenplatz zu hören. In Anlehnung an den Tortenwurf auf Sarrazin vor fast einem Jahr brachten einige Sahnegebäck mit. Bier, hauptsächlich aus der Dose, wurde als Zeichen für die Solidarität und Pluralität am Fürstenplatz und als Gegenentwurf zu dem überteuerten badischen Wein des FeinStils getrunken. Denn die Kritik richtete sich nicht nur an Sarrazin sondern auch an die veranstaltende Weinhandlung, der bereits in der Nacht vor der ersten Sarrazinlesung die Fensterscheiben zu Bruch gingen. Das FeinStil positionierte sich mit der Einladung des sozialchauvinistischen und rassistischen Autors gegen den Fürstenplatz. Jenen Platz, an dem das funktioniert, was Sarrazin immer für unmöglich und unerträglich hält. Den Platz, an dem sich wohnungslose und migrantische Menschen, Studierende, Familien und Alteingesessene ganz natürlich zusammenfinden und zusammen leben. Die Reaktion des Weinladens auf den Protest der Nachbarschaft zeigte nicht mehr als Unbelehrbarkeit und Arroganz gegenüber den Anwohner*innen. Neben der ersten angekündigten Lesung buchte man Sarrazin als Reaktion auf einen offenen Protestbrief einer Nachbarschaftsinitiative noch für einen zweiten Abend hinzu. Es hieß also an zwei Tagen, Protest auf die Straße zu bringen, was die Nachbarschaft und andere Düsseldorfer Antirassist*innen in kreativer Art und Weise taten. Es hätten zwei angenehme Protestabende für uns sein können, wenn da nicht die Polizei und das Pfefferspray eines Sarrazin-Anhängers gewesen wäre.

Nach einem weitgehend friedlichen und ausgelassenen Protestabend eskalierte die Polizei die Situation am späten Mittwochabend, dem ersten Lesungstag, nach dem insbesondere Familien mit Kindern und die Presse bereits nach Hause gegangen waren. Die Polizei nahm vorübergehend zwei Personen fest, die sich dem abfahrenden Auto von Sarrazin näherten. Beamt*innen knieten noch auf der mit Handfesseln am Boden liegenden Person und verletzten einen weiteren Demonstranten bei der Festnahme im Gesicht.

Am nächsten Tag, als dieselbe Hundertschaft der Polizei vor Ort war, schien ihre Taktik ähnlich. Bis zum späten Abend hielten sich die Einsatzkräfte weitestgehend zurück. Erst nachdem die Presse und ein großer Teil der Protestierenden gegangen waren, eskalierte die Situation erneut. Das immer wieder proklamierte Ziel der „Ordnungshüter*innen“, Rechte und antirassistische Demonstrant*innen trennen zu wollen, um Auseinandersetzungen zu verhindern, schien am zweiten Lesungstag von Sarrazin zumindest für „das rechte Lager“ nicht mehr zu gelten. Teilnehmende der Sarrazin-Lesung durften durch die Gruppe der verbliebenen einhundert Protestler*innen hindurch ihren Heimweg antreten. Als ein Sarrazin-Fan das Polizeigitter überwand und durch die Gruppe der Antirassist*innen hindurchging, verletzte er eine Frau und einen Mann mit Pfefferspray. Die Polizei reagierte gelassen. Während die Verletzten in einem Krankenwagen versorgt wurden, stand der Angreifer fast unbewacht mit den Händen in der Hosentasche einige Minuten geschützt von Polizist*innen am Straßenrand und durfte nach kurzer Personalienaufnahme entspannt den Heimweg fortsetzen. Parallel dazu fotografierten weitere Teilnehmende der Sarrazin-Veranstaltung seelenruhig die Sarrazingegner*innen ab. Als einer dieser Fotograf*innen ebenfalls durch die Gruppe der Antirassist*innen lief und mit dem Protest der kurz zuvor angegriffenen Demonstrant*innen konfrontiert wurde, schritt die Polizei plötzlich mit aller Härte ein. Ein Gegendemonstrant wurde von mehr als zwanzig Polizist*innen über den Boden geschliffen, aufgerichtet und von einem riesigen Polizeitrupp abgeführt, um dann mit dem Gefangenentransporter zur Polizeiwache gebracht zu werden. Erst in der Nacht ließ ihn die Polizei wieder frei.

Beide Abende können uns nicht verwundern, zeigen sie doch leider nur erneut, dass der Staat, trotz brennender Flüchtlingsunterkünfte, NSU und Anschlagsplänen von rechten Bundeswehrangehörigen, die Gefahr weiterhin bei Antirassist*innen, Antifaschist*innen und linken Gegendemonstrant*innen sieht. Unterm Strich blieb es bei fünf Verletzten, mehreren Platzverweisen und Festnahmen für Antirassist*innen. Während die Lesung von Sarrazin durch eine Hundertschaft verteidigt wurde, Sarrazin von mehreren BKA-Personenschützern bewacht wurde, wurden die Sarrazin-Fans trotz von ihnen ausgehenden Provokationen und Angriffen äußerst zuvorkommend behandelt. Unterm Strich bleibt aber auch, dass am Donnerstag zwischen zwei- und dreihundert sowie am Mittwoch zwischen ein- und zweihundert Demonstrant*innen auf der Straße waren. Unterm Strich bleibt der Fürstenplatz auch nach dem Sarrazin-Auftritt in seiner Pluralität bestehen. Unterm Strich bleibt der nachbarschaftliche Zusammenhalt. Und unterm Strich bleibt auch, dass Sarrazin bisher vier Lesungen in Düsseldorf hielt und ihm jedes Mal starker antirassistischer Protest entgegenschlug.

INTERVENTIONISTISCHE LINKE DÜSSELDORF [SEE RED!]