Ein Prosit der Solidarität

Vor acht Jahren war ich in Südamerika unterwegs und hatte das Glück, Andrés aus Medellín kennenzulernen. Dank ihm bekam ich einen Einblick in die kolumbianische Punk-Szene, in der Andrés mit seiner Band Los Suziox und darüber hinaus sehr aktiv ist.

Es gibt in all den Jahren wahrscheinlich kaum ein Szene-Konzert in Medellín, das nicht auch mit seiner Unterstützung organisiert wurde, und viele Bands haben ihre Alben in seinem DIY-Studio in seiner Wohnung aufgenommen. Drei Jahre nach unserem Kennenlernen besuchte ich ihn ein zweites Mal, und seitdem träume ich davon, dass Los Suziox auf Europatour gehen. Aber Andrés kommt aus einem Stadtteil, in den reichere Kolumbianer*innen niemals freiwillig einen Fuß setzen würden und den sie nur aus den Nachrichten kennen, da dort die mit dem Drogenhandel verbundene Gewalt grassiert. Er hatte bisher weder das Geld noch die Zeit, um in Europa auf Tour zu gehen. Aktuell ist es sein neues Projekt, welches ihn wegen finanzieller Probleme beschäftigt hält. Lärm-Beschwerden machen nämlich Renovierungsarbeiten nötig, die Andrés’ Etat überfordern. Deswegen kam mir die Idee, ein kurzes Interview mit ihm zu machen und eine Art von Unterstützung zu organisieren, die allen schmeckt: Soli-Trinken in der Butze mit kolumbianischen Anis-Schnaps.

Hallo Andrés. Kannst Du kurz dich und dein Kollektiv vorstellen?

Andrés: Ja klar. Mein Name ist Andres Ocampo, ich bin Musiker und wohne in Medellín in der Comuna 6 (Bezirk von Medellín - Anm. des Übersetzers) und bin Mitglied im Kollektiv „Ciudad Frequencia“. Wir sind eine unabhängige kulturelle Organisation, die versucht, Jugendliche aus den sozial benachteiligen Stadtteilen zu unterstützen. Besonders sensibilisiert sind wir dabei durch die Gewalt, die rund um den Drogenhandel entsteht, die Jugend-Banden und die jugendlichen Auftragsmörder. Phänomene, die besonders in unserer Stadt sehr stark sind. Wir versuchen, die Jugendlichen, die an Kunst als Lebensoption interessiert sind, zu motivieren und voranzubringen. Jugendliche, die alternative Lebensentwürfe kennenlernen möchten, um sich persönlich weiterzuentwickeln und sich zum Beispiel für Fotografie, Musik, Theater, Literatur und Film interessieren. Wir versuchen, sie darin zu unterstützen und zu stärken und schon bestehenden Gruppen von jungen Künstler*innen Räume für die Entwicklung der genannten Aktivitäten aufzuzeigen.

Was waren und sind Projekte an denen ihr arbeitet?

Unser Kollektiv arbeitet seit mehr als 10 Jahren sehr hart an dem eben genannten Ziel, und unsere beiden Steckenpferde waren bisher: ein Proberaum, welcher auch unser Treffpunkt ist und wo wir Ausstellungen, Filmabende und Diskussionen organisieren, und unser jährliches Festival namens „Festival de Rock Comuna 6“.
Unser voll ausgestatteter Proberaum bietet Bands eine Möglichkeit, zu moderaten Stundenpreisen mit hochwertigem Equipment zu proben, wie sie es sonst nur bei professionellen Konzerten zu Gesicht bekommen und zu dem sie sonst keinen Zugang hätten. Proberäume mit solch einer Ausstattung gibt es sonst nur in den reicheren Stadtteilen und zu sehr hohen Stundenpreisen. (In Kolumbien ist es üblich, dass Bands keinen eigenen Proberaum mieten (können), sondern komplett ausgestattete Proberäume pro Stunde mieten – Anm. des Übersetzers).
Unser Engagement hat dazu geführt, dass das Niveau der Bands aus unserer Zone gestiegen ist und „kleine Bands“, wenn sie die Gelegenheit haben, auf einer professionellen Bühne zu spielen, befreiter und mit größerem Selbstbewusstsein wohlhabenderen Bands gegenüber auftreten. Der Proberaum und unser Sitz hat sich zu einem Treffpunkt entwickelt, wo Musiker*innen und Künstler*innen Ideen austauschen und gemeinsame Kooperationen entstehen.
Unser zweites Steckenpferd ist das „Festival Rock Comuna 6“, der Ort, an dem die Arbeit des ganzen Jahres zusammenläuft und aufblüht. Ein Wochenende, an dem die Früchte der ganzen Arbeit der Bands auf einer professionellen Bühne im Stadtteil der Gemeinschaft präsentiert werden. Jedes Jahr haben wir internationale Gäste, mit denen wir nicht nur die Bühne teilen, sondern sie dazu einladen, unsere Arbeit und unseren Stadtteil kennenzulernen. Das Ganze ist immer untrennbar mit unserer sozialen Botschaft verbunden: Nein zu Waffen und Gewalt in unseren Vierteln!

Aktuell ist aber noch ein neues Projekt dazugekommen, in das ihr viel Arbeit gesteckt habt.

Ja genau. Unser aktuelles Projekt nennt sich „El Sub“. Ein Ort, an dem Bands zusammen mit ihren VJs, Sound- und Lichttechnikern proben können, um ihren Live-Auftritt zu verbessern. Aber auch ein Ort, der dazu dient, Theatergruppen und Jongleuren eine Probemöglichkeit zu geben, und wo im großen Format Filme gezeigt werden können. Außerdem können dort Konzerte und Partys mit bis zu 400 Menschen stattfinden. Das El Sub soll aber nicht allein eine Konzert-Location sein, sondern ein Arbeitsraum für die kulturellen Gruppen der benachteiligten Stadtteile, in denen sie die Bedingungen vorfinden, um ihre Ideen umzusetzen und ein professionelles Niveau zu erreichen.
In diesen Traum haben wir all unsere Zeit und all unser Geld investiert, und es ist und bleibt eine große Herausforderung. Besonders die Schalldämmung macht uns Probleme, denn das „El Sub“ befindet sich zwar in einer Geschäfts- und Ausgehzone, ist aber dennoch von vielen Wohnhäusern in direkter Nachbarschaft umgeben. Wir sind zu 100 % D.I.Y., und viele Leute haben uns mit ihrem Wissen und ihrer Arbeit unterstützt. Aber die Probleme mit der Nachbarschaft, die sich über den Lärm beschweren, haben uns an einen Punkt geführt, an dem wir eine Firma beauftragen mussten. Aktuell stehen wir vor dem Problem, dass wir nicht mehr weitermachen können, da uns das Geld fehlt. Obwohl 85 % der Arbeiten getan sind, hindern uns die verbleibenden 15% daran, weitermachen zu können. Konkret bedeutet das für uns, dass keine Konzerte und Veranstaltungen an den Wochenenden stattfinden können, durch die wir Umsätze machen, um Miete und Ausgaben bezahlen zu können. Die Zeit arbeitet leider momentan gegen uns.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für das El Sub und eure Arbeit.

Um das El Sub zu unterstützen, gibt es ab sofort in der Butze kolumbianischen Aguardiente, einen Anis-Schnaps, der in Medellín und Kolumbien geliebt wird. Der Erlös geht zu 100 % an das El Sub. Wenn du Andrés und sein Kollektiv darüber hinaus unterstützen kannst und willst, schreib einfach eine kurze Mail an elsubsoli[at]gmail[dot]com