Der Herbst ist da!

Und zwar einer, in dem die Auslagen der Buchläden und die Fernsehdokus vom zig-jährigen Jubiläum der Oktoberrevolution und des Deutschen Herbst erzählen. Doch für die Bücher, die die TERZ dieses Mal vorstellt, müssen die Leser*innen die Transferleistung zu den runden Geburtstagen selbst erbringen.

In Zusammenhang mit der Oktoberrevolution 1917 war kürzlich in der taz die Rede von der „unvorhersehbaren Vergangenheit“ Russlands: Es gebe immer wieder Phasen der Umdeutung und Klitterung der russischen Geschichte. Auf der einen Seite ist eine unvorhersehbare Vergangenheit ja verführerisch: Altlasten loswerden und sich ein Erbe nach Gutdünken formen! Auf der anderen Seite, und das ist die ernstzunehmende, ist der Gedanke gruselig, dass historische Fakten, Dokumente und damit Schicksale einfach so weggefegt werden können, weil es gerade nicht in die Deutung passt. Neben der aktiven Umwidmung der Geschichte ist die Vogelstrauß-Taktik eine andere Spielart des Umgangs mit Geschichte. Dass so viele Deutsche unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges so taten, als sei das alles irgendwie über sie hineingebrochen und als hätte folglich die Aufarbeitung auch nichts mit ihnen zu tun, ist bekannt. Nichtsdestotrotz ist es immer wieder befremdlich, über die Nachkriegszeit zu lesen. Beate Klarsfeld beschreibt in den „Erinnerungen“, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Serge verfasste, dass sie wie so viele Deutsche bis in die 1960er Jahre hinein über die tatsächlichen Ausmaße der Vernichtungsmaschinerie rein gar nichts wusste. Erst als sie Serge in Paris kennenlernte, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, wurde sie sich der jüdischen Schicksale, der Deportationen, der Konzentrationslager bewusst. Fortan richteten sie und Serge ihr Leben danach aus, dem Vergessen und Verschweigen entgegenzuarbeiten. Beate und Serge Klarsfeld werden oft als „Nazi-Jäger“ tituliert. Das ist deswegen richtig, weil sie Nazis, die wieder in Amt und Würden waren, entlarvten und Nazis, die untergetaucht waren und in Lateinamerika oder sonstwo unbehelligt weiterlebten, aufspürten und sich um ihre Auslieferung bemühten. Was der Begriff „Nazi-Jäger“ allerdings verbirgt, ist, dass die Klarsfelds ihre Jagd keineswegs wie in „Inglourious Basterds“, sondern in mühevoller Kleinstarbeit ausübten – in Archiven und am Schreibtisch, über Karteien und Listen gebeugt, in der Öffentlichkeit, beim Flugblatt-Verteilen und beim ständigen Reisen und Spuren-Suchen, in Gesprächen mit Überlebenden und den Nachfahren der Ermordeten. Die Klarsfelds schreckten nicht davor zurück, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, in welchem Land, in welcher Diktatur auch immer sie sich gerade befanden und wurden dementsprechend oft verhaftet. Die Ohrfeige, die Beate Klarsfeld dem damaligen Kanzler Kurt Kiesinger 1968 auf dem CDU-Parteitag verpasste, sorgte dafür, dass eine breitere Öffentlichkeit sich mit dessen Nazi-Vergangenheit beschäftigte, die die Klarsfelds zuvor minutiös recherchiert hatten. Ein nachweisliches NSDAP-Mitglied als Bundeskanzler? Kann man schon mal machen, in Deutschland.

Es waren solche Zustände – die Weigerung aus Geschichte zu lernen, aber auch, ein anderes als ein kapitalistisches System überhaupt nur mal anzudenken –, die jüngere Linke in den bewaffneten Kampf trieben. Sobald dieser an den Punkt kam, an dem sie sich anmaßten, über Weiterleben oder Auslöschung eines anderen Menschenleben entscheiden zu dürfen, war er allerdings schon gescheitert. In „Das Ding drehn“ erzählt Hans Schefczyk von dem „Danach“. In seinem Roman begleitet er ein Grüppchen militanter Linker, die Jahre nach ihrer aktiven Zeit wieder zusammenfinden, um eine letzte Aktion zu starten. Das Buch ist genremäßig wie ein Krimi gehalten und damit recht spannend. Gleichzeitig wird die Widersprüchlichkeit des bewaffneten Kampfes in die Geschichte der Protagonist*innen eingewebt, ohne mit der Moralkeule zu kommen. Die Protagonist*innen glauben weiterhin an die Berechtigung ihrer Aktionen und berufen sich auf ihre Grundsätze, dass Gewalt gegen Sachen in Ordnung, jede Gewalt gegen Menschen jedoch zu verdammen sei. Letzteres klappt oftmals eher nicht, da Sprengsätze, Waffen oder allein gefälschte Pässe für das Leben im Untergrund nicht an jeder Straßenecke zu bekommen sind und für ihre Beschaffung auch schon mal ein Deal mit Menschen eingegangen wird, die nicht unbedingt die gleichen Vorstellungen von einer gerechten Gesellschaft haben. Das sorgt für Gewissenskonflikte, Reflektionen über den Identitätsentwurf und Auseinandersetzungen in der Gruppe, die den Revolutionären Zellen nachempfunden zu sein scheint.

Zum Schluss zurück zu Russland. Gewalt im Kleinen und Großen war für Eduard Limonow noch nie so das Problem. Er findet ohnehin, dass eine wirkliche Revolution und ein Systemsturz nicht ohne Blutvergießen und Köpferollen zu haben sei. In „Limonow“ porträtiert Emmanuel Carrère den russischen Schriftsteller und, tja, irgendwie ist die Bezeichnung schon richtig, aber dennoch dissonant: „Oppositionellen“. Das Leben Limonows liest sich, als wären es eigentlich vier oder fünf gewesen. In ärmlichen Verhältnissen in der (heute ukrainischen) Peripherie aufgewachsen, machte er irgendwann die Biege in die nächstgrößere Stadt, um dann nach den Stationen Moskau und New York in Paris zu landen und es irgendwann als linksintellektueller Bohemien und Schriftsteller zu einigem Ruhm zu bringen. In den 1990ern meldete er sich als Freiwilliger zum Bosnienkrieg, wo er auf Seiten der Serben kämpfte und einige Sympathien für den Kriegsverbrecher Radovan Karadžić hegte. Irgendwann kehrte er nach Russland zurück und gründete dort die Nationalbolschewistische Partei, die ästhetisch und inhaltlich auf nationalsozialistische und kommunistische Ideen zurückgreift. Das Buch von Carrère könnte auch in der Reihe „Russland verstehen“ erschienen sein. Es fasst anhand von Limonows Stationen die Entbehrungen und Drangsalierungen während des Sowjetkommunismus‘, den wahnwitzigen Run auf Investitionsobjekte unmittelbar nach Zusammenbruch des Systems und die andauernden Enttäuschungen und Verwirrungen, die die Abgehängten bis in die Jetztzeit prägen, zusammen. Auch Limonows Eltern kamen dem Systemwechsel bis zuletzt nicht hinterher. Wie ihnen ging es vielen: Während des Kommunismus‘ besaßen sie zwar nichts, aber sie darbten für eine größere Idee und wussten, dass sie deswegen etwas Besonderes waren, so wie Russland immer etwas Besonderes war. Limonow ist bekennender Gegner Wladimir Putins. Pikanterweise stellt Carrère dem Roman ein Putin-Zitat voran: „Wer den Kommunismus wiedererrichten will, hat keinen Verstand. Wer ihm nicht nachtrauert, hat kein Herz.“ Gar nicht so schlecht.

Hans Schefczyk: Das Ding drehn.
Transit, 2017.
Beate und Serge Klarsfeld: Erinnerungen. Piper, 2015.
Emmanuel Carrère: Limonow.
Matthes & Seitz, 2012.