"Die Weiße Rose"

"Die Condor Oil Company war unter den großen amerikanischen Oil-Companien, die ihre Unternehmungen auf Mexiko ausgedehnt hatten, durchaus nicht die mächtigste und auch nicht die stärkste. Aber sie hatte den größten Appetit ... " So beginnt der Roman "Die Weiße Rose" des Maschinenschlossers Otto Feige, der unter dem Pseudonym "B.Traven" im mexikanischen Exil Bücher schrieb (siehe Ausstellungsrezension in TERZ 03.12). Der 1929 erschienene Roman erzählt die Geschichte eines Indios, der gegen die Oil-Company erbitterten Widerstand leistet. Er weigert sich, das Grundstück, auf dem die Hazienda "Rosa Blanca" (auf deutsch: "Weiße Rose") liegt und unter dem die Company ein Ölfeld vermutet, zu verkaufen.

Zu der Traven-Konferenz, die am 15./16. März im Düsseldorfer Theatermuseum stattfand, war unter anderem auch der BBC-Journalist Will Wyatt angereist, der 1976 die Identität des "B.Traven" aufgedeckt hatte. Ich wollte wissen, was es mit der "Weißen Rose" auf sich habe. Nein, es gäbe keinerlei Belege, dass sich die gleichnamige Widerstandsgruppe auf den Roman bezogen hätte, unterstrich Jan-Christoph Hauschild, Kurator der Traven-Ausstellung und Autor des Buchs "B.Traven – die unbekannten Jahre". Dies sei pure Spekulation.

Fakt ist: Travens Romane waren in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts populär. Sie erhielten stets Bestnoten. Tucholsky nannte den Autor "einen großen Epiker". In der "Weltbühne" hieß es 1929 über "Das Totenschiff": "Ein Seemannsbuch, das auf eine Art mit der verlogenen Seemannsromantik aufräumt, dass buchstäblich nicht eine Phrase übrig bleibt." Die Romane erschienen in der gewerkschaftlichen "Büchergilde Gutenberg". Also wäre es durchaus möglich, dass manche aus dem proletarischen Millieu den Roman 1942 wieder aus dem Bücherschrank holten, nachdem sie ein Flugblatt der Weißen Rose erhalten hatten. Gleich auf den ersten Seiten macht der Autor voller Sarkasmus klar, wie Kapitalismus funktioniert: "In ihrem Aufbau, in ihrem Wesen, in ihren Zielen und in ihren Arbeitsmethoden wie auch in ihren Problemen unterscheidet sich eine moderne große kapitalistische Company wenig von einem Staate." Der einzige sichtbare Unterschied sei wohl nur der, "dass eine große kapitalistische Company gewöhnlich besser organisiert ist und vernünftiger und geschickter geleitet wird als der Staat." Um einen einflußreichen Platz im Wettbewerb mit den alten und mächtigen Companien zu ergattern, kannte diese kleine Oil-Company mit dem großen Appetit weder Hemmungen noch Rücksichten. "Wenn sie überhaupt einen Grundsatz hatte in Bezug auf die Art des Kampfes, so war es der: Der Krieg, der am brutalsten geführt wird, dauert am kürzesten und ist darum der humanste."

Als ich den Roman in der Zentralbibliothek wieder zurück ins Regal stellte, zog ich anschließend "Trozas" – ebenfalls ein Traven-Werk, erschienen 1936 – hervor. Auf dem Cover ist ein Zitat aus dem Buch abgedruckt: "Keine Diktatur ist so mächtig, dass seine Macht nicht umgangen werden könnte. Keine Diktatur kann befehlen, wo ein Wille, ihm zu gehorchen, nicht vorhanden ist. Peitschen, Gefängnisse und Todesstrafen haben ihre engen Grenzen." Vielleicht wollte die Widerstandsgruppe rund um die Geschwister Scholl, Graf und Predell mit "Die Weiße Rose" doch bewusst auf Traven anspielen – aber wie gesagt: dies bleibt Spekulation.

THOMAS GIESE

Die Ausstellung "B.Traven – die unbekannten Jahre" ist noch bis zum 29. April im Heinrich-Heine-Institut zu sehen. Begleitprogramm siehe Veranstaltungskalender


Wo beginnt die Revolution (der Städte)?

Seit einigen Jahren machen auch in Deutschland "Recht auf Stadt"-Bewegungen auf sich aufmerksam. In Hamburg und Berlin, aber auch in anderen Großstädten wie Köln, Frankfurt oder Düsseldorf bilden sich Initiativen, Gruppen oder Stadtteil-Vereine, die gegen Segregation, Vertreibung und für eine Teilnahme an Stadt und städtischen Infrastrukturen und Räumen kämpfen.

Die Stadt, so stellen Soziolog_innen, Aktivist_innen, Künstler_innen und andere Protagonist_innen der Bewegung fest, ist das zentrale Territorium der Veränderung, ist verdichteter und umkämpfter Raum, an dem sich Macht verhältnisse demonstrieren und eben auch in Frage stellen lassen. Die Revolution wird eine Revolution der Städte sein, so die These. Nicht wenige reisten und reisen auf der Suche nach dem Beginn der Revolution der Städte in alle erdenklichen Teile der Welt – auch nach Lateinamerika. Inspirieren lassen sich die deutschen Bewegungen bisher aber besonders von Protesten in den USA oder europäischen Ländern. Nur punktuell geraten auch anderweitige Entwicklungen in den Blick. Mit Raúl Zibechis Ende 2011 ins Deutsche übersetzem Buch "Territorien des Widerstands" liegt nun eine zusammenfassende Arbeit vor, eine äußerst spannende Quelle für das Verstehen sozialer Bewegungen und Ereignisse einerseits, aber auch für das konkrete Programm eines "Rechts auf Stadt"andererseits. Ein Buch, das in seiner Analyse der Ursprünge gesellschaftlicher Veränderung durch Protest weit über das Erzählen von Anekdoten hinausgeht und zudem die Frage aufwirft, inwieweit sich Formen und Strukturen lateinamerikanischen Protests auf Europa übertragen lassen.

Städte und besonders Innenstädte waren immer wieder Orte der herrschenden Klasse und der Mittelschichten, abgelöst oder durchsetzt gerade in Europa von "Arbeiter-Vierteln". Heute sind sie von den Unterklassen umzingelt, von großen marginalisierten Vorstädten. Global lässt sich beobachten, dass an den Rändern der Großstädte neue Welten entstanden, die scheinbar eigenen Regeln folgen. Zibechi zeigt an diesen Orten auf, dass sich bereits innerhalb dieser Rahmen "Gesellschaften in Bewegung" befinden und neue Formen der Gesellschaft entstanden und im Entstehen begriffen sind. Zibechi stellt an einem Querschnitt durch den Kontinent dar, wie und warum sich genau in den Peripherien der Städte autonome, selbstorganisierte Bewegungen – andere Gesellschaften – bilden.

Bewegung zu radikaler Veränderung, so Zibechi, kann nur von unten kommen. Und diesem "Unten", diesen "los de abajo", begegnen wir im Rahmen der Stadt. Die Slumbewohner_innen und von Unterdrückung und Ausschluss Betroffenen zeigt Zibechi auf eine für viele unbekannte Art: Er stellt die Kämpfe und die Selbstorganisierung der Marginalisierten dem geläufigen Bild der Unterdrückten und Wehrlosen gegenüber. Der beschriebene Aktionismus in lateinamerikanischen Städten sollte eine deutsche und europäische "Recht auf Stadt"-Bewegung inspirieren im Kampf um unsere Städte, denn es geht um reale historische Kämpfe und um eben deren Bedingungen und Möglichkeiten.

Zibechi fasst verschiedene revolutionäre Ereignisse in lateinamerikanischen Städten seit dem Caracazo zusammen und beschreibt den Moment, in dem der Widerstand in Quito, Lima, Cochabamba, Buenos Aires, La Paz und Oaxaca in eine Phase offener Revolten getreten ist. Gemeinsam ist allen Protesten, dass die Aktivist_innen aus den städtischen Peripherien und Slums kamen. Auch der Zusammenhang dieser Bewegungen mit den linken Regierungen mehrerer Länder wird analysiert. Ebenfalls von großer Bedeutung sind die Beschreibungen der Legitimitätskrisen der Regierungen und des Verlustes von Monopolen auf Krieg und Ausnahmezustand als politische Praxen. Überhaupt werden die Regierungen als Antagonist_innen der Bewegung differenziert dargestellt und deren stadtpolitische Programme und Ziele denen der Bewegungen von Unten gegenübergestellt.

Auch die Resignation und den Konservativismus der Linksregierungen und Nicht-Regierungsorganisationen, die diese im Umgang mit den Bewegungen zeigen, stellt das Buch dar. Besonders beeindruckend ist das Beispiel der Besetzung in Santiago de Chile 1957 zur Gründung der Siedlung La Victoria, die als Vorbild für weitere diente, so dass Ende 1972 in Santiago fast ein Drittel der Bewohner_innen in solchen Siedlungen lebten. Diese Zahlen sind vergleichbar mit anderen lateinamerikanischen Großstädten zu dieser Zeit.

Die Einordnung der Kämpfe sowie der Veränderungen und erreichbaren Ziele im Gesamtkontext des globalen Kapitalismus, fällt an einigen Stellen etwas schwach aus. Wer Antworten auf die Frage nach einem besseren Leben für alle erwartet, wird hier keine Antwort bekommen, aber vielfältige Anregungen zur Auseinandersetzung. Zibechi leistet einen konsequent antistaatlichen Beitrag für die gegenwärtige Diskussion um Veränderung und Revolution im Kontext der Städte genau aus der Perspektive derer, die in den "Hütten" leben. Damit liefert er auch für die Bewegung in Europa wichtige Hinweise für den Krieg gegen die Paläste.

ANI

Zibechi, Raúl:
"Territorien des Widerstands – Eine politische Kartografie der urbanen Peripherien Lateinamerikas"
Aus dem Spanischen von Kirsten Achtelik und Huberta von Wangenheim
Assoziation A, Paperback, 176 Seiten für 16,- Euro (ISBN 978-3-86241-402-4)