„Luther hatte Unrecht, und Thomas Münzer hatte Recht“

Lucas Cranach der Ältere im Museum Kunst Palast

Ein Reformator kämpft als tapferes Schneiderlein gegen Klerus und Papst. Ein Maler liefert die Bilder dazu und inspiriert obendrein mit seiner Erotik die Kunstszene bis heute. Diesen Eindruck vermittelt die Cranachschau. Dennoch ist die Ausstellung sehenswert.

Was derzeit im Museum Kunst Palast präsentiert wird, ist einzigartig: Leihgaben der St. Petersburger Eremitage, des New York Metropolitan Museum, der London Tate Gallery, der Royal Collection of Her Majesty Queen Elizabeth II, sowie Werke aus Museen in Stockholm, Warschau, Budapest und weiteren Sammlungen. Aber im Überbau knirscht's im Gebälk. Friedrich Engels anno 1850: „Die deutsche Ideologie sieht, trotz der neuesten Erfahrungen, in den Kämpfen, denen das Mittelalter erlag, noch immer weiter nichts als heftige theologische Zänkereien. Hätten die Leute jener Zeit sich nur über die himmlischen Dinge verständigen können“, wäre alles okay gewesen. „Von den Klassenkämpfen“, so heißt es weiter in „Der Deutsche Bauernkrieg“, „haben selbst heute noch unsre Ideologen kaum eine Ahnung“. Die Lektüre (auch im Netz verfügbar) ist vor einem Ausstellungsbesuch dringend anzuraten. So wie im Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ der proletarische Ich-Erzähler im Pergamonmuseum den Fries des im zweiten Jahrhundert vor Christi Geburt errichteten Altars abschreitet, um in den Fragmenten der Marmorskulpturen nach Spuren einstiger Herrschaft und des Aufbegehrens der unteren Klassen zu suchen, so müssen wir dies mit Cranachs Werken tun. Statt Coppi und Heilmann wähle ich Heine und Peter Weiss, die mich durch den Text begleiten werden.

Ritt über Leichen

Im ersten Raum hängt ein Holzschnitt mit einer Kreuzigungsszene. Die flankierenden Figuren lassen an zu Tode gefolterte Bauern denken. Zu Füßen des Kreuzes kein römischer Besatzungssoldat, sondern ein über Leichen reitender Feudalherr. Auch die Passionsholzschnittfolge scheint nur Mittel zu sein, um die brutalen Verhörmethoden der Soldateska publik zu machen. Die Zeit der Bilderstürmerei wird in der Ausstellung wieder gegenwärtig. Der „Prager Altar“, 1619 im Veitsdom von calvinistischen Bilderstürmern zersägt, findet sich in seinen monumentalen Umrissen an die Wand gezeichnet. Die heute in verschiedenen Privatsammlungen verstreuten Fragmente sind hier wieder zusammengefügt. Mit Cranach, Albrecht Dürer, Hans Baldung, Matthias Grünewald und Jerg Ratgeb begann eine ästhetische Revolution. Bis dahin war der Bildkanon streng reglementiert. Im byzantinischen Reich gab es genaue Vorschriften, wie ein Apostel, wie eine Mutter Gottes darzustellen ist. Diese genormte Heiligenbildproduktion wird in der griechisch-orthodoxen und russischen Kirche bis heute fortgesetzt. Cranach stürzt diese Heiligenikonen vom Sockel: Die Mutter Gottes wird Mensch. Maria sieht auf Altarbildern jetzt nicht mehr wie eine entrückte Heilige aus, sondern wie eine Mutter mit Neugeborenem auf dem Arm. Cranach hebt das Hier und Jetzt auf den Sockel. Die Dargestellten sind stets nach der Mode der Cranachzeit gekleidet. Handelt es sich nicht um biblische, sondern um mythologische Szenen, auf denen alle Personen textillos verkehren, findet sich irgendwo in der Landschaft eine Siedlung oder eine Burg, deren Baustil sich auch auf das 16. Jahrhundert datieren lässt. Die Botschaft der Bilder: Was Du hier siehst, findet nicht in einer mythischen Vergangenheit oder in Erwartung eines paradiesischen Jenseits statt, sondern in der Gegenwart. Ganz ähnlich lässt Peter Weiss in „Die Ästhetik des Widerstands“ Passagen aus Dantes Inferno nahtlos in Schilderungen der Stockholmer Exilrealität des Jahres 1942 übergehen. Was mögen die Menschen des 16. Jahrhunderts vor Cranachs Bildern empfunden, was gedacht haben? Und vor allem: was haben sie gesehen?

Judith und Salome

Ein Kontakt zwischen der „Familie der eigenen Gefühle“,wie es Heine bei einem Louvrebesuch nannte, und dem, was ein Künstler an Emotion in sein Werk legt, stellt sich immer nur spontan ein oder eben nicht. Der größte Schock in der Ausstellung war für mich die Begegnung mit jener Hofdame, die uns seit einigen Monaten von Plakaten anblickt. Auf dem Ölbild hält sie in der Rechten das Schwert, vor ihr liegend ein abgetrennter Kopf, die Schnittkante ist noch ganz frisch. Mit der Linken streichelt sie ihm beinahe zärtlich durchs lockige Haar. Titel: „Judith“, datiert ist das Gemälde auf 1526. In dem Jahr war Thomas Müntzer enthauptet worden, laut Heine, „ein Prediger des Evangeliums, das nach seiner Meinung nicht bloß die Seligkeit im Himmel verhieß, sondern auch die Gleichheit und Brüderschaft der Menschen auf Erden“. Zuhause schlug ich diese bedrückende Passage noch einmal nach. „Luther hatte Unrecht, und Thomas Münzer hatte Recht“, heißt es da. „Er wurde enthauptet zu Mödlin. Seine Gefährten hatten ebenfalls Recht, und sie wurden theils mit dem Schwerte hingerichtet, theils mit dem Stricke gehenkt [...]. Der Markgraf Casimir von Anspach hat außer solchen Hinrichtungen, auch fünf und achtzig Bauern die Augen ausstechen lassen, die nachher im Lande herumbettelten und ebenfalls Recht hatten.“ Ich empfehle auch hier die Lektüre des Originals (Französische Zustände; Beilage zu Artikel IV).

War Cranachs „Judith“ eine Parteinahme für oder gegen die Fürstenseite? Im Nachbarraum wieder ein abgetrennter Kopf. Diesmal der von Johannes dem Täufer, also definitiv kein Bösewicht, sondern „ein Guter“. Salome präsentiert dessen Haupt „wie eine überreife, abgefallne Frucht“(„Ästhetik des Widerstands“) ihrem Vater stolz auf einer Schüssel. Der Vater, im Ornat eines Kurfürsten wehrt angewidert ab. Hinter Solome ein Bedienter mit einer zweiten Schüssel, üppig gefüllt mit Obst. Betrachtende blickt er unmittelbar in die Augen, als wolle er ihnen etwas von dem Obst anbieten.

Was dachte Cranach über die Gewaltexzessen der Soldateska in der relativ ruhigen Intelektuellenhochburg Wittenberg? Ähnliches wie der Maler Peter Weiss? Der hatte die Nazizeit im relativ sicheren schwedischen Exil verbracht und stellte sich September 1981 in einem Interview die Fragen: „Und wie hätte ich mich selbst verhalten, wenn ich nicht ins Exil gekommen wäre, wenn ich dageblieben wäre, wie doch der größere Teil meiner Generation? Wie hätte ich reagiert? Wäre ich auch fähig gewesen zu diesen Verbrechen?“ Ich wundere mich, warum ich mehrfach zu diesen Enthauptungsszenen zurückkehrte. Gestern wurde erneut im Bundestag die Bestückung der Bundeswehr mit Kampfdrohnen diskutiert ...

Venus und Adam

Bei einem Rundgang durch die Ausstellung fällt auf: Viel nackte Haut. Lucretia und Diana, Adam und Eva, Apollo, „Das Urteil des Paris“, „Die drei Grazien“. Auch im „Silbernen Zeitalter“ sind alle nackt. Nicht zu vergessen die Venus aus dem Jahr 1509. Es ist die erste lebensgroße weibliche Aktdarstellung nördlich der Alpen, eine Leihgabe der Eremitage. „Die Maler Italiens polemisirten gegen das Pfaffenthum vielleicht weit wirksamer als die sächsischen Theologen. Das blühende Fleisch auf den Gemälden des Tizian, das ist alles Protestantismus. Die Lenden seiner Venus sind viel gründlichere Thesen, als die welche der deutsche Mönch an die Kirchenthüre von Wittenberg angeklebt.“ So schreibt Heine. Geradezu skurill mutet dagegen an, was Ausstellungskurator Daniel Görres zum Besten gab: „Was Luther mit Kraft des Wortes gesagt hat, hat Cranach mit der Kraft der Farben und Bilder umgesetzt.“ Wirklich? Umgekehrt wird ein Schuh draus. Als Cranach 1509 seine Venus malte, war Luther wenige Jahre zuvor ins Kloster der Augustiner-Eremiten eingetreten. 1510 malte Cranach seine Eva, ebenfalls lebensgroß, die genüsslich in einen Apfel biss. Erst 1525 sagte der Mönch gemeinsam mit einer Ex-Nonne dem Zölibat auf immer Adieu, Cranach spielte den Trauzeugen. Wer hat da also wen bekehrt? 1525 dann die zwei kleinen Porträts von Luther und Katharina von Bora. Am beschwingten Pinselduktus und dem farbenfrohen Colorit ist zu sehen, dass der Maler hier mit weitaus größerer Freude zu Werke ging, als fünf Jahre zuvor, als er die Gesichtszüge Luthers als asketischer Mönch in Kupfer zu stechen hatte.

Menschen statt Heiligenikonen, positives Frauenbild

Zwei Räume gewähren Einblick in die Farbproduktion mittels Pigmenten und in die Herstellung von Druckstöcken mit Werkzeugen des 16. Jahrhunderts. Insgesamt ist die Systematik der hintereinandergeschalteten Räume schlüssig und als Einleitung durchaus zu empfehlen, der Audioguide jedoch nur bedingt. Großes Manko: Im Katalog wird auf die religionsdidaktischen Schaubilder, die Cranach für Auftraggeber beider Konfessionen fertigte, allzu großes Gewicht gelegt. Mir scheinen diese nicht mehr als Brotjobs gewesen zu sein und die Bildergeschichten eine ähnliche Funktion gehabt zu haben wie jene, mit denen Bänkelsänger ihre schauerlichen Moritaten auf Jahrmärkten bebildern. Unter dem Ladentisch hatten zu jener Zeit obszön-pornografische Hexendarstellungen Hochkonjunktur. Davon setzt sich Cranachs durchweg positives Frauenbild ab. Cranachs größte Leistung: Während Bilderstürmer das Ziel verfolgten, Götzenbilder zu zertrümmern, vor denen sich Menschen auf die Knie werfen, erhebt er ganz normale Menschen in ihrer individuellen Verschiedenartigkeit zur Bildwürdigkeit. Er zerstört nicht, er bereichert die Bildwelt, bereichert sie um mythologische Szenen und Fantasiewelten.

Cranach und Picasso

Cranachs erotische Darstellungen haben bis heute immer wieder Künstler*innen inspiriert: Duchamp, Warhol, Giacometti. Und auch Werke von aktuellen Künstlern und Künstlerinnen finden sich am Ende der Ausstellung. Und vor allem Picasso ließ sich nicht allein von Cranachs Erotik inspirieren, sondern mischte sich wie dieser immer wieder in die Kämpfe seiner Zeit ein. 1937 hatte er für den Pavillon der Spanischen Republik auf der Pariser Weltausstellung sein berühmtes „Guernica“ geschaffen. Formal griff er dabei die Triptychonform christlich-religiöser Bildtradition auf, wie auch die Giebelstruktur eines klassischen griechischen Tempels. Er schuf eine Apokalypse grau in grau, in der alle Menschlichkeit und Kultur zerstört wird. Hier hätte sich gut eine Verbindungslinie zu Cranach ziehen lassen – aber das wäre von einem in public-private-partnership geführten Kunst Palast wirklich zu viel verlangt.

THOMAS GIESE

Noch bis 30.07.
Für Düsselpassbesitzer*innen Eintritt frei