Abiturspensum

Die Neusser Woyzeck-Inszenierung

Gefüllt ist das Schauspielhaus des Rheinischen Landestheaters zu Neuss fast bis auf den letzten Platz, und zwar mit Schülerinnen und Schülern, zu deren Abiturspensum Georg Büchners Gesellschaftsdrama "Woyzeck" gehört.

Wahnsinnsclub

Gezeigt wird dem leger gekleideten Führungspersonal in spe das irre Treiben in einem exklusiven Privatclub, dessen Putzmann einer namens Franz Woyzeck ist und als dessen Animierdame Woyzecks Marie arbeitet. Geleitet wird der Club von einem eloquenten Narren, der zugleich als irrwitziger Unterhaltungskünstler fungiert. Die Gäste, die Alkohol saufen und Kokain schnupfen, sind ein schwadronierender Hauptmann, ein psychopathischer Arzt und ein triebgesteuerter Tambourmajor. Von ihnen wird Woyzeck geprügelt, gequält und gedemütigt, während Marie vom Tambourmajor bedrängt, begrapscht und wohl auch bestiegen wird. Deswegen will Woyzeck mit Marie und ihrem gemeinsamen Kind weggehen. Weil sie sich weigert, wird sie von ihm ermordet.

Rezeptionsästhetik

Rezeptionsästhetisch interessant sind die Reaktionen des Oberschülerpublikums auf das Bühnengeschehen. Fachfraulich und fachmännisch gekichert wird über das Kokainschnupfen und schadenfroh gelacht, wenn der Arbeitsmann Woyzeck drangsaliert wird. Starken Applaus bekommt am Schluss Michael Großschädl, der unterhaltsam als facettenreicher Narr agiert. Doch noch stärker ist der Beifall für Stefan Schleue, der den unterwürfigen Loser Franz Woyzeck mimt, über den sich prima lachen lässt. Auf diese Weise zeigen die Damen und Herren Oberschüler_innen, dass sie ihr Abiturspensum verinnerlicht haben: "Schuld (an Woyzecks Elend) ist nicht die Gesellschaft, denn jeder Mensch ist selbst verantwortlich für das, was er aus seinem Leben macht" (Programmheft).

Theaterpädagogik

Da die Neusser Theatercrew um Alexander Marusch (Inszenierung) und Alexandra Jacob (Dramaturgie) der Aussagekraft ihres Kunstwerkes nicht so recht zu trauen scheint, gibt es vor der Woyzeck-Aufführung eine pädagogisch wertvolle Einführung. Hier bekommt der Führungskräftenachwuchs von Frau Jacob gesagt, dass Georg Büchner Woyzecks Mord rechtfertige, indem er die gesellschaftlichen Verhältnisse für dessen Handeln verantwortlich mache. Dieser aufhetzerischen Propaganda wolle die Neusser Inszenierung entgegentreten, indem Woyzeck als Täter auf die Bühne gebracht werde. Er sei kein Opfer der Umstände, sondern ein vernunftbegabtes Wesen, das nicht müssen muss.

Elitenideologie

Gottlob wird das theaterpädagogische Unterfangen nicht gestört durch Kritik, die über den Denkfehler der forschen Dramaturgin aufklärte. Niemandem aus der Schar der angehenden Elite kommt es in den Sinn, Partei für Georg Büchner zu ergreifen und zu sagen: Dass Büchner die Ursachen für Woyzecks Mord in den gesellschaftlichen Verhältnissen verortet, erklärt die Tat, nicht aber wird sie dergestalt gerechtfertigt. Da also Gesellschaftskritisches im Neusser Schauspielhaus nicht thematisiert wird, dürfen wir annehmen, dass die künftigen Führungsfiguren ideologisch fit fürs Abitur sind: Nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse müssen verändert werden, verändern müssen sich vielmehr die gesellschaftlichen Elendsgestalten.

FRANZ ANGER

Aufgeführt wird die Woyzeck-Inszenierung wieder am 20. April um 20 Uhr im Rheinischen Landestheater Neuss.
Eintrittskarten können vorbestellt werden unter der Telefonnummer 02131-2699-33.