Im Blick zurück nach vorne

Im Oktober wurde die „frauenberatungsstelle düsseldorf e.V.“ 35 Jahre alt. TERZ gratuliert und sagt: Danke!

1982, was war da eigentlich?

Im Kino geisterte E.T., die außerirdische Kartoffel, über die Leinwand und alle waren gerührt angesichts von so viel Freundschaft, Heimweh und Liebe. Weniger harmonisch war die Situation am anderen Ende der Welt. Auf den Falklandinseln brachten im April und Mai Menschen Menschen nach den Spielregeln des Krieges um – die argentinische Regierung hatte mit militärischen Mitteln Gebietsansprüche auf die Inselgruppe gegenüber Thatchers Großbritannien durchzusetzen versucht. In Bonn wiederum beschloss der Bundestag zur selben Zeit mit Zustimmung des Bundesrates das Asylverfahrensgesetz. Das Wortpaar „sicherer Drittstaat“ gab es damals zwar noch nicht – aber auch ohne wurde fortan „dem Ausländer“, der angibt, politisch verfolgt zu sein und Schutz zu suchen, erstmal nicht geglaubt. So lange, bis alle Beweise für ihn sprechen und nur dann, wenn er vorher noch nirgendwo anders in Sicherheit war. Keine zehn Tage später gewann eine Frau, die Gitarre spielte und sang, den Grand Prix Eurovision, den Eurovision Songcontest. Deutschland war Singstar. Das Motto: „Ein bisschen Frieden“.

Derweil entkam der Papst in Portugal einem Attentat durch einen ultrakonservativen, erzkatholischen Priester. Nahe Wandlitz wurde SED-Generalsekretär Erich Honecker doch nicht von einem Betrunkenen erschossen und am Rhein – wird Birne Bundeskanzler. Ende Mai liegt Romy Schneider eines Morgens tot in ihrer Wohnung in Paris. Ein paar Wochen vorher starb die große, immer zu Unrecht unterschätzte Schriftstellerin Imgard Keun im Alter von 78 Jahren in Köln. Ihr verdanken wir „Das kunstseidene Mädchen“ und den Anti-Nazi-Roman „Nach Mitternacht“.

Für Frauen

Keun, die immer über Frauen schrieb, die sich allem Patriarchialen Kraft ihres alltäglichen kleinen und großen Widerstands in die Quere stellten und sich nicht unterkriegen ließen, ... ja, diese Keun, sie passt dazu, was 1982 in Düsseldorf entstand. Denn was Irmgard Keun zeit ihres Lebens beschrieb, war offenkundig auch im Düsseldorf von 1982 immer noch eine wichtige Aufgabe. So gründeten Studentinnen der hiesigen Fachhochschule im Anschluss an ein Praxisprojekt einen Verein, der bis heute seinem Ziel von damals folgt: für Frauen und gegen Gewalt zu kämpfen.

Erst gab es ‚nur‘ den „Treffpunkt Frauen in Not“ mit Räumlichkeiten auf der Kopernikusstraße in Bilk. Noch im selben Jahr klopften die Initiator*innen dann aber fest, was als „Projekt“ begonnen hatte. Sie gründeten den Verein „Treffpunkt und Beratung für Frauen / Notruf für vergewaltigte Frauen e. V.“. Diesen Verein gibt es bis heute, auch wenn noch so manche Veränderung ins Haus stand. Mit dem zweiten Umzug – von der Kopernikusstraße auf den Oberbilker Markt und in die Ackerstraße – änderte sich 1989 nicht nur die Postanschrift ein weiteres Mal. Auch der Name war ab da ein anderer. Als „frauenberatungsstelle düsseldorf e. V.“ konnte die Beratungs- und Unterstützungsstruktur für Frauen und Mädchen Ende der 1980er Jahre aber bereits darauf zurückblicken, in nur wenigen Jahren (die sicher nicht immer leicht waren) eine Anlauf- und Beratungsstelle geschaffen und etabliert zu haben, die über die Stadtgrenzen hinaus bekannt war und die sich nur schwerlich wegrationalisieren oder verdrängen ließ.

Der Seitenflügel in dem ehemaligen Werkstatt-, Arbeitshallen- und Druckerei-Gebäude in der Ackerstraße 144 war dann auch über 25 Jahre Treffpunkt der Beratungsstelle. Ein Raum für Gespräche und Information, mit Platz, um zur Ruhe zu kommen. Ein fester Ort für Kriseninterventionen, für Aufschrei und Tränen, für Aufstehen und Wütendwerden. Parteilich und solidarisch begleitet durch die Unterstützung der Beraterinnen – durch Professionelle aus dem Bereich der psychosozialen Beratung, sozialen Arbeit, Psychologie, der Rechtsberatung u.v.m.

Notgedrungen schöner

Ganz ungestört war die Arbeit der „frauenberatungesstelle düsseldorf e. V.“ aber nie. Das kann sie auch gar nicht sein. Nicht bei diesem Arbeitsschwerpunkt. Wer sich damit beschäftigt, anderen Menschen unterstützend zur Seite zu stehen, die Gewalt erlebt und überlebt haben, wird kaum jemals ruhiges Fahrwasser haben. Bis 1997 zum Beispiel waren Vergewaltigungen und alle Formen der sexuellen Nötigung in der Ehe in der BRD nicht unter Strafe gestellt. Die Veränderung der Strafgesetze ‚passierte‘ aber natürlich nicht einfach so und von alleine. Auch hier mischte sich die Frauenberatungsstelle ein, intervenierte im öffentlichen Raum mit Aktionen und sprach laut und vernehmlich aus, was auch heute noch nicht oft genug gesagt werden kann: Gewalt gegen Frauen ist Gewalt gegen Frauen ist Gewalt gegen Frauen ... Nichts anderes. Vor allem: nicht weniger.

Aber auch abgesehen von dem Gegenwind, mit dem allen begegnet wird, die sich dem sexistischen und patriarchalen Normalzustand entgegenstellen, musste die Frauenberatungsstelle mitunter hart ums eigene Fortbestehen kämpfen. Zuletzt etwa holte die Gentrifizierungs-Krake von Flingern die Beratungsstelle fast von den Brettern. Denn der Hinterhof mit Beratungsbüro und Treffpunkt in der Ackerstraße musste dem Profitinteresse einer Projektentwicklungsfirma weichen, die heute allerdings immer noch nicht damit fertig ist, ihre schicken Loft-Wohnungen und „office and living solutions“ zu Ende zu bauen. Wo einst die pinke Bank vor dem Eingang der „frauenberatungsstelle düsseldorf e. V.“ stand ist auch heute noch Baustelle.

Die Bank, die steht jetzt wieder in Friedrichstadt. Hier konnte die Frauenberatungsstelle 2015 neue, große und helle Räumlichkeiten beziehen. Nach dem Umbau des Laden-Geschäftes in der Talstraße ist die Beratungsstelle nun sogar noch besser aufgestellt als zuvor. Auch wenn der Umzug und vor allem die Suche nach einer neuen Bleibe (bei der die Stadtverwaltung nicht immer hilfreich war) für alle sicher sehr anstrengend und nervenaufreibend war, ist die Frauenberatungsstelle heute – aus der Not heraus sozusagen – noch viel schöner. So schön, wie sie bei dem harten Thema nur eben sein kann, bei den vielen Geschichten und Erlebnissen von Gewalt und Ohnmacht, vom Kämpfen und Streiten für einen geraden Rücken, von der vielen Kraft und dem großen Mut, den es mitunter braucht, um zum Beispiel nach einer Vergewaltigung wieder bei sich sein zu können.

Feministisches Gewissen

Die Beratungsstelle ist aber noch deutlich mehr. Sie ist nicht nur dann gut, wenn es um ein Wiederaufrichten oder um das Finden von Lösungsstrategien nach fundamentalen Krisen oder traumatisierendem Erleben geht. Sie ist darüber hinaus auch ein Ort des Austausches jenseits von ‚Feuerwehr-Einsätzen‘ und Kriseninterventionen. Sie kann langfristig Anlaufpunkt sein für alle Frauen und Mädchen, die sich Fragen zu Sexualität und Liebe, zu Körperlichkeit und Selbstbestimmung oder eben auch zum Starkwerden nach schwierigen Zeiten stellen. Das Programm der Beratungsstelle ist vielfältig. Im November wird die Beratungsstelle zum Kino (mit dem Film „La belle saison“), zum Frauen-Dojo (mit einem Workshop zu Schutzkonzepten zur Prävention von sexualisierter Gewalt) oder zum Erzählcafé beim Austausch lesbischer Frauen von jung bis älter.

Im vergangenen Monat nun hat die „frauenberatungsstelle düsseldorf e. V.“ also ihr 35jähriges Jubiläum begangen. So, wie es zu erwarten war. Mit Torte und Kaffee. Aber eben nicht nur. Denn die Beratungsstelle machte zugleich darauf aufmerksam, dass hinter ihrer langen Geschichte auch eine Kontinuität steht, die ihre Arbeit so überaus wichtig macht: sich gegen Gewalt gegen Frauen zu positionieren, sexualisierte Gewalt sichtbar zu machen, wo sie beschwiegen wird, sich unter Frauen (und mit betroffenen Männern) solidarisch zu unterstützen. All das ist genau so aktuell wie 1982 und noch genauso notwendig wie vor 35 Jahren. Mit einer Zeit-Linie zur Geschichte der Beratungsstelle machte der Verein auf diese Kontinuitäten und die ungebrochene Kraft, sie zu verändern, aufmerksam – auf dem Straßenpflaster, wo sonst. Denn gemeinsam mit Freund*innen ‚feierte‘ sie ihren 35sten Geburtstag mit einem Aktionsnachmittag mitten in der Stadt. Vor dem Rathaus stellten Vereins-Aktive, Berater*innen und Freund*innen die verschiedensten Stationen der Vereinsgeschichte der letzten 35 Jahre dar, beschrieben die jeweiligen Situationen zu verschiedensten Zeiten. Der Aktionsnachmittag brachte die Thematik einmal mehr auf die Straße, machte sie sichtbar und sorgte dafür, dass auch Passant*innen und Spaziergänger*innen in der Düsseldorfer Altstadt der Geschichte der „frauenberatungsstelle düsseldorf e. V.“ begegneten – wo sie vielleicht eigentlich nur hatten zum Einkaufsbummel unterwegs sein wollen. So war die Beratungsstelle ihrer Arbeit treu: Intervenieren, Irritieren, Unterstützung anbieten und ein Schweigen über Gewalt gegen Frauen und Mädchen, über sexualisierte Gewalt und Gewaltbeziehungen nicht zulassen – das ist es, was die Beratungsstelle seit Jahrzehnten tut.

Als einen „Ort zur Stärkung, zum Abschalten, zum Kraft sammeln und Spaß haben“ beschreibt sich die Beratungsstelle selbst. Mit Blick auf ihre Geschichte und ihren Beginn vor 35 Jahren ist sie wohl ohne Zweifel auch immer noch Teil eines „feministischen Gewissens, nicht nur in der Stadt“. Schließlich ist es auch gerade der Rückblick auf die (frauen-)bewegte Geschichte der Beratungsstelle, die einmal mehr zeigt, dass sie ihrer Selbstorganisation und ihren Kämpfen treu bleiben kann, selbst wenn sie seit Jahren etabliert ist, finanziell gefördert wird und Kooperationen eingegangen ist, die ihre Arbeit stützen. Im Zusammenarbeiten und mit fördernden Verbindlichkeiten, die zugleich aber auch Ansprüche an sie hat entstehen lassen. So ist es gut, dass die Frauenberatungsstelle nicht nur Blümchen für die Zukunft malt. Denn es gibt, heißt es in der Einladung zur Geburtstagsaktion, schlechterdings immer „noch keine Gleichberechtigung für Frauen und keine Gewaltfreiheit“. Bis sich das geändert hat, ist und bleibt es, fordert der Verein, eine „gesellschaftliche Pflicht, Angebote wie die [der] frauenberatungsstelle düsseldorf e. V. zu sichern.“ Zum Geburtstag wünschen wir der Beratungsstelle also alles Gute – für die Gegenwart und die Zukunft. Wenn wir beim Kämpfen mitbrüllen sollen, könnt Ihr auf unsere Unterstützung bauen. Wir sind zwar auch nicht mehr die Jüngsten, bringen dafür aber auch 25 Jahre Bewegungsgeschichte auf Zeitungspapier mit. Und darum wissen wir aus Erfahrung und mit dem realistischen Blick in die Zukunft: „Männer sind zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen“ (Irmgard Keun). Menschen auch. Aber auf einige können wir setzen. In Solidarität, parteilich und vor allem: Mit langem Atem. Darum: Macht weiter – wir brauchen Euch!