Schüler*innen-Demo in Düsseldorf

Es ist ein schöner Samstagmorgen. Nach vielen kühlen und regnerischen Tagen scheint die Frühlingssonne, und ich schlendere durch die Straßen und Gassen der Altstadt, die sich befreit von den Rückständen der quirligen Nacht auf die des kommenden Abends vorbereitet. Eine geschäftige, aber abgeklärte Emsigkeit. Der Kneipenwirt wischt Tische und Stühle der Außengastronomie, der Eismann bestückt seine Bottiche mit frischem Gelato, die Straßenreinigung beseitigt den Unrat, den nachlässige Besucher*innen zurückgelassen haben.

Ich nehme Platz im hübschen Café mit Blick auf Burgplatz und Schlossturm. Ganz entgegen meiner Gewohnheit, inspiriert vom schönen Morgen, bestelle ich eine Tasse Kaffee und – trotz der frühen Stunde am 6. Mai – ein Gläschen Muskatenwein.

Das Geld sitzt nämlich nicht mehr so locker wie noch vor einigen Monaten. Vor knapp einem Jahr wurde mein Betrieb geschlossen, und ich bin mit 44 Jahren arbeitslos. Wir waren Opfer der Betriebskalkulation, da wir nicht mehr den Rendite-Erwartungen entsprachen. Der Personalabbau der vergangenen Jahre reichte nicht aus, auch unser Lohnverzicht und die Streichung aller Sonderzahlungen gewährte uns lediglich eine Gnadenfrist über zwei Jahre. Dann war Schluss. Man sagte uns, die Konkurrenz aus Fernost sei schuld. Die knapp 100 Mitarbeiter*innen standen auf der Straße und waren der Arbeitsagentur überantwortet. Die Aktienkurse schnellten schon bei den ersten Ankündigungen in die Höhe. Das konsequente Vorgehen der Betriebsführung war ganz im Sinne der Anleger, die die Gesundung des Betriebes auf unsere Kosten feiern konnten.

Die Begründung der Schließung war auch für den Betriebsrat nach dem üblichen Theater mit vielen dramatischen Worten einsichtig. Er handelte für uns eine hübsche Abfindung aus, mit der ich die restlichen Raten für unsere neue Familienkutsche und die sündhaft teuren Zahnimplantate für meine Frau bezahlen konnte. So wurde der Familienstreit beigelegt, denn ich war nun mal der Meinung, ein Kassengebiss erfülle auch seine Aufgaben als Kauwerkzeug.

Meine Kollegen reagierten recht unterschiedlich auf die Ankündigung der Schließung. Mehmet äußerte sich überhaupt nicht. Vermutlich war er durch die Wechselfälle des Lohnarbeiter*innen­daseins gestählt und hatte seine Familie auf jede Eventualität eingeschworen. Da musste halt die Ehefrau eine zusätzliche Putzstelle annehmen, und die Kinder durften das Geld vom Zeitungsaustragen nicht mehr in die eigene Tasche stecken. Opas magere Invalidenrente stockte ohnehin schon immer das Familieneinkommen auf. Der muslimische Glaube war der Kitt, der die Familie zusammenhielt. Der Verzicht wurde weniger als Last empfunden, eher war er Bestandteil eines anerkannten gottesfürchtigen Lebens.

Hans-Werner lamentierte, nie habe er krank gefeiert, und wenn mal etwas mehr Arbeit anlag, habe er nicht – wie viele von uns – auf die Uhr geschaut. Es nützte ihm nichts.

Ich bekam damals ein schlechtes Gewissen. Hatte ich mir nicht für den Tapetenwechsel im Wohnzimmer und die Schimmelbeseitigung im Bad einen Gelben Schein über zwei Wochen von meinem Hausdoc besorgt? Und wenn der Uhrzeiger auf 16 Uhr umschlug, war ich der Erste, der das sinkende Schiff verließ.

Ab und zu trafen Mehmet, Hans-Werner und ich uns beim Jobcenter. Ich erkundigte mich, wie es Mehmet und seiner Familie ginge. Die Antwort war immer gleich: Wir kommen zurecht. Hans-Peter ging ich aus dem Weg. Außer einem knappen „Hallo“ war hier nichts drin.

Nun ging es mit riesigen Schritten Hartz IV entgegen, und in Kenntnis der schlechten Prognosen von der Arbeitsagentur für einen Arbeitslosen im hohen Alter von Mitte Vierzig suchte ich schon jetzt nach Möglichkeiten der Schwarzarbeit.

Plötzlich erscheinen hunderte junger Menschen mit Plakaten und Sprüchen um die Ecke. Sie beklagen die Unterfinanzierung des Bildungssystems, verlangen mehr Lehrer, eine modernere und schönere Schule.

Ich werde nachdenklich und erinnere mich. War ich nicht froh über jeden Lehrer, der krank war, und ich mich vorzeitig von der Anstalt verabschieden konnte? War nicht mein innigster Wunsch, die Schule würde einem Brandanschlag zum Opfer fallen und lediglich Ruinen noch an sie erinnern? Wünschte ich mir nicht eine überfüllte Klasse, wo ich im Schatten meiner Mitschüler*innen unbeobachtet blieb?

Und die Lehrer*innen. Ständig liefen sie mit ihrem roten Notenbüchlein, proudly sponsored by Sparkasse, durch die Gegend. Jede Leistungs-(Misse)tat wurde notiert. Im großen grünen Klassenbuch fanden sich die Verhaltensverfehlungen. Gesammelt präsentiert bekam man in den Zeugnissen in Form der Zahlen eins bis sechs die erbrachten Leistungen in Relation zu den Mitschüler*innen und dem Lehrplan dokumentiert und als Kopf- oder Fußnote die Beurteilung der Schüler*innen-Persönlichkeit. Wäre es mir besser im Berufsleben ergangen, wenn ich einen qualifizierteren Abschluss gemacht hätte? Nein, alle Hundert meines Betriebes wurden entlassen, ob niedriger oder höherer Abschluss. Und Hans-Peter hatte sogar ein paar Semester studiert und suchte im Alter von 50 Jahren nun wie ich verzweifelt nach einem neuen auskömmlichen Job.

Schon frühzeitig machte ich mir Gedanken, warum das Lernen in der Schule so unangenehm ist. Ich kam zu dem Schluss, dass es weniger an der konkreten Ausgestaltung, sondern eher am Auftrag der Schule liegt. Im staatlich organisierten Bildungswesen werden die Jungbürger*innen fit gemacht, um ihrem zukünftigen Dienst für Kapital und Staat nachzukommen. Das bedeutet für den großen Teil der Bevölkerung eine bescheidene und unsichere Existenz. Nur eine kleine „verantwortungtragende“ Elite, für deren Auswahl und Qualifizierung das Bildungswesen die entsprechende Selektion vornimmt, darf sich an den Früchten der Gewinnproduktion bedienen.

Zwar ist die Wissensvermittlung in der Schule in erster Linie Mittel zur Auslese der zu begutachtenden Schüler*innenschaft, trotzdem legt man Wert darauf, dass auch ein paar Inhalte in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen hängenbleiben. Neben der Unterrichtung der zivilen Grundtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen werden die Schüler*innen auf das Leben in der Klassengesellschaft vorbereitet.

Wir sollten uns mit den gesellschaftlichen Bedingungen, denen wir unterworfen waren, identifizieren, indem wir uns seine Probleme zu eigen machen. Im Deutschunterricht erörterten wir das Für und Wider der Todesstrafe, verglichen Europapolitik und Nationalstaatlichkeit. In der Wirtschaftslehre erklärte man uns, welche erlaubten und verbotenen Mittel der Interessenvertretung uns zustanden. Die Naturwissenschaften waren vom Ethikunterricht kaum zu unterscheiden. Verantwortlicher Umgang mit der Natur und den natürlichen Ressourcen wurde uns beigelogen. Nicht die Zerstörung der Natur durch die kapitalistische Benutzung wurde thematisiert, sondern vielmehr die Selbsterforschung, ob wir auch richtig den Müll trennen, den Stromanbieter mit regenerativen Energien im Angebot wählen und die Eltern belabern, das stinkende Dieselauto in der Garage stehen zu lassen. Die Vermittlung der Kenntnisse der Naturgesetze war im Unterricht nur noch Beiwerk. In Politik und Geschichte lernten wir, dass die Bundesrepublik als Demokratie zwar mängelbehaftet, aber die bestmögliche Herrschaft sei, die es jemals auf deutschem Boden gegeben habe. Die Schüler in anderen Ländern müssen diesen Spruch über ihr Land auch über sich ergehen lassen.

Von den protestierenden Schüler*innen sind solche Töne nicht zu vernehmen. Sie machen sich Gedanken über das effektive Funktionieren der Schule in dieser und für diese Gesellschaft, die – so scheint es – in allen wesentlichen Belangen akzeptiert wird. Wer sollte den Schüler*innen widersprechen, wenn sie fordern, den „Kohleabbau an Schulen“ zu beenden, wenn sie die „Beseitigung des (strukturell bedingten) Lehrermangels“ einklagen, wenn sie sich einsetzen für „großangelegte Sanierungen und die Beseitigung baulicher Mängel auf Schulhöfen, in Turnhallen, Aulen und Schulgebäuden“? Täglich erfahren Menschen in unserer Gesellschaft, was ich in meinem Berufsleben erlebt habe: Ein bescheidenes Auskommen hat man nur, wenn die Profitkalkulationen der Unternehmen stimmen. Und dennoch fordern alle eine effizientere Schulausbildung, die doch nur die Verteilung auf die Hierarchie der Berufe zum Zweck hat. Wenn die Schule wirklich effizienter wird, findet die Konkurrenz auf höherem Niveau statt. Wissen diese Schüler*innen das nicht, haben ihnen ihre Eltern nicht erzählt, wie die Arbeitswelt funktioniert?

Als der Spuk vorbei ist, gönne ich mir keinen Muskatenwein, trinke meinen Kaffee aus und die warmen Sonnenstrahlen machen mich auch nicht mehr froh, denn ich frage mich, warum die Jungbürger*innen immer noch denken, die Schule sei zu ihrem Nutzen eingerichtet.

HENRICI